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Vermischtes

Das Quartier: Raum für mehr Umwelt- und Klimaschutz

Dr. Barbara Boczek, Bau- und Planungsdezernentin und Stadtbaurätin der Stadt Darmstadt

Dr. Barbara Boczek, Bau- und Planungsdezernentin und Stadtbaurätin der Stadt Darmstadt (Foto: Stadt Darmstadt)

Quartier als Betrachtungs- und Handlungsebene

Im aktuellen Hauptgutachten des Sachverständigenrats für Umweltfragen, das am 14.05.20 veröffentlicht wurde, widmet sich ein Kapitel dem Umwelt- und Klimaschutz auf der Quartiersebene. Zurecht wird konstatiert, dass dem Quartier als Bindeglied zwischen Gebäude und Stadt bisher zu wenig Aufmerksamkeit auf allen politischen Ebenen gewidmet wird, obwohl gerade im Quartier zum einen höhere Synergieeffekte als mit einzelnen Gebäuden zu gewinnen und zum anderen lokale Akteure leichter als auf gesamtstädtischer Ebene zu aktivieren wären. Herausforderungen und Lösungsansätze, die bei der Etablierung des Quartiers als Handlungs- und Umsetzungsebene möglich sind, werden in drei Handlungsfeldern vorgestellt.


Handlungsfeld flächenschonende und verkehrsvermeidende Stadtstrukturen

Die Folgen der Moderne, die Funktionstrennung von Nutzungen wie Wohnen, Arbeiten, Versorgung und Freizeit sind heute noch in vielen Städten präsent. Das im Gutachten zurecht postulierte Ziel, die Multifunktionalität und die Nutzungsmischung im Quartier zu erhöhen, schreibt die Stadt Darmstadt in ihrem gerade fertig gestellten Masterplan 2030+ fest, um Quartiere lebendiger zu machen und innerstädtische Pendlerverkehre zu reduzieren.

Auch die Nutzung des Homeoffice nahm in den letzten Jahren zu, was einerseits zu einer umweltschonenden Reduktion des Verkehrsaufkommens führen kann, dauerhaft jedoch die Einrichtung adäquat ausgestatteter Arbeitsplätze und bauliche Antworten auf die Frage „Arbeiten und Wohnen“ erfordert. Ob dies zu höheren Wohnflächen – und damit steigendem umweltschädlichem Flächenbedarf – oder neuen Wohnungszuschnitten führen wird, ist noch nicht absehbar. Die (Wieder)Ansiedlung von Nahversorgern in bestehenden Quartieren ist ein Ziel der aktuellen Stadtplanung nicht nur in Darmstadt. Sie unterliegt der Schwierigkeit, dass Handelsketten erst Verkaufsflächen ab 800 m² als wirtschaftlich erachten, was sowohl die Fläche, aber auch eine bestimmte Anwohnerzahl im Umfeld voraussetzt. Zugleich ist die vielschichtige Nachfrage der Konsument*innen nicht mehr mit nur einem Supermarkttypus abzudecken, sondern erfordert eine Wahl: Discounter, Nahversorger, Biomarkt.

In neuen Wohnvierteln auf Konversionsflächen strebt die Stadt Darmstadt die im Gutachten empfohlene Mehrfachnutzung von Nahversorgungsstandorten an, macht aber die Erfahrung, dass Investoren, insbesondere Wohnungsbaugenossenschaften, den Bau von reinen Wohngebäuden wegen der einfacheren Vermarktung, aber auch wegen der derzeitigen höheren Rendite bevorzugen. Aus genau diesem Grund – der Renditeaussicht aufgrund der hohen Wohnungsnachfrage –  steigen Handelsketten in den Wohnungsbau über Supermärkten ein, um ihre Grundstücke gewinnträchtiger zu entwickeln. Das führt zu einer Win-Win-Situation für Einzelhandels-ketten, Wohnungssuchende, Anwohnende und schließlich für das Klima, da Flächen besser ausgenutzt und Einkaufswege mit dem Pkw vermieden werden. Der Einzelhandel erhält in den Quartieren wie in den Innenstädten zunehmend Konkurrenz durch den Online-Handel. Dieser bringt aber weiteren Zustellungsverkehr in die Quartiere, auch zu Lasten des Klimas. Für die Kommunen stellt sich hier vor allem die Frage der „letzten Meile“, wie Lieferungen verkehrsaufkommensärmer und umweltverträglicher durchgeführt werden können, z.B. via der Verteilung mit Lastenräder, über Verteilstationen wie Servicepunkte oder City-Hubs.

Wer im eigenen Quartier auf Nahversorgungsangebote zugreifen können möchte, muss diese auch durch regelmäßige Einkäufe aktiv unterstützen. Händler und Stadt sollten für den quartiersnahen Einkauf werben. Das Kauf- und Konsumverhalten ist immer auch eine individuelle Abstimmung mit den Füßen – oder eben mit dem Auto. Für die Verlagerung des Verkehrs vom Pkw auf den klimafreundlichen Umweltverbund, wie das Gutachten auch empfiehlt, braucht die vielzitierte „Stadt der kurzen Wege“ neben der Nutzungsmischung attraktive Angebote für eine alternative schnelle und bequeme Fortbewegung. Um das Mobilitätsverhalten im Quartier und darüber hinaus zu verändern, müssen Fuß- und Radwege sicherer und attraktiver werden. Dazu sollten die Flächen der Straßenräume neu verteilt werden: Mehr Radwege, breitere Fußwege, ein Ende der zugeparkten Gehwege, Tempo 30-Zonen. Neben der Sicherheitsverbesserung steigert die Aufwertung der öffentlichen Räume durch Straßenraum- und Fassadenbegrünung, durch attraktive Platz- und Grünraumgestaltung, im Gutachten unter dem Stichwort „doppelte Innenentwicklung“ empfohlen (Seite 451), die Nutzung umweltfreundlicher Fortbewegungsweisen erzeugt mehr Lebensqualität und Identifikation mit dem Quartier.

 

Handlungsfeld quartiersbezogene Governance

Es ist dem Gutachten hoch anzurechnen, dass dem Aspekt der Umsetzung und dabei speziell einer quartiersbezogenen Governance in einem eigenen Handlungsfeld Raum gegeben wird. Aus der Erfahrung heraus lässt sich bestätigen, dass es nicht allein um das Aufstellen von technisch basierten Zielen und Beschlüssen geht, sondern dass Lösungen für komplexe Planungen zunehmend innerhalb der Verwaltung wie mit der Stadtgesellschaft verhandelt werden müssen.

Zwar setzen die laufenden Stadtumbauprogramme bereits ein Integriertes Siedlungs- und Entwicklungskonzept voraus, gleichwohl gibt es noch einen hohen Verbesserungsbedarf beispielsweise beim gemeinsamen Vorgehen für den Klimaschutz. So gab die Stadt Darmstadt in ihren Stadtumbauquartieren für Energetische Umbaumaßnahmen und für Begrünungsmaßnahmen durchaus Anreize in Form von Fördermitteln für Eigentümer*innen. Diese werden jedoch trotz einer Bandbreite von individueller Ansprachen, Gruppenveranstaltungen, Medienarbeit mit verschiedensten Quartiersakteur*innen wenig abgerufen. Die Vermutung aus dem Gutachten, dass hier teilweise ein geringes Identifikationspotenzial und zu geringe Auswirkungen auf die Rendite vorliegen, lässt sich zumindest in meinen Erfahrungen bestätigen. Um hier einerseits die Investitionsbereitschaft für klimaresiliente (und damit langfristig auch renditesichere) Quartiere zu erhöhen, aber auch um Initiativen von Nicht-Eigentümer*innen zu unterstützen, muss die Kommunikation weiter intensiviert und zugleich auch die kommunalen Personalkapazitäten erhöht werden, was in den Förderprogrammen von Bund und Land zu berücksichtigt werden müsste.


Handlungsfeld Quartiersenergie im Verbund

Das Gutachten legt dar, dass Einzelgebäude-Lösungen ineffizienter sind, dagegen eine energetische Sanierung und Wärmeversorgung durch erneuerbare Energien auf Quartiersebene zur Aktivierung der Potenziale, zur Steigerung der Sanierungsrate, zur Nutzung erneuerbarer Energien und insgesamt zur Effizienzsteigerung führt.

Eine der Herausforderungen besteht u. a. darin, dass vor allem Bestandsquartiere mit einer Vielzahl, meist privater Eigentümerstruktur erneuert werden müssen. Insofern liegt auch in Darmstadt das Augenmerk auf den großen Bestandshaltern wie Wohnungsbaugesellschaften. In der Tat zeigt die Erfahrung vor Ort, dass Mieter*innen häufig nicht nachvollziehen wollen oder können, wenn die Mieten nach der Sanierung deutlicher steigen, als die Energieverbrauchskosten sinken. Hier sind die angeregten Förderprogramme für eine warmmietenneutrale Quartiersentwicklung sehr zu begrüßen. Auch um die Möglichkeiten der Eigenversorgung zu erweitern und die gemeinschaftliche Erzeugung erneuerbarer Energien auf Quartiersebene zu steigern, braucht es zu den genannten gesetzlichen Öffnungen auch Förderprogramme der Länder, da neben der Steigerung auch das Zusammenführen von Angebot und Nachfrage mit einen Beratungs- und Koordinationsaufwand verbunden ist, den die oder der Einzelne nur schwerlich leisten kann. Die methodischen Ansätze, etwa die Nutzung von Typologien, die Entwicklung von Zielmarken, die Vernetzung von Energiebedarf mit dem lokalen Potential erneuerbarer Energien und das Etablieren Sanierungspfaden sind Ansätze, die eine lokale und dezentrale Energiewende unterstützen werden.
Die Architektin und Stadtplanerin Dr. Barbara Boczek ist Bau- und Planungsdezernentin und Stadtbaurätin der Stadt Darmstadt. Sie war wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt Urban ReNet der TU Darmstadt.

 

Erwiderung von Prof. Dr.-Ing. Lamia Messari-Becker, Mitglied im Sachverständigenrat für Umweltfragen, 2016-20

Herzlichen Dank für diese Kommentierung, die trotz der Corona-bedingten Absage der Präsenzveranstaltung nun in dieser Form erfolgt. Ganz besonders freue ich mich über Ihr Lob zur „quartiersbezogenen Governance“ und Ihre ausführlichen wie kritischen Hinweise zum Themenfeld „Flächenschonung und Verkehrsvermeidung in der Stadt“, zumal durch Praxiserfahrungen, also Planungsrealitäten vor Ort untermauert. Speziell das Thema Fläche kommt im öffentlichen Diskurs zu kurz. Dies obwohl die Bundesregierung weit davon entfernt ist, ihre Ziele der Flächenverbrauchsreduktion zu erreichen. Hinweisen möchte ich hier auf die SRU-Stellungnahme „Wohnungsneubau langfristig denken– Für mehr Umweltschutz und Lebensqualität in den Städten, 2018“, die Innenentwicklung, Nachverdichtung, Grünraumversorgung, Ressourcen- und Flächeneffizienz adressiert.

Ihre Praxiserfahrungen bestätigen einerseits wie vielschichtig und „unterschiedlich-schwierig“ die Bedingungen vor Ort sind, etwa um die Akteure zusammenzubringen. Anderseits wird deutlich, dass gute Ziele, etwa ortsnahes Einkaufen und Versorgungsangebote am Ende des Tages das individuelle Engagement der Menschen im Quartier erfordern – den Grundsatz „Nachfrage regelt das Angebot“ mal anders gedacht. Es wäre ein Gewinn für die Stadtentwicklung, Menschen mit ihren Bedürfnisse und eben auch Pflichten in den Mittelpunkt zu stellen. Zukünftig wird sich die Stadtentwicklung intensiver damit beschäftigen müssen, wie man die transformative Kraft der Quartiere für mehr Nachhaltigkeit nutzt. Denn in Städten konzentriert sich 75% des Ressourcenverbrauchs; Städte gehören zu den größten CO2-Emitenten. Ob die Bemühungen des EU-Green Deal und des Bundes in den Quartieren, vor Ort ankommen werden, wird sich zeigen. Die deutsche Ratspräsidentschaft ist hierfür allemal eine große Chance.

 

Siehe auch im Gespräch mit Lamia Messari Becker – Umweltrat, Bauingenieure und das Gebäudeenergiegesetz:

https://momentum-magazin.de/de/umweltrat-bauingenieure-und-das-gebaeudeenergiegesetz/

 

Sachverständigenrat für Umweltfragen: www.umweltrat.de

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Datum 13. Juli 2020
Autor Dr. Barbara Boczek
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