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Gespräch

„Das Potenzial ist noch längst nicht ausgeschöpft“

momentum sprach mit Ulrich Nolting, Geschäftsführer BetonMarketing Süd, über Marketingstrategien und die Zukunftspotenziale des Baustoffs Beton.

momentum: Wenn man mit Marketingbeauftragten anderer Baustoffverbände spricht, hört man oft Aussagen wie: Wir möchten da hinkommen, wo Betonmarketing heute ist. Was macht Betonmarketing eigentlich anders?

Ulrich Nolting

Ulrich Nolting (Foto: Jost Lüddecke)

Als wir mit Betonmarketing gestartet sind, hatte der Baustoff Beton in Deutschland ein miserables Image. Dieses beruhte nicht auf den Eigenschaften des Baustoffs, sondern aus meiner Sicht auf der Tatsache, dass wir nach dem Krieg relativ schnell für viele Leute günstigen Wohnraum brauchten und der Baustoff Beton das einzige Material war, das dafür geeignet und in den benötigten Mengen verfügbar war. Umfragen zeigten dann aber, dass die Bausünden der 50er Jahre, 60er, 70er Jahre das Image des Betons maßgeblich negativ geprägt hatten. Es wurde schnell klar, dass wir ein besseres Image unseres Baustoffs nur dann bekommen, wenn wir aktiv kommunizieren und uns nicht nur mit den Fragen des Materials an sich, sondern mit den Fragen beschäftigen, welche Rolle der Baustoff in unserer Gesellschaft spielt.

Daraus entstand eine Strategie, die einerseits zeigen sollte, was dieser Baustoff aufgrund seiner Eigenschaften für die Menschen leistet, und andererseits eine Diskussion anregte, in der über die Fragen des Lebens in der gebauten Umwelt gesprochen wurde. Natürlich war klar, dass es in so einer Art der Kommunikation erst mal um Glaubwürdigkeit ging. In den Kommunen und berufsständigen Organisationen gab es anfangs die Vermutung, dass alles nur eine vordergründige PR-Aktion sei. Unser Ziel war es aber, einen ernsthaften und qualitätvollen Beitrag zum Bauen in der Zukunft zu leisten. Es gab zum Beispiel die Veranstaltungsreihe „Forum Zukunft Bauen“ und die Fragen: Wie bauen wir in Zukunft hochwertig, aber trotzdem preiswert? Welche Qualitäten der Architektur brauchen wir und welche Qualitäten der Städte brauchen wir? Durch diese Veranstaltungsreihe konnten wir als Industrie Glaubwürdigkeit erlangen, Den  Teilnehmern wurde klar, dass sich die Baustoffindustrie für die Qualitäten des gebauten Ergebnisses interessiert und nicht nur für die Umsatzmenge ihres Baustoffs.

Ein Thema, das Sie marketingmäßig stark besetzen, ist die Nachhaltigkeit. Besteht hier nicht auch die Gefahr, dass das schnell als PR-Gag abgetan wird?

In Sachen Nachhaltigkeit hat sich beim Beton sehr viel getan. Ganz oben steht natürlich die Frage der Reduktion der CO2-Mengen. Ein Weg dabei ist es, Zemente zu entwickelt, die weniger gebrannten Klinker enthalten und durch alternative Stoffe ersetzt werden. Das kann durch die Verwendung von Stoffen geschehen, die schon Brennprozesse durchlaufen haben, z.B. mit  Hüttensanden oder Flugaschen. Eine andere Entwicklung sind die Hochleistungsbetone. Wenn am Ende eine Wand gebaut werden kann, die nur halb so dick ist wie bisher, die aber genauso tragfähig ist, wäre das natürlich eine Option mit Blick auf Materialaufwand und damit auch ein Aspekt der Nachhaltigkeit.

Die Frage der Nachhaltigkeit beschränkt sich aber nicht nur auf den Baustoff.

Richtig, das wäre natürlich zu kurz gegriffen. Besser ist natürlich der ganzheitliche Ansatz wie er unter anderem von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen, beschrieben wird. Dabei wird der gesamte Lebenszyklus eines Gebäudes betrachtet, von der Herstellung über die Lebensdauer bis zum Abbruch. Es ist mittlerweile auch durch Studien von Universitäten belegt, dass der Energieaufwand für die Erstellung eines Gebäudes bei deutlich niedriger ist als der Gesamtenergieaufwand für den Betrieb. Ein weiterer Aspekt ist, dass wir vom Baustoff aufs Bauwerk und dann aufs Gesamtgefüge schauen, also in der Regel die Stadt oder das Quartier in die Betrachtungen einbeziehen müssen. Dann sprechen wir nicht mehr über Baumaterialien, sondern über die Lebensqualität oder über die Qualität von Lebensräumen. Das ist ein ganz großes Thema für Architekten, Stadtplaner und kommunale Vertreter, die natürlich ihre Städte nachhaltig entwickeln wollen. Hier stehen weniger die Baustoffe als vielmehr gute soziale Durchmischungen und lebenswerte Quartiere im Mittelpunkt. Wir bewegen uns in den Diskussionen also vom Großen zum Kleinen und nicht umgekehrt. Wenn wir unsere Zielgruppen mit den Themen erreichen die sie tatsächlich interessieren, werden wir mit unseren Produkten anders wahrgenommen. Wir wollen als Industrie einen Beitrag leisten, um über die Qualitäten des Bauens zu sprechen und nicht nur über die Qualitäten des Baustoffs, auch nicht nur über die Qualitäten des Gebäudes und deren Statik und Tragfähigkeit, sondern eben auch über die Qualitäten des Raums, des Quartiers und der Städte.

Wenn wir doch noch einmal beim Baustoff bleiben: Wie sieht es mit dem Thema Recycling aus? Stahl steht da wie eine Eins da, komplett recycelbar. Ist das bei Beton nicht doch auch noch eine gewisse Belastung fürs Image?

Der Beton selbst ist zu 100 Prozent recycelbar. Wenn man sich den Straßenbau anschaut, dann ist es gängige Praxis, dass eine alte Straße vor Ort zerkleinert und das Material direkt wieder einbaut wird. Das Problem beim Recycling liegt überhaupt nicht im Beton, sondern in der Materialkombination. Wenn heutzutage ein Gebäude abgerissen wird, dann besteht das Abbruchmaterial in der Regel aus Beton, Ziegelsplit, Gips und allen möglichen anderen Baustoffen. Es hängt also an der Frage, wie sauber das Recyclat ist. Stahlbeton hingegen kann man beim Abbruch sehr sauber trennen. Also gibt es beim Beton an sich gar keine Schwierigkeiten beim Recyceln, sondern eigentlich nur durch die Durchmischung der Materialien.

Sie hatten vorhin bereits Hochleistungsbetone erwähnt. Daneben wurden Faserbeton, textile Bewehrungen etc entwickelt. Welche anderen Entwicklungsperspektiven sehen Sie beim Beton?

Wir haben in der Vergangenheit hauptsächlich über die statisch relevanten Eigenschaften des Betons nachgedacht. Ein großes Potential liegt in der energetische Nutzung des Materials. Beton ist der massivste aller Massivbaustoffe und damit hat er die beste Speicherfähigkeit, die wir noch viel besser nutzen können. Wir verbauen jedes Jahr Millionen Kubikmeter Beton und produzieren damit auch Millionen Quadratmeter Fläche, Dies sind Flächen die wir auch energetisch, insbesondere als Speicher nutzen könnten. Wenn wir den Beton als thermoaktive Bauteile nutzen, dann stoßen wir in eine neue Dimension vor. Dann wird Beton zum  Energielöser der Zukunft. Wir diskutieren in unserer Gesellschaft über Energiewende, über einen Ausstieg aus der Atomkraft, wir wollen keine Kohleindustrie, wir wollen weniger CO2-Ausstöße haben und haben ein Material, das das Potenzial hat, einen ganz großen Teil davon zu übernehmen. Das ist natürlich nicht sofort zu machen, aber es ist ein Zukunftsgedanke. Um so eine Technologie heute zu entwickeln, dauert es seine Zeit, bis man die in den breiten Gebäudebestand integriert hat. Wir wissen ja, dass wir im Gesamtbestand in Deutschland im Jahr zwei bis drei Prozent Abbruch haben, den wir, jedes Jahr wieder neu bauen müssen. Das heißt, diese Umstellung würde ungefähr 40 Jahre dauern.

Spannend, aber die Frage, die sich mir unmittelbar stellt, wieso wird das bei Plusenergiehäusern zum Beispiel noch nicht angewendet?

Zum einen liegt es in der Struktur der Industrie. Wir haben bei der Herstellung von Beton eine Aufteilung in Unternehmen die Betonfertigteile herstellen und Unternehmen, die Beton vor Ort herstellen.  Bei beiden Bereichen liegen sie Schwerpunkte der Herstellung von Beton in seinen klassischen Anwendungen. Die Anzahl der Unternehmen die thermoaktive Bauteile herstellen wächst, die Verfügbarkeit ist aber noch nicht so groß als dass breitere Marktsegmente damit abgedeckt werden können.  Die Betonkernaktivierung kommt im Bürogebäudebau inzwischen zum vielfältig zum Einsatz, im Wohnbau hingegen noch gar nicht.

Wobei Sie da einen seriösen Wettbewerb im Mauerwerk natürlich schon auch haben …

Ja natürlich, wobei die zukünftigen Entwicklungen der ENEV die einschalige Bauweise zunehmend schwieriger machen wird.

Und da sehen Sie bei Beton mehr Möglichkeiten.

Wenn wir über thermoaktive Bauteile sprechen, dann sehen wir da ein ganz anderes Potenzial. Für uns ist diese Entwicklung spannend, da die Einsatzmöglichkeiten enorm vielfältig sind, als Fertigteil oder in Ortbeton. Die thermische Nutzung steht dabei natürlich im Mittelpunkt. Es gibt aber noch eine ganze Reihe weiterer e Zukunftsthemen. So können zum Beispiel Speicherchips in die Betonbauteile integriert werden, die Bewegungsströme durch Vibrationen aufnehmen – Stichwort: intelligente Straße. Es geht dabei um die Frage, was eine Straße in Zukunft leisten könnte. Sie könnte in Zukunft z.B. eine Heizung sein, oder ein Leitsystem, oder sie könnte damit Verkehrsmessungen automatisieren. Die Technologie ist also da – sie wird nur bislang in diesem Bereich nicht genutzt. Wir können in den Beton eben noch viel mehr einbauen als nur Bewehrung. Das Potenzial ist noch längst nicht ausgeschöpft.

Um noch einmal den Bogen zum Image des Betons zu spannen: Wenn man darüber nachdenkt, kommt man schnell zum Thema Sichtbeton. Der ist häufig nach wenigen Jahren schon unansehnlich. Gibt es da ein grundsätzliches Qualitätsproblem?

In dem Moment, in dem ein Gebäude fertig ist, beginnt es zu altern, so wie alles andere auch altert. Und wenn wir uns um die Gebäude oder die Bauwerke nicht kümmern, dann ist die Lebensdauer leider auch kürzer. Betonflächen können vor Witterungseinflüssen gut geschützt werden. Wir haben heute ausreichend Wissen über die Betontechnologie, sowie über die Wechselwirkungen von Schalungen, Schalöl und all den Einflüssen, die beim Betonbau zusammenwirken. Der Sichtbeton stellt eine besondere Herausforderung dar, da der Anspruch an Oberflächen besonders groß ist. Wenn die Ausführung durch Fachleute erfolgt und sich an den zur Verfügung stehenden Informationen und Merkblättern orientiert, werden auch gute Ergebnisse erzielt. . Es gibt in Deutschland viel gute Gebäude die den guten Umgang mit Sichtbeton eindrucksvoll dokumentieren.

In Berlin haben wir allerdings nicht nur positive Beispiele für den Einsatz von Beton. Leider sind auch die Betonstelen des Holocaust-Mahnmals in die Schlagzeilen gekommen.

So ein Objekt steht natürlich in einem extremen öffentlichen Fokus. Allein durch die vielen Besucher gibt es ja schon mechanische Schädigungen. Damit muss ein öffentliches Kunstwerk, das begehbar ist, auch umgehen und wir fanden es sehr gut, welche Haltung der Architekt damals vertrat. Es sei ein Kunstwerk, das auch vergänglich ist und die Vergänglichkeit dürfe durchaus sichtbar sein. Natürlich muss man reagieren wenn sich zeigt, dass Gefahr für den Besucher besteht. , wenn Durch den öffentlichen Fokus steht natürlich auch der Baustoff Beton im Blick der Öffentlichkeit. Die Arbeit am Image von Produkten funktioniert nur wenn sie langfristig angelegt ist. Es ist ein Prozess der nie abgeschlossen ist und bedarf immer auch einer ständigen Auseinandersetzung mit den Qualitäten des Produkts. Insofern ist dies natürlich auch eine gemeinsame Aufgabe alles Bauschaffenden gute Qualitäten zu erzeugen.

Ihnen ist aber in dieser Richtung auch eine Menge gelungen.

Wir untersuchen in regelmäßigen Abständen, über unsere europäischen Verbände, die Imagewerte. Das letzte Mal im Jahr 2012. Man hat dort über einen Zeitraum von zehn Jahren gesehen, dass unsere Imagewerte in Deutschland im Vergleich zu fünf anderen europäischen Ländern, in den letzten Jahren stetig gestiegen sind. Insgesamt ist es der Zement- und Betonindustrie seit den 70er und 80er Jahren gelungen die Imagewerte für den Baustoff Beton deutlich zu verbessern. Dies wird auch eine Aufgabe in der Zukunft bleiben.

Herr Nolting, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Dr. Burkhard Talebitari.

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Datum 10. Dezember 2014
Autor bt/jv
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