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Vermischtes

Bauingenieure für Hollywood!

Hollywood-Sign in den Hollywood Hills (Wikipedia/Sörn (CC-BY-SA 2.0))

Seitdem computergenerierte Sequenzen immer häufiger in Filmen eingesetzt werden, werden mit großer Leidenschaft kühne Bauwerke auf die Leinwand gezaubert, die in der Realität gar nicht existieren (können), oder es erstehen längst vergangene Bauwerke wieder auf. Im pyrotechnisch verwöhnten Hollywood kommen die explosiven Szenen, in denen eben diese Fantasiebauwerke oder auch echt wieder zu Schutt und Asche gemacht werden, natürlich auch nicht zu kurz. Aber immer wieder merkt man gerade als Bauingenieur, dass die Computeranimateure sehr oft von Statik rein gar nichts verstehen. Da wird zwar jeder erdenkliche Aufwand betrieben, um Oberflächen fotorealistisch darzustellen, Feuerwolken glaubwürdig zu gestalten oder Wassertropfen verblüffend echt wirken zu lassen, aber es wird weder hinterfragt, ob Bauwerke statisch möglich sind, noch ob deren „Abriss“ realistisch wirkt. Als Bauingenieur hat man da oft seine Schwierigkeiten. „Suspend your disbelief!“ – also quasi die Vernunft ausschalten, heißt es dabei so schön im Englischen insbesondere wenn Kreative in Hollywood die Unglaubwürdigkeit ihrer Produktionen verteidigen wollen. Hier ein paar erläuternde Beispiele.

Vor nicht allzu langer Zeit herausgekommen ist „Der Hobbit – Eine unerwartete Reise“, in der Hobbit Bilbo Beutlin mit einer Truppe Zwergen und dem Zauberer Gandalf eine abenteuerliche Reise beginnt. Analog zu der Trilogie „Herr der Ringe“ baut hier Peter Jackson jede Menge monumentale Steinbauten an und in Berge, die Ausmaße zu haben scheinen, die die Pyramiden von Gizeh mehrfach in den Schatten stellen könnten. Das alleine ist natürlich noch völlig in Ordnung. In Hollywoodproduktionen erscheint sowieso fast alles größer als in der Realität. Mittelerde scheint aber, wenn man es mit Perioden der menschlichen Geschichte vergleicht, eher im Mittelalter angesiedelt, denn als Baustoff wird in meist Stein benutzt. Solange die Bauten auch eher auf Druck beansprucht werden, ist nichts dagegen einzuwenden. Was die Materialstärke angeht, darf man ja in dieser Fantasiewelt ruhig annehmen, dass das Gestein in irgendeiner Form magisch verstärkt werden kann. Die meisten steinernen Brücken sind in der Tat auch Bögen oder Gewölbe, auch wenn die Pfeiler manchmal höher als die des Viaduktes in Millau erscheinen. Allerdings hat Peter Jackson diesmal seiner Fantasie etwas zu sehr ihren Lauf gelassen. Eine der größeren Brücken in diesem Film ähnelt eher einer Trapezrahmenbrücke, die selbst bei magisch verstärktem Stein statisch unmöglich erscheint. In einer der letzten Szenen dieses doch recht lang geratenen Films wird die Truppe von einer Horde wilder Goblins untertage durch und über sehr fragwürdige Konstruktionen aus Holz und – vermutlich – Eisen gejagt, die statisch schon wenig Vertrauen erwecken, aber bei der dynamischen Beanspruchung noch weniger realistisch wirken. Vielleicht hat aber Bilbo Beutlin neben seiner eigenen Geschichte auch noch „Die magischen Statik“ verfasst, die auf den Blu-Rays zur Hobbit-Trilogie dann als Bonusmaterial herhalten kann.

Fantasy- und Science-Fiction-Filme neigen natürlich immer dazu unglaubliche Dinge darzustellen. In „X-Men: Der letzte Widerstand“ begibt sich der Mutant Magneto auf die Golden Gate Bridge in San Francisco und reißt sie aus den Verankerungen, um dann mit der kompletten Brücke und allen Fahrzeugen und Menschen darauf nach Alcatraz zu schweben. Man kann sicherlich einfachere Wege finden, um dorthin zu kommen, aber effekthascherisch ist es allemal so schöner. Natürlich wird jeder Bauingenieur bei dieser Szene die Hände über den Kopf schlagen, nicht nur weil eine der schönsten Brücken überhaupt irreparabel zerstört wird, aber auch weil die offensichtliche Frage auftaucht: Wie soll die Brücke denn so noch etwas tragen können? In diesem Fall muss man wohl annehmen, dass die magnetischen Kräfte des Magneto auch die Horizontalkraft in den Tragseilen ersetzen können. Diese Szene alleine soll ein Sechstel des Filmbudgets aufgebraucht haben und sowohl mit einem Modell als auch computergenerierten Bildern erzeugt worden sein.

Die Golden Gate Bridge ist übrigens ein regelmäßiges Opfer in Film- und Fernsehszenen und dies auch gilt für die verschiedenen Brücken in Manhattan. Schon Godzilla hat sich im gleichnamigen Film (1998) in der Brooklyn Bridge verfangen und diese dabei zerstört. Auch 2012 mussten die Brücken Manhattans einiges aushalten: Denn in „The Dark Night Rises“ wird Batmans Gotham City nicht mehr von Chicago gespielt wie in den beiden vorherigen Filmen sondern von New York. Das mag inkonsequent sein, ist aber insofern verständlich, als dass die Abschottung der Insel eine wichtige Rolle spielt und so besser in Szene gesetzt werden kann. Im ersten der Batman-Filme hat es Christopher Nolan zwar noch gereicht, die Klapp-Brücken Chicagos hochzufahren, um die Innenstadt vom Rest der Welt abzuschotten, aber es gibt ein viel schöneres Bild – und natürlich eine entsprechende dramatische Steigerung über die Trilogie hinweg – wenn man mit richtig großen Brücken “spielen” kann. In dem Moment, in dem der Verbrecher Bane Gotham City übernimmt, werden nämlich alle Wege in die Stadt gekappt: Die Tunneleinfahrten werden mit Autobergen blockiert und Teile der Brücken gesprengt. Die Simulation der Explosionen und die Einstürze der Bauwerksteile ins Wasser sind dabei durchaus gelungen. Trotzdem stutzt man aber, denn obwohl sicher 100 Meter in der Mitte fehlen und die Tragseile gekappt werden bleibt der Rest der Williamsburg Bridge stehen – ohne zu zucken. Einmal davon abgesehen, dass die Explosionen nicht stark genug erscheinen, um auch nur eins der wuchtigen Hängeseile zu durchtrennen, werden alle vier durchtrennt. Die Fahrbahnträger Kragen danach aus, während die verbleibenden Seile trotzdem noch eine perfekte Kettenlinie bilden – nur halt ohne Mittelstück. Jeder, der schon einmal ein Seil zerschnitten hat, sollte wissen, dass dies unmöglich ist.

Offensichtlich haben hier die Computeranimateure die Horizontalkraft eines Hängeseils gänzlich ignoriert. Mit den redundanten Schrägseilen bei der Brooklyn Bridge, die das gleiche Schicksal ereilt, mag dies funktionieren. Eine Hängebrücke verträgt es aber definitiv nicht, wenn die Hängeseile reißen. Erstaunlicherweise wird in der folgenden Einstellung das Tragwerk eines Seitenfeldes einer weiteren Hängebrücke zerstört. Dort fällt das Seil dann auch schön zum Turm hin – recht realistisch sogar – aber der Rest der Brücke bleibt wieder unbeschadet stehen…


Ausschnitt aus “The Dark Knight Rises” (2012) mit Brückensequenz ca. ab 2:35

Nun stellt sich natürlich die Frage: Muss in Hollywood-Filmen die Statik überhaupt stimmen? Ja – und nein, die Antwort hängt dabei vom Film und Genre ab. In einer magischen Welt wie Mittelerde oder einer solchen, in der Mutanten Superkräfte haben, ist dies wohl weniger wichtig. Denn wo die uns bekannten Naturgesetzte sowieso ausgehebelt werden, kann man sicher auch damit leben, wenn die Gesetze der Statik verändert werden. Batman ist aber kein Supermensch. Er hat keine Superkräfte. Seine Überlegenheit basiert auf Kampfkunst und modernster Technik, die zwar ein wenig „fantastisch“ erscheint, doch bleibt die Batman-Welt insgesamt in der Realität verhaftet. Deshalb darf man auch annehmen, dass Bauwerke sich „richtig“ verhalten. Wenn sie dann auf so eklatant unmögliche Art der Schwerkraft trotzen, ist vielleicht nicht die ganze Glaubwürdigkeit des Films dahin, aber ein gewisser Unmut bleibt, der zumindest Bauingenieuren den Spaß trüben kann.

Falk Jäger hatte kürzlich gefordert, Bauingenieure müssten auf den Schirm, um dem Beruf mehr Aufmerksamkeit und Ansehen in der Öffentlichkeit zu gewähren. Es sind aber anscheinend auch Bauingenieure hinter dem Schirm notwendig, denn Hollywood hat von Statik offensichtlich wenig Ahnung. Es erscheint schon schizophren, dass so viel Geld in computer-generierte Filmsequenzen gesteckt wird, die grafisch möglichst realistisch erscheinen sollen, aber die Gesetze der Schwerkraft völlig vergessen werden. Dabei wird viel Aufwand betrieben, um auch das letzten Haar einer animierten Pixar-Figur richtig in einem Lufthauch wehen zu lassen, da müsste es doch ein Klacks sein, auch eine Hängebrücke „korrekt“ einstürzen zu lassen! Es wäre daher wünschenswert, wenn zukünftige Filmproduktionen sich auch von Bauingenieuren beraten lassen würden. schließlich wird auch jede Arztserie, die etwas auf sich hält, von einem ganzen Team Mediziner betreut. Für Ingenieure wäre es sicherlich eine traumhafte Abwechslung.

Leserkommentare

  1. Katja | 2. Februar 2013

    In der Tat ist es eine Sache, wenn Filmemacher in einem Fantasy Film die Ästhetik über die Gesetze der Physik freien Lauf lassen. Fantasy ist genau das: Traumwelt. Und wenn man anhand von Computeranimation, etc. besonders schöne oder beeindruckende Traumwelten entstehen lässt, ist es völlig legitim.
    Anders verhält sich es bei Filmen, die Computeranimationen einsetzen, um aufwendige realistische Szenen zu inszenieren. Der im Artikel gezeigte Clip ist ein prima Beispiel. Als Zuschauer empfinde ich es fast als Beleidigung so etwas vorgesetzt zu bekommen. Hier hat man viel Geld verbraten, um etliche Brücken Manhattans in die Luft zu sprengen und es sieht aus wie in einem billigen Videospiel. Man scheint auch wirklich davon auszugehen, dass der Durchschnittszuschauer die Intelligenz eines 6-Jährigen hat und es nicht komisch findet, dass die Brücke 2/3 steht, obwohl die Tragtechnik in der Mitte zerstört wurde. Sorry, wer so viel Technik einsetzt, so viele Arbeitsstunden und so viel Geld aufwendet, sollte es richtig machen. Solche Szenen sind einfach Zeugnis von schlechtem Handwerk, egal wie elaboriert die Computertechnik dahinter ist. Es zeugt letztlich von einer unglaublichen Arroganz seitens der Filmemacher dem Zuschauer so ein schlecht gemachtes Produkt, was auch noch so unglaublich viel Geld gekostet hat, vorzusetzen. Wäre es ein Essen in einem Gourmetrestaurant, würde man es glatt in die Küche zurückgehen lassen.

  2. FARES ZAROUR | 10. April 2013

    Good

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Datum 30. Januar 2013
Autor Nicolas Janberg
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