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Interview

Bauen digital: “Was möglich ist, ist unvermeidbar.”

Digitale Technologie macht schnelle Fortschritte in den Bereichen Mobilität und Wirtschaft. Änderungen stehen bevor, die jeden einzelnen betreffen werden. Greg Bentley, CEO von Bentley Systems, und Javier Baldor, BST Global Executive Vice President, erörtern diese Fragen und versuchen, einen Weg nach vorne zu skizzieren.

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Wie wirkt sich digitale Technologie auf Mobilität und Wirtschaft aus?

Greg Bentley: Die Leute reden über die „digitale Wende“, als ob es sich um ein einmaliges Ereignis handelt. Es handelt sich aber um einen kontinuierlichen Prozess, der bereits seit einiger Zeit im Gange ist und voraussichtlich noch längere Zeit dauern wird. Eine grundlegende Veränderung ist die Tatsache, dass Informationen, die als „Dark Data“ verwendet wurden (d. h. nur vom Softwareprogramm verwendet werden konnten, mit dem sie erstellt wurden) nun verfügbar werden und in digitalen Workflows für die Automatisierung von Prozessen und Analysen sowohl im technischen als auch kaufmännischen Bereich genutzt werden können. Eine weitere wichtige Entwicklung ist die Allgegenwärtigkeit von Clouddiensten, die eine unbegrenzte Rechenleistung und beispiellose globale Zugänglichkeit ermöglichen. Diese Faktoren schaffen die Voraussetzung, die Projektabwicklung zu industrialisieren und Projektvorhersehbarkeit, Qualität und Wiederholbarkeit zu verbessern.

Javier Baldor: Digitale Technologie macht Menschen mobiler. Grundsätzlich ging es in unserer Branche immer darum, sich unseren Kunden anzunähern, und wir können nun weit effizienter und effektiver außerhalb der Büros agieren – dank dieser neuen digitalen Technologien. Die Unternehmen müssen diese digitalen Technologien bereitstellen, um ihre zunehmend mobilen Einsatzkräfte zu unterstützen. So läuft das heute.

Welches sind die zentralen Herausforderungen für Beratungs- und Planungsfirmen angesichts der zunehmenden Digitalisierung?

Greg Bentley: „Digitale Workflows ermöglichen es Ingenieuren, Dinge schneller zu erledigen, und die Eigentümer können sich somit auf die Wertschöpfung konzentrieren.”

Greg Bentley: „Digitale Workflows ermöglichen es Ingenieuren, Dinge schneller zu erledigen, und die Eigentümer können sich somit auf die Wertschöpfung konzentrieren.” (Bentley)

Greg Bentley: Die traditionellen Geschäftsmodelle von Beratungsfirmen (z. B. Abrechnung pro Stunde) sind mit Herausforderungen wie digitalen Workflows konfrontiert, mit denen Ingenieure schneller arbeiten können, und die Eigentümer konzentrieren sich zunehmend auf den Wert von Ergebnissen in der Perspektive des gesamten Projektlebenszyklus. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen Beratungs- und Planungsunternehmen eine neue Art der umfassenden Zusammenarbeit einführen, so wie sie in Großbritannien mit dem Project 13 des Institution of Civil Engineers vorgeschlagen wurde: Hierbei handelt es sich um eine offene Projektinformationsstruktur, die eine bestimmte Industrialisierung der Projektabwicklung fördert.

Javier Baldor: Tatsache ist, dass unsere Branche etablierte Standards hat und neue Geschäftsmodelle nur schwer akzeptiert. Wenn Sie seit langer Zeit etablierte, gut strukturierte Branchen betrachten, dann wird klar, dass sie reif für disruptive Methoden sind. Wir haben das unzählige Male in verschiedenen Branchen beobachtet. Es geht darum, mit diesen bisherigen Methoden zu brechen und neue digitale Geschäftsmodelle zu übernehmen. Dieser Sektor ist absolut reif für eine unkonventionelle Lösung, die sich nicht auf althergebrachte Methoden stützt – und das ist wirklich eine große Herausforderung.

Warum sollten professionelle Dienstleistungsunternehmen die digitale Agenda einführen?

Javier Baldor: Ganz einfach – wenn Sie die digitale Agenda nicht einführen, werden Sie auf dem Markt keine relevante Rolle mehr spielen. Wenn Sie nicht auf sehr gezielte Art und Weise auf Digitaltechnologie umsteigen, dann werden Sie im Laufe der Zeit strategische Kunden verlieren.

Greg Bentley: Der Wandel kann dabei helfen, jedes Projekt zu Ihrem besten Projekt zu machen. Das erreichen Sie durch Standardisierung anhand digitaler Workflows, die angewendet werden, um zentrale Aspekte jedes Projekts zu automatisieren, kontinuierliche und ganzheitliche Planungsprüfungen zu liefern und den Projektbeteiligten Einblick in den Projektstatus zu geben. Mit diesen digitalen Funktionen bieten sich neue Geschäftsmöglichkeiten, wie eine zusätzliche gewinnbringende Nutzung der Projektergebnisse, indem z. B. der Dienstleistungsvertrag in die Betriebsphase der fertigen Anlage verlängert wird.

Was betrachten Sie beim digitalen als wichtigstes Hindernis für ein Unternehmen?

Greg Bentley: Nach meinen Erfahrungen möchten CEOs neue Geschäftsmodelle einführen, während zahlreiche Manager auf mittlerer Führungsebene nicht gerne Risiken eingehen, das führt zu einer unverständlichen Schwerfälligkeit, die allen Änderungen widersteht. Und in kollegial geleiteten Unternehmen besteht oft die Tendenz zu Blockaden, wenn neue Möglichkeiten in Betracht gezogen werden, um Geschäfte zu machen. Bentley Institute unterstützt durch die Einrichtung von Digital Advancement Academies Planungsunternehmen und ihren Supply Chains bei der Anwendung neuer digitaler Workflows, indem die Projektteams in diesen neuen digitalen Best Practices geschult werden.

Javier Baldor: Risiko-Aversion und Änderungsmanagement sind die wesentlichen Hindernisse. Wenn Sie als rentables Unternehmen mit bewährten Methoden plötzlich neue Verfahren anwenden, sind da in der Tat diese „Antikörper“, die neue Arbeitsweisen bekämpfen, um vertraute Methoden zu erhalten. Wir haben es mit einer sehr konservativen Branche zu tun, und das ist eine erhebliche Herausforderung.

Wie sollten Geschäftsführer auf die Herausforderung der zunehmenden Digitalisierung reagieren?

Greg Bentley: Zukunftsorientierte Unternehmen nutzen die Chance, neue digitale Workflows zu vermarkten. Sie erkennen, dass die Eigentümer einerseits auf der Suche nach dieser Art von digitalen Fortschritten sind, und andererseits eine neue Generation von Talenten – sog. Digital Natives – für Unternehmen arbeiten möchten, die diese neuen Technologien nutzen.

Javier Baldor: Es gibt keine einheitliche Antwort, aber nehmen wir ein Beispiel. Ich besuchte vor Kurzem eine Veranstaltung zum Thema Digitalisierung, die von einer großen Beratungsfirma in Europa organisiert wurde. Sie versammelte 250 erfahrene Führungskräfte aus aller Welt, um ihre Vision des digitalen Wandels für alle Aspekte ihres Geschäftsmodells zu präsentieren. Wichtige High-Tech Unternehmen aus dem Silicon Valley waren eingeladen, um die neusten Initiativen und Entwicklungen darzulegen, aber die Veranstaltung wurde vom CEO des Beratungsunternehmens geleitet. Er war der Vorsitzende der Veranstaltung, ein wichtiger Vortragender und übernahm die Führungsrolle. Seiner Meinung nach war das der Weg der Zukunft. Es geht um die Führungsrolle und die Nutzung neuer Ansätze, die sich von den laufenden Geschäftsmodellen radikal unterscheiden.

Wie können Software-Anbieter effizient mit Beratungs- und Planungsunternehmen arbeiten, um ihnen bei der Bewältigung der digitalen Herausforderungen zu helfen?

Javier Baldor: „Alles dreht sich um die Führungsrolle und die Nutzung neuer Ansätze, die sich von den aktuellen Geschäftsmodellen radikal unterscheiden.“

Javier Baldor: „Alles dreht sich um die Führungsrolle und die Nutzung neuer Ansätze, die sich von den aktuellen Geschäftsmodellen radikal unterscheiden. (Bentley)

Javier Baldor: Auch wir müssen die Digitalisierung in ähnlicher Weise nutzen. Andernfalls sind wir nicht in der Lage, als Partner zu agieren und unsere Kunden zu beraten. Alles ist miteinander verbunden. Unsere Kunden wenden sich an uns für Beratung über die Verwendung von Systemen, die ihnen dabei helfen, digital effizienter und progressiver zu werden und in ähnlicher Weise verlassen wir uns auf unsere Partner, um uns dabei zu helfen, unseren Kunden zu helfen.

Greg Bentley: Für wechselseitigen Erfolg sollten die Software-Anbieter praktisch am Standort integriert sein (trotz Clouddiensten und einer vernetzten Datenumgebung), innerhalb der Projektteams des Unternehmens, idealerweise ab der Phase vor dem Projektbeginn, um digitale Strategien zu liefern, die hilfreich sind, ein Projekt zu gewinnen.

Wie sieht die Zukunft aus? Wie weit wird sich die Branche verändern?

Greg Bentley: Bedenken Sie, wie schnell autonome Fahrzeuge die Perspektive von „vielleicht eventuell“ zu „sicher bald“ geändert haben. Die Vorteile des digitalen Wandels im Bereich der Abwicklung von Infrastrukturprojekten und Anlagenleistung sind in ihrer Größenordnung vergleichbar, das ist auch der Grund für die diesbezügliche Beschleunigung im Bereich Forschung und Entwicklung. Was möglich ist, ist unvermeidbar. Der aktuelle Stand bei den Planungsunternehmen ist bei Weitem nicht so befriedigend und erfreulich wie es diese neuen Chancen vermuten lassen. Wir bei Bentley Systems sind bereit, mit Unternehmen zu arbeiten, um ihre Fortschritte beim digitalen Wandel heranzutreiben.

Javier Baldor: Die Planungsfirma, so wie sie heute existiert, dürfte es bald nicht mehr geben. Es wird eine andere Art von Geschäftsmodell geben, ein Art Informationsgeschäft. Sie werden sehen, wie in technologischer Hinsicht sehr starke Außenseiter den Markt betreten und mit Planungsunternehmen verschmelzen werden. Beispiel: Google, IBM und mittelgroße Unternehmen werden ihre Fachkenntnisse, CloudTechnologien, maschinelles Lernen, künstliche Intelligenz und andere Fortschritte mit dem spezifischen Fachwissen von Ingenieuren zusammenlegen, um intelligente Städte zu bauen und Lösungen zu entwickeln, um den Herausforderungen im Bereich Nachhaltigkeit zu begegnen, mit denen die Welt konfrontiert ist. Es wird bald eine ganz andere Branche sein, und derjenige, der es schafft, die Lücke zwischen Stabilität, Knowhow, Kenntnis der Vergangenheit und den digitalen Technologien der Zukunft zu schließen, hat gewonnen.

Herr Bentley, Herr Baldor, haben Sie dank für dieses Interview.

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Datum 20. Oktober 2018
Autor Bentley Systems
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