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Europas Kulturhauptstadt in Bulgarien

Das Hotel Trimontium ist ein neoklassizistischer Palast, der 1956 zu Ehren des April-Plenums des ZK der Kommunistischen Partei Bulgariens eingeweiht wurde. Später umgetauft in «Dedeman Trimontium Princess», heisst es heute «Hotel Ramada Plovdiv Trimontium» und beherbergt im Saal hinter der Lobby ein ausgedehntes, rund um die Uhr offenes Casino. Im Dachgeschoss ist die Bar «Sinatra» eingerichtet. Nach Norden blicken die Gäste hinab auf die Hauptpost am Zentralplatz, ein Repräsentativbau aus einer späteren Phase des Realen Sozialismus, flankiert von freigelegten, erheblich tiefer liegenden Überreste des Forums aus der Römerzeit. Dahinter erheben sich die Hügel, welche der Stadt in der Antike einen ihrer Namen gaben. Sie trennen den Zentralplatz vom Flussufer. In den Südhang des höchsten von ihnen ist das Halbrund eines mindestens tausendjährigen Theaters eingebettet. Über ihm stehen die historischen Häuser der Altstadt. Die Skyline lässt erkennen; dort ist die Zeit stehen geblieben.

Aber die bereits über 30jährige Initiative «Kulturhauptstädte Europas» der Europäischen Kommission will für mehr stehen als für Stillstand und Konservierung der Vergangenheit. Nach ihrer Ernennung vier Jahre vor der «Amtszeit» soll bei den prospektiven Kulturhauptstädten auch eine umfassende Stadterneuerung und eine Stärkung des Profils erfolgen – mithin ein Aufleuchten in der Landkarte des Kontinents. Die mit rund 350‘000 Einwohnerinnen und Einwohnern zweitgrösste Stadt Bulgariens nutzt diese Chance mit dem Slogan «Plovdiv European Capital of Culture». Im Zentrum stehen zwar kulturelle Veranstaltungen, doch Besucherinnen und Besucher erkennen, dass im Ortskern auch Geld in die Verbesserung des Stadtbilds und der Aussenraumqualität geflossen ist; Fassaden aus der Gründer- und der Zwischenkriegszeit wurden aufgefrischt, Kirchen und Moscheen kommen anmutig und proper daher. Eine ausgedehnte Flaniermeile ist den Fussgängerinnen und Fussgängern vorbehalten; sie führt von den Hügeln südwärts, hinab zum Postgebäude, und endet auf dem Deckel einer Querstrasse, die einst auf dem Niveau der antiken Stadt angelegt wurde. Etwas steile Rampen leiten hinab in den hübschen, wohl proportionierten Zar-Simeons-Garten aus der Gründerzeit. Er bezeugt die unverkennbare Liebe der Bulgarinnen und Bulgaren zu schönen Grünräumen. Später soll wohl ein Übergang auf den benachbarten Zentralplatz entstehen. Daran wird noch gebaut.

Plowdiw zeigt sich in seinem Hauptstadtjahr als Ort, in der sich zahlreiche geschichtliche Epochen überlagern und wo bis heute verschiedene Kulturen friedlich koexistieren. Die Randlage an der südöstlichen EU-Aussengrenze macht sich durch verschiedene, für Aussenstehende in ihrer Kombination oft überraschende Einflüsse bemerkbar. An die Stelle von geschlossener Einheit und Harmonie tritt hier ein durchaus freundliches und abwechslungsreiches Nebeneinander, zu dem auch gelegentliche Störungen und Stolperfallen gehören. So soll diese Kulturhauptstadt rund 150 Kilometer von der Grenze zur Türkei nicht als Ende gesehen werden,

Panoramablick über Plowdiw, eine der beiden Kulturhauptstädte Europas 2019

Panoramablick über Plowdiw, eine der beiden Kulturhauptstädte Europas 2019 (Photo by Deniz Fuchidzhiev on Unsplash)

sondern als Teil des Anfangs, der die Chancen eines offenen Europas zum Ausdruck bringt.

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