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Interview

„Das Modell der Leistungsphasen nach HOAI ist in einem verzahnten Prozess nicht mehr wirklich sinnvoll“

Josef Kauer traf sich zum Gespräch mit momentum

Josef Kauer traf sich zum Gespräch mit momentum

Was hat sich seit der letzten BIM World MUNICH getan? Was für Fortschritte wurden gemacht?

Josef Kauer: Unser Eindruck ist, dass das Thema BIM und Digitalisierung in der Bauwirtschaft nun auch im Mittelstand ankommt. Das ist extrem wichtig, da die Branche vor allem in Deutschland ja durch mittelständische Unternehmen dominiert wird. BIM ist nun nicht mehr nur primär Thema für große, internationale Firmen, was sehr erfreulich ist. Einige Firmen optimieren bereits sehr stark ihre Arbeitsprozesse. Das geht aber nur bis zu einer bestimmten Grenze, wenn z. B. vor- oder achgelagerte Firmen für diese digitale Arbeitsweise noch nicht bereit sind. „Moderne“ Arbeitsmethoden müssen sich deshalb noch stärker im Ablauf zwischen den Unternehmen verzahnen. Innovationswilligen Unternehmen müssen sich als Team mit anderen innovativen Firmen in einer Produktions- bzw. Dienstleistungskette aufstellen. Wir haben bereits „Smarte Baustellen“, aber auch viele auf denen noch wie vor 30 Jahren gearbeitet wird. Der aktuelle Bauboom verdeckt zwar derzeit die Notwendigkeit einer Produktivitätssteigerung in der Branche, aber gerade junge Mitarbeiter wollen auch ein modernes Arbeitsumfeld bzw. Unternehmen. Die Unternehmen sind also dazu gezwungen, darauf zu achten, wie attraktiv ihr Arbeitsumfeld auf den Nachwuchs und junge Talente wirkt. Die junge Generation von heute und morgen will mit Recht nicht nur einen Arbeitsplatz, sondern auch einen mit Zukunft.

Was sind gerade die aktuellen Trends?

„Es ist wichtig, gerade mit neuen Technologien Impulse für die Bauindustrie zu setzen!“, so Josef Kauer.

„Es ist wichtig, gerade mit neuen Technologien Impulse für die Bauindustrie zu setzen!“, so Josef Kauer. (Navispace AG)

Es gibt viele Einflüsse aus anderen Branchen, die nun auch im Baubereich reflektiert werden – so nach dem Motto, was in anderen Industriezweigen bzgl. Produktivitätssteigerung und Qualitätsverbesserung funktioniert hat, könnte doch vielleicht auch im Baubereich adaptiert werden. Dabei gibt es noch keinen klaren Trend, aber viele hoffnungsvolle Ansätze, wie das industrielle Bauen oder das Internet der Dinge für smarte Gebäude. Selbst erste Ansätze zum „Moderne“ Arbeitsmethoden müssen sich deshalb noch stärker im Ablauf zwischen den Unternehmen verzahnen. Innovative Unternehmen müssen sich als Team mit anderen innovativen Firmen in einer Produktions- bzw. Dienstleistungskette aufstellen. Wir haben bereits „Smarte Baustellen“, aber auch viele auf denen noch wie vor 30 Jahren gearbeitet wird. Einsatz von künstlicher Intelligenz bei Planung-Assistenten sind schon sichtbar, so dass sich Architekten mehr um den kreativen Teil ihrer Planung kümmern können und weniger Zeit für monotone Eingabeschritte bei den Planungstools verwenden müssen. Damit wären dann mehr
Bauvarianten in kürzerer Zeit durchspielbar.

Welche „Engpässe“ sehen sie derzeit in Deutschland bei der Umsetzung von BIM?
Ein gewisses „low light“ in Deutschland ist noch, dass das Interesse an modernen BIM-Verfahren bei der Baugenehmigung der Behörden noch sehr gering ist. Von einem Onlinebehörden-Portal zum „Pre-Check“ von Baugenehmigungen sind wir hier in Deutschland noch meilenweit entfernt. Zwar hat die deutsche Politik z. B. mit dem Stufenplan des Bundesverkehrsministeriums zur Einführung von BIM wichtige Impulse gesetzt. Aber scheinbar ist das „Signal“ noch nicht wirklich bei den nachgelagerten Behörden angekommen. In Frankreich übrigens ist das ganz anders – dort nutzen Behördenvertreter aktiv die BIM World Paris zur Weiterbildung!

Die Beteiligten am Bau müssen enger zusammenarbeiten: Eine Netzwerk-Plattform wie die BIM World kann dabei unterstützen.

Die Beteiligten am Bau müssen enger zusammenarbeiten: Eine Netzwerk-Plattform wie die BIM World kann dabei unterstützen. (Navispace AG)

Was sind die Highlights der BIM World 2018?
Wir haben dieses Jahr eine neue Innovationsfläche auf der BIM World: Die BIM Town! In diesem neuen Ausstellungsbereich können Start-ups und Techpreneure ihre IT und IoT-Anwendungen für die Bau- und Immobilienwirtschaft vorstellen. Auch Forschungsinstitutionen, Universitäten und innovative BIM-Projekte sind in der BIM TOWN willkommen. Zusätzlich kooperiert die BIM World MUNICH zum ersten Mal mit dem IOT/WT Innovation World Cup, führender internationaler Innovationswettbewerb für das Internet der Dinge. Wer eine herausragende Lösung, von der Sensortechnologie bis zur Cloud/Softwarelösung entwickelt hat, kann sich die Chance auf den BIM/SMART CONSTRUCTION Award sichern. Der Innovationspreis wird dann auch live auf der Hauptbühne der BIM World verliehen. Das Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Planen und Bauen unterstützt die Gewinner und gibt ihnen Zugang zu den IoT Experience-Labs des Fraunhofer Instituts. Wir sind schon sehr gespannt auf die innovativen Ideen und Lösungen: Alle mit dem Motto – Weg von der One-Stop-Lösung und hin zu offenem Datenaustausch und Kollaboration.

Wo geht die Reise hin? Wo stehen wir in fünf Jahren?
Derzeit ist das „3D/4D/5D -Planen“ noch die Ausnahme. Die Mehrheit der Akteure ist noch dem 2D-Plan verhaftet – auch wenn dieser mittlerweile digital ist. Aber der eigentliche Produktivitätsfortschritt kommt erst, wenn wir auch auf der Baustelle „papierlos“ arbeiten und die Informationen in Prozessketten miteinander verzahnen. Ich denke, dass das Ganze dann in den nächsten Jahren plötzlich kippen und in fünf Jahren die Mehrheit der Akteure am Bau in 3D planen und handeln wird und sich viele dann darüber wundern werden, wie man „früher“ gearbeitet hat.

Die BIM World MUNICH findet dieses Jahr bereits zum dritten Mal statt, am 27. und 28. November 2018

Die BIM World MUNICH findet dieses Jahr bereits zum dritten Mal statt, am 27. und 28. November 2018 (Navispace AG)

Müsste sich Ihrer Ansicht nach die Mentalität aller an der digitalen Wertschöpfungskette beteiligten ändern und wenn ja, wie?
Ja, aber das kommt nicht automatisch! Wir müssen zu einem stärkeren Miteinander am Bau kommen. Derzeit herrscht die Abgrenzung in Silodenken vor – wenn einer ein Problem sieht, das ihn nicht betrifft, dann interessiert ihn der Sachverhalt nicht. Hier müssen wir andere Wege finden. Große Firmen etwa loben bei komplexen Projekten einen Gemeinschaftsbonus aus. Den könnten künftig verstärkt auch Bauherren ausloben – nach dem Modell: Wenn ein Bauprojekt nach  BIM geplant und durchgeführt wird, dann gibt es am Ende des Bauprojektes einen Bonus an alle Akteure, wenn das Projekt „in time“ und „in budget“ durchgeführt wurde. Das ist ein einfaches Prinzip, um Personen zu motivieren stärker miteinander an Lösungen zu arbeiten. Der eigentliche Produktivitätsfortschritt kommt erst, wenn wir auch auf der Baustelle „papierlos“ arbeiten und die Informationen in Prozessketten miteinander verzahnen. Ich denke, dass das Ganze dann in den nächsten Jahren plötzlich kippen und in fünf Jahren die Mehrheit der Akteure am Bau in 3D planen und handeln wird und sich viele dann darüber wundern werden, wie man „früher“ gearbeitet hat.

Was braucht Deutschland für neue Impulse?
Wir brauchen ein Umdenken bzgl. der Leistungsphasen am Bauprozess. Durch gute Planung lassen sich viele Probleme in der Ausführung vermeiden. Das Modell der Leistungsphasen (LP1 … LP9 etc.) nach HOAI ist nicht mehr wirklich sinnvoll in einem verzahnten Prozess. Auch ergibt es wenig Sinn, alle Akteure in einem Bauprozess
auf BIM umzustellen, wenn dann die nachgelagerte Baugenehmigung  nicht BIM-fähig wird. Aus meiner Sicht ist die Politik hier nochmals gefragt, auch dafür zu sorgen, dass die Baubehörden in Deutschland in ihrer Arbeitsweise modernisiert werden. Wir hoffen, dass wir mit der BIM World auch in Deutschland neue Impulse geben können. Und vor allem, dass wir alle Beteiligten der Wertschöpfungskette noch enger zusammenbringen.

Haben Sie Dank, Herr Kauer, für dieses Interview.
Die Fragen stellte Burkhard Talebitari.

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Datum 31. Oktober 2018
Autor www.bim-world.de
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