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Corporate Identities im Jura

Der westliche Jura ist ein eher abgeschiedenes, zerklüftetes Gebiet. Trotzdem gibt er sich kosmopolitisch, sei es in seiner Funktion als geographische Schwelle, sei es mit seiner Tradition der Feinmechanik. Und immer bestimmt die Landschaft den Takt.

Bahnhof Vallorbe

Bahnhof Vallorbe (Foto: M. Pestalozzi)

Im Faltengebirge kann sich die Geographie abrupt ändern: Nach sanft gewellten Hochtälern mit Tannengruppen findet man sich plötzlich über tiefen Schluchten mit schroffen Felswänden und buschigem Laubwald. Eine menschenfeindliche Wildnis, könnte man meinen. Aber in diesem Gebiet fand vor gut zweihundert Jahren die hochspezialisierte Feinmechanik-Facharbeit in stillen Kammern eine Heimat. Seither entstehen Zeitmessgeräte für den internationalen Markt. Die einsamen Ortschaften sind mit Strassen, Bahnen und Bähnchen an die grosse, weite Welt angebunden. Ihre Architektur macht den kosmopolitischen Charakter des Geschäfts gelegentlich deutlich.

Vallorbe liegt in einem der engen Täler am Fusse der Hochebenen. Seit 1915 verbindet hier der Tunnel du Mont d’Or Lausanne mit Paris, das Nordportal liegt bereits in Frankreich. Schon 1913 war der Grenzbahnhof bezugsbereit. Die Architekten waren Jean Taillens et Charles Dubois aus Lausanne. Er dient auch als Endstation des Bähnchens, welches das Vallée de Joux erschliesst. Der Prachtbau, ein Eingangstor zur Schweiz, erhebt sich weit oberhalb des Städtchens, über ihm ist nur noch Fels und Vegetation. Aus der Ferne könnte man ihn für ein Grand-Hotel der Gründerzeit halten. Die schöne Jugendstil-Malerei auf der Hauptfassade lässt die Schweizerischen Bundesbahnen, französisch Chemins de fer fédéraux suisses (CFF), hochleben. Heute hält dort der TGV. Doch die Station auf ihrer Sonnenterrasse hat schon bessere Zeiten gesehen. Eine bauliche Aufwertung scheint in Planung zu sein.

Das andere Ende der Bahnstrecke ins Vallée de Joux befindet sich in Le Brassus. In diesem Dorf wurde 1875 die Uhrenmanufakturgruppe Audemars Piguet gegründet. Sie hält dem Ort in der eher kargen Landschaft bis heute die Treue und hat ihren Gebäudestand laufend erweitert. Die jüngste Ergänzung hat über die Region hinaus Wellen geschlagen: Für die Planung einer Kombination von Museum und Schaumanufaktur wandte sich das Unternehmen an den dänischen Architektur-Shootingstar Bjarke Ingels aus Kopenhagen. Sein Büro, BIG genannt, entwarf eine Doppelspirale. Von der angrenzenden bergseitigen Hauptstrasse her gesehen versteckt sie sich hinter einem Grasbuckel zwischen zwei historischen Bauten des Firmengeländes. Zum Tal hin öffnet sich der Rundbau mit den gegenläufig schrägen begrünten Dächern.

Eine andere Ansicht des Musée Atelier Audemars Piguet

Eine andere Ansicht des Musée Atelier Audemars Piguet (Foto: M. Pestalozzi)

Musée Atelier Audemars Piguet

Musée Atelier Audemars Piguet (Foto: M. Pestalozzi)

Das Museum lässt sich nur auf Anmeldung und im Rahmen begleiteter Führungen besuchen. Exklusivität ist das A und O des Uhrengeschäfts im Luxussegment. Diese Art der Corporate Identity ist das Unternehmen seiner Kundschaft vermutlich schuldig. Vom Raumerlebnis im Innern kann der ahnungslose, also unvorbereitet daherpedalende Tourist deshalb nicht berichten. Von aussen gesehen ist das grosszügig verglaste und mit dunkeln Blechen verkleidete Bauwerk sehr diskret; es gräbt sich in den Hang ein und wird von den weiss gestrichenen Manufakturbauten überragt. Der Eindruck einer Schatzkammer passt; der Ort verliert nichts und gewinnt ein bisschen.

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Datum 28. Juli 2020
Autor Manuel Pestalozz
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