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Bauen digital

Digitalisierung der Bau-Industrie oder Industrialisierung des digitalen Bauens?

BIM-Heft-Autor Andres Damjanov hat mit dem folgenden Beitrag in der aktuellen 2019er Ausgabe einigen Staub in der Branche aufgewirbelt. Er schreckt dabei auch nicht vor gewissen Provokationen zurück. BIM-Heft-Leser Heiner Ortschmidt hat sich gern provozieren lassen, und antwortet in einem ausführlichen Kommentar auf Damjanovs Thesen. Doch lesen Sie selbst!

Von Wachstum in seiner gesunden und ungesunden Form, von digitalen Geschäftsmodellen und der Industrie des Lernens und Auswertens

 

Bild 1: Noch nicht industrialisiert: Sternbild des Skorpions

Bild 1: Noch nicht industrialisiert: Sternbild des Skorpions

„Und was können wir da machen?“ war die erste Frage nach dem Vortrag auf der Veranstaltung „On top with bim“ in Innsbruck, der diesem Text zugrunde liegt. Sie kam im Anschluss an die Eröffnung der Fragerunde durch den Moderator jedoch erst nach längerer Stille. Warum, das können Sie im Folgenden lesen.

  • Industrialisierung: „Industrialisierung bezeichnet allgemein die Einführung und Verbreitung industriell-mechanischer Formen der Produktion und Distribution von Waren und Dienstleistungen. Die Industrialisierung begann in England während der zweiten Hälfte des 18. Jhs. Später verbreitete sie sich schrittweise in andere Länder Europas und Nordamerikas, seit Mitte des 20. Jhs. zunehmend auch in Asien und Lateinamerika“. (Wikipedia)
  • Prozesse: Prozesse sind die mechanische Form der Aktion. Wir verwandeln die menschlichen Aktionen und Interaktionen in wiederholbare Blöcke und nennen sie Prozesse. Damit machen wir sie verständlicher, wiederholbar, messbar, auswertbar und verbesserbar. Der kollaterale Effekt ist, dass der Mensch langsam, aber sicher in seinem Umfeld alles wie mechanisch empfindet. Dies hat sehr tiefreichende Konsequenzen in der Art wie wir denken und unser Umfeld interpretieren.
  • Qualität: In diesem Kontext entsteht die moderne Definition der QUALITÄT: Qualität heißt dann auf einmal: Es wird/muss genau das passieren was man geplant hat, ohne plus/minus. Nicht besser oder schneller, nicht langsamer oder schlechter. Genau wie geplant … sonst bricht die Kette zusammen.

 

Happy Mac
Einer der höchsten Standart-Vertreter der oben definierten, modernen Art der Qualität ist der „Große Doppeldecker Hamburger“ der weltweit berühmtesten Fastfood-Kette (deren Name hier nichts zur Sache tut). Gerade dieses Beispiel dient mir hier dazu, die Entfernung zwischen dem industriellen Begriff der Qualität und dem Konzept eines qualitativ wertvollen Produktes oder einer ebensolchen Dienstleistung zu veranschaulichen.
Klartext: Wir haben in hundert Jahren unsere Ernährung mit hohen Qualitäts-Standards industrialisiert … und essen seitdem immer mehr S******. Bloßes Promenieren durch den Supermarkt genügt, um zu verstehen was ich meine. Und möge mich niemand falsch verstehen: Ich esse oben erwähntes Produkt (hin und wieder) auch.

 

Bild 2: Durch- bis ausindustrialisiert

Bild 2: Durch- bis ausindustrialisiert

 

Phasen der Industrialisierung

  1. Eine bestimmte Anzahl Personen beschäftigen sich mit einer „Notwendigkeit oder einem Problem“. Beispiel: Wie bekomme ich Menschen schneller von A nach B, ohne immer von diesen lästigen Pferden und dem Ökosystem um diese herum abhängig zu sein? Also wie gebe ich den Menschen mehr Freiheit sich zu bewegen? – Siehe: das Auto!
  2. Prototypen – lernen – verbessern – lernen verbessern und … langsam ein erstes „neues“ Ökosystem aufbauen, welches das neue Paradigma minimal unterstützt. Irgendwann steht die Lösung, sie funktioniert, und sie macht Sinn. Das Auto fährt, und ich bekomme Benzin alle X Kilometer.
  3. Gesundes Wachstum. Immer mehr Menschen werden in das Beziehungsgeflecht verstrickt. Sowohl Konsumenten als Zulieferer und Zulieferer von Zulieferern. Standarisierung macht diese Phase erst möglich. Das Resultat: Ford – the new normal.
  4. Too big to fail. Das neu etablierte Ökosystem ist mittlerweile so groß, dass man den Prozentsatz der Bevölkerung, der ohne das Produkt zu konsumieren, nicht mehr leben kann sowie, ohne in der Wertschöpfungskette zu arbeiten, nichtmehr leben kann, mit großen Ziffern veranschlagen kann. Das Ökosystem selbst wird sich seiner Macht bewusst, und es fängt an mit ihr zu spielen. Warum in den USA die Waffenindustrie die Macht hat, ihre Produkte in den Supermarkt zu stellen, oder in Deutschland die Automobilindustrie die Macht hat, als einziges Land der Welt unbegrenzte Geschwindigkeiten auf der Autobahn zu legalisieren, sind hierfür nur zwei marginalere Beispiele.
  5. Ungesundes Wachstum (Tumor). Alle Beteiligten unserer modernen Ökonomie müssen wachsen oder werden sterben. Dieser Treiber sitzt tief im System. Wenn dieser Punkt erreicht ist, polt sich etwas um. Es geht der Industrie nichtmehr um das schöpfen von Wert für die Menschen (Phase 1). Es geht der Industrie und deren Beteiligten um das Überleben selbst. Hier wird dann mit allen Mitteln um das Leben (Wachstum) gekämpft.

 

Bild 3: Vor dem Promenieren durch den Supermarkt

Bild 3: Vor dem Promenieren durch den Supermarkt

 

Genug ist nicht genug

  • Impuls Konsum: Neues wird immer wieder als minimal begehrenswert, eher aber als „geil“ präsentiert, ob es einen Wert bringt oder nicht. (Dies funktioniert bei den „Visionaries“). – Beispiel: Ob ich mit der Drohne etwas Wertschöpfendes anfange, oder nur meine Nachbarn nerve … Hauptsache ich hab’ das neue Spielzeug.
  • Induzierte Obsoleszenz: Man wird manipuliert, um die neuste Variante als korrekt, die ältere Variante als unakzeptabel zu empfinden. (Dies funktioniert bei „Early Adopters“ und auch bei der „Early Majority“). – Beispiel: Mein Nachbar weiß sofort, ob mein Audi ein Jahr oder eher sieben Jahre alt ist. Jeder neue Audi macht, dass das Model des letzten Jahres irgendwelche „öden“, veralteten Details hat, die man sehr offensichtlich sehen kann. – Der alte Hut der ins Design integrierten Obsoleszenz eben …
  • Peer Pressure: Die Industrie stützt „Tribes“ die der Mehrheit des Marktes eintrichtert, dass sie etwas Unkorrektes oder Veraltetes tun. ( Dies funktioniert bei „Early Majority“ und bei „Late Majority“). – Beispiel: Etwas fängt mit kleinen „Non Profit“-Organisationen an, wächst dann über die Workshops der Kammern und Gremien bis hinein in die Normen wie CEN, ISO oder DIN.
  • Prozess Druck: Es wird leicht gemacht, dass es immer schwerer ist, mit älteren Versionen und Varianten noch zum Austausch fähig zu sei. (Dies funktioniert bei der „Late Majority“). – Beispiel: Ich bekomme keine Updates mehr für mein Lotus Datenbank-Plugin.
  • Geschützt/Gesetz oder Norm: Es wird vom Gesetzgeber und den Standards ganz einfach eine Weise gesetzt, die es unmöglich macht, nicht mit der Industrie und dem letzten Angebot mitzugehen. Dies ist der perfekte Output für die Industrie und die Kunden nennen sich dann „Captive Clients“. (Dies funktioniert sogar bei den „Laggards“). Die Industrie hat die Macht nun so weit entwickelt, dass sie das Gesetzt beeinflussen kann. – Beispiel: Der Rundfunkbeitrag (210 €/Jahr), auch wenn man beweisbar keinerlei Rundfunk-Empfänger besitzt.

 

Was hat das alles mit BIM und der Digitalisierung der Bauindustrie zu tun?
Die Frage lautet unterdessen eher: In welcher Phase sind wir jetzt? Was ist der Mehrwert der digitalen Werkzeuge für die Beteiligten in einer ersten Phase? Kerngeschäft des Architekten ist es, inspirierende Räume und Szenarien in die Städte zu projizieren, die die Lebensqualität der Menschen erhöhen. Hierzu haben die Tools der Digitalisierung enorme bis faszinierende Möglichkeiten mit sich gebracht, die sich in Objekten von Snøhetta oder Zaha Hadid materialisieren. Architektur wie sie vor 3 Jahrzehnten nicht denkbar war. Die Digitalisierung hat den Mehrwert gebracht, fast jeden ästhetischen Traum in ein Objekt verwandeln zu können. Kerngeschäft der Ingenieure ist es, diese Objekte bis ins Detail zu durchdenken, um sie baubar zu machen. Die Tools der Digitalisierung haben es möglich gemacht, die architektonischen Objekte komplett im Voraus einmal digital zu konstruieren und sogar zu simulieren. Die Digitalisierung hat den Mehrwert gebracht, die Baubarkeit zu garantieren und unerwartete Vorfälle auf ein Minimum zu reduzieren. Kerngeschäft der Bauunternehmen ist es, mit dem Budget, das sie vorgeschlagen haben, sowohl das Material zu beschaffen als auch die nötige Baulogistik vorzuhalten, um das Objekt zu materialisieren. Die Tools der Digitalisierung haben es möglich gemacht, die Kosten auf den Millimeter genau zu kontrollieren, und sogar den Bauablauf komplett zu simulieren und demzufolge zu optimieren. Die Digitalisierung hat den Mehrwert gebracht, die Investitionen unter Kontrolle zu haben. Bis hier ist alles noch Phase 1, 2 und 3. Mittlerweile ist das Interessensgeflecht jedoch enorm gewachsen. Die Bausoftware-Industrie fängt nun an, diese Dimension in Macht auszuspielen. Immer mehr ist die Rede von Normen und Gesetzten, die definieren sollen, wie die Information auszusehen hat. Allein, nur die uralte, natürliche Kollision zwischen den Beteiligten hat sich zugespitzt. Architekten die digital planen (weil ein Mehrwert für sie …) werden immer wieder auf Events und in Workshops von Ingenieuren angegriffen, die der Meinung sind, dass die „BIM“- Modelle nicht akzeptabel sind. Natürlich sind die Modelle/ Informationen akzeptabel, aber halt für das was dem Architekten wichtig ist. Die Bauunternehmer wiederum ziehen die gleiche Karte und greifen die Planer an, denn die Modelle sind nicht für das gedacht, was die Bauunternehmen halt kontrollieren wollen. Diese Kollisionen werden künftig, behaupte ich, noch gravierender – trotz Normung. Wenn wir aber jetzt einmal von diesen Kleinigkeiten absehen, und uns damit beschäftigen, was wir gerade gelernt haben, dann würde ich folgende Projektion vorschlagen.

 

Bild 4: Siehe: das Auto!

Bild 4: Siehe: das Auto!

 

Geschäftsmodelle
Zunächst schwebt mir eine 3-Teilung der Software-Industrie vor:

  • Das Tool Business: Die unternehmen, welche Werkzeuge herstellen, mit denen man halt arbeitet. – Beispiel: Mit einem CAD-Programm eine Zeichnung erstellen oder mit einem AVA-Programm eine Kostenberechnung.
  • Das Hosting Business: Die Unternehmen, deren Business-Model es ist, die Daten zu speichern, zugänglich zu machen, oder für die Bewegung der Informationen rein und raus zu kassieren. – Beispiel: Projekträume und BIM-Plattformen die immer mehr die Unternehmen in die Richtung drücken, Ihre Projekte im inneren eines externen Unternehmens abzuspielen.
  • Das Lern Business: Die Business-Modelle, deren Services mehr oder weniger gratis sind, die davon leben, aus dem Verhalten der Information zu lernen, und das Gelernte in Geld zu verwandeln. – Beispiel: Amazon weiß, welches Buch ich am wahrscheinlichsten demnächst kaufen werde und schlägt es mir vor).

Während das erste Business-Modell relativ inoffensiv ist, lässt sich bei dem zweiten und dritten schon mutmaßen, dass, so es denn stimmt, dass Industrien irgendwann eigenständige Lebewesen werden, diese die individuellen Interessen der Kunden in den Hintergrund stellen und wir uns mithin aufs Glatteis begeben. Wenn das wichtigste Asset eines Unternehmens wirklich die Information ist, und die Fähigkeit nicht nur aus der generierte/geschriebenen Information, sondern auch aus den Metadaten und Tendenzen des Alltags-Business lernen zu können, dann heißt das grundsätzlich: Wir laden unsere Intelligenz und Lernfähigkeit in externe Container, die globalen Unternehmen gehören, die sie sich von Jahr zu Jahr zusammenkaufen, und deren Interesse es ist, zu wachsen (trotz Kunden). Und hier ist explizit von globalen Unternehmen die Rede, um zu unterstreichen, dass diese eine eigene
Vorgehensweise und Ethik haben im Vergleich etwa zu zentraleuropäischen Playern.

 

Bild 5: … dass Industrien irgendwann eigenständige Lebewesen werden …

Bild 5: … dass Industrien irgendwann eigenständige Lebewesen werden …

 

Industrialisierung des Informationsaustausches
Die BauSoftwareIndustrie ist recht eigentlich nicht neu, aber die Industrie des Lernens und Auswertens von Informationen ist eben erst geboren worden. Niemand kann jetzt vorhersagen, wie diese sich in den nächsten 10 Jahren weiterentwickeln wird, und noch weniger darauf vertrauen, dass das Gesetzt, mit seiner reaktiven Latenz von 20 Jahren hier hilfreich wird sein können. Sollte ich richtig liegen, digitalisieren wir gerade nicht die Bauindustrie, sondern wir industrialisieren gerade den digitalen Informationsaustausch des Bauens. Das heißt, es wird bald wichtiger sein, Architekten, Ingenieure und Bauunternehmen als klaren, spezifischen, messbaren und bezahlbaren Mehrwert dazu zu bringen, ihre Software upzudaten, upzugraden, neue Anschaff ungen zumachen, bei XYZ zu hosten, das uploaden und downloaden der Informationen zu bezahlen und die Metadaten in den gehosteten Dosen zur Auswertung freizugeben – und: dass sie niemals aussteigen oder wechseln können. Die Maschinerie der Industrie und ihres Beziehungsgeflechtes steht schon und bereitet sich vor, die Macht zu übernehmen. Die Spannungen in den „Non Profit“-Organisationen wie Building Smart sind hier ein klares Symptom. Es geht nicht mehr um die IFC-oder BCFSchnittstelle oder den Mehrwert, sondern um die politische Frage, wer hier und wie die Kontrolle hat. Die neue Industrie wird entstehen und platt machen. Sie wird vom Gesetzt und der Norm geschützt sein. In den kommenden Jahren wird man weiter die Tendenz beobachten können, dass die Tool-Softwares von den größeren Playern des Hostings und des Lernens aufgekauft werden. Ein Zukunfts-Bild könnte sein: Ein zentraleuropäischer Projektsteurer mit 2.000 Mitarbeitern, der ein Groß-Projekt in einem CDE steuert, wird von einem Dienstleiter angerufen, der Hilfe in „Projekt Rescue“ anbietet. Hintergrund: Die Tendenz der Kommunikation im CDE hat
sich über die letzten 6 Monate von einem stark zentralisierten Austausch der beteiligten Unternehmen, zu einem das Zentrum meidenden Austausch verändert. Auswertung:
Der Projektsteurer hat die Kontrolle und Macht über den Austausch verloren, und die beteiligten Unternehmen kommunizieren jetzt lieber direkt untereinander als zentralisiert (diese Software gibt es übrigens schon, um email-Tendenzen auszuwerten). Mein Ratschlag an Steurer und Strategen der Industrie: Entscheiden Sie zügig, ob sie das Lernen über das inneren Verhalten Ihrer Unternehmen auslagern möchten, oder lieber im Haus behalten.

 

Epilog
Ein Skorpion wollte einen Fluss überqueren. Da traf er am Ufer einen Frosch und bat diesen: „Lieber Frosch, nimm mich bitte auf deinem Rücken mit zum anderen Ufer!“ – „Ich bin doch nicht lebensmüde. Wenn wir dann auf dem Wasser sind und du mich stichst, dann muss ich sterben“, entgegnete ihm der Frosch. „Wie könnte ich dich stechen? Dann gehen wir ja beide unter und müssen beide sterben“, antwortete der Skorpion. Da überlegte der Frosch und sagte: „Ja, da hast du wohl recht. Steig auf meinen Rücken.“ Kaum waren sie einige Meter geschwommen, spürte der Frosch einen stechenden Schmerz und er schrie: „Jetzt hast du mich doch gestochen. Wir müssen beide sterben!“ Darauf der Skorpion: „Ja, tut mir leid. Aber ich bin ein Skorpion und Skorpione stechen nun mal!“

 

Bild 6: Nicht industrialisiertes, eigenständiges Lebewesen

Bild 6: Nicht industrialisiertes, eigenständiges Lebewesen

 

Bild 7: Sticht nun mal (Fotos: pxhere)

Bild 7: Sticht nun mal (Fotos: pxhere)

Andres Damjanov

 


CDE nein danke? BIM kommt nicht aus der Steckdose!

Die Common Data Environments als neues Schreckgespenst? Datenkrake, Unterdrückungsinstrument, Gleichschaltungswerkzeug? – Dieser Artikel intoniert wortreich den Unwillen einer gottlob sinkenden Schar innerhalb der Bauindustrie, die eine kooperative Arbeitsweise als Bedrohung ihres bisherigen Vorgehens betrachtet. Auch die geäußerten, pseudo-philosophischen Anwandlungen täuschen nicht darüber hinweg, dass – noch bestehende – Geschäftsmodelle auf Intransparenz und im Klartext “Kundenverarsche” basieren.

 

Bild 8: Kommt kein BIM raus

Bild 7: Kommt kein BIM raus

 

Wenn hier das Schreckgespenst multinationaler Datenkraken an die Wand projiziert wird, verschweigt man geflissentlich, dass es bereits Dutzende kleiner und mittelständischer Unternehmen gibt, die ein CDE anbieten und dabei einen ganz lokalen Kundenkreis bedienen.
Wollte man also wirklich zusammenarbeiten und seinem Misstrauen gegenüber großen Anbietern nachgeben, so bestünden ausreichend Möglichkeiten, ein CDE zu verwenden. Aber Aufklärung in dieser Hinsicht scheint nicht Intention des Artikels zu sein. Es geht ihm offenbar vielmehr darum, Transparenz und Zusammenarbeit an sich zu diskreditieren.

 

Bild 9: Gespenstisch – aber keine Datenkrake

Bild 2: Gespenstisch – aber keine Datenkrake

 

Verkennung des Mehrwerts
Die im Artikel angeführten Beispiele scheinen von Verschwörungstheorien getrieben zu sein. So sind die aufgezwungenen „Rundfunkgebühren“ für Radioagnostiker wohl ein sehr mageres Beispiel für die Nutzungs-“Gebühren” einer plattformunterstützten Zusammenarbeit mittels eines CDE. Wer die Vergütung für den Einsatz eines CDE mit einer Zwangsabgabe gleichsetzt, verkennt offenkundig den Mehrwert einer prozessorientierten Zusammenarbeit. Und das nicht ohne Grund, gilt es doch, altbekannte Pfründe abzusichern. Artikel dieser Art verhindern nicht nur die Mitarbeit und Einflussnahme eines größeren Kundenkreises bei der Weiterentwicklung von Lösungen. Wer sich in den Schmollwinkel zurückzieht, überlässt zwangsläufig den dominanten Playern das Feld. Da diese dann gewollt oder ungewollt zum Platzhirsch erkoren werden, sind deren Interessen dann bei der Umsetzung von Anwendungsfällen in Softwarelösungen, beispielsweise CDEs, ausschlaggebend. Schnell gibt man dann den “Überrollten”, ohne allerdings selbst je einen Fuß vor die Haustür gesetzt und eigene Interessen und Anforderungen klar ausgedrückt zu haben.
Diese mangelnde aktive Teilnahme und Verweigerung einer konstruktiven Mitarbeit setzt sich leider bis in die deutschen Standardisierungsgremien von VDI und DIN fort. Kritische Stimmen, die sich konstruktiv, auch mit zivilgesellschaftlichen Intentionen, einbringen wollen, sind dort äußerst willkommen. Polemische Zwischenrufe aus dem Off nach dem Motto “ich habe nicht mitgemacht, welchen Unsinn haben DIE da bloß zusammengeschrieben!” dagegen weniger. Dieser sehr bedauerliche Argumentationszyklus führt zu einer Abwärtsspirale in die Verweigerungshaltung. Statt einer motivierten kritischen Mitarbeit den Vorzug zu geben, werden hier Unterstellungen mit Argumenten verwechselt. Die darauf aufbauenden Schlussfolgerungen machen das nicht stichhaltiger.

 

Bild 10: Sehr mageres Beispiel

Bild 10: Sehr mageres Beispiel

 

Von Menschen gemacht
Dem Autor sei gesagt: auch Software, inklusive CDEs, werden von Menschen gemacht. Ich kenne niemanden in der Softwareindustrie, der die im Artikel offen oder implizit geäußerten dunklen Intentionen verfolgt und sie überdies auch noch in Software umsetzen wollen würde. Wenn hier wenigstens ein Systemfehler als Ursache für schädliche Tendenzen angeführt worden wäre, könnte sich daraus noch eine fruchtbare Diskussion über gesellschaftliches und politisches Reagieren entwickeln. Aber auch hier sucht man konstruktive Ansätze vergeblich.
In multinationalen Unternehmen ist es gängige Praxis, durch engen Austausch mit seinen Kunden deren Arbeitsweise, Lösungsbedarf und Wünsche kennenzulernen. Softwarelösungen werden miteinander in langen und intensiven Zyklen verfeinert und verbessert. Bevor diese Lösungen auf den Markt kommen, werden Pilotphasen dazwischengeschaltet, in denen man zusammen mit seinen Kunden sehr genau prüft, ob man wirklich die erwartete Lösung entwickelt hat. Hier können natürlich nur die Kundenwünsche erfüllt werden, die am Markt in Erscheinung getreten sind. Eine freiwillige Selbstzurückhaltung im Schmollwinkel wird daher kaum eine softwaretechnische Umsetzung finden.

 

Bild 11: Von Menschen gemacht

Bild 11: Von Menschen gemacht

 

Erfolg strukturierter prozessunterstützter Zusammenarbeit
Dennoch ist die Meinungsäußerung in diesem Artikel hochinteressant, denn sie charakterisiert eine nicht zu unterschätzende schweigende Gruppe, die – ohne sich damit selbst einen Gefallen zu tun – eine Entwicklung zum Guten wohl selber nicht aktiv mitgestalten möchte.
Wie wir wissen, können die Kosten für unsere Gebäude 10 – 20 % geringer sein, ebenso die Bauzeit und das bei steigender vorhersagbarer Qualität. Dies ist unter anderem der Erfolg einer strukturierten prozessunterstützten Zusammenarbeit durch CDEs. Das sind keine Fake News, sondern zigfach nachgewiesene Projektergebnisse. Die heutigen 20 % Mehrkosten sind Teil eines gigantischen Umverteilungsprozess’, der heute leider noch jeden Tag in der Baupraxis abläuft. Dieses Geld wird dem Bauherrn, also letztlich den Nutzern, Mietern, uns Steuerzahlern und damit dem Teil der Gesellschaft entzogen, der auf der Geberseite dieses Umverteilungsprozess steht. Wir alle sollten daher ein großes Interesse daran haben, dass dieser Umverteilungsprozess, von dem einige Wenige profitieren, gestoppt wird. Denjenigen, die durch Intransparenz und mangelnde Kommunikation auf dubiose Weise ihr Geld verdienen, wird durch Verfahren und Methodiken wie BIM das Handwerk erschwert. Bei dieser Klientel kommt BIM offenkundig nicht besonders gut an.
Wie viele Kindergärten, Schulen und Krankenhäuser hätten mit dem Geld gebaut werden können, das am Flughafen Berlin-Brandenburg verbrannt, nein umverteilt!, wurde und noch immer umverteilt wird? Mit BIM, und das heißt auch mit CDE-Einsatz, wären diese Projekte nicht aus dem Ruder gelaufen!
Auch in der Baupraxis kommt Strom nicht aus der Steckdose. Verbranntes Geld wird nicht im Keller der Bank nachgedruckt. Es sind wir alle, die diese Lasten zu tragen haben.

 

Bild 12: Nicht das Feld überlassen

Bild 12: Nicht das Feld überlassen

Heiner Ortschmidt

 

Copyright aller Fotos: ©pxhere

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Datum 24. Februar 2020
Autor Andres Damjanov, Heiner Ortschmidt
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