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Rezension

Big Data um 1800 – oder: Die Vermessenheit der Welt

Ursula Schulz-Dornburg, Martin Zimmermann, Die Teilung der Welt - Zeugnisse der Kolonialgeschichte, Berlin 2020, Verlag Klaus Wagenbach, 160 Seiten, Klappenbroschur. Großformat, Mit 25 s/w Abbildungen, 28,– €, ISBN 978-3-8031-3697-8

Ursula Schulz-Dornburg, Martin Zimmermann, Die Teilung der Welt - Zeugnisse der Kolonialgeschichte, Berlin 2020, Verlag Klaus Wagenbach, 160 Seiten, Klappenbroschur. Großformat, Mit 25 s/w Abbildungen, 28,– €, ISBN 978-3-8031-3697-8 (Cover: Verlag Klaus Wagenbach)

Gebaut als Börse, als Casa Lonja de Mercaderes – Tempel der entstehenden Weltwirtschaft. In direkter Nähe zum Königspalast von Sevilla, dem Alcázar; und in sinnfälliger Nachbarschaft zur Kathedrale der Stadt, der Giralda – 1987 zum Weltkulturerbe erklärt. 200 Jahre später, als Spaniens Weltherrschaft schon dahin war, wurde daraus das Archivo General de Indias – der Börsenbau als Archivbau und als Zweifelszerstreuung der Frage, wer (einst) Herr der Welt war.

90 Millionen Dokumente – Big Data analog. Rund 520 Jahre müsste sich, wer jedes Blatt auch nur eine Minute in die Hand nähme, bei einem 8-Stunden-Arbeitstag mit den Archiv-Daten befassen, wobei sich die 8.000 Karten und Reisenotizen dann „noch gar niemand angeschaut“ hätte, schreibt Martin Zimmermann im Vorwort zu Ursula Schulz-Dornburgs und seinem famosem Buch „Die Teilung der Welt – Zeugnisse der Kolonialgeschichte“. (S. 13/14)

Leben in seiner vergänglichsten Form

Laut einer unverbürgten Aussage Franz Kafkas sei das Kino die Jalousie an unseren Augen. Jalousie meint bekanntlich die Eifersucht. War für Kafka also der Film, seine Kamera-Wahrnehmung, eifersüchtig auf unser Wahrnehmen, unsere Augen? Oder zieht er sie nur zu, lässt uns erblinden? Aber gut, Film ist eine andere Geschichte. Hier geht es nicht um bewegte Bilder, sondern um Fotografie. Und sofort sind wir bei der Geschichte. Das Foto und die Geschichte sind, so sie nicht gar Zwillinge sind, doch enge Verwandte. Und wie bei diesen, gibt es zwischen ihnen Nähe und Ferne, Liebe und Streit.

Für den französischen Philosophen Roland Barthes waren Fotografien „Namen augenblicklicher Dingkonfigurationen, deren irreversibel vergangenes Dagewesensein sie zum Erscheinen“ brächten. Früher im 20. Jh. hat das der deutsche Philosoph Siegfried Kracauer bereits erkannt, indem er dem Foto die Fähigkeit zuschrieb, „vorüber gleitendes materielles Leben festzuhalten. Leben in seiner vergänglichsten Form.“ Damit wären wir bei dem spektakulären Band von Schulz-Dornburg und Zimmermann, in dem sich Text als Essay mit Foto als Essay auf bemerkenswerte Weise begegnen und die sprachliche Welt miteinander teilen. Denn, dessen ist sich der Althistoriker Martin Zimmermann sicher, Menschen haben immer schon die Welt aufgeteilt. (S. 36)

Was aber den Band so unvergleichlich macht und ihn uns zuvörderst dankbar in die Hände nehmen lässt, ist die Geschichte seiner Fotografien, seiner – das kann dem Betrachter noch im Druck nicht entgehen – analogen Fotografien in warmen, seelenvollen Grautönen – Fotos, die so zum Archiv von Fotos über ein Archiv gerieten. Die Geschichte freilich ist nicht so kompliziert, wie sie klingen mag.

Datenzugang möglich, aber untersagt

Datenzugang möglich, aber untersagt (Verlag Klaus Wagenbach)

2001 kam die Fotografin Schulz-Dornburg von ihrem Interesse an spanisch-portugisischer Kolonialgeschichte geleitet, in das Archivo General de Indias in Sevilla. Dessen Verwalter erlaubten ihr nach allerlei verwickelten Beantragungen, vier Stunden ohne Blitz und Stativ Aufnahmen im oberen Stockwerk des Archivs zu machen. Die 25 Fotos, die uns der Band davon bietet, sind Erstveröffentlichungen von Negativen, die seit 2001 in Schulz-Dornburgs Archiv schlummerten. Da nun die Technik, mit der diese Fotos entstanden, so obsolet ist wie das von ihnen Abgebildete, kommen sich Fotografie und Geschichte hier noch viel stärker ins Gehege. Denn es sind nicht nur die in vier kurzen Stunden entstandenen Fotos in ihrer optischen Überlegenheit gegenüber Digitalfotos einzigartig, auch die, so Zimmermann, „abgebildete Form der archivalischen Repräsentation“ ist inzwischen zu Historie geronnen. Wurde doch das Archivo General de Indias kurz nach den Aufnahmen bis zum Jahre 2004 komplett renoviert und umgebaut. (S. 17) Das ist nicht so trivial, wie es klingt. Denn nun ist mit der archivalischen Repräsentation auch die, von den Fotos überaus eindrucksvoll dokumentierte, koloniale Repräsentation in den Keller des Gebäudes und in für die Akten bekömmlichere Stahlschränke gewandert. In den prachtvollen Mahagoni-Regalen unter ziselierten Kassettendecken befinden sich, so Zimmermann im Vorwort, heute entweder leere Aktenatrappen aus Pappkarton, oder Exponate wechselnder Ausstellungen.

Fotografische Subversion

Dass Schulz-Dornburg noch 2001 gerade mal vier Stunden für ihre historischen Atem beraubenden Fotos gewährt wurden, spricht für die Subversion derselben, die die Verwalter kolonialer Pracht mit – wenn auch nicht gutem – Recht fürchteten. Von den 25 Fotos zeigen lediglich zwei das Archiv von außen und bloß vier weitere das architektonische Interieur desselben, das mit wenig Phantasie als Serverraum der Reanissance betrachtet werden kann. Fast exzessive 19 Male aber richtete Schulz-Dornburg für das Buch ihr Objektiv auf das Datenmaterial in Gestalt der Aktenordner, die, das trifft Zimmermann im Vorwort sehr genau, zunächst bloß hermetisch auf den Betrachter wirken. Lässt man sich aber auf sie ein und gewahrt ihre Gebrauchsspuren, ihre Markierungen und das in einer Reihe leicht Verrückte einzelner Aktenkartons, das vom schwer Verrückten spanisch-portugiesischer Kolonialgeschichte zu erzählen vermag, dann gehen diese Fotos keinesfalls weniger unter die Haut, als das, was Zimmermann in seinem Essay an spanisch-portugisischer Kolonialgeschichte als Teilung der Welt adäquat durchdekliniert.

Letztere, das beschreibt der Autor historisch eindrucksvoll, nahm nicht erst im legendären Vertrag von Tordesillas vom 7.6.1494 ihren Ausgangspunkt. Geteilt worden – s. o. – sei die Welt immer. Etwa von Persern und Griechen, indem Griechen nach ihrem endgültigen Sieg über die ihre Welt in nah und fern teilenden Perser die Welt in eine westlich, europäische und östlich, asiatische aufteilten und damit Muster schufen, die noch Eduard Saids für den Kolonialgeschichts-Diskurs einflussreiches Buch „Orientalism“ prägen. Auch das römische Weltbild folgte einer solchen Teilung, die dann die katholische Welt im Vertrag von Tordessilas zwischen dem in Spanien geborenen Papst Alexander VI. (der sich allen Ernstes nach dem „großen“ Knotenzerschlager so nannte) und den Königen von Spanien und Portugal schloss. Da ging es um die Teilung der neuen Welt, die die katholische Kirche schon insofern zum Behufe der Christianisierung besonders intrigierte, als sie ihren Machteinfluss im Mittelmeerraum weitgehend an den Islam abzutreten hatte.

Datenzugang nicht möglich und untersagt

Datenzugang nicht möglich und untersagt (Bild 2: Pixabay)

Lineal-Grenzen

Aufschlussreich ist hierbei, dass in dem Vertrag die mehr oder minder gedachte Demarkationslinie zwischen Nord- und Südpol 370 Meilen westlich der Kapverden gezogen wurde. Östlich von ihnen war die Welt portugiesisch, westlich spanisch. Das ist natürlich einerseits nichts weiter als der sattsam bekannte, brutale Wahn der Herrschenden, sich Gebiete mit einem Handstreich zuzuschlagen und Grenzen – man betrachte hierzu noch die heutige Weltkarte – mit dem Lineal zu ziehen. Das ist aber auch deshalb verblüffend, weil die 1494 im spanischen Tordesillas vertraglich festgelegte Linie kaum existierte. Dies, weil sie die damals vorhandene Messtechnik genauso wenig zu erfassen vermochte, wie die Seefahrer, die sie achten sollten, mit ihren nautischen Mitteln. Unter derlei Prämissen wäre ein Archivo General jedenfalls nie zustande gekommen.

Erst aufgrund der zunehmenden Vermessung der Welt durch die Vermessenheit der sie Kolonialisierenden wurde das möglich, was Schulz-Dornburg nicht weniger eindrücklich mit ihren Fotos dokumentiert als Zimmermann mit seinem aufschlussreich quer durch die Jahrhunderte kolonialer Geschichte führenden Essay. Das beharrliche Fotografieren der Regal-Inhalte macht – das Wortspiel hat hier gutes Recht – Aktenfotos zu Aktfotos. Zeigen diese Bilder doch den nackten, unverhohlenen, immer verwaltungstechnisch daherkommenden Machtanspruch der Herren der neuen Welt und beschwören sie vor allem doch förmlich die hinter ihnen verborgenen Schicksale, wie sie die Aufzeichnungen eines Las Casas, der zehn Jahre vor Vertragsunterzeichnung in Sevilla geboren wurde, als sogenannter „Apostel der Indios“ der geteilten Welt hinterließen.

Unbekannter Raum

Einem jeden Interessierten ist dieser Band aber auch deshalb dringend zu empfehlen, weil er eine Geschichte erzählt, die nicht nur als koloniale von bestürzender Aktualität ist. Verweist sie doch so unüberseh- wie unüberlesbar auf unsere globalisierten, Pandemien mit sich bringenden Tage. Freilich nicht nur, weil die naturverbundeneren Kolonialisierten der „neuen Welt“ Opfer von Krankheiten und Seuchen wurden, die die in urbanen Kontexten immunisierten Kolonialherren einschleppten. Auch die Tatsache, dass wir es um 1500 mit etwas wie der ersten Globalisierung zu tun haben, verweist auf Vergangenheit und Zukunft; und folgerichtig referiert Zimmermann auch noch allen künftigen Kolonialismus im All samt der drolligen Tatsache, dass Apollo 14 in einem nach jenem venezianischen Mönch Fra Mauro benannten Mondkrater landete, dem wir die erste neuzeitlich zu nennende Landkarte verdanken. War 1494 unbekannter Raum Vertragsgrundlage, kündigt sich Ähnliches nicht erst auf dem Mond an, wenn – wie Zimmermann zu bedenken gibt – wir längst wieder eine neue Kartographie benötigten, die globalisierten Verhältnissen Rechnung trüge. (S. 111)

Aber auch damit nicht genug, ließe sich noch darauf verweisen, wie die Teilung der Welt, wo sie heute eventuell „nur“ noch in Nord- und Süd-Hemisphäre zerfällt, sich – siehe USA, siehe Russland, siehe arm und reich – noch in einzelnen Ländern wiederholt. Bedauerlich hier allenfalls, dass Zimmermann nicht wenigstens en passant das bezeichnenderweise auch in der Informationstechnologie bekannte divide et impera streift, das als Herrschaftsprinzip – wohl nicht erst seit Persern, Griechen und Römern – aller Weltenteilung zugrunde liegen dürfte. Das hieße aber schon einen Wermutstropfen in einem Ozean von gewinnbringenden Überlegungen und Assoziationen zu suchen, der das verheißt, was der Autor sich am Ende seines Vorworts wünscht. Fotografie und Text möchten ein Zwiegespräch eingehen, an dem teilzunehmen, sich der Leser wünsche und sich so „vielleicht eine ganz andere, eigene Wahrheit mittels Bild und Text erschließe.“ Die Hoffnung kann der Rezensent bestätigen.

Für das letzte von ihr ausgewählte Foto auf der letzten Seite des Bandes hat Ursula Schulz-Dornburg das Archivo General de Indias in der Nacht fotografiert. Bliebe zu wünschen, dass dies vorzügliche Buch zu derselben der Kolonialgeschichte beiträgt.

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