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Abschied von Fritz Wenzel (1930–2020)

Nachruf Fritz Wenzel

Nachruf Fritz Wenzel (Foto: Familie Fritz Wenzel)

Anfang Oktober erreichte Weggefährten, ehemalige Doktoranden und die ganze Fachwelt die traurige Nachricht, dass Fritz Wenzel am 2. Oktober dieses Jahres verstorben ist. Es ist beinahe unfassbar, nachdem er uns doch alle erst kürzlich mit seinem wunderbaren Buch „Von Bauten und Menschen“ beglückt hat, in dem er Bilanz seiner Entwicklung und seines Wirkens gezogen und uns damit seine Lebensweisheit wohl geordnet und zusammengefasst übergeben hat. Dabei erscheint es wie eine Fügung, dass er das noch in der ihm eigenen Qualität und Vollständigkeit geschafft hat. Es ist ein schmales Büchlein mit Texten und Bildern zu den Bauten, die er gerettet und damit der Nachwelt erhalten hat – ergänzt mit der Würdigung wichtiger Personen, denen er begegnet ist oder die seinen Weg nachhaltig beeinflusst haben.

Fritz Wenzel wurde am 8. Februar 1930 in Ruden in Niederschlesien geboren. Nach Kriegsende und Flucht wurde Niedersachsen seine neue Heimat. Hier schloss er seine Schulbildung ab und erlernte den Beruf des Zimmerers und Holzbautechnikers und wurde von seinem Lehrmeister Wilhelm Goes gefördert und geprägt. Folgerichtig begann er das Studium des Bauingenieurwesens an der TH Braunschweig. Die Zeit des Studiums über hielt er immer wieder die Verbindung zur Fa. Goes, sodass er nach erfolgreichem Studienabschluss 1957/58 die Leitung des Konstruktionsbüros übernehmen konnte. Der Kontakt blieb auch nach Eintritt in eine Assistentenstelle an der TH Braunschweig erhalten und wurde gegenseitig gepflegt. Die in diesen Jahren gesammelten praktischen Erfahrungen im Fachgebiet und der Problemlösung sowie Menschenführung waren eine wichtige Grundlage für das spätere erfolgreiche Wirken von Fritz Wenzel.

An der TH Braunschweig wurde Fritz Wenzel erster Assistent des auf den Lehrstuhl für Hochbaustatik berufenen Klaus Pieper. Dieser hatte seinerzeit ein breit gefächertes Tätigkeitsfeld, das neben öffentlichen Bauten auch die Einwirkungen und die Statik von Silobauten und nicht zuletzt den Wiederaufbau und die Sicherung historischer Bauwerke umfasste.

Nach der Promotion 1963 über die Druckverhältnisse in Silozellen übernahm Fritz Wenzel die Leitung des Ingenieurbüros von Klaus Pieper in Braunschweig, von wo aus er als Nachfolger von Georg Lewenton 1967 als Ordinarius auf den Lehrstuhl Baustatik für Architekten der Fakultät Architektur der Universität Karlsruhe (TH) berufen wurde. Er baute diesen recht schnell zum Institut für Tragkonstruktionen aus. 1968 folgte die Gründung eines eigenen Ingenieurbüros, das er von 1978 an in Partnerschaft mit Bernd Freese, Rudolf Pörtner und Jürgen Haller führte. Von 1970 an war er auch als Prüfingenieur für Baustatik tätig und stellte hier sein Wissen und Können zur Verfügung. Sein wohl bekanntestes Prüfprojekt war die Holzgitterschale für die Multihalle von Frei Otto in Mannheim.

In der Lehre sah Fritz Wenzel seine Hauptaufgabe darin, den Studenten das Entwerfen und Konstruieren von Tragkonstruktionen aus ihrer Funktion und Wirkungsweise heraus zu vermitteln. Nicht das Berechnen war für ihn das Wichtigste, das die Studenten der Architektur erlernen sollten, sondern das Erfassen des Kraftflusses, das Analysieren von Gebautem und schließlich das eigen- schöpferische Umsetzen in individuellen Entwürfen und Lösungen. Er verstand es, immer wieder mit einfachen Worten zu erklären, warum etwas so gebaut wurde, und förderte damit die Erkenntnis und die Ideen seiner Studierenden. Er hat das von Curt Siegel geforderte Umdenken in der Ausbildung von Architekten mit eigenem Schöpfertum umgesetzt und übernahm von ihm 1970 die Funktion des Sprechers der Tragwerkslehrer im deutschsprachigen Raum, die er viele Jahre mit Engagement innehatte.

Seine besondere Liebe – angeregt durch die Zusammenarbeit mit Klaus Pieper – galt der behutsamen statisch-konstruktiven Sicherung und Erhaltung historischer Bauten. In der praktischen Arbeit an Objekten gewonnene Erkenntnis, dass diese Herausforderung ein Zusammenwirken der unterschiedlichsten Fachsparten benötigt, veranlasste ihn zur Beantragung eines Sonderforschungsbereichs bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft, um eben dieses erkannte Manko zu beseitigen. Er nutzte ein Sabbatical, um seine Ideen und Planungen dafür zu Papier zu bringen und schließlich das dafür notwendige Netzwerk aufzubauen und den Antrag abzurunden. Von 1985 bis 2000 stand dieser Sonderforschungsbereich mit dem Titel „Erhalten historisch bedeutsamer Bauwerke“ unter seiner Leitung und hat durch interdisziplinäre und interfakultative Forschung wesentliche Grundlagen für eine zeitgemäße Herangehensweise an die Bewahrung wertvollen baulichen Erbes, das zugleich Höhepunkte städtebaulicher Räume und uns umgebender Landschaften darstellt, erarbeitet. Sie sind heute Allgemeingut geworden und fin- den darüber hinaus Anwendung bei dem Umgang mit dem baulichen Bestand.

Das Ziel des Sonderforschungsbereichs war es, den behutsamen Umgang mit historischen Bauwerken zu fördern und die dafür notwendigen Fachleute zusammenzubringen. Neben Architekten und Bauingenieuren sind das Restauratoren, Baustoffwissenschaftler, Mineralogen, Bauphysiker und nicht zuletzt Nutzer und Eigentümer. Es wurden zerstörungsfreie Untersuchungs- und Prüfverfahren für die historische Substanz entwickelt, die eine differenziertere Bewertung des Zustandes und notwendiger Maßnahmen ermöglichten. Für die Beurteilung alter Materialien und Konstruktionen konnten die bis dato üblichen Modelle verfeinert und den realen Verhältnissen am Altbau angepasst werden. Neue Reparatur- und Instandsetzungsverfahren wurden entwickelt oder für die allgemeine Nutzung dokumentiert, um einen schonenden Umgang mit der Bausubstanz und damit den Erhalt der originären Denkmalwerte und eine angemessene Nutzung zu ermöglichen. Der Sonderforschungsbereich fand über die Grenzen Deutschlands hinaus hohe Anerkennung und war beispielgebend für nachfolgende Forschungen und Entwicklungen. Teilnehmer und Mitarbeiter haben an unterschiedlichsten Stellen auch nach Abschluss die Philosophie und die Erkenntnisse weiter in der Wissenschaft genutzt und in die Praxis getragen.

Die Ergebnisdarstellung in den Jahrbüchern des Sonderforschungsbereichs diente der fortlaufenden Information der Fachwelt und die abschließenden Empfehlungen sind nach wie vor ein Fundus und eine unverzichtbare Hilfe für die Praxis. Aber auch die Weitergabe der Erkenntnisse und Ergebnisse lag Fritz Wenzel am Herzen. So begründete er 1990 – durch die bereits im SFB 315 bestehende Zusammenarbeit mit der Fakultät Architektur der TU Dresden angeregt – das Weiterbildungs- und Beratungszentrum für Denkmalpflege und behutsame Altbauinstandsetzung „Villa Salzburg“ in Dresden, das bis 2002 unter seiner Ägide tätig war, um eine langjährige Tradition denkmalpflegerischer Weiterbildung an der Technischen Universität Dresden fortzuführen und breiter auszubauen. 1997 folgte die Implementierung des Aufbaustudiengangs „Altbauinstandsetzung“ an der Universität Karlsruhe (TH). Fritz Wenzel hat damit gezeigt, wie eine Weiterbildung auf diesem Gebiet aufzubauen und zu gestalten ist, und zwar immer in enger Verbindung der unterschiedlichen Wissenschaftszweige mit der Praxis und den individuellen Objekten.

In den Jahren von 1968 bis 2009 hat Fritz Wenzel 29 Dissertationen betreut, die sich i. W. mit Themen zu historischen Bauwerken befassten. Die Anzahl der Arbeiten ist bestechend. Er war ein strenger Doktorvater, der immer wieder die wissenschaftliche Klarheit und Logik der Ergebnisdarstellung einforderte. Inzwischen sind 15 seiner ehemaligen Doktoranden auf Professorenstellen berufen worden und leben und lehren seine Ansätze und Ziele weiter.

Bild 2: Frauenkirche Dresden, Weihe 30.10.2005

Bild 2: Frauenkirche Dresden, Weihe 30.10.2005

In seiner praktischen Tätigkeit mit seinem Büro wurde einer Vielzahl von historischen Bauten im In- und Ausland sichernd und heilend behutsam geholfen. Die wesentlichen Bauten sind in dem eingangs erwähnten Buch von ihm selbst als Quintessenz dargestellt worden.
Dazu zählen die Sicherung der Vierungskuppel in der Abteikirche Nehresheim, die sich bewegende Stiftskirche Herrenberg, die Schlösser Laupheim und Rastatt, die Schlösser Altdöbern und Blankensee, St. Georgen in Wismar, die Auguste-Victoria-Kirche auf dem Ölberg in Jerusalem, die Sicherung des Ammontempels in der Oase Siwa der Libyschen Wüste, Forschungen an der Hagia Sophia in Istanbul und nicht zuletzt der Wiederaufbau der Frauenkirche in Dresden (Bild 2). Jedes der einzelnen – hier nicht vollzählig aufgeführten – Bauwerke zeigt die Vielseitigkeit und Behutsamkeit, mit der an so wertvolles bauliches Kulturgut herangegangen werden muss, und wie jeweils individuelle und spezifische Entscheidungen zu Lösungen und Maßnahmen erforderlich sind. Das im Sandstein-Verlag Dresden erschienene Buch sollte zur Pflichtlektüre für alle werden, die mit historischen Bauwerken zu tun haben, auch wenn das betreffende Objekt nicht unbedingt die Tragweite der von Fritz Wenzel dargestellten Bauten und Lösungen hat.

Kennengelernt haben wir uns am 5. April 1989 in Florenz auf einer internationalen Tagung zur Pflege und Erhaltung historischer Bauten, zu der ich von meiner westlichen Verwandtschaft während einer privaten Besuchsreise geschickt worden war. Ich trug zur Geschichte und zum Schicksal der Dresdner Frauenkirche sowie den Möglichkeiten des Wiederaufbaus in Stein vor und Fritz Wenzel saß als Teilnehmer im Auditorium. Von da an blieben wir in Verbindung und tauschten uns zum Thema aus. Konkret zusammengebracht hat uns aber schließlich Curt Siegel, der die später gebildete Ost-West-ARGE „Ingenieurgemeinschaft Frauenkirche Dresden“ anregte. Sie übernahm nach einer Vorstellung bei der damaligen Stiftung die Prüfung der Machbarkeit des Anliegens und die statisch-konstruktive Planung des Wiederaufbaus. Uns beiden wurde auch die hohe Ehre zuteil, den Antrag auf Baugenehmigung von statischkonstruktiver Seite aus zu unterzeichnen; als Architekt wurde dabei George Bähr genannt. Wir vereinbarten für die konkreten Aufgaben eine hälftige Arbeitsteilung und fortan entwickelte sich eine fruchtbare Zusammenarbeit beider Büros. Fritz Wenzel brachte eine Vielzahl von Ergebnissen des Sonderforschungsbereichs und seinen breiten Erfahrungsschatz im Umgang mit historischen Bauten ein. Nennen möchte ich dabei auch die Arbeiten von Eberhard Berndt zur Tragfähigkeit von Sandsteinmauerwerk, die bereits eine Zeit vor der Wende als ein Teilthema des SFB 315 weitsichtig begonnen worden waren. Sie stellten schließlich die Grundlage für die von der Ingenieurgemeinschaft entwickelte Mauerwerksrichtlinie zum Wiederaufbau dar, da dieser nach der damals gültigen DIN 1053 nicht möglich gewesen wäre. Bereits bei der anfänglichen Untersuchung zur Machbarkeit eines archäologischen Wiederaufbaus in Stein war klar geworden, dass dieser nur mit einem verbesserten Mauerwerk und mit einer Korrektur des Lastflusses möglich war. Das Anliegen der Ingenieurgemeinschaft dabei war, sich so nahe wie möglich am Original zu orientieren und Erkenntnisse unserer Zeit behutsam und unauffällig hinzuzufügen. So entstand dann im Karlsruher Büro die Idee des zusätzlichen Ringankers in Höhe des Hauptgesimses.

In den 15 Jahren der Zusammenarbeit an der Frauenkirche habe ich die Arbeitsweise von Fritz Wenzel kennenlernen dürfen. Er besaß bestechende Fähigkeiten. Wenn irgendwo ein Problem anlag, konnte er erst einmal unvoreingenommen zuhören, er stellte Fragen – um für sich das Bild abrunden zu können, entwickelte dabei einen Vorschlag zur Lösung, unterbreitete diesen am Ende, fasste zusammen und gab die „Richtung“ für die weitere Arbeit vor. Bewundernswert waren dabei immer seine Notizen in präziser Handschrift und Strukturierung, was für ihn das Erfassen und das Fällen der Entscheidung förderte und eine aktenreife Dokumentation darstellte.

Fritz Wenzel hat als Ingenieur Großes geleistet. Kommend von der strengen Wissenschaft des Silobaus, hat er die Erhaltung und behutsame Bewahrung des baulichen Erbes von der Ingenieurseite her salonfähig gemacht und Maßstäbe für jetzt und die Zukunft gesetzt. Der Ingenieur muss dabei mehr als „nur“ berechnen und normenkonforme Lösungen anstreben können. Er muss auch die Einbettung des Bauwerks in seine Umgebung und seine Zeit sehen und akzeptieren. Fritz Wenzel plädierte immer wieder dafür, nur das Notwendigste, das man erkennt, zu tun und nicht das umfassend Machbare. Er steht dabei in der Traditionslinie von Georg Rüth (Dresden), Klaus Pieper (Braunschweig) und Wolfgang Preiß (Dresden). Er hat mit seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten deren Erbe fortgeführt und weiterentwickelt, und damit neue Standards im Umgang mit der baulichen Umwelt geschaffen, die lange Bestand haben werden.

Die Technische Universität Carolo-Wilhemina zu Braunschweig verlieh Fritz Wenzel in Anerkennung seiner Verdienste und Leistungen im Jahr 2000 die Würde eines Doktor-Ingenieurs ehrenhalber. Die Laudation hielt Prof. Berthold Burkhardt und ist in der von Rainer Barthel herausgegebenen Festschrift zum 80. Geburtstag von Fritz Wenzel abgedruckt. Besser und umfassender kann man Fritz Wenzel, seine Entwicklung und sein Werk kaum beschreiben.

Persönlich und als Mensch habe ich ihn geschätzt – wie alle, die mit Fritz Wenzel zusammengearbeitet haben. Er zeigte immer Verständnis für individuelle Situationen. Gleichzeitig regte er dabei aber an und motivierte, um vorwärts zu kommen und Hindernisse zu überwinden. Dankbar blicken wir alle auf die Zeiten der Zusammenarbeit und der Begegnungen mit ihm zurück. Wir werden sein Andenken in Ehren halten und seine Philosophie weiter fortführen und am Leben halten. So können wir Fritz Wenzel am besten danken.

Prof. Dr.-Ing. Wolfram Jäger, Radebeul

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Datum 11. November 2020
Autor Prof. Dr.-Ing. Wolfram Jäger
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