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Bauen digital

„BIM und Kreativität schließen sich weder aus noch kann man sie übereinanderlegen.“

9 Fragen an Architekt DI Guido R. Strohecker, CEO untermStrich® software GmbH, rund um BIM + Digitalisierung

1. Baumeister, Designer, Planung und Ausführung – wie verhalten sich die vier Begriffe zueinander im Hinblick auf die Zukunft des Baumarktes, wie in Österreich so in Deutschland?

Die Zukunft bleibt spannend

Die Zukunft bleibt spannend (Foto: untermStrich)

Hier ist bereits die Fragestellung höchst bemerkenswert, da sie die Begriffe der unmittelbaren Praxis wie Baumeister, Planer und Ausführung impliziert, und der Berufstitel Architekt als solches in der Fragestellung gar nicht vorkommt, sondern ein Begriff aus einer anderen Branche, der des Designers. Im globalen Markt der Planungsausführenden gibt es ganz starke Unterschiede auch in den Begrifflichkeiten zur rein deutschsprachigen Betrachtung. Der Berufstitel Architekt, der in Deutschland und Österreich ein hohes Maß an Fachkompetenz benötigt, wird in der EU wie auch global häufig mit dem Designer gleichgesetzt. Während die Baumeister sowohl planend wie auch ausführend als Begriff einem breiten Publikum klar und verständlich darzulegen sind, reduziert sich der Architekt auch durch eigenes Zutun immer mehr auf den reinen Entwurf und verabschiedet sich immer öfter vom technischen Generalisten und damit von 60 % Leistungsanteil einer ordentlichen Projektplanung.

Guido Strohecker

Guido Strohecker (Foto: KANIZAJ 2018)

Anstatt mit innovativen Konzepten gegenzusteuern, bis hin zur Umkehr des Vertragsgebarens im Sinne der Generalplanung, werden die Zügel Zug um Zug anderen überlassen, die diese gerne aufgreifen. Dies hat unmittelbare Folgewirkungen, nicht nur auf die Zukunft des Marktes, sondern auch auf die einer gesamten Branche.
War früher im deutschsprachigen Bereich der Architekt als der Inbegriff des Generalisten, mit allen technischen Grundlagen vertraut, so werden wohl nicht nur mit dem Einführen der neuen BIM-Methodik, sondern auch einem immer schneller werdenden Paradigmenwechsel in einer Branche die Kollegen vor vollendete Tatsachen gestellt. Vor einigen Jahren hatte ich in einem ähnlichen Artikel in diesem Heft erwähnt, dass Architekten zu spät zum Bahnhof (oder wars ein Flughafen?) der Zukunft kommen werden – mittlerweile ist für viele bereits der Zug abgefahren.

2. Eine Frage an den Architekten in Ihnen: Bei der Einführung von CAD waren damals zuerst die Ingenieure da, bei BIM ist das auch der Fall. Was hindert Architekten, Vorreiter zu sein?

Casino Andreas Hofer Platz

Casino Andreas Hofer Platz (Foto: DI Strohecker ZT GmbH)

Es herrscht bei jeder grundlegenden technischen Werkzeugneuerung – das und nichts anderes ist BIM – eine breite Skepsis unter Architekten, ob diese oder jene Neuerung sie nicht in ihrer Kreativität um ihren freien Entwurfsprozessen einschränkt oder behindert.
Dies war schon vor rund 25 Jahren so bei der Einführung der ersten Digitalisierungsrunde, der ersten CADs, die mehr oder weniger äußerst skeptisch betrachtet worden sind; wurde doch auf einmal das Kopieren und Einfügen und Neusetzen von Zeichnungselementen im Kreise der Kollegen als widersprüchlich zum freien Entwurfsprozess – handmade, erkannt.
Der Begriff Copy-Paste war für viele der Inbegriff eines mehr oder weniger banalen Architekturverständnisses und ergab vielleicht die eine oder andere kritische Betrachtung bei vielen gebauten Objekten, die man sicher auch noch 20 Jahre danach anschauen muss.

3. „Lasst hundert Softwarehäuser blühen“ – wäre das ein großer Sprung nach vorne für die Entwicklung der Digitalisierung oder deren Ende im kompletten Tohuwabohu?

Casino Lichtenstein bei Nacht

Casino Lichtenstein bei Nacht (Foto: DI Strohecker ZT GmbH)

100 Softwarehäuser = 100 Schnittstellen = Milliarden Fehlerquellen im Informationsaustausch.
Der Trend am Markt ist eindeutig, die kleinen Softwarehäuser werden verstärkt von größeren aufgekauft und zusammengeführt. Einerseits um den Markt zu bereinigen und andererseits, um unter einem Dach mit Bausoftware Alleinansprechpartner für Konsumenten zu werden.
Mit der Einführung des BIM-Arbeitsprozesses und der sogenannten IFC-Schnittstelle ist es nicht einfacher, sondern komplexer geworden. So wie einst das kleinste gemeinsame Austauschformat im CAD – das DXF-Format war, ist die neue Schnittstellentechnologie IFC entsprechend komplex und bedarf eines eigenen Personals – die des BIM-Koordinators, BIM-Managers etc. Um diese Technologie im Griff zu halten, herrscht hier noch viel Workaround und gibt es noch viele offene Fragen und To-Dos, die Unsicherheit säen. Es wird nur den stärksten Softwarehäusern gelingen, diese Unsicherheit der Interkommunikation der Softwarewerkzeuge zu bereinigen und dem Konsumenten einfache Arbeitsweisen anzubieten.

4. BIM und die Kreativität waren für manche zwei sich ausschließende Begriffe. Wie sehen Sie das heute über das bloße Argument von BIM als Werkzeug hinaus? Würden Sie als Lehrender Ihre Studenten auch mal den Rechner runterfahren lassen?

Casino Graz (03.2017) DI Strohecker ZT GmbH Architekten

Casino Graz (DI Strohecker ZT GmbH Architekten) (© Paul Ott)

BIM und Kreativität schließen sich weder aus noch kann man sie übereinanderlegen. Vielmehr ist der eine Begriff aus einer technischen Umsetzung von Planungsprozessen und Umsetzung von Arbeitsabläufen zu sehen und der andere Part ist die Kreativität. Die hat man oder nicht und BIM wird nicht jegliche Form von Kreativität beschneiden.
Es obliegt vielmehr jedem einzelnen, sich derart fortzubilden, dass die Kreativität gewahrt bleibt und die Planer selbstverständlich nach neuestem technischen Stand ihre Arbeit fertigstellen können. Dies ist sogar eine der Grundvoraussetzungen in den Leistungsbildern von Planern.
Für Studenten die über einen wesentlich schnelleren und einfacheren Zugang zu neuen Technologien verfügen, ist es jedoch ein fester Wunsch, hier digital einmal digital sein zu lassen und wieder ganz urtümlich banal mit Bleistift und Aquafix Kreativität zu zelebrieren. Um das Grundhandwerk nicht zu vergessen, ist es notwendig, unsere eigenen Hände zu verwenden, und damit die unmittelbare Umsetzung von im Kopf entstehenden 3D-Formen zuzulassen.

5. Sie nennen sich glühender closed BIM-Anhänger. Warum?

Truckerbase

Truckerbase (Foto: DI Strohecker ZT GmbH)

Durch die Zweiteilung der BIM-Technologie in Open- oder Closed-Verfahren ergeben sich naturgemäß im Open-Verfahren mehr Kommunikationsprobleme als in einem geschlossenen System. In einem offenen System, wo viele verschiedene CAD-Anbieter in verschiedenen Fachbereichen einen gemeinsamen Nenner über bereits genannte IFC-Schnittstellen suchen und digitale Informationen austauschen, ist es unumgänglich hier neues Personal einsetzen zu müssen – und die Betonung liegt hier auf müssen – BIM-Koordinator, BIM-Manager etc. Während im geschlossenen System nahezu ausschließlich die Schnelligkeit des Internets ausschlaggebend ist, um entsprechende Gemeinschaftsleistungen von Architektur, Ingenieurbau und Gebäudetechnik darzustellen.
Naturgemäß ist ein geschlossenes System immer in einem Systemhaus zu finden und widerspricht damit der Vielfältigkeit auf dem Werkzeugmarkt, wiewohl sich die Frage stellt, ob sich hier in der technischen Planung Vielfältigkeit auszahlt. In der Praxis kommt der Aufgabe des BIM-Koordinators und BIM-Managers viel zu viel Bedeutung zu. In einem Projektablauf handelt es sich hierbei ausschließlich um analoge Überarbeitung digitaler Informationen. So gesehen ist der Open-BIM Weg zwar Garant der Vielfältigkeit der Werkzeuge, hat jedoch die Schwierigkeit der eigenen Kommunikation untereinander als Pferdefuß. Sollte die Entwicklung der IFC einmal soweit sein, dass sich hier automatisiert Informationen fehlerfrei übermitteln lassen, so steht auch hier einer uneingeschränkten Nutzungsempfehlung nichts im Weg – davon sind wir aber noch einige Zeit entfernt bei aller Beteuerung diverser BIM-Lieferanten.

6. Ein Slogan Ihres Softwarehauses lautet „untermStrich ist 100 % Homeoffice“. Hätten Sie den vor COVID-19 auch auf Ihre Seite gesetzt?

Einfahrt Villa j33

Einfahrt Villa J33 (© Paul Ott)

Unser Slogan 100 % Homeoffice hat in dieser Form vor Covid nur anders gelautet – das immer und überall Werkzeug für Controlling und Management.
Ein Merkmal dieser Pandemie ist die Erkenntnis, dass Software im Web arbeitet, wie auch untermStrich es tut – und dabei auf langjährige Erfahrung mit dieser Technik setzt. Dabei lässt es einen schnellen und unkomplizierten Switch zwischen den Orten der einzelnen Arbeit zu und unterstützt nebenbei auch noch die neuen Free & Flow Working Areas.
Somit muss ich mich nicht der Software fügen, sondern dieses Werkzeug begleitet mich an den Orten, wo ich mit befinde und ich kann frei entscheiden wo ich gerade arbeiten will. Dies ist jedenfalls ein Vorteil gegenüber starrer Technologie, die ortsgebunden ist, oder die komplexe Verbindungstechnologien benötigen, die nur ein Systemadministrator einstellen kann. Unsere, seit über 10 Jahren andauernde Erfahrungen im weborientierten Arbeiten kommt uns hier stark zu Gute. Auch orten wir, dass verschiedene Begrifflichkeit wie z. B. „Cloud“ nicht mehr mit Unkenntnis, Unverständnis und Unsicherheit in Zusammenhang stehen, sondern hier hat 2020 ein Umdenken auch in dieser Art des Zugangs von Arbeitstechnologien stattgefunden. Allein die nach wie vor mangelnde Digitalisierung, vor allem in Deutschland macht besonders im überregionalen, kollaborativen Arbeiten Schwierigkeiten. Hier gilt es, einfach die notwendige Infrastruktur an die heutigen und vor allem zukünftigen Anforderungen rasch anzupassen, da sonst vor allem Deutschland noch schlimmer in den technologischen Lockdown kommt als jetzt.

7. In Skandinavien geht das Wort von der Post-BIM-Ära um. Hierzulande dürfte das etwas verfrüht sein. Dennoch, wie sehen Sie die weitere Entwicklung jenseits der üblichen buzz-words?

Villavoon Gartenansicht

Villavoon Gartenansicht (Foto: DI Strohecker ZT GmbH)

Skandinavien ist in der Art und Weise der Arbeitseinstellung unserer Kollegen mehr als 10 Jahre voraus. Deutschland und Österreich sind schon längst nicht mehr die Technologieführer, die sie noch vor kurzem geglaubt haben zu sein, sondern hinken hier durch verschiedene Versäumnisse, Unzulänglichkeiten und falscher Fokussierung weit hinterher.
Während hier zu Lande noch heftig diskutiert wird, ob BIM überhaupt Einzug in diverse Planungsmuster erhält, geht es in skandinavischen Ländern deutlich fortschrittlicher und auch unkomplizierter zu. Es wurde einfach und simpel erkannt, was BIM tatsächlich bedeutet. Wie klar alle dort notwendigen Schritte und Themen für BIM-gerechte Planung schon vor 10 Jahren platziert worden sind! Der neueste Technologie-Trend geht klar in Richtung Augmented Reality und Virtual Reality, wo völlig neue Planungsprozesse mit objektorientierten Elementen in 3D Räumen fast schon wie in Xbox Manier bzw. wie PlayStation Spiele gehandhabt werden. So gesehen ist für die skandinavischen Länder BIM ein kleiner Zwischenschritt auf dem Weg zu einer sehr fortschrittlichen und zukunftsorientierten Planungsweise, die noch viel stärker als hierzulande die Sichtweise rein dreidimensional aufnimmt. Dem Unverständnis der Kollegen im deutschsprachigen Raum sei hier eines ins Stammbuch geschrieben: Es ist unverständlich, dass nach 20 Jahren Einführung digitaler Werkzeuge fast ausschließlich immer noch zweidimensional gezeichnet wird, obwohl wir dreidimensional bauen. Wenn Architekten nicht mehr in der Lage sind mit diesen Technologien Schritt zu halten, oder sie zu erlernen, dann ist vielleicht in Zukunft die Branchenbezeichnung die eines Designers und nicht mehr der eines Architekten treffender.

8. „Digitalisierung gibt es nicht.“ Steile These oder ein Funken Wahrheit?

Villavoon Seeansicht

Villavoon Seeansicht (Foto: DI Strohecker ZT GmbH)

Der Begriff „digital“ impliziert nichts anderes als die technologische Interpretation einer analogen Wirklichkeit mittels Nullen und Einsen. So gesehen ist es eine philosophische Frage, ob Digitalisierung existiert oder nicht.
Fakt ist jedenfalls, dass egal mit welchem Werkzeug wir arbeiten, ob es mit Bleistift und Transparentpapier, ob es mit Hammer und Meißel, ob es mit Maus und Bildschirm oder mit Robotertechnologie ist, wir dreidimensionale Realitäten entwickeln und damit analoges Anschauungsmaterial für eine Vielzahl von Jahren, das mittlerweile fast ausschließlich digitalen Ursprung hat.

9. Gibt es für deutsche Planer und Architekten einen Grund, neidisch auf die Ö-Norm zu schauen?

Eisernes Tor

Eisernes Tor (Foto: DI Strohecker ZT GmbH)

Ich denke das der Faktor Neid in der Beantwortung in dieser Frage eher provokativ gesetzt wurde, da es generell auf dieser Ebene da und dort Personen-Zusammensetzungen gibt, die sich mit diesem Thema stark auseinandersetzen. Es obliegt einem kleinen Land wie Österreich, manchmal etwas schneller und flexibler auf die Veränderungen am Arbeitsmarkt, in einer Branche und ihren Regulativen positive Antworten zu geben. Währenddessen es in einem größeren Land wie Deutschland mit vielen verschiedenen, stark föderalistischen Zugängen immer schwieriger ist, einen gemeinsamen Nenner für einen Arbeitsprozess zu finden.
D. h., dass nur bundesweite Regulative diesen Prozess begleiten können. Da allerdings Österreich immer wieder gerne aus Deutschland gründliche und herausragende Normen kopiert, ist es Österreich eine Ehre, wenn dies nun einmal umgekehrt passieren kann. Meines Wissens sind die Proponenten der österreichischen Entwicklung stark in Deutschland mit ihren Pendants vernetzt und versuchen auch hier ein entsprechendes Regulativ zu entwickeln.
Wir sollten uns einer gemeinsamen digitalen Sprache bedienen, um gemeinsam am Markt überleben zu können.

Herr Strohecker, haben Sie Dank für dieses Interview

Die Fragen stellte momentum-Redakteur Burkhard Talebitari

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