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Reise

Aus der Raum-/Zeitkapsel

In Momenten der Isolation bleibt die Erinnerung. Sie erlaubt nicht nur einen Abgleich mit der Gegenwart, sie stabilisiert auch das Gemüt. Manchmal dringt man unter normalen Verhältnissen überraschend in Raum-/Zeitkapseln, in denen man sich plötzlich in einer anderen Ära, einer anderen Welt glaubt. Das kann sehr anrührend sein. Ich habe es erlebt.

Der Blick von der Fähre aus auf Colonia del Sacramento, Uruguay

Der Blick von der Fähre aus auf Colonia del Sacramento, Uruguay (Manuel Pestalozzi)

In den Achtzigerjahren arbeitete und wohnte ich in Buenos Aires, der Hauptstadt Argentiniens. Die Millionenmetropole haftet wie eine riesige Blase am schlammigen Südufer des Rio de la Plata, einem riesigen Mündungstrichter in den Atlantik. Sein Wasser hat die Farbe von hellem Milchkaffee. Die Ausdehnung des Häusermeers in die flache Pampa nimmt fast kein Ende. So ist der Rio die schnellste Art, dem unablässig lärmenden Betrieb zu entkommen. Wenige Wochen nach meiner Ankunft in der Stadt bestieg ich eines Sonntags die Fähre nach Colonia del Sacramento.

Blick auf die Altstadt an der Spitze eines niedrigen Hügelrückens

Blick auf die Altstadt an der Spitze eines niedrigen Hügelrückens (Manuel Pestalozzi)

Colonia wurde im 17. Jahrhundert am Nordufer des Rio de la Plata von den Portugiesen gegründet, als Konkurrenzsiedlung zum spanischen Buenos Aires. Sie wechselte mehrmals die Hände zwischen den Kolonialmächten und gehörte schliesslich zum Pufferstaat zwischen Argentinien und Brasilien, der República Oriental del Uruguay. Dessen Bewohnerinnen und Bewohner sind in Argentinien bekannt als Orientales.
Meine Fahrt in den Orient dauerte drei bis vier Stunden. Während die Wolkenkratzer an der Uferfront von Buenos Aires langsam kleiner wurden und begannen, im Rio zu versinken, tauchte vor dem Bug das 50 Kilometer entfernte Nordufer als dünner Streifen auf. Erst in den letzten Minuten vor dem Anlegen nahm das Reiseziel Konturen an. Wolkenkratzer gibt es in Colonia keine.

Eine alte Stadt in der «Neuen Welt» – diese Aussicht weckte in mir freudige Erwartung. Historische Bausubstanz, die älter ist als 150 Jahre, gibt es in Buenos Aires praktisch nicht. Ich hatte keine Ahnung, was mich am anderen Ufer erwarten würde. Wie es sich erwies, hätte es als Kontrastprogramm zum Ausgangsort krasser nicht sein können. Die Anlegestelle reichte für die Fähre knapp aus. Mehr Verkehr wurde hier nicht erwartet. Links von ihr stand ein kleines, überwuchertes Bahnhofgebäude mit einem verlotterten Güterwagen, offenbar war es nicht in Betrieb.
Nach rechts lief eine Palmenallee schnurgerade ins Grasland hinaus: die Überlandstrasse nach Montevideo, Uruguays Hauptstadt. Es herrschte Stille, kein Mensch war zu sehen. Ich traf auf einen vergessenen Ort, der zu schlafen schien.

Eine Zeitreise in der Zeitreise - schon damals Museumsreif waren diese Gefährte

Eine Zeitreise in der Zeitreise - schon damals Museumsreif waren diese Gefährte (Manuel Pestalozzi)

Museums- oder Ausstellungsstücke. Vielmehr Gebrauchsgegenstände, die gerade eine Siesta machen durften. Als sei der Anblick das Normalste der Welt! Wie ging es weiter? Nach einer Weile stellte ich fest, dass die Stadt eine Hauptverkehrsachse hatte. Sie führte von der Aussichtsplattform auf den Hügelrücken, in den neueren Stadtteil. Das erweiterte Colonia des späten 19. und 20. Jahrhunderts war eine «gesittete» Kleinstadt, wie ich sie im so genannten Cono Sur, wie die Südhälfte des Subkontinents genannt wurde, noch wiederholt antreffen sollte: in einem orthogonalen Raster angelegte, ordentlich gepflästerte Strassen, beidseitige Gehsteige mit soliden Kerbsteinen, Alleebäume und verputzte, meist eingeschossige Fassaden hinter ihnen. Entlang der Hauptachse gab es einige höhere Häuser, die Kirche stand an ihr und das Rathaus, Läden, sogar ein Hotel. Eine oder zwei Gevierte wurden für einen baumbestandenen Platz ausgespart. Hier befand sich klar
die Flaniermeile. Wenn es nicht Sonntag gewesen wäre, hätte ich vielleicht Menschen angetroffen! Von der Hauptachse senkten sich die Nebenstrassen links und rechts zum Rio und
zur Bucht ab. Auch an ihnen waren Autos geparkt, die nach meinem Empfi den nicht in die Gegenwart gehörten. Als ob man das Set für einen historischen Film konstruiert hätte, in der Manier des «Great Gatsby», vielleicht?

Beglückt stieg ich am Abend auf die Fähre zurück in die Realität der Grossstadt, mit dem Gefühl, etwas besonderes erlebt zu haben, mit dem Gefühl, dass Colonia für einen Moment ganz mir gehört hatte. Noch mehrere Male besuchte ich die Stadt, auch an meinem letzten Tag in Südamerika kehrte ich noch einmal dorthin zurück. Die Erinnerung prägte sich tief in mein Gedächtnis ein, die Ruhe, die ich in Colonia empfunden habe, strahlt bis in die Gegenwart.

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