momentum magazin für Bauingenieure präsentiert von Ernst & Sohn
Projekte

Der wahr gewordene Jugendtraum eines verrückten Galliers III

In Burgund entsteht eine Ritterburg mit Baumethoden des Mittelalters:

Guédelon – das weltweit größte, erfolgreichste und langwierigste Bauprojekt zur Experimentellen Archäologie

Bisher besteht die Burg aus dem erhöhten Hof, dem Herrenhaus mit überdachtem Wachbereich, Kapellenturm und Bergfried sowie vier weiteren Türmen. (Foto: Guédelon)

Stimmen sie wirklich, die Theorien, die Baufachleute, Architekten und Archäologen über die Bautechniken des Mittelalters haben?
Diese Frage konnte bisher nicht beantwortet werden, denn Projekte, die über bautechnische Einzelheiten hinausgingen, gab es noch nie. Eine Ritterburg ausschließlich mit authentischen Materialien und Methoden des Mittelalters zu errichten, das schien weder handwerklich noch finanziell machbar.

Doch Guédelon steht für das Unmögliche.

 

Das Herrenhaus

Mit zunehmenden Ansprüchen der Bewohner wurde der Wohnturm zu klein.
Man ergänzte das ummauerte Gebäudeensemble um ein ebenerdiges Haus ergänzt, das zunächst als Stall und Wirtschaftsgebäude gedacht war.
Doch bald gewannen Bequemlichkeit und Zweckmäßigkeit die Oberhand und die Herrschaft zog wieder in das gewöhnlichere und einfacher zu bauende Gebäude ein. In den Wohnbereichen des Hauptturms verblieben die Soldaten und Wachmannschaften. Man hatte keinen Platz zu verschenken; also wurde das Gebäude in die starken Befestigungsmauern integriert, wobei die Außenmauer besonders mächtig ausgebildet war. Die dem Hof zuweisenden und fortifikatorisch wenig geforderten Wände waren dagegen von normalem Maß.

Ansichtsskizze: Das Herrenhaus von der Hofseite aus. (Foto: Guédelon)

Auf Guédelon ist das zweistöckige Herrenhaus außen 23 Meter lang. In jedem Stockwerk befindet sich ein großer Raum mit 14 Meter Länge, sowie ein kleiner Raum mit 5 Meter Länge; alle Räume sind 5,8 Meter breit. Die Seitenmauern sind 1,70 bzw. 1,20 Meter dick, die Mauer zum Hof nur 1,0 Meter. Die Außenmauer dagegen ist mit 3,0 Metern Dicke auch gegen stärkere Angriffe gefeit.

Der große Raum im Erdgeschoss dient als Vorratslager für die Versorgung und Bewirtschaftung des Lehngutes: Hier lagerte der Burgherr im Mittelalter unter anderem all jene Produkte, die er aufgrund seiner Position an Steuern, Rechten und Bräuchen erhielt, beispielsweise landwirtschaftliche Erzeugnisse wie Getreide. Ein Tiefkellergeschoss gibt es nicht. Neben dem Vorratslager befindet sich die Küche mit einem großen Kaminofen.
In Deutschland wird man das Hauptgebäude später auch Palas nennen, nach dem altfranzösischen Wort pales (palais), was vom lateinischen palatium (kaiserlicher Hof) stammt. Hieraus entwickelte sich auch das gängige Wort Palast.

Der Handlauf in historisch authentischer Ausführung. (Foto: Frank G. Gerigk)

Das erste Stockwerk des Herrenhauses ist durch eine steinerne Außentreppe mit steinernem Geländer erreichbar. Bemerkenswert ist hierbei der Handlauf:
Wie ein Mitarbeiter berichtet, hatte der archäologische Berater Bedenken, dass das Geländer zu dekorativ und aus diesem Grund nicht originalgetreu gestaltet sein könnte. Im Mittelalter hätte der Burgherr seine begrenzten Ressourcen nicht für Dekorationen dieser Art ausgegeben, noch dazu da Guédelon eine eher kleine Burg ist.

Im Obergeschoss betritt man zunächst den großen Saal; die Aula ist der repräsentative Versammlungsraum. Hier finden Besprechungen und Feste statt, ebenso wurde hier die kleine Gerichtsbarkeit abgehalten. Dieser Raum ist das Zentrum des Banlieue (lateinisch bannum leucae, ursprünglich Bannmeile).
Hier sind die größten Fenster der Burg zu finden: Sie haben die gerundete romanische Form, sind jedoch bereits mit gotischen Verblendungen versehen, so wie  es im Baujahr 1228 sein sollte.

Durch die tief im Mauerwerk verankerten Steine wurden in der Fensternische Sitzplätze geschaffen. (Foto: Frank G. Gerigk)

Auch gibt es hier drei Söller (benannt nach Sol, dem Himmelsgestirn): bebankte Sitzplätze direkt am Fenster. Das daneben liegende Zimmer ist eine Kemenate, also ein über einen Kamin beheizbarer Raum, in dem hochgestellte Gäste des Burgherrn schliefen ─ möglicherweise die Comtesse Mahaut de Courtenay oder ein Baron de Toucy.

Eine Zimmerdecke wird es hier ─ anders als im großen Saal ─ nicht geben.
2011 wurde im großen Saal als erstem Raum auf Guédelon angefangen, mittelalterlichen Wandschmuck mit Fresken auszuführen. Anders als in vielen Filmen dargestellt, waren die meisten Burgwände im Mittelalter nicht nackt und bloß, sondern sowohl auf der Innen- als auch auf der Außenseite verputzt und teilweise mit bunten Mustern oder figürlichen Darstellungen versehen.

 

Für dieses Dach wurden 28.000 Dachziegel hergestellt – in Handarbeit. (Foto: Frank G. Gerigk)

 

Dem Ganzen ist ein beeindruckendes Sparrendachgebälk in der Ausprägung eines Hängewerkdachstuhls mit Krummstreben aufgesetzt. Die Eichen für die Hauptbalken wurden schon ab dem Jahr 2006 geschlagen und ab 2008 nach und nach eingebaut.


Der Brunnen

Zu den größten heutigen Problemen der Menschen weltweit, besonders aber in der Dritten Welt, gehört die Versorgung mit Trink- und Brauchwasser. Im Mittelalter war das nicht anders. Gerne wird sich heute darüber mokiert, dass in manchen “teutschen Landen” einem Mönch im Mittelalter fünf Liter Bier am Tag zustanden ─ ohne daran zu denken, dass frisches Wasser meist Mangelware war und es oft gar nichts anderes zu Trinken gab. Wein und Spirituosen wurden meist dazu verwendet, Wasser mittels Alkohol zu desinfizieren und trinkbar zu machen.

Das Rund des Brunnenrandes wurde aus einem einzigen Stück Felsen gehauen. (Foto: Frank G. Gerigk)

Guédelon wird über einen Brunnen, der im Hof installiert ist mit Wasser versorgt:
Ein ausgekleideter Schacht, der bis in das Grundwasser in 6 Meter Tiefe reicht. Die Brunnenfassung ist klassisch rund und mit einem Gestell versehen, sodass man einen großen Eimer an einem Seil leer hinuntergelassen und gefüllt wieder heraufgezogen werden kann.

Ein Highlight der Steinmetzkunst ist der Brunnenrand. Er umfasst den gesamten Brunnen und hat eine Tülle, damit das Wasser gezielt abfließen und dieses aufgefangen werden kann. Er wurde von mehreren Steinmetzen binnen Monaten aus einem einzigen Stück Sandstein gehauen und wiegt 1,6 Tonnen. Die unter den beiden großen Türmen befindlichen Zisternen tragen ebenfalls zur Wasserversorgung der Burg bei.

Abgehend von der spiraligen Treppe im Kapellenturm ist die Kammer zu sehen, in der Eindringlinge bekämpft werden können. (Foto: Guédelon)

Die Ausfallpforte

Das Haupttor, durch das schwer beladene Wagenfahren konnten, war meist nicht der einzige Zu- oder Ausgang einer Burg. Bereits Homer beschreibt in der Odyssee, wie militärische Einheiten von Trojanern durch geheime Pforten aus ihrer Festung gelangten und dann den griechischen Invasoren das Leben schwer machten. Auch auf Guédelon gibt es eine solche Ausfallpforte, die allerdings wenig geheim ist. Sie liegt auf der Rückseite der Burg und soll bei einem Angriff den Bewohnern der Burg die Möglichkeit zu eben jener oben bereits erwähnten Verteidigung bieten.

  • Die Tür liegt im rechten Winkel zur Außenmauer, was durch einen Vorsprung ermöglicht wird. Ein direkter Beschuss ist also nicht möglich.
  • Eine der Schießscharten des Bergfrieds, keine 25 Meter entfernt, zielt genau auf diese Ausfallpforte. Ein feindlicher Herannahender würde dem Schützen im Turm seinen ungeschützten Rücken zuwenden und könnte daher leicht bekämpft werden. Auch vom Kapellenturm aus können Angreifer unter Beschuss genommen werden.
  • Die Tür aus massiven Bohlen öffnet nach innen und lässt sich durch mehrere dicke Balken sicher verschließen.
  • Der nach oben führende Gang ist so schmal, dass lediglich eine Person hindurchpasst. Der eingedrungene Feind kann durch kleine verborgene Öffnungen in Wänden und Decke bekämpft werden.

    Beachtenswert sind die dicken Steine, die dem vorbereiteten Baugrund direkt aufliegen. (Foto: Guédelon)

  • Hat der Eindringling die Treppe überwunden, muss er eine verriegelte Tür öffnen.
  • Ist er in den dahinter liegenden Raum gelangt, der so klein ist, dass nur er selbst hineinpasst, muss er zunächst die soeben geöffnete Tür schließen, um eine weitere öffnen zu können. Dieser Raum wirkt also als „Vereinzelungsanlage”. Auch hier kann der Eindringling durch eine verborgene kleine Öffnung bekämpft werden.
  • Hat ein Feind ─ entgegen aller Wahrscheinlichkeit ─ auch dieses Hindernis überwunden, tritt er in einen überdachten Teil des Hofs, und sieht sich einer schlecht gelaunten Übermacht gegenüber.

Ein Angriff auf die Burg über die Ausfallpforte ist also wenig Erfolg versprechend, sondern eher ein Himmelfahrtskommando.

Die Burgmauer

In Fortführung der hölzernen Palisade und der Transformation organischer Materialien wie Holz, zu dauerhaften und fortifikatorisch wirksameren Strukturen ist die Burgmauer der wohl wichtigste Bestandteil der gesamten Befestigung. Deren Ausführung wurde zwischen der finanziellen Machbarkeit und der Erforderlichkeit, einem Feind zu begegnen, abgewogen. Das Schwarzpulver wird erst in etwa einhundert Jahren erfunden und so sindmechanische Ramm- und Schleuderwaffen wie Rammböcke, Katapulte oder Ballisten das Maximum dessen, was ein Gegner an Großwaffen aufbieten könnte.

Die erkennbaren Balkenlöcher waren für Gerüste vorgesehen, die inzwischen eine Etage höher stecken. (Foto: Guédelon)

Die steinernen Mauern Guédelons ragen nicht senkrecht aus dem flachen Graben vor der Burg, sondern sind auf den ersten drei Metern leicht nach innen geneigt. Dahinter befinden sich keine Räumlichkeiten, sondern Felsen und Sand: Die Basis der Burg beginnt erst dort, wo die Schräge aufhört, also etwa drei Meter höher.

Diese Außenmauern, die einen Umfang von 200 Metern haben, bilden die Basis für alle großen Bauten, die darauf und daran gebaut werden. Es dauerte volle vier Jahre, bis sie fertiggestellt waren.

Darüber wurden die eigentlichen Schutzmauern, die Türme und der Palas errichtet. Die Außenmauern sind dabei 3,0 Meter dick. Sie wachsen allerdings nicht gleichmäßig aufwärts, sondern sind integraler Bestandteil des gesamten Baustellenkonzeptes.

 

Der flache Graben um die Burg herum ist ein wiedereröffneter Steinbruch. (Foto: Frank G. Gerigk)

Die Mauer bleibt beispielsweise an jener Stelle offen, an der ein kleiner manueller Kran ─ das sogenannte „Hamsterrad” ─ steht, mit dessen Hilfe schwere Steine, Mörtel und andere Materialien vom Graben direkt auf den Hof gehoben werden. Dieser enge Bereich darf aus Sicherheitsgründen von Besuchern nicht betreten werden. Daneben wächst die Mauer stufig bis zum Eingang in den Kapellenturm an. So dient sie über Monate und Jahre als zweiter, breiterer und bequemerer Zugang. Ein ähnliches Konstrukt erleichtert den Eingang in den Bergfried ─ nur dass die Treppe hier nicht öffentlich begehbar ist. Auf der Mauer stand lange Zeit einer der Kräne, um beim Bau des Bergfrieds zu helfen. Erst nachdem der Turm zu hoch wurde, wurde der Kran auf die Spitze des Bergfrieds selbst verlegt.

 

Und wie mittelalterlicher Mauerbau funktioniert, das lesen Sie im nächsten Teil.

Links

 

Besucherinformationen

Auf dem Gelände befindet sich ein kleines Restaurant, “Taverne” genannt, in dem Besucher sich stärken können.
Für Gruppen ab zehn Personen kann hier stilecht ein mittelalterlicher Festschmaus organisiert werden.
Außerdem gibt es eine Picknickfläche, auf der mitgebrachtes Essen verzehrt werden kann.

Öffnungszeiten

Juni-August 2013 10-19 Uhr (Schließzeiten können je nach Wetter- und Lichtverhältnissen variieren)

September und Oktober: Mittwoch geschlossen

6. November 2013 bis mindestens März 2014 Winterruhe

Leserkommentare

  1. Gerhard Sander | 20. Juni 2015

    Das ist einfach nur fantastisch. Manchmal muss man einfach Träume wahr werden lassen. Alle Achtung.
    Dieses Unternehmen hat meine ganze Bewunderung.

Schreibe einen Kommentar…

Im Netz teilen

Datum 21. Juni 2013
Autor Dipl.-Geol. Frank G. Gerigk
Schlagwörter , , , ,
Teilen facebook | twitter | Google+

...