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Rezension

Atlas Recycling – Gebäude als Materialressource

Atlas Recycling – Gebäude als Materialressource Annette Hillebrandt, Petra Riegler-Floors, Anja Rosen, Johanna-Katharina Seggewies  Zweite Auflage 2021 224 Seiten, Softcover, EUR 99,90  Edition DETAIL, München

Atlas Recycling – Gebäude als Materialressource Annette Hillebrandt, Petra Riegler-Floors, Anja Rosen, Johanna-Katharina Seggewies Zweite Auflage 2021 224 Seiten, Softcover, EUR 99,90 Edition DETAIL, München (Edition Detail)

Wir sind reicher an Rohstoffen als allgemein bekannt – nur sind dies eben Sekundärrohstoffe. Noch nie zuvor gab es in den Gebäuden und Städten der Industrieländer mehr Metalle, Kunststoffe, ölbasierte Verbundstoffe oder Mineralien. Wir müssen diese nur als riesiges Rohstofflager begreifen und in den Kreislauf zurückführen. Der Atlas Recycling will aufzeigen, wie das immense Rohstoffvorkommen im Gebäudebestand aktiv gehalten werden kann. Die Wiedergewinnung von Baumaterialien und Wertstoffen aus der gebauten Stadt heraus erfordert die Trennung von Materialströmen. So gilt es die Rückbaubarkeit und Wiederverwertung durch Konstruktion und Materialwahl bereits beim Entwurf mitzudenken. „Urban Mining“ will eine effiziente Rohstoffnutzung über den Produktzyklus hinaus erreichen. Zirkuläre Wirtschaftsprozesse, gezielte Auswahl der Materialien oder die Lösbarkeit von Verbindungen: Die Instrumente für diesen Paradigmenwechsel im Bauen gibt es bereits, und das Detailwissen dazu will der Atlas Recycling liefern.

Das Autorenteam zeigt Strategien und Potenziale des ökoeffizienten Bauens, z.B. mit Ressourcen vor Ort auf, analysiert digitale Methoden zur Optimierung von Stoffkreisläufen oder diskutiert Recycling in Bewertungssystemen. In Teil B wird auf Materialien (auch Stahl) und Konstruktionen eingegangen. Besonders interessant sind hier mehrere Kostenvergleiche konventioneller und recyclinggerechter Konstruktionen. So wird zum Beispiel für ein zweigeschossiges Bürogebäude eine Bauweise mit Stahlbeton und Kalksandsteinmauerwerk betrachtet und mit einem Stahlskelettbau mit Trapezblechdecken und Fassaden aus Edelstahlsteckpaneelen verglichen. Die Baukosten liegen beim Stahlskelettbau fast 50% höher, die Instandsetzungskosten betragen jedoch lediglich ein Drittel. Und werden Rückbau- und Entsorgungskosten (Barwert) für Instandsetzungen und Rückbau nach 50 Jahren ebenfalls berücksichtigt, dann betragen die Gesamtkosten für den Stahlskelettbau nur noch 68% im Vergleich zum Beton-Kalksandstein-Bau. Eine interessante Rechnung.

In einem Detailkatalog des Teils C werden eine Vielzahl von Positivbeispielen im Urban-Mining-Design gezeigt. Die Konstruktionen sind rückbaubar und die Materialien ermöglichen geschlossene Stoffkreisläufe. Das Kreislaufpotential wird teilweise auch quantitativ ermittelt. Detailliert betrachtet werden drei verschiedene Stahlskelettkonstruktionen sowie diverse Holzbauweisen und abschließend zwei Nassräume jeweils wieder in einem Stahlskelettbau. Dargestellt werden jeweils mögliche Bauteilanschlüsse im Zusammenhang einer Gesamtkonstruktion, ergänzt um Erläuterungen zu den Berechnungsmethoden des Kreislaufpotentials sowie Ausschreibungsaspekten.

Abgerundet wird der Atlas Recycling mit der Darstellung von 21 gebauten Beispielen in Teil D. Hier sind insbesondere unter „Technischer Kreislauf: Urban Mining“ wieder zahlreiche Stahlbauprojekte zu finden. So zum Beispiel tragende und nicht tragende Fassaden aus wetterfestem Stahl oder Innenbekleidungen aus Schwarzblech. Auch Stahltragwerke mit gesteckter Stahlfassade (Kraftwerk Lausward, Block F in Düsseldorf), mit Edelstahlfassade oder leichter Kunststoffhülle werden gezeigt sowie auch ein Stahl-Holzskelett mit Reetdeckung. Natürlich gibt es auch diverse Holzbauvarianten, Bauen mit Stroh oder Lehm sowie verschiedene Recyclingmaterialien. Die Details realisierter Beispiele liefern Inspirationen für eine gute Umsetzung in die Praxis.

Der Atlas Recycling ist auch ein Plädoyer dafür, unsere Städte aus sich selbst heraus zu erneuern. Es geht um das Material, aus dem die Stadt gebaut ist und das nicht endlos aus aller Welt allgegenwärtig bezogen werden kann. Es wendet sich an Ingenieure und Architekten, die dauerhaft umweltverträgliche Gebäude realisieren wollen. Der Recyclingbaustoff Stahl kann dabei – das ist nicht neue – eine bedeutende Rolle spielen.

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