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Kolumne Falk Jaeger

Das Geld der Anderen

Propsteikirche St. Trinitatis in Leipzig Außenansicht

Propsteikirche St. Trinitatis in Leipzig Außenansicht (© Stefan Müller)

Die Liste der Preise und Auszeichnungen ist beeindruckend: Architekturpreis der Stadt Leipzig, BDA-Preis Sachsen, BDA-Architekturpreis Nike für Symbolik, Balthasar-Neumann-Preis für Ingenieurleistung, „Religiöses Gebäude des Jahres 2016“ durch das World Architecture Festival WAF, ICONIC award und viele weitere Anerkennungen. Die Probsteikirche in Leipzig, 2013-15 von den Leipziger Architekten Ansgar und Benedikt Schulz erbaut, ist ein ruhiger, respektabler Bau, wird zurecht für ihre funktionalen, städtebaulichen und diversen anderen Qualitäten gepriesen. Sie ist sicher die angemessene Antwort auf die Frage, wie ein kirchliches Gemeindezentrum heute aussehen kann und was es leisten muss. Aber sie ist kein strahlender, überwältigender, signifikanter Bau, auch kein eindrücklicher spiritueller Raum, wie ihn die Kirchen in früheren Zeiten zu inszenieren wusste.

Dass die Probsteikirche trotz dieses „Defizits“ dennoch Architekturpreise an sich zieht wie die Bauspektakel Elbphilharmonie oder Phaeno zeigt zwar, dass der Bau den gesellschaftlichen Realitäten Rechnung trägt und deshalb im Trend liegt, nämlich eine Religionsgemeinschaft repräsentiert, die ihre Aufgabe nicht mehr in der Hilfe zur Selbstheiligung, sondern in der Sozialarbeit sieht.

Propsteikirche St. Trinitatis in Leipzig Innenansicht

Propsteikirche St. Trinitatis in Leipzig Innenansicht (© Stefan Müller)

Dennoch steckt der Sakralbau-Architekt in einem Dilemma. Beeindruckende Kathedralen auftürmen, bildmächtige Räume gestalten, mittelalterliche Mystik oder barocken Überschwang erzeugen, ist nicht mehr opportun. Er muss vielmehr versuchen, mit den kargen Gestaltungsmöglichkeiten der modernen Architektur emotional bewegende Räume zu erzeugen, ein schwieriges Unterfangen. Dies gelingt noch am ehesten mit dem Prinzip der formalen Reduktion, der Askese in Kombination mit einer bewussten Lichtführung. Vielerorts wurde die Feierkirche vom Topos „Raum der Stille“ ersetzt. Sicherlich sind karge Sakralräume, wie sie Tadao Ando, Hans van der Laan und Peter Kulka geschaffen haben, architektonische Kunstwerke. Doch der emotionale Umschlag von der Ergriffenheit zum Frösteln ist bei diesen Räumen nahe und bei vielen epigonalen Bauten schon überschritten. Nur selten gelingt es, mit zeitgenössischer Architektur eine warme, emphatische Atmosphäre zu schaffen, die den Menschen das Eintauchen in spirituelle Sphären erleichtert. Die Autobahnkirche Siegerland von schneider+schumacher zähle ich dazu, deren Inneres mit einem „Gewölbe“ inform eines Spantengitters aus Spanholzplatten als bergender, atmosphärisch dichter, freundlicher Raum empfunden wird.

Autobahnkirche Siegerland Außenansicht

Autobahnkirche Siegerland Außenansicht (© Jörg Hempel )

Lediglich 1,3 Millionen Euro nahmen die Architekten für den Bau in die Hand und entsprachen damit dem allgemeinen Credo, die Kirche solle mit dem Geld der Kirchensteuerzahler sparsam umgehen und sie schwerpunktmäßig im sozialen, humanitären Bereich einsetzen.
Als der Limburger „Skandalbischof“ Franz-Peter Tebartz-van Elst sich einen Amtssitz bauen ließ, der 31 Millionen Euro Bistumsvermögen gekostet hat, kochten in der Öffentlichkeit die Emotionen hoch. Doch es gab auch andere Stimmen. Geschmackvoll und qualitätvoll sei der Bau des Architekten Michael Frielinghaus. Peter Cachola Schmal, der Direktor des Deutschen Architekturmuseums pries Tebartz gar als „vorbildlichen Bauherrn“, der „dezente, aber sorgfältig gefügte Materialität“ geordert habe, die von sehr guten Handwerkern aus der Region ausgeführt worden sei.

Autobahnkirche Siegerland Innenansicht

Autobahnkirche Siegerland Innenansicht (© Jörg Hempel)

Aus seinen Worten spricht das Bedauern, dass die Kirche, jahrhundertelang Vorreiter der Bauentwicklung und Initiator der schönsten Bauten des Abendlandes, heute in der Baukultur keine Rolle mehr spielt. Hauptgrund ist sicherlich, dass sie kaum mehr emotional gestimmte Sakralräume bauen kann (darf), dass ihr jeglicher Überschwang sofort als Verschwendung angekreidet wird.
Doch auch wenn Tebartz seine Passion für architektonische Qualität ausgelebt hat, sind ihm Vorwürfe nicht zu ersparen: Die Baukosten sollte auch ein kunstsinniger Bauherr nicht aus dem Ruder laufen lassen, und: Seine schöne Residenz ist der breiten Öffentlichkeit verschlossen. Wie ein barocker Fürstbischof so viel Geld für den persönlichen Lebensstil auszugeben, geziemt sich heute für einen Seelenhirten nun wirklich nicht mehr.

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Datum 19. Februar 2018
Autor Prof. Falk Jaeger
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