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Brandgefährliche Wärmedämmung? Experten geben Entwarnung

Haus in Flammen

Haus in Flammen (Foto: benjaminnolte)

Die Berichte gingen durch die Medien: Wärmedämmungen an Fassaden sollen Hausbrände beschleunigen und verstärken. Auch Experten diskutieren das – und geben teilweise Entwarnung. Die Gefahr bestehe nicht, wenn ein geprüftes Dämmsystem fachgerecht verbaut wird.

Fassaden mit Wärmedämmung helfen, Heizenergie zu sparen. Die Bundesregierung fördert die Maßnahme als wichtigen Baustein für das Gelingen der Energiewende. Trotzdem sind Modernisierer und Bauherren verunsichert. Denn es gibt Berichte von Bränden, die sich durch Wärmedämmungen auf Basis des Materials Expandierter Polystyrol (EPS), umgangssprachlich Styropor genannt, beschleunigt haben sollen und damit unkontrollierbar wurden.

Als Hinweise für eine mögliche Gefahr durch Dämmung mit EPS gelten drei Fälle aus den Jahren 2005 in Berlin, 2011 in Delmenhorst und 2012 in Frankfurt am Main. «Doch trotz dieser drei Fälle besteht kein Grund zur Panik», sagt Christian Stolte von der Deutschen Energie-Agentur (dena) in Berlin. Denn das ist eine geringe Anzahl, bei bundesweit jährlich rund 200 000 Hausbränden.

Dennoch müssen die drei Brände sachlich analysiert werden, sagt Hartmut Ziebs, Vizepräsident des Deutschen Feuerwehrverbands in Berlin. «Bilder von lichterloh brennenden Häusern machen natürlich den meisten Angst.» Der Brandschutzexperte kennt Details: «In Frankfurt handelte es um einen Baustellenbrand», berichtet Ziebs. Dort gelagertes Baumaterial fing Feuer und griff auf die noch nicht fertig verputzte Wärmedämmung über. In Delmenhorst zündeten Brandstifter zwei Häuschen für Müllcontainer an, die direkt an der Hauswand standen.

Nur bei dem Brand in Berlin habe ein Feuer in Hausinneren auf die Fassade übergegriffen. Allerdings handelte es sich hier nicht um ein Wärmedämm-Verbundsystem (WDVS), das vom Deutschen Institut für Bautechnik (DIBt) für den deutschen Markt zugelassen war, heißt es in einer Presseerklärung des Instituts. Ziebs sagt, das System sei auch unsachgemäß angebracht worden. «Angesichts der Sach- und Faktenlage – ein noch nicht fertiges Bauwerk, Brandstiftung und falsche Verarbeitung – lässt sich die Behauptung einer besonders hohen Gefährdung durch EPS-Dämmung zurzeit nicht aufrechterhalten», folgert der Brandschutzexperte.

Auch die Bauminister der Länder gaben teilweise Entwarnung. Auf ihrer Konferenz in Saarbrücken im September 2012 stellten sie fest, dass Wärmedämmungen mit Polystyroldämmstoffen sicher seien, wenn sie ordnungsgemäß zertifiziert sind und entsprechend ihrer Zulassung verbaut werden. Dennoch sah die Konferenz Klärungsbedarf und beauftragte ihren Ausschuss, zusammen mit den Feuerwehren, alle relevanten Brände von solchen Baustoffen mit Polystyrol unter Berücksichtigung der Umstände vor Ort zu untersuchen.

Etwa 80 Prozent der Bauherren entscheiden sich beim Neubau und Sanierungen für die Wärmedämmungen mit EPS, sagt Wolfgang Setzler, Geschäftsführer des Fachverbandes Wärmedämm-Verbundsysteme in Baden-Baden. «Bei diesen Wärmedämm-Verbundsystemen wird in Deutschland ausschließlich flammgeschützter Polystyrolhartschaum eingesetzt, der als schwerentflammbar (Kategorie B1) eingestuft ist.» Das heißt, er kann brennen, fängt aber grundsätzlich schwer Flammen.

Zusätzlich sei es gesetzlich für viele Gebäude mit heute üblichen Dämmstoffen einer Stärke von über 100 Millimetern vorgeschrieben, feuerfeste Fensterstürze oder Brandriegel einzubauen. Das sind Lagen aus nicht brennbaren Materialien, die die Dämmmung durchziehen. Beides reduziere das Risiko, dass sich die Flammen schnell über die Fassade ausbreiten, so Setzler.

Werde ein Gebäude korrekt unter Beachtung aller Bestimmungen zum Brandschutz gedämmt, bestehe keine erhöhte Feuergefahr, sagt der Verbandsvertreter. Dies habe auch ein Brandversuch in Bad Salzungen im Jahr 2006 gezeigt. Ein Abrisshaus wurde mit einer 200 Millimeter starken Wärmedämmung mit EPS fachgerecht umhüllt. Diese Fassade habe den Flammen 90 Minuten lang ohne ein Eingreifen der Feuerwehr standgehalten.

Dämmungen mit Polystyrol dürfen grundsätzlich an Gebäuden mit einer Höhe von bis zu 22 Metern kommen. Aber die Brandsperren in regelmäßigen Abständen einzubauen, sei nur bei Gebäuden ab 7 Metern Höhe Pflicht, erläutert Stolte eine Ausnahme. Bei niedrigeren Häusern geht der Gesetzgeber davon aus, dass die Bewohner im Notfall schnell flüchten können. Deshalb sind die Anforderungen etwas geringer. Und hier liege ein mögliches Problem, worauf Eva Reinhold-Postina vom Verband Privater Bauherren (VPB) in Berlin hinweist. Der Bauherr sollte sein Haus freiwillig stärker vor Bränden schützen.

Die Bauexpertin rät daher Verbrauchern, die ein niedriges Haus schlüsselfertig bauen lassen, sich vom Bauunternehmen vertraglich zusichern zu lassen, dass die Handwerker zehn Zentimeter breite Streifen aus Mineralwolle oberhalb von Türen und Fenstern in die Dämmung einbauen. Das rät auch Setzler vom Fachverband Wärmedämm-Verbundsysteme. Die Zusatzkosten für ein Eigenheim dürften bei etwa 5000 Euro liegen, schätzt Reinhold-Postina.

Und wer auf Nummer sicher gehen will, hat Alternativen beim Dämmmaterial: «Mineral- und Steinwolle, Mineralschaumplatten sind überhaupt nicht brennbar», erläutert Setzler. Aber auch diese Lösung ist etwas teurer – der Materialpreis von Systemen mit Mineralwolle sei etwa 30 bis 50 Prozent höher als der von Wärmedämmungen mit EPS.

Datum 28. Januar 2013
Autor Stephanie Hoenig, dpa
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