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Bauen digital

BIM wird sich in der Breite durchsetzen

Ein Gespräch mit Stefan Kaufmann, Product Manager BIM Strategy and New Technologies bei ALLPLAN über den aktuellen Zustand der Digitalisierung, über Bauen 4.0, IFC und über die Zukunft der Phantasie.

Stefan Kaufmann

Stefan Kaufmann (ALLPLAN)

momentum: Herr Kaufmann, Sie sind seit einigen Monaten verantwortlich für die BIM-Strategie bei ALLPLAN. Was dürfen wir von Ihnen erwarten? 

Stefan Kaufmann: Vor einigen Monaten habe ich den spannenden Job als Produktmanager für BIM-Strategie und neue Technologien bei ALLPLAN übernommen. ALLPLAN ist nicht neu für mich. Ich hatte während meiner wissenschaftlichen Tätigkeit für die TU-München oft mit der Software gearbeitet. Als Architekt weiß ich genau, was die Kunden erwarten. Meine Aufgabe ist es sicherzustellen, dass ALLPLAN auch morgen die Lösungen anbietet, die unseren Kunden den Weg in die digitale Planung erleichtern.

 

Taminabrücke, Pfäfers Ingenieurbüro Leonhardt, Andrä und Partner

Taminabrücke, Pfäfers (Schweiz) Ingenieurbüro Leonhardt, Andrä und Partner (© Foto: Bastian Kratzke)

Wie stellt sich Ihnen der Status Quo in Sachen Digitalisierung dar?

Das Potenzial für alle Planungsbeteiligten ist enorm. Zum Beispiel wird sich die Zusammenarbeit der verschiedenen Disziplinen wesentlich verbessern. Experten werden nicht mehr aufwändig und fehleranfällig 2D-Daten austauschen müssen. Vielmehr wird jeder die für ihn wichtigen Informationen minutenaktuell zur Verfügung haben. So kann jeder seine Arbeit bestmöglich erledigen. Genau dafür arbeiten wir bei ALLPLAN an den passenden Lösungen: Wir vernetzen alle an einem Bauprojekt beteiligten Partner über den gesamten Gebäudelebenszyklus hinweg.

 

Was bedeutet für Sie Bauen 4.0?

Bauen 4.0 bedeutet, dass wir allen an der Wertschöpfung Beteiligten genau die Informationen zur Verfügung stellen, die sie brauchen, um die richtigen Entscheidungen zu treffen und kompetent zu handeln. Mit dem Stufenplan von Alexander Dobrindt sind wir ein gutes Stück vorangekommen, bei dem BIM eine zentrale Rolle spielen wird. Ab 2020 wird BIM voraussichtlich zum neuen Standard für Verkehrsinfrastrukturprojekte in Deutschland. Bauen 4.0 wird damit immer mehr zur Realität.

 

Ich wäre jetzt mal ein Ingenieurbüro und brauche BIM. Dann klingle ich nicht mal eben bei Ihnen an und sage, machen Sie mir doch bitte mal ein BIM fertig. So wird es ja nicht klappen.

Ja, ganz so einfach ist es nicht. BIM ist eine Arbeitsmethode für die digitale Planung. Um sie richtig anzuwenden, benötigen die Planer ein grundsätzliches Verständnis für BIM-Prozesse, BIM-fähige Software sowie die Fähigkeit, diese zu nutzen. Nur so sind sie in der Lage, mit ihren Partnern reibungslos zusammenzuarbeiten. ALLPLAN tut viel dafür, praxistaugliche Lösungen auf Basis offener Standards zur Verfügung zu stellen und bietet für fast alle Aufgaben die richtige Lösung: von der Architekturplanung über die Bewehrung, Projektmanagement, Kosten- und Zeitmanagement und BIM-Modellmanagement bis zum FM. Aber unsere Kunden fragen immer häufiger auch nach Beratung und Schulung.

 

Wie greifen die Lösungen konkret ineinander?

Allplan ist eine BIM-Lösung, die den kompletten Planungsprozess in Architektur- und Ingenieurbüros sowie in Bauunternehmen unterstützt. Eine besondere Stärke der Software liegt in der interdisziplinären Planung, vom ersten Entwurf des Architekten bis zum fertigen Bewehrungsplan. Fehler und Konflikte werden zuverlässig während der Planung erkannt und können behoben werden.

 

Die Queensferry Crossing Brücke in Schottland, eines der größten Infrastrukturprojekte in Nordeuropa.

Die Queensferry Crossing Brücke in Schottland, eines der größten Infrastrukturprojekte in Nordeuropa. (© gornostaj / Fotolia)

Themenwechsel: Architekten und Bauingenieure – wie sehen sie deren Verhältnis zum Thema BIM und Digitalisierung?

Alle Planungspartner mussten schon immer disziplinübergreifend zusammenarbeiten. Durch BIM gibt es nun neue Rollen und Aufgaben.

Planer mit BIM-Kompetenz können mit dem BIM-Management ein neues Geschäftsfeld für sich erschließen. Wer diese Rolle übernimmt, ist nicht festgelegt. Es wäre denkbar, dass Architekten wieder ihre alte Funktion als diejenigen übernehmen, die von Anfang bis zum Ende den gesamten Informationsfluss steuern. Der Ingenieur übernähme im BIM-Prozess seine gewohnte Rolle als Tragwerksplaner, Statiker oder TGA-Planer. Durch das BIM-Modell kann er seine Planung mit anderen Partnern besser abstimmen. Es kann aber auch sein, dass das BIM-Management der Ingenieur, Auftraggeber oder Projektsteuerer übernimmt. Das wird vom Projekt abhängen.

 

Ich habe immer den Eindruck, dass die Ingenieure viel weiter sind …

Da der Stufenplan ab 2020 verpflichtend für alle Ingenieure im Infrastrukturbau wird, stehen sie besonders unter Druck, sich mit BIM auseinanderzusetzen. Für den Hochbau gilt, dass ab einem geschätzten Bauvolumen ab 5 Mio. Euro nur geprüft werden muss, ob das Projekt für den BIM-Einsatz geeignet ist. Dies betrifft Neu-, Umbau- und Erweiterungsbauvorhaben des Bundes sowie der Landesbauverwaltungen. Die Architekten haben also, wenn Sie für öffentliche Auftraggeber planen, noch keinen akuten BIM-Innovationsdruck. Im Hochbau forcieren zunehmend nichtstaatliche Auftraggeber die BIM-Einführung.

 

Limmat Tower bei Zürich, Visualisierung: SYNAXIS AG ZÜRICH, Zürich

Limmat Tower bei Zürich, Visualisierung: SYNAXIS AG ZÜRICH, Zürich (Visualisierung: SYNAXIS AG ZÜRICH)

Wie offen ist Allplan Bimplus wirklich? Offen für jede Software hört sich hübsch an. Aber in der Praxis gibt es ja die berühmten Schnittstellen-Problematiken – und wo kommt da API ins Spiel?

Allplan Bimplus ist unsere offene Plattform, um systemunabhängig über alle Disziplinen hinweg in BIM-Projekten zusammenzuarbeiten. Sie ist für jede beliebige Software der Baubranche zugänglich – über offene Standards wie IFC und BCF oder über die API-Programmierschnittstelle. Darüber hinaus bieten wir in Allplan Bimplus Schnittstellen zu Allplan, Sketchup, Revit, MS Excel und MS Project. Dank der API steht es Nutzern frei, eigene Schnittstellen oder Apps zu entwickeln. Ich nenne das auch Application Domain Extension. Das heißt, Drittanbieter können die Funktionen von Allplan Bimplus durch neue Anwendungsbereiche erweitern und neue, innovative Prozesse anbieten.

 

Ein Wort zum buildingSMART. Der hat sich primär durch IFC legitimiert. Geht das noch?

Ich sehe keine Alternative zu IFC. Immer mehr Bauverwaltungen kündigen die Abgabe von IFC-Modellen als verpflichtend an. Immer mehr Anwender fordern IFC-Kompatibilität. Und als Softwarehaus sehen wir es als unsere Pflicht, die Entwicklung von IFC voranzutreiben. Denn IFC ermöglicht einen softwareunabhängigen, transparenten und verlustarmen Datenaustausch von Bauwerksmodellen und ist damit die Voraussetzung für einen „grenzenlosen“ Datenaustausch unter allen Beteiligten. Das bietet bislang kein anderes Format. Die Entwicklung von IFC ist auch noch lange nicht am Ende. Gerade im Infrastrukturbereich ist noch viel zu tun.

 

Es wird viel über Kulturwandel und die großen Chancen der Kooperation diskutiert. Die Realität sieht aber leider anders aus. Freilich wäre es ja schön, wenn wir alle anfingen, kooperativ zu denken. Wie sehen Sie das?

Durchgängige BIM-Prozesse funktionieren nur in der erfolgreichen Kooperation und setzen die Bereitschaft der einzelnen für Veränderungen voraus. BIM vernetzt die Planer enger und effizienter. Dieses Denken in Netzwerken muss sich noch stärker etablieren. Wie bei allen Innovationsprozessen bleiben Initialinvestitionen und Widerstände bei den Beteiligten nicht aus. Deshalb gehört eine umfassende bürointerne Vorbereitung auf Veränderungen genauso zur BIM-Strategie wie Schulung und Softwarebeschaffung. Bei der BIM-Einführung müssen tradierte Arbeitsweisen hinterfragt und neugestaltet werden. Ich sehe die Digitalisierung aber nicht nur als Effizienzthema. Sie hat vielmehr auch das Potenzial, die Basis für vielfältigere Bauwerke zu sein. Daher bin ich absolut zuversichtlich, dass sich BIM in der Breite durchsetzen wird.

 

Herr Kaufmann, haben Sie vielen Dank für dieses Gespräch.

Die Fragen stellte momentum-Redakteur Burkhard Talebitari

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Datum 26. Juli 2018
Autor momentum, Burhard Talebitari
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