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BIM – Ein Baustein im digitalen Wandel der Bauindustrie

Neue BIM-Lösungen und Anwendungen bringen den Fortschritt. Ist das wirklich so? Zentrales Thema der BIM World am 28. und 29. November in München sind anwendernahe Innovationen rund um das Thema BIM, die die Digitalisierung vorantreiben. Aber wie bereichert BIM die Arbeit im Hoch- und Tiefbau, bei Milliarden-Infrastrukturprojekten, im mittelständischen Architekturbüro oder im multinationalen Generalunternehmen?

Bereits 2016 schlug die BIM-Karawane ihre Zelte auf der Münchner BIM World auf.

Bereits 2016 schlug die BIM-Karawane ihre Zelte auf der Münchner BIM World auf. (BIM World)

Für die Besucher gibt es auf der BIM World mehrere Möglichkeiten sich genau zu diesem Thema zu informieren und weiterzubilden: Die Messe mit über hundert Ausstellern, mit Schwerpunkt auf Softwareapplikationen, Portallösungen, sowie BIM-Projektberatungen; sowie die Workshops mit verschiedenen Themenblöcken, u. a. BIM-Applikationen und Lösungen für Architekten und Bauingenieure, BIM und die rechtlichen Rahmenbedingungen, BIM in der GIS-Branche, sowie das Thema Digitales Immobilienmanagement und die Bedeutung von BIM in der FM-Industrie.

Zweitägige Fachkonferenz

Ein weiterer wichtiger Bestandteil der BIM World ist die zweitätige Fachkonferenz. Mit internationalen Fachvorträgen versucht die BIM World den Bogen zu spannen zwischen dem was mit der BIM-Methode heute schon umsetzbar ist und dem was in Zukunft mit BIM als Baustein der Digitalisierung noch machbar wird.

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BIM Best Practice: Queen´s Wharf Brisbane (Quelle: Cottee Parker, Conceptual Image, Planning Approvals Pending)

Das australische Architekturbüro Cottee Parker zum Beispiel arbeitet schon seit mehreren Jahren mit 3D-Software und nutzt dabei die Anwendungen zur besseren „Collaboration“ mit allen weiteren Projektbeteiligten. Mit einer standardisierten und ständigen Projektdokumentation steigt auch die Zufriedenheit bei den Bauunternehmen und Bauherren, die mit den Architektur- und Planungsbüros zusammenarbeiten und diese immer öfter bevorzugen, weil sie so mit den vorhandenen Modellen und Daten viel einfacher planen und kalkulieren können. BIM wird also zum Qualitätssiegel.

Best Practices

Anschaulich dargestellt wird die Arbeit der Architekten und Ingenieurbüros, wie dem finnischen Büro Sito oder dem russischen Spectrum Group an deren „Best Practices“, wie der Queen‘s Wharf in Brisbane oder dem Helsinki Airport. Und dass BIM tatsächlich auch Spaß machen kann, und welche neuen Design- und Planungsmöglichkeiten wie, noch Kundennäher und zielgerichtet umgesetzt werden können, zeigt etwa Havard Vasshaug, Co-Founder der Bad Monkeys aus Norwegen.

Teil der Digitalisierungsstrategie

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3D Hologramme in der realen Umwelt: AR Anwendungen in der Architektur (Quelle: Robotic Eyes)

BIM als Planungsmethode ist allerdings nur ein Baustein des Prozesses der Digitalisierung der Bauindustrie. Jeder Bereich entlang der Wertschöpfungskette von Bauprojekten wird von der Digitalisierung erfasst, wie z. B. die Bauprodukt- und Baustoffhersteller, die Logistik rund um die Baustelle oder das FM nach der Fertigstellung. Inwieweit diese Bereiche Teil der Digitalisierungsstrategie sind, erzählen u. a. das dänische Dienstleistungsunternehmen Solar.eu, Xella International, sowie die BAM Deutschland.

Einblicke und Impulse

Und wohin geht die Reise mit BIM? Neue Technologien und das Internet der Dinge sind in der Bauwelt angekommen. Virtual und Augmented Reality Brillen in den Architektur- und Ingenieurbüros, Roboter auf der Baustelle, mobile Apps für das Indoor 3D Scanning im heimischen Wohnzimmer oder Sensoren für die Wartung von Gleisen auf der Zugstrecke. Auch hier ist die Bandbreite an Innovationen groß. Die BIM World MUNICH ermöglicht einen Einblick in die Entwicklung von BIM und gibt Impulse für die Zukunft der Bauindustrie.

Weitere Informationen:

www.innovationworldcup.com

www.bim-world.de

Wichtig ist, dass die Akteure nicht nur in Silos denken

7 Fragen an Dr. Josef Kauer, Präsident, BIM World MUNICH

1. Was verstehen Sie unter BIM als Baustein für die Digitalisierung des Bauens?

Dr. Josef Kauer

Dr. Josef Kauer (BIM World)

BIM ermöglicht ja die Zusammenarbeit aller am Bau beteiligten Akteure an einem gemeinsamen digitalen Datenmodell zum Bauvorhaben. Alle Akteure haben damit eine einheitliche Orientierungsbasis (sowohl räumlich als auch inhaltlich). Sie sprechen somit schon mal die gleiche „digitale Sprache“. Digitalisierungsschritte können nun von diesem Model abgeleitet oder integriert werden. Damit wird BIM als zentraler Baustein weiterhin an Bedeutung bei der Digitalisierung des Bauens gewinnen.

2. Wo geht nach Ihrer Beobachtung die BIM-Reise hin und wie bildet die BIM World 2017 das ab?

Anders als in früheren Jahren stellen die Akteure „BIM“ als „Reiseziel“ nicht mehr generell in Frage. Vielmehr geht es nun darum, wie man dieses Ziel am besten erreicht. Wichtig ist dabei die tatsächlich messbare Effizienzsteigerung durch BIM. Insofern stehen „Best-Practice-Beispiele“ auf der BIM World Munich im Vordergrund. Wir können auch sehr viel von den „Reiseberichten“ anderer Länder (z. B. aus Skandinavien) lernen, die auf diesen Weg schon länger erfolgreich unterwegs sind. Wir haben eine hochkarätig besetzte internationale Fachkonferenz, sowie einen Länder Pavillon aus Skandinavien. Wir berichten von den besten Fortbildungskursen zu BIM seitens der Ingenieurkammern („BIM-Koch-Kurs“) und bauen insgesamt unser Fortbildungsprogramm mit über 40 deutschsprachigen Breakout-Sessions zum Thema BIM aus.

3. Erz- und Kardinalthema Digitalisierung und Ausbildung: Was muss sich nach Ihrer Auffassung in der Ingenieur- und Architekten-Ausbildung, überhaupt in allen Bauberufen, ändern?

BIM lebt von der Zusammenarbeit der Akteure mit digitalen Werkzeugen. Diese sogenannte Collaboration ist im Übrigen nicht etwas Spezielles in der Baubranche – die gibt es quer über alle Industriefelder bei der Digitalisierung. Jüngere Generationen kennen derartige Werkzeuge (Facebook Workplace, Microsoft Teams, Slack, Cloud-Dienste, etc) durch ihren privaten Alltag. Ältere Fachkräfte haben zwar das wichtige Erfahrungswissen, nicht aber die Erfahrung im Umgang mit den nützlichen Software-Tools. Insofern sind „gemischte Teams“ zielführend bei der Einführung von BIM. Wichtig ist dabei auch, dass die Akteure nicht nur in „Zuständigkeiten“ („Silos“) denken, sondern modern interagieren. Vieles Erschließt sich schon dann, wenn das Management eine moderne Arbeitsumgebung erlaubt und die Projektakteure sich gegenseitig mit Tipps weiterhelfen – ähnlich den Anfängen bei der Einführung von Word und Windows vor über 30 Jahren.

4. Das Thema BIM und die Bauprodukt- sowie Baustoff-Hersteller nimmt unübersehbar an Fahrt auf. Welche Bedeutung messen Sie ihm bei?

Keiner kennt sein Produkt besser als der Hersteller selbst. Und für die tatsächlichen BIM-Anwender und Nutzer ist es unbedingt notwendig, so viele Informationen über das Produkt wie möglich, eingebettet in das digitale Model des Bauprojekts, zu erhalten. Die Rede ist hier oft vom Digital Twin (Digitaler Zwilling). Die Hersteller werden somit schon sehr viel früher wesentlicher Teil der Planungsphase.

5. Kann ich mir als mittelständisches Unternehmen BIM leisten? Oder ist BIM nur etwas für große Firmen?

Der Übergang von 2D zu 3D passiert sicherlich nicht über Nacht uns ist anfangs mit Investitionen in Zeit und Geld verbunden. Dies ist vor allem für mittelständische Firmen schwieriger als für große Firmen. Allerdings bedeutet BIM ja auch, dass man Prozesse neu überdenkt und ändert, sowohl interne als auch externe. Dies ist wiederum in kleineren Betrieben einfacher und schneller umzusetzen.

Mit BIM können sich mittelständische Unternehmen von der Konkurrenz abheben. BIM wird zum Qualitätssiegel, da potentielle Projektpartner durch die erleichterte Kommunikation und Koordination viel lieber mit einem zusammenarbeiten, oder etwa auch Kundenwünsche durch die einfache Visualisierung zielgerichteter und schneller umgesetzt werden können.

6. BIM zwischen Nerds und Ignoranten: Es gibt große Euphorie und große Skepsis hierzulande. Dazwischen scheint reichlich Luft zu sein. Wie sähe für Sie die – im besten Sinne des Wortes – kritische Evaluierung des Themas Digitalisierung aus?

Die Digitalisierung muss primär den Menschen dienen, das Arbeiten erleichtern und die Produktivität jedes einzelnen steigern. Vielfach wird die Digitalisierung falsch angepackt. Zum einen wird versucht den jetzigen Arbeitsablauf steif in digitaler Form abzubilden und zum anderen wird zu wenig darauf geachtet, ob die neuen Arbeitspakete auch „gerecht“ verteilt und vergütet werden.

Machen wir mal eine kleine Zeitreise in die Vergangenheit, dann wird leichter verständlich, was ich damit meine. Als die ersten Automobile gebaut wurden, sahen diese wie modifizierte Kutschen aus. Der Fahrer saß vorne auf dem Kutschbock mit Lenkrad, ziemlich ungeschützt und sogar ohne Dach. Das war natürlich nicht sehr sinnvoll. Anderes Beispiel: Als 1913 Henry Ford die Fließbandarbeit einführte, dachten viele Entscheider in den Folgejahren, dass es normal sei, dass die Fließbandarbeiter abends erschöpft in Bett fallen. Das hat sich zum Glück mittlerweile geändert. Was will ich damit sagen? Bei der Einführung der Digitalisierung müssen wir auch einen kritischen Blick auf mögliche Negativ-Effekte werfen und diese beheben, damit letztendlich für alle Beteiligten die positiven Effekte überwiegen.

7. Die Pariser BIM World bringt es derzeit auf 8.000 Besucher. Sie liegen in München mit einem Jahr Rückstand gegenüber Paris bei 3.000 und müssen sich in Sachen Internationalität nicht verstecken. Wie sehen Sie das Spannungsfeld zwischen nationalen und internationalen Fragestellungen zum Thema?

In der Tat hat die BIM World in Paris schon 8.000 Besucher. Die BIM World Munich holt allerdings ordentlich auf. Letztes Jahr bei unserer Auftaktveranstaltung hatten wir bereits Teilnehmer aus über 20 Ländern. BIM und die Digitalisierung der Bauwirtschaft ist nun mal ein internationales Thema. Es gibt z. B. auf LinkedIn mehr als 120.000 Personen, die BIM als Teil ihrer Berufsbezeichnung tragen. Wir können sehr wohl von einigen Ländern bei der Umsetzung von BIM lernen. Auf der anderen Seite muss es auch national gut in die Abläufe passen. Aus diesem Grund ist es auch nicht zielführend, andere Länder 1:1 zu kopieren. Sehen wir es positiv: Es gibt z. B. viel Innovationsraum für gute Startups!

Herr Kauer, haben Sie Dank für dieses Interview

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Datum 17. Oktober 2017
Autor Franziska Wegele, NAVISPACE AG
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