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Vermischtes

Das Kehler Hängedach

Bei Ingenieurbauwerken wird das Bauwerk hauptsächlich durch sein Tragwerk gestaltet. Hierbei wird die Ausdruckskraft einer Tragwerksform mit der strukturellen Funktion in Einklang gebracht. Durch den Ausdruck der optischen Spannungen wird die Geltung des Materials betont. Bei Ingenieurbauwerken ist hierbei meist das Einfache dem Komplizierten vorzuziehen. Beim Entwerfen eines ästhetischen Ingenieurbauwerkes geht es hauptsächlich darum, der statischen Festigkeitsfunktion eine präzise durchdachte Struktur zu verleihen unter Anwendung der hierfür nötigen Techniken.

Ein Ingenieurbauwerk wird stets für bestimmte Nutzungsrandbedingungen entworfen. Die beste Idee des ästhetischen Entwerfens liegt vielleicht in der Lehre der optimalen Nutzung der Randbedingungen. Wenn das Ingenieurbauwerk an ein bestehendes Gebäude angrenzt und deutlich geringere Abmessungen aufweist, kann diese Randbedingung einen grundsätzlichen Einfluss auf die Form des Bauwerkes haben. Die optische Wirkung eines Ingenieurbauwerkes resultiert aus der Kombination der optimal genutzten Randbedingungen und der notwendigen Entwässerungstechnik. Der Einfluss des Gesagten auf das Entstehen und die Sprache von Tragwerken wurde auf drei Kissendächern unter Verwendung von ETFE- Folien angewendet.

Der spanische Bauingenieur Eduardo Torroja Miret (1899 – 1961) und Gründer der „International Association for Shell and Spatial Structures (IASS) – fasste die Anforderungen an ein Bauwerk etwa so zusammen: „Es muss Persönlichkeit haben.“ In den folgenden drei Bauwerken wird versucht, diesem Wortlaut durch eine durchdachte funktionelle Begründung der gewählten Tragwerke gerecht zu werden und ferner eine Anziehungskraft im Unterbewusstsein der Beobachter zu schaffen.

Bild 1: Vordach am Hotel Marriott in FFM

Bild 1: Vordach am Hotel Marriott in FFM (Just/Burgeff Architekten, Frankfurt am Main)

Das Vordach am Hotel Marriott in Frankfurt am Main (Bild 1) wird durch Anlehnen an das benachbarte Hochhaus ausgesteift. Die gewählte überhöhte Randausbildung strahlt den psychologischen Ausdruck einer Leistungsfähigkeit aus. Diese trichterartige Geometrie und Stabanordnung steht in direkter Verbindung mit der Lösung der integrierten Regenwasserableitung durch die Stützen. Durch die Integration der Wasserfallröhre in den von innen und außen feuerverzinkten Rohren wird der Außendurchmesser der Stützen bestimmt. Der ästhetische Eindruck der auf diese Weise durchgebildeten  Stützenausführung befriedigte den Autor bei Weitem nicht und veranlasste ihn beim nächsten Bauwerk zu einer alternativen Regenwasserableitung von der Überdachung  aus.

Bild 2: Vordach am Bürogebäude Kubik – Lux in Luxemburg

Bild 2: Vordach am Bürogebäude Kubik – Lux in Luxemburg (Schmidtploecker Architekten, Frankfurt am Main)

Beim Kubik – LUX Vordach in Luxemburg (Bild 2) kamen wiederum ETFE-Kissen zum Einsatz und die außenliegende Wasserabfuhr erfolgt durch die mit dem Bestand tangierende Wasserrinne. Auch die Aussteifung des Daches in der Vertikalebene erfolgt über das Anlehnen an den Bestand. Die Stützen konnten in diesem Fall im statischen Sinne als Pendelstützen durchgebildet werden. Der gewissermaßen fröhliche ästhetische Ausdruck dieses Ingenieurbauwerkes entsteht durch den Rhythmus der Dachelementanordnung. Dem Autor war bewusst, dass der ästhetische Eindruck einer überhöhten Trägerkante angenehmer als der einer waagerechten ist. Das in dieser Überdachung fehlende jedoch automatisch erwartete Phänomen des mechanischen bzw. statischen Wiederstandes eines Bogens, strahlt im Unterbewusstsein des Beobachters eine gewisse Unruhe aus. Dieses Gefühl ist für den Entwerfenden noch immer zweifellos unangenehm.

Bild 3: Das Kehler Hängedach

Bild 3: Das Kehler Hängedach ( Georg Hermus, Offenburg)

Schließlich hat sich für den Entwerfenden die Möglichkeit ergeben, ein freistehendes Ingenieurbauwerk zu entwerfen. Dieses Mal wollte der Ingenieur seine schöpferische Formfantasie mit der daraus resultierenden Regenwasserabfuhrtechnik sowie steifigkeits- und festigkeitsverleihenden Funktion des Tragwerkes verbinden. Beim freistehenden Kehler Hängedach (Bild 3) liegt die Wasserabfuhr außen und hat integrierte Rinnen. Es ist eine dankbare Sache, wenn die Regenwasserabfuhr nicht mehr durch Stützen erfolgen muss. Das Phänomen des kontinuierlichen statischen Wiederstandes führt im Unterbewusstsein des Entwerfenden zur Gestaltung des natürlichen singularitätsfreien Widerstandes einer Dachstruktur der Gravitationskraft in Form von verzweigten Stützen. Wäre die Erdoberfläche nicht für die Nutzung durch Fahrzeuge vorgesehen, würde der Entwerfende auch die der Erde zugewandte Seite der Abstützungen verzweigt durchbilden. Letztendlich muss die Gravitationskraft beim Einleiten ins Erdreich wiederum möglichst gleichmäßig verteilt werden, so ähnlich wie sie auf die Überdachung selbst wirkt. Diese Verteilerfunktion  übernehmen die Einzelfundamente. Um das Verschieben der Tragstruktur parallel zum Erdreich auszuschließen, muss eine waagerechte Verbindung zum Erdreich hergestellt werden. Wenn die Möglichkeit einer Anlehnung an ein bereits bestehendes Gebäude (so wie es in den beiden ersten Bauwerken der Fall war) nicht vorhanden ist und die Hässlichkeit von Vertikalverbänden ausgeschlossen werden soll, kommt die so genannte Rahmenwirkung zum Einsatz. Durch die Vertikalverbände hätte die ästhetische Macht der Hängebögen aus verschiedenen Standpunkten durch den Beobachter nicht mehr erfasst werden können. Die Schlankheit der Hängebögen von 1/95 wurde so gewählt, dass in Kombination mit den Sprengwerkstützen eine Rahmenwirkung noch möglich war. Die Hängebögen werden weitestgehend auf Zug beansprucht. Der Vorteil dieses Hängedaches aus steifen Wanten liegt in der Einfachheit ihrer konstruktiven Form. Als Strukturmaterial wurde feuerverzinkter Stahl gewählt. Dadurch, dass kein einziger Tropfen Farbe zum Einsatz kam, wurde  die Nachhaltigkeit dieses Ingenieurbauwerkes groß geschrieben.

Die ausführliche Beschreibung des Kehler Hängedaches ist in der „Stahlbau August 2019“ nachzulesen.

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