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Im Ernst

BIM ist Schuld!

Geistergebäude ergeben Geisterdebatten. Und das kurz vor Pfingsten und in Zeiten, in denen COVID 19 sich anschickt, dem Geist, als Atem, der er quer durch alle Kulturen ist, den Garaus zu machen.

Symbolbild Kreuz

Symbolbild Kreuz (pxhere)

Vielleicht ist’s aber auch nur BIMs Schuld. Worum es hier geht? Ach so, natürlich um das Stadtschloss, dem zwei Tage vor Pfingsten noch die Kreuzes-Corona aufgesetzt werden muss, samt preußisch staatschristlicher (rbb) Bibelzitat-Collage nach Friedrich Wilhelm Nummer 4. Und mit BIM hat das zu tun, weil die Kunsthistorikerin Laura Goldenbaum in der geistlosen Geisterdebatte um das Kreuz trefflich darauf verwies, dass, während es auf Frank Stellas Holzmodell kein Kreuz gegeben habe, es in dessen Renderings kaum zu erkennen gewesen, sondern verschwommen sei “mit dem azurblauen Himmel des Hintergrundes”. In dem prangt seit heute das Kreuz und wie es so geht in Geisterdebatten, find’s der eine schnafte, der andere mehr so nicht so.
Zum Abusus durch den Preußenkönig kamen Apostelgeschichte 4,12 sowie Philipper 2,10. Und das ergibt in Kombi: “Es ist in keinem andern Heil, ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, denn in dem Namen Jesu, zur Ehre Gottes des Vaters. Dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind.” Jo, das wäre dann Wahlspruch und Credo des sich allen Kulturen öffnenden, Kolonialgeschichte kritisch reflektierenden Humboldt-Forums. Und, nein – hat es keine öffentliche Debatte drum gegeben. Findet auch das Humboldt-Forum jetzt dumm gelaufen.
Aber um das Kreuz hat man debattiert. Das hat aber nichts genutzt, wegen Historie. „Wir halten“ verkündete Forums-Vorstand Johannes Wien bereits 2017, „an der historischen Rekonstruktion fest – und damit auch am Kreuz.“ Recht hat der Mann, zumindest, wenn man der Tagespresse und sonstigen Medien folgt, die ja seit Jahr und Tag vom Wiederaufbau des Schlosses schwadronieren.
Kein Recht hat der Mann, und zwar überhaupt keins, wenn man sich einmal vermittels gewagtem Selbstexperiment vors Schloss stellt. Dann könnte es nämlich passieren, dass man ganz unmittelbar sieht, was die Süddeutsche (22.5.20) auch sieht: „Der Einwand, da werde halt ein Bau-, ja ein Kunstwerk historisch getreu rekonstruiert, trifft nicht. Er verschleiert vielmehr, wie viele Einzelentscheidungen falsch und ohne große öffentliche Diskussion gefällt worden sind. Wer sich historische Ansichten aus dem späten 19. Jahrhundert ansieht, stellt rasch fest, dass die Westfassade mit Portal III und Kuppel darüber anders aussah, als sie heute rekonstruiert wird. Das Hauptgesims war gerade, es fehlte die “barocke Aufrollung” (Albert Geyer), die Eosander von Göthe geschaffen hatte. Sie war Ausbesserungsarbeiten zum Opfer gefallen, erst 1902 ließ Wilhelm II. die Gesimsaufrollung wiederherstellen, die nun auch am Neubau zu finden sein wird. Das ist nur ein Beispiel unter vielen, die belegen, dass Rekonstruieren nicht einfach nachbauen heißt“ – geschweige denn Wiederaufbau. Aber da verschwamm wohl was in den Renderings … und die Inschrift konnte da eh keiner lesen. Jetzt aber, wo sie unter dem Kreuz in Gold auf azurblauem Hintergrund mehr so gar nicht verschwimmt.
Dass sie wegmuss, findet etwa Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) gegenüber www.katholisch.de. Der Spruch zeige eine Mischung aus Bibelzitat und seltsamer Königstheologie, eine restaurative Betonung von machtvollen Alleinvertretungsansprüchen. Für Menschen, die den Kontext nicht kennen, sei das verständlicherweise irritierend, so EKBO-Sprecherin Amet Bick. Spruch weg – Kreuz muss: Das Kreuz, so die EKBO-Sprecherin habe viel Missbrauch und Missverstehen in seiner Geschichte überstanden. Dennoch stehe es für Hingabe, Vergebung und Versöhnung. Es gehöre auf diese Kuppel, alles andere wäre Geschichtsvergessenheit.
Nun mal ehrlich: Wie ließe sich eine Geisterdebatte trefflicher illustrieren? Eventuell mit Kulturstaatsministerin Grütters. Für sie ist das Kreuz nämlich “unstrittig” Teil des beschlossenen historischen Wiederaufbaus (Herder Korrespondenz (Januar)). Und überdies „Einladung, die unterschiedlichen Bezüge und Traditionen und auch Werthorizonte kennenzulernen – und so auch seinen eigenen Standpunkt zu finden. Den findet freilich der Verzapfer dieser Zeilen vor dem Schloss, dem unhistorischen, nicht wiederaufgebauten Mahnmal aller fröhlichen Urständ des Neo-Historismus.
Dass die Botschaft des Kreuzes mit Frau Grütters sei: „Der Mensch ist zur Freiheit befreit” ist gutes, Gott sei Dank hierzulande verbrieftes, Recht zu glauben. Dass man dazu auch Las Casas lesen könnte, um zu lernen, wie etwa die Ureinwohner Südamerikas das mit dem Kreuz sahen, ist kein Historismus, steht auch auf keinem anderen Blatt und kann kein „Gesprächsimpuls“ als Einladung zum Diskurs sein, weil nicht diskutabel.
„Wenn wir also vorsichtshalber auf das Kreuz verzichten würden“, meint Frau Grütters, „hätten wir nichts gewonnen, aber viel verloren.”
Den Spieß dreht einer um, der durch die deutsche Geschichte von Gewinn und Verlust mehr weiß, als die um die Historie Besorgten, Gesprächsbereiten.
In einem Kommentar für die „Jüdische Allgemein“ stellt der Berliner Rabbiner Andreas Nachama die Frage, ob Berlin eine Stadt der Toleranz sei, in der Christen, Juden, Muslime, Religionslose und Religionskritiker friedlich nebeneinander leben und “auf Augenhöhe respektvoll miteinander umgehen” könnten. “Nein. Berlin ist eine Stadt, die offenbar weiter mit der Vorstellung lebt, dass allein Kreuz und Christentum glückselig machen”, so der Rabbiner.
Nachama sprach sich, so weiter das Portal www.katholisch.de, dafür aus, dass der katholische Erzbischof Heiner Koch und der evangelische Landesbischof Christian Stäblein an der Spitze einer Bürgerinitiative dafür plädieren sollten, den die Kuppel umrundenden Spruch zu beseitigen – “denn im Jahr 2020 sollte es einen solchen Rückfall in die Gedankenwelt eines Preußenkönigs nicht geben”. Und siehe da: Hier hätte BIM wieder seine Vorteile. Bei sauberer Datenaufbereitung sollte ein Rückbau zu den leichteren Übungen gehören. Nein, nicht des ganzen Schlosses, das steht ja offensichtlich für eine ganz andere Gedankenwelt.

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