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Kolumne Falk Jaeger

Architekturbiennale Venedig – Kurzweil für Ingenieure

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Pang Architects, Vertical FabricTower (Foto: Gabriele Jaeger)

Wer sagt denn, dass die Architekturbiennale in Venedig nur für Architekten und Stadtplaner interessant sei? Mehr und mehr Nicht-Architekten strömen in die Hallen des Arsenale und in die Giardini. Auch natürlich Bauingenieure, und sie haben ihren Spaß, denn die gezeigten ambitionierten architektonischen Pirouetten sind oft auch mit enormen Herausforderungen für die Tragwerksplaner verbunden – so man sie denn danach fragt. Denn das tun manche Biennale-Architekten nicht, und so stößt der Ingenieur auf so manche architektonische Kopfgeburt, die er aus seiner Sicht spontan als Hirngespinst abzutun geneigt ist.

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Philip F. Yuan, Cloud Village (Foto: Gabriele Jaeger)

Da präsentiert Hongkong einen Hochhaus-Wettbewerb, bei dem es darum ging, dem Einerlei der in China üblichen und zu Zigtausenden reproduzierten Wohnhochhäuser mit baurechtlich begrenzten 100 Metern Höhe formale Neuerungen entgegenzusetzen. Von den hundert Entwürfen sind indes viele nur als Ulk zu verstehen und fern jeder Nutz- oder gar Baubarkeit. Ein filigraner Stützen-Plattenstapel zum Beispiel, 36 Geschosse hoch, wunderschön licht und transparent anzusehen, aber bar jeglicher Aussteifung. Denn die hätte die Optik erheblich gestört. Schon das Modell wackelt wie ein Lämmerschwanz. Es steht im offenen Hof und man fragt sich, was die Aussteller mit den Modellen tun, wenn etwas Wind und Wetter aufkommen.

Multihalle

Multihalle (Foto: Cristobal Palma, FAR)

Wenn die Aussteller vom KIT Karlsruhe ihr Handwerk beherrschen und bei ihnen nichts wackelt, wird das niemanden überraschen. Dass sie in Venedig die Mannheimer Multihalle von 1974 präsentieren, schon eher. In einer alten Werfthalle auf der Giudecca thematisieren sie das Meisterwerk von Frei Otto und Carlfried Mutschler als Sleeping Beauty. Wie bekannt, liegt der epochale Bau im Dornröschenschlaf und rottet vor sich hin, und so wird in der wunderbar gemachten Ausstellung vor internationalem Publikum für dessen Sanierung und Neubelebung geworben. Unbedingt sehenswert. Siehe auch http://sleeping-beauty-multihalle.de/

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Alisa Andrašek und Bruno Juričićie, Cloud Pergola (Foto: Gabriele Jaeger)

Dass einstürzende Neubauten Menschen gefährden, ist nichts Neues. Dass man dergleichen auf der Biennale live erlebt, allerdings schon. „Cloud Village“ nennt sich eine Installation von Philip F. Yuan im Garten beim chinesischen Pavillon am hintersten Ende des Arsenale-Geländes. Ein Roboter hat das Konstrukt aus transparenten Kunststoffwürsten zusammenhäkelt, 35 Meter lang und am höchsten Punkt knapp fünf Meter hoch, eine Folge von fünf offenen Räumen, verbunden mit einer geschwungenen Dachstruktur. Wer das genauer studieren will, befrage den Browser: www.archdaily.com/894986/chinese-pavilion-opens-with-robot-printed-cloud-village-at-2018-venice-biennale

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VTN Architects, Bamboo Stalactite (Foto: Gabriele Jaeger)

Als meine Begleiterin das Konstrukt mit dem Zeigefinger prüfte, fing es an zu ächzen und zu knarzen, die Wand knickte ein und das Kragdach senkte sich zu Boden. Zum Glück recht langsam, sodass niemand zu Schaden kam. Die Knoten zwischen den Maschen waren wohl unter der prallen Sonne weich geworden. Bei genauem Hinsehen entdeckte man zahlreiche Kabelbinder, mit denen schon Knoten repariert worden waren. Und die Stahlstrippen, mit denen das Kragdach hilfsweise heimlich abgespannt war. Vielleicht kann mir ein künftiger Besucher berichten, wie das Problem inzwischen gelöst worden ist. Der junge Mann, der das Dach am völligen Zusammenbruch hinderte (im Bild rechts) kann ja nicht die Dauerlösung sein.

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Terunobu Fujimori, Kapelle (Foto: Gabriele Jaeger)

Bei den Kroaten dräut eine ähnliche PE-Wolke wettergeschützt in Saale. „A collaborative site-specific environment, an installation crossing the boundaries of architecture, art, engineering, robotic fabrication and computational models.“, heißt es erschöpfend. Jedenfalls ist das Konstrukt von Alisa Andrašek und Bruno Juričićie stabil, wie ein weiterer vorsichtiger Test bewies (s. Bild).

„Bamboo Stalactite“ von VTN Architects aus Vietnam, eine Dachkonstruktion aus Bambus hingegen wirkt angesichts ihres hyperredundanten Tragwerks auch auf den Laien beruhigend stabil. Der Fachmann freilich fragt sich, ob die Installation, die „ein technisches Modularsystem mit menschlicher Handwerkskunst verbindet“ nicht doch ein wenig zu viel (wenn auch schnell nachwachsendes) Bambusmaterial und reichlich Handarbeit erfordert, um als zukunftsträchtige Lösung vorgezeigt zu werden.

Carla Juaçaba, Kapelle

Carla Juaçaba, Kapelle (Foto: Gabriele Jaeger)

Dass Konstruktion auch unmittelbar, sozusagen ohne den Umweg über Architektur zum spirituellen Symbol werden kann, zeigt der Vatikan in seiner Ausstellung von elf experimentellen Kapellen im Garten von San Giorgio. Terunobu Fujimori vergoldet einfach die Kreuzung von Firstsäule und Kehlbalken, und schon erstrahlt ein Kreuz.
Carla Juaçaba reduziert den Bautypus auf das Kreuz und einige Sitzbalken. Bei Norman Foster sind es eine Stahlrohrstütze und ein Querträger, die wie zufällig ein Kreuz bilden. Viel mehr Spiritualität ist bei ihm allerdings nicht zu erleben, dafür viel detaillierte, anschauliche Konstruktion – fast wie zu den Technizismuszeiten seiner Anfänge.

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Norman Foster, Kapelle (Foto: Gabriele Jaeger)

Architekturbiennale, unterhaltsam auch für Ingenieure – nichts wie hin!

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Datum 1. Juni 2018
Autor fv
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