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Flachdächer, Flachdachplanung, Gebäudebegrünung

Das Flachdach optimal nutzen: Was für Potenziale!

Allein in Deutschland stehen alles in allem ca. 1,2 Milliarden m2 Flachdachfläche zur Verfügung. In der Summe ergibt das eine Fläche, die deutlich größer ist als das Stadtgebiet von Berlin. Leider wird dieses Potenzial aber noch viel zu selten genutzt. Dabei bietet der offene Gestaltungsfreiraum auf dem Dach vielfältige Möglichkeiten – vom ökologischen Gründach bis hin zur attraktiven Fitnessstrecke mit Swimmingpool. Zu beachten ist allerdings eine fachgerechte Abdichtung, die die jeweilige Nutzung optimal berücksichtigt.

Das Flachdach bietet zahlreiche Vorteile gegenüber einem Steildach. Dazu zählen neben dem geringeren Eigengewicht des Dachaufbaus vor allem die deutlich größeren Nutzungsmöglichkeiten. In der Praxis haben sich insbesondere die Gestaltung als Gründach, der Einsatz von Photovoltaik und die Ausbildung als Dachterrasse durchgesetzt. Bei vielen Hochhäusern dient das Flachdach außerdem zur Unterbringung von technischen Aufbauten.

Nutzung als Gründach

Beliebt ist hierzulande vor allem die Nutzung des Flachdachs als Gründach. Nach Angaben des Zentralverbands des Deutschen Dachdeckerhandwerks (ZVDH) ist Deutschland mit geschätzt 100 bis 150 Millionen m2 an ausgeführter Fläche sogar weltweit führend in dieser Hinsicht. Und das hat vor allem klimapolitische Gründe. Denn als städtebauliches Instrument werden Gründächer in Deutschland teilweise öffentlich gefördert oder sind sogar als Ausgleich für versiegelte Flächen vorgeschrieben. Schließlich sehen begrünte Dächer nicht nur gut aus, sondern sie wirken sich auch positiv auf das städtische Mikroklima aus, indem sie Staub binden und außerdem für Temperaturausgleich und Luftfeuchtigkeitsregulierung sorgen. Hinzu kommt, dass Gründächer Wasser zurückhalten und damit bei Starkregenereignissen die Kanalisation entlasten und dass sie zusätzlich einen wichtigen urbanen Ersatzlebensraum für Pflanzen und Tiere darstellen.
Darüber hinaus sprechen auch bauphysikalische Aspekte für den Einsatz von Gründächern. Denn die zusätzliche Schutzschicht oberhalb der eigentlichen Abdichtung schirmt das Dach wirksam vor Witterungseinflüssen und UV-Strahlung ab. Durch die aufliegende Substratschicht ist die Dachabdichtung außerdem auch vor mechanischen Einwirkungen bestens geschützt. Und das sorgt nicht nur für einen ressourcenschonenden und damit umweltgerechten Materialverbrauch, sondern trägt gleichzeitig auch zur Kostenreduktion bei.
Grundsätzlich stehen zwei Varianten der Dachbegrünung zur Auswahl: Eine extensive Dachbegrünung mit robusten Pflanzenarten wie Sedum schafft eine flach wachsende Vegetation, die kaum Pflege benötigt. Deutlich aufwendiger ist eine intensive Dachbegrünung mit Sträuchern, Zierpflanzen, Gemüsebeeten oder Bäumen, die das Dach regelrecht zum Garten macht.

Das Flachdach als Solarkraftwerk

Große ökologische und ökonomische Vorteile bietet auch die Nutzung des Flachdachs als Standort zur Aufstellung von Photovoltaik- oder Solarthermieanlagen. Die zahlreichen staatlichen Förderungen, die hohen Energiekosten, das gestiegene Umweltbewusstsein sowie weiter verbesserte Anlagen mit optimierten Wirkungsgraden haben dabei für deutliche Zuwachsraten in den vergangenen Jahren gesorgt.

Die Photovoltaikanlage auf dem Dach des Evangelischen Bildungswerks in Berlin (Planung: KSP Engel Architekten) bietet einen wichtigen Baustein für einen nachhaltigen und kostengünstigen Betrieb des Gebäudes

Die Photovoltaikanlage auf dem Dach des Evangelischen Bildungswerks in Berlin (Planung: KSP Engel Architekten) bietet einen wichtigen Baustein für einen nachhaltigen und kostengünstigen Betrieb des Gebäudes (Foto: Solveig Böhl)

Um das Flachdach als gebäudeeigenes Solarkraftwerk nutzen zu können, müssen zunächst einige Vorbedingungen erfüllt sein. Wichtig ist insbesondere, dass das Dach nicht oder nur wenig durch Bäume oder durch andere Gebäude verschattet wird, sodass sich die Anlage effektiv betreiben lässt. Darüber hinaus muss sichergestellt sein, dass der Dachaufbau statisch in der Lage ist, neben den Eigenlasten auch sämtliche Wind- und Schneelasten sicher aufzunehmen und dauerhaft in das Gebäude weiterzuleiten.
Ein wichtiger Aspekt bei der Planung von dachintegrierten Solaranlagen betrifft außerdem die Funktionalität der Dachabdichtung. Um einen sicheren Betrieb ohne Schäden an der Bausubstanz zu ermöglichen, muss insbesondere darauf geachtet werden, dass der Wasserablauf nicht behindert wird, dass Gullys Tiefpunkte bleiben und dass die Solaranlage nicht zur Pfützenbildung führt.
Außer als Gründach oder als Solardach lässt sich das Flachdach auch als luftige Dachterrasse nutzen. Mit überschaubarem Aufwand lässt sich so der vorhandene Wohnraum erweitern und eine attraktive Außenfläche an der frischen Luft schaffen, die gleichzeitig auch den Wert der Immobilie steigert. Vor einer entsprechenden Planung muss allerdings auch hier sichergestellt sein, dass die Dachfläche die statischen Anforderungen an eine Dachterrasse erfüllt und sich kein stehendes Wasser auf dem Dach bilden kann.

Weitere Trends

In Zusammenarbeit von Stefan Forster Architekten und der ausführenden Firma Liwood werden die Wohnhäuser der Platensiedlung in Frankfurt/M. um jeweils zwei Geschosse in Holzbauweise aufgestockt

In Zusammenarbeit von Stefan Forster Architekten und der ausführenden Firma Liwood werden die Wohnhäuser der Platensiedlung in Frankfurt/M. um jeweils zwei Geschosse in Holzbauweise aufgestockt (Foto: Liwood/Skycamera)

Ausgehend von der steigenden Nachfrage nach Wohn- und Büroraum in unseren Städten haben sich in den vergangenen Jahren weitere Ideen und Konzepte zur Nutzung von Flachdächern durchgesetzt. Wichtige Trends sind insbesondere die Nachverdichtung bzw. Aufstockung vorhandener Flachdachbauten, die Umsetzung von Urban Farming oder die Nutzung des Flachdachs für Sport und Freizeit.

Nachverdichtung

Nach einer aktuellen Studie der Technischen Universität Darmstadt könnten allein auf Wohngebäuden der 1950er- bis 1990er-Jahre bundesweit bis zu 1,5 Millionen Wohneinheiten neu aufgestockt werden. Ein entscheidender Vorteil dabei: Die erforderliche Infrastruktur ist bereits vorhanden und kann einfach ausgebaut werden. Zudem müssen keine neuen Grundstücke erschlossen werden. Ein beispielhaftes Pilotprojekt für eine solche nachträgliche Aufstockung von Bestandsgebäuden ist die Platensiedlung in Frankfurt/M. Hier werden aktuell 19 Wohnhäuser aufgestockt und dadurch mehr als 26.000 m2 Wohnfläche neu geschaffen.

Urban Farming

Urban Farming schafft grüne Anbauflächen für Obst und Gemüse mitten in der Stadt

Urban Farming schafft grüne Anbauflächen für Obst und Gemüse mitten in der Stadt (Foto: istock, manonallard)

Ein weiterer wichtiger Trend zur Flachdachnutzung ist das Urban Farming, mit dem das Flachdach ganz unverhofft zur Anbaufläche für Gemüse-, Obst-, Blumen- oder Kräutergärten mitten in der Stadt wird. Die Vorteile dabei liegen auf der Hand: Zum einen werden Transportwege und damit Emissionen eingespart. Gleichzeitig verbessern die Dachgärten das Mikroklima der Stadt und sorgen dafür, dass Verbraucher von frischem Gemüse und Obst profitieren.
Mittlerweile setzen auch immer mehr Unternehmen auf Urban Farming. Zu den Vorreitern zählt dabei die belgische Supermarktkette Delhaize, die 2017 erstmals eine Filiale mit Dachgarten samt Gewächshaus eröffnet hat. Entsprechend dem Prinzip „vom Dach direkt ins Supermarktregal“ landet das morgens geerntete Gemüse und Obst dort direkt in den Verkaufsflächen.

Das Flachdach als Fitnessfläche

Auf dem Dach des neuen Hauptsitzes von trivago steht den MitarbeiterInnen des Unternehmens eine attraktive Laufstrecke zur Verfügung

Auf dem Dach des neuen Hauptsitzes von trivago steht den MitarbeiterInnen des Unternehmens eine attraktive Laufstrecke zur Verfügung (Foto: sop architekten, Constantin Meyer)

Ein spannendes Referenzobjekt für die vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten von Flachdächern bietet auch der neue Hauptsitz der weltweit größten Hotelsuchmaschine trivago. Der im Düsseldorfer Medienhafen nach Plänen von sop architekten realisierte Firmencampus überzeugt nicht nur durch seine organische Architektursprache, sondern auch durch seine abwechslungsreich begrünten Außenbereiche, Wasserflächen und Fitnessmöglichkeiten. Ein wichtiges Element ist dabei die luftige Dachterrasse, die u. a. auch eine Joggingstrecke mit weiter Aussicht über die Stadt bietet.

Statische Voraussetzungen

Im Gegensatz zu nicht genutzten Flachdächern, die ausschließlich zur Wartung und Pflege und zur allgemeinen Instandhaltung begangen werden, sind genutzte Flachdächer für den Aufenthalt von Personen oder als Gründach vorgesehen. Um diese erweiterte Nutzung zu ermöglichen, müssen die im Vergleich zu einem ungenutzten Dach deutlich erhöhten statischen Lasten des Dachaufbaus berücksichtigt werden. Bei einer geplanten Dachbegrünung ergibt sich dabei je nach gewählter Aufbauhöhe der Begrünung ein zusätzlich einzuplanendes Gewicht von 60 bis 400 kg/ m2. Schon bei einer vergleichsweise kleinen Dachfläche von 200 m2 muss somit eine zusätzliche Last von bis zu 80 t berücksichtigt werden.

Fazit

Egal ob als grüne Dachlandschaft, als funktionale Fitnessfläche oder als Grundlage für eine spätere Nachverdichtung – die Möglichkeiten der Flachdachnutzung sind vielfältig. Unabhängig vom jeweils gewählten Nutzungskonzept muss dabei eine fachgerechte Abdichtung berücksichtigt werden. Ganz entscheidend dafür ist die Wahl eines hochwertigen Dichtungsmaterials. In der Praxis haben sich insbesondere zweilagige Dachabdichtungen aus Bitumen- und Polymerbitumenbahnen bewährt. Die Bahnen sind nicht nur langlebig, sondern zeichnen sich zudem durch eine außerordentliche thermische und mechanische Belastbarkeit aus. Ein weiterer Vorteil von Bitumen- und Polymerbitumenbahnen ist ihre einfache Verarbeitbarkeit. Das zweilagige Verlegen der Bahnen vermindert das Risiko einer Undichtigkeit und bietet so ein sicheres und vor allem dichtes Fundament für unterschiedlichste Dachnutzungen.

Mehr Informationen finden Sie hier.

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