momentum magazin für Bauingenieure präsentiert von Ernst & Sohn
Rezension

Davos schön war, auch: Trans Human Code

Cover: Davos is a Verb, Fotos von Jules Spinatsch, Essay von Tim Jackson, Design: Winfried Heininger and Jules Spinatsch, 23 × 30 cm, 304 Seiten, 273 Fotos, Paperback, Englisch ISBN: 2021, 978-3-03778-648-2, 55,- €

Cover: Davos is a Verb, Fotos von Jules Spinatsch, Essay von Tim Jackson, Design: Winfried Heininger and Jules Spinatsch, 23 × 30 cm, 304 Seiten, 273 Fotos, Paperback, Englisch ISBN: 2021, 978-3-03778-648-2, 55,- € (Lars Müller Publishers)

|1|

Sympathisch radikal. Das Cover ist das erste Foto. Dann der Schmutztitel, blanko – kein Wort, kein Buchstabe, weiß. Wer weiß, dass „radikal“ von „radix“ die Wurzel kommt, sieht sogleich, hier findet das Foto zu seinen Wurzeln. Kein verschwätztes Vorwort, nichts zum Geleit à la „50 Jahre Weltwirtschaftsforum Davos“. Sondern Fotos – 23 x 30 cm, vierfarbig, Glanzpapier – 290 Seiten. Dann ein kurzes, knappes Nachwort in kongenialer Sprache – lyrisch und kritisch, impressionistisch und treffend.

Sympathisch radikal auch all die Fotos, die der Band nicht zeigt. Die vom offiziellen Treiben der Weltwirtschaft am Orte. Kein Trump, keine Greta, keine zum Shooting im Halbkreis aufgestellten Herrscher der Nationen, keine Preko – nichts an Offiziellem, an multimedial perpetuiertem Bildermüll.

 

|2|

„Spacig“, in schriller Farbe, das Cover stark bonbonfarben, neonartig, Oberfläche indizierend. Die Oberfläche, die die 273 Aufnahmen fotografisch abtasten, von der sie erzählen. Erzählen Fotos? Sind sie lesbar? Darüber lässt sich trefflich streiten, nicht aber bei diesen von Jules Spinatsch in „Davos is a Verb“. Spinatsch hat das Licht der globalen Welt übrigens in Davos erblickt.

Aber weiter zum Cover: Im Bildvordergrund, Schild zum Vorfahrt achten, Schild für Abbiegen nach links nur. Das Cover hat auch einen Fordergrund. Zwei Pfeile im Bild weisen dem Linksabbieger den rechten Weg, nach rechts. Pfeile zweier Logos zweier weltumspannender Unternehmen: Amazon Webservice und Accenture. Von letzterem auch die fast bildmittige Botschaft: „new ways of working call for new ways of leading.“ Aha, Führer braucht’s also auch in der neuen, wirtschaftsglobalen, vorgeblich postheroischen Arbeitswelt – not much of a change, dächte man im Gegensatz zu Accentures Slogan: „Let there be change“, welch letzterer doch nur Deregulierung meint.

Das ist noch nicht das ganze zu lesende Cover. Etwas Weihnachtsschmuck hängt Ende Januar auch noch über der Straße links im Bild und der Accenture-Pfeil ist Teil einer Fassade, die sich sachlich modernistisch gegen das ornamental-verbrecherische Haus zur Rechten abhebt, dem Amazons Webservice die Füße abschnitt. Schneereste sind auch noch zu ahnen, das möcht’ der Schnee von gestern sein, zu dem die über die höchst gelegene Stadt Europas alljährlich einfallenden Unternehmen den Ort und den Betrachter des Covers stempeln.

 

|3|

Dann das erste Foto des Innenteils: Schneeweiße Berglandschaft im Hintergrund, Nobelwohnsilo und Schweizer Landhaus. Schmuddelschnee im Vordergrund, wo fürs Weltwirtschaftsforum auf- oder abgebaut wird. Das ist nicht auszumachen. Ein Teleskoplader freilich, drolligerweise von der Marke Manitou. Dem die Fotos Lesenden begegnet er auf den Seiten 38 – 41 wieder, mit etwas Gedächtnis freilich. – Drollig der Name, wo hier der große Manitu (als göttliches Prinzip der Algonkin-Sprachen Nordamerikas) der Märkte, des Geldes und der Globalisierung verherrlicht wird. Und apropos Teleskop: Via Griechisch τῆλε (tele) für „fern“ und σκοπεῖν (skopeĩn) für „betrachten, schauen“– Programm des gesamten famosen Bandes durch einen Manit(o)u genannten Teleskoplader – die Verherrlichung der Märkte aus der fotografischen Ferne betrachtet – lesbar sehr wohl. Ein zu lesendes Buch ohne Buchstaben.

 

|4|

Das zweite Foto beansprucht eine Doppelseite und das Gedächtnis des lesenden Betrachters. Denn es taucht fünf Seiten später wieder auf, dann als „Ukraine House Davos“ mit martialischem Militärfahrzeug davor. Hier, auf den Seiten 2 und 3 hängt noch keine ukrainische Flagge am Haus, prangt noch kein Schriftzug über dem Entrée, nur ein überdimensionaler Geldautomat verschandelt das Erdgeschoss des – via Fassadenplakette ausgewiesen – 1986 renovierten Hauses, das es eventuell wie die Sonnenuhr an seiner rechten Fassadenseite macht – und nur die schönen Stunden zählt, in denen es nicht militärisch geschütztes „Ukraine House“ ist.

Dass eine komplett gesichtslose Kastenfassade und ein leerer Flur mit Fahrstuhltür in grauweißer Tristesse zum Haus gehören, was dessen renovierte Fassade kaum ahnen lässt, kann der Betrachter nur vermuten, wenn er umblättert und jetzt – s. o. – das fertig benamste Haus samt Militärlaster, Security-Leuten und einem den Geldautomaten erleichternden Menschen vor sich hat. Der Zeiger der Sonnenuhr zeigt unterdessen wenig zeitlichen Fortschritt, als habe Spinatsch an anderem Tage auf denselben Moment gelauert.

 

|5|

Es sind immer die Imperative. Immerzu sollen wir irgendwas wollen müssen. Auch vor dem Huawei-Büro steht ein militärisches Fahrzeug, gleich auf dem nächsten Foto (S. 10/11). Ganzes Land oder ganzer Konzern, sagen die Fotos, der Auftritt ist der nämliche. (Sie sagen das nicht nur hier …) Der Slogan aber, neben dem unschuldigen Blumen-Logo, fordert, syntaktisch fast noch beruhigen holprig: „Bring digital to every person, home and, organization for a fully connected, intelligent world.“ Die nimmt Spinatsch mit seiner Kamera sehr trefflich aufs Korn.

 

Bild 1: Die dem virtuellen Weltwirtschaftsforum 2021 nicht fehlten.

Bild 1: Die dem virtuellen Weltwirtschaftsforum 2021 nicht fehlten. (Lars Müller Publishers)

|6|

Es gibt auch Fotos, die nichts zeigen, ginge das – oder wenig, wie z. B. die Seiten 14/15, die den trostlosen Eingang zu einem Davoser Möbelhaus zeigen, das offenbar nicht am Forum teilhat, falls das geht.

Und es gibt Fotos, die spielen mit dem Pfalz des Buches, Doppelseiten, bei denen erst genaues Hinschauen zu klären vermag, ob es sich um ein und dieselbe Aufnahme handelt. Nicht beim Blättern, aber beim Betrachten und Lesen der Fotos ist die filmische Frage nach Montage virulent.

 

|7|

Bei BlackRock (S. 18/19) geht es fotografisch plakativer zu. Auf der Promenade 38 angesiedelt, werden vor dem Büro der Unternehmenskrake schwarze Daimlerschnauzen und Security-Personal gezeigt. Schneeweißes Terrassengestühl lädt mittelschwer absurd zum gemütlichen Verweilen auf dem schmalen Gehweg neben der Straße ein – Schnee von gestern ist auch hier dabei.

 

|8|

Es gibt – wo die Fotos des Bandes fast zum Film werden, auch menschenfreie Sequenzen, als wollten sie vom final dehumanisierten Planeten Erde künden. Da werden dann Swiss + Davos Souvenirs feilgeboten oder es ist die fatal an Spielhölle oder Sexshop gemahnende Ästhetik einer Madhya Pradesh Lounge zu bestaunen. (S. 30 f)

 

|9|

Chemie, Rüstung, Versicherungen, Logistik, Telekommunikation, Schiffbau und Bau sind Bereiche, in denen der südkoreanische Familienkonzern Hanwha an der Globalisierung teilhat. Auf dem Forum weiß das Unternehmen in überdimensionaler Schrift auf der CI-Farbe Orange: „Nothing affects climate change more than the status quo.“ (S. 42) Ein Schelm, wer dabei dächte, diese sei alleweil und immer so gewesen und daher vollkompatibel zu allen klimazerstörerischen Unternehmensaktivitäten. Schüsse mit der Kamera gehen selten nach hinten los; und so führt die rechte Seite ein Detail der linken vor, das zeigt, wie klimafreundlich, wo nicht nachhaltig, des ulkigen Slogans Plakat mit Kunststoffspannern und einem von Folie überzogenen Betonklotz – für die vier Tage der Forumsdauer – fixiert ist.

 

|10|

Natürlich ist auch IKEA dabei. Mit einem lustigen, CI-seligen  Sperrholzfassädchen, wie zum selber basteln. Ob die andere Hälfte der Doppelseite (44/45) Smörestühl Knut und anderes an die Decke gehängtes Schnellwohnmobilar abbildet, bleibt spekulativ, lässt sich aber ahnen. Auf Holzhäcksel gebettete, grünt aber unten ein kleines Nadelbäumchen in blauem Topf. Wacker daran gemahnend, dass unser Planet blau und nicht grün ist? Oder es mit IKEA bleiben soll?

 

Bild 2: Zweimal im Band: Das Kreuz mit der Weltwirtschaft

Bild 2: Zweimal im Band - Das Kreuz mit der Weltwirtschaft (Lars Müller Publishers)

|11|

Sollte es – schließlich mitten auf dem Weltwirtschaftsforum – dem Nasdaq an den Kragen gehen? Prima vista scheinen die Seiten 52/53 zusammen zu gehören. Der zweite Blick lässt erkennen, dass dies nicht der Fall ist. Auf S. 52 baut ein Handwerker noch am Live-Auftritt des Nasdaq, oder baut ihn ab; Auf S. 53 fasst sich ein Mann an den Kragen, als brauche er Luft im Luftkurort. Wieder das Spiel mit dem Pfalz, am linken Bildrand des rechten Fotos ist, vordergründig unscharf, ein blaues Hosenbein zu sehen, das am rechten Bildrand der linken Seite in etwas Unscharfes, nicht näher Auszumachendes übergeht. Spielte die Doppelseite aber mit der hier nahegelegten Symbolik, täte sie’s als Montage – schon weil es dem Nasdaq doch kaum an den Kragen gehen kann.

 

|12|

Es gibt eine Doppelseite, die wiederholt wird, im Abstand von fast 200 Seiten. Ob Versehen oder intendiert tut der Intensität der Fotos keinerlei Abbruch und das Gedächtnis des Fotolesers (Lasers?) ist gefordert. Der Originalität des Fotografen wäre ein solcher Scherz zuzutrauen, oder aber es ist sehr ernst. Fünf Handwerker sind an einer hölzernen Wendeltreppe mit Einbauten (?) beschäftigt, die Scheibe, hinter der sie arbeiten, spiegelt das Rolex-Logo gedoppelt – wie das Foto, auf den Seiten 86/87 und 270/71. Lässt sich ahnen, dass die nicht ins globale Jetset passenden Handwerker hier maximal fix fertig werden müssen? Und ist es Zufall, dass zwei von zwei Handwerkern getragene Latten sich so kreuzen, dass der eine ziemlich Jesus ähnlich Kreuzwegsszene (der Maloche für die Weltwirtschaft) ergibt?

 

|13|

Fast überdimensional. Schmutziger Schnee. Ein angehobener Kanalschacht-Deckel in den ein Rohr zu münden scheint. Zwei offene, eine geschlossene, graue Kunststoffbox. Ganz oben im Hintergrund ein silbergraues Kombiheck, etwas Baum- und Buschwerk, eine Leitplanke und rechts im Bild eine Hauswand mit Glasscheibe, in der sich Unerkennbares spiegelt. Ein Kabel kommt aus dem Tor oder Zaun neben der Hauswand, verläuft durch den alten, schwarzen Schneehaufen und wird, aus ihm wieder heraus als Schlaufe am rechten Bildrand sicht- und erkennbar. Menschenwerk ohne Menschen, Unort, beliebig – da wo’s einmal schön war. (S. 104/5)

 

|14|

Eine weitere Wiederholung, jedoch eine erweiterte, betrifft das Cover-Foto, das sich, um seinen linken Teil ergänzt, auf der Doppelseite 114/15 findet. Drei Schriftzüge kommen hinzu: accenture samt nach rechts weisendem Pfeil an einer violetten, oder violett beleuchteten Fassade, SAP (dito nach rechts weisend) und der Name der Stadt Davos, der im Deutschen schwer herleitbar ist und in der Walserdeutschen Mundart auf Tafaas, auch Tafaa, im Rätoromanischen auf Tavau, im Italienischen schließlich auf Tavate hört. Letzteres verbindet sich mit einer Legende, der zufolge Tamatea, der Mann mit den großen Knien, der üblicherweise Berge hinabrutschte, hier aber emporkletterte und das Land verschluckte, bekannt auch als Landfresser. (so Wikipedia für „Davos“) – Landfresser, was sonst an Weltwirtschaftsgeschehen im Weltkurort führt uns Spinatsch mit seiner so einfühlsamen wie umsichtigen Kamera vor?

 

Bild 3: Warum steckt in IBM so viel BIM?

Bild 3: Warum steckt in IBM so viel BIM? (Lars Müller Publishers)

|15|

Einmal umgeblättert, wird man mit demselben Foto vor oder nach dem Forum konfrontiert und erfährt, dass accenture in einem Bergsport-Outlet residierte, aws aber in einem Secondhand-Klamottenladen. Nur der Weihnachtsschmuck ist noch da, oder schon? Fotografie entledigt sich hier mit ihrer, auch der Geschichte, die sie laut Siegfried Kracauer in sich aufhob.

 

|16|

Oder ein mindmap-artiges Schaubild (S. 124/25) bloß, zum „Blockbase for planetary upgrade“ – der CI-Farbe nach deutlich im Accenture-Kontext. Es geht um Inner SDGs, um Sustainable developement Goals. Da sind wir ungefähr in der Mitte des Bandes, ausgestattet mit zahlreichsten optischen Hinweisen auf nachhaltige Forums-Installationen für vier weltwirtschaftliche Tage im Luftkurort. Verrät bloß enges Denken, wer hier, den Fotos nachsinnend, Ziele verfehlt sieht?

 

|17|

Salesforce, der weltweite Cloudanbieter mit dem blauen Wolken-Logo kündet auf zünftigem Schinkenplattenholz: „Let’s bring DOING WELL and DOING GOOD TOGETHER, was man eventuell erst wahrnimmt, wenn man im Bildmittelpunkt erfahren hat, dass Volkswagen mit Salesforce „big thinks“. Der Vordergrundslogan aber muss ob Unvollständigkeit kombiniert werden. Natürlich auch eine Forderung: „Let‘s bring EQUAL WORK and EQUAL PAY TOGETHER. Ob Salesforce daran well oder good tut, muss hier offenbleiben. (S. 132/33)

 

|18|

Links die Dame im kleinen Schwarzen, ihr gegeltes Haar verdeckt nur das „b“ von „blockchain“, der Rest des Slogans kann nicht identifiziert werden. (S. 144/5) Rechts daneben diskutieren drei gegelte Manager, deren einer die Hand mit ausgetrecktem Zeigefinger hebt, eher zum Zeichen, dass es aufwärts geht, denn als Mahnung. Momentaufnahme als Kommentar für das sich anschließende doppelseitige Foto, das in weißer Neonröhrenschrift, die Frage stellt, ob „Growth an Illusion“ sei. Das ganze Foto strotzt vor Illusionärem, der Frageslogan spiegelt sich auch irgendwie am linken Bildrand noch einmal. Das Logo der Deutschen Bank, die diese Frage offenbar stellt, wird erst bei intensiverem Verweilen im Bild sichtbar, auch der Hinweis auf dieselbe am linken unteren Bildrand. Es sind Menschen im Bild, hinter einer via Neonröhren-Installationen alles verspiegelnden Glasscheibe – illusionäre An- oder doch eher Abwesenheit? Zwei Menschen scheinen zu sprechen, vier nur sehr schemenhaft zu erkennende, auf ihren Smartphones zu wischen. Fast im Bildmittelpunkt und Hintergrund ein – eventuell auch gespiegelter – uralter Citroën-Transporter, wie als Wahrzeichen aus Zeiten, in denen das Illusionäre des Wachstums noch nicht PR-effektiv fragend zur Illusion erklärt werden musste. – Unter dem Managerarm der vorherigen Seite (145) liegen im Hintergrund zwei Bücher, deren Titel einen nur die Lupe verrät: Trans Human Code.

 

|19|

Power Points eines dem Autor nicht identifizierbaren Konzerns mit einer Art UB oder LB-Logo. Punkt A: Social Design Spaces. Nicht mehr ganz neu, wie später Plattformkapitalismus ins kaum auch nur Krypto-Religiöse changiert – A sacred space for manifesting our being through work (S. 156) Spinatschs Kamera bleibt da dran: S. 172 (und auch noch mal auf S. 264) Punkt B: Our fellowship program support alignment of inner journey with outer exploration.“ Während auf der rechten Seite und der Caspian week wie eineigige Zwillinge wirkende Manager im Vorfeld der Begegnung mit zwei düster dreinschauenden Herren zu sehen sind, die es auf der folgenden Doppelseite zu betrachten gilt. Das ist im Inneren der kaspischen Macht, bei den Nadelstreifen und Krawatten. Eine Doppelseite weiter das Äußere. Die Credit Suisse hat einen temporären Modulbau bezogen, neben dem Dauerbau, in den sich die Caspian Week wie ein Goliath einmietete, womöglich mit dem Geld des Schweizer Bank-Konzerns, der sich hier gut schweizerisch als David zeigt.

 

|20|

Davos – the milky way. Nein, nicht der Schokoriegel. Eher vermutlich schmutziger Schnee auf einer Davoser Straße – die Doppelseite 192/93. Wie die gepixelte Milchstraße, die Galaxie globaler Ökonomie, aber doch „nur“ tiefenscharfer Fahrbahnschmutz, mit leuchtenden Punkten wie Fixsternen und Planeten – planetary upgrade im Überformat und zum Erinnern wie zum bildhaften Assoziieren.

 

Bild 4: Eine Runde OM zwischen allem Kommunikaze

Bild 4: Eine Runde OM zwischen allem Kommunikaze (Lars Müller Publishers)

|21|

Die Dame im violetten Seidendress (S. 207) hätte sich in vorglobal vornehmem Gestus als „distinguiert“ bezeichnen lassen. Heißt sie Yowa? So sagt das Schild an ihrem Kleid, das sie als Mitarbeiterin von Malaika ausweist, einem Unternehmen aus der Demokratischen Republik Kongo, das auf seiner Website verspricht: „Access to education, water and healthcare has empowered an entire community in the Democratic Republic of Congo. Malaika’s community-driven approach is a model that can be replicated across the world.”

Das Foto ist nur ein weiterer Beweis für das wahre Ausmaß aller ihre Modelle weltweit wiederholenden Globalisierung. Aber die Dame lacht auf S. 207. Auf S. 216 erinnert uns Spinatsch noch einmal an sie. Wieder gehört ihr die ganze Seite, wieder derselbe Hintergrund. Zehn Seiten später hat sie sich eventuell kaum bewegt. Aber ihr Blick ist nun ernst bis düster. Er richtet sich auf die rechte Seite (217) neben ihr, auf der ein Demonstrant einen Hund auf einem Flokati betrachtet, als komme das sehr wahrscheinlich teure Tier etwas besser weg in der Weltwirtschaft, als die Menschen um ihn herum. – Im Hintergrund – schweizerisch selbstredend – das migros-Logo. Seine Fahne wird beim Umblättern ein gutes Viertel der linken Doppelseite (218/19) ausmachen, die jene demonstrierenden Klima-Schützer zeigt, die 2021 beim virtuellen Forum so vorteilhaft fehlen.

 

|22|

Den sacred space vom Power Point auf S. 156 gibt’s auch konkret auf dem Weltwirtschaftsforum, wie Doppelseite 256/57 mit der ZEN ZONE vorführt. Eine Runde OM mit Glaskugel zwischen dem Kommunikaze. Dass da mehr Frauen als Männer praktizieren, muss Zufall des Aufnahmemoments sein. Eine Seite weiter ein illuminierter, wohl übrig gebliebener Weihnachtsbaum an einem offenen Kanal, eventuell für Abwasser. (S. 248) Harter Schnitt. Auch zu der rechten Folgeseite, auf der eine modelmäßige Disco-Schöne an den Reglern zieht (S. 249). Beides Davos by night. Momenthafte Impressionen, die aus Bildern ein Bild ergeben. S. 250: abgestellte, halb volle und sicher auch halb leere Gläser ganz in blaues Licht getaucht; rechts daneben (251) Deloitte: „Connect with the next generation to make an impact,“ als könnten sämtliche Slogans, die die Kamera einem in diesem Wunderband schier aufdrängt, gar nicht binsenweise genug sein. Ein klammheimlicher Wettbewerb auf einer ins Leere offenen Binsenskala …

 

|23|

Der Taxi-Meetingpoint auf Seite 288 ist leer, die Entourage der Weltwirtschaft samt Trump und Greta ist abgerückt. Das war das 50. und vorerst letzte reale Mal. In diesem Jahr war man „in Davos“ virtuell und von Demonstranten ungestört beisammen. Aber Spinatsch setzt dem 50. Mal kein fotografisches Denkmal, auch kein Mahnmal, eher schon ein Denk mal in Gestalt eines günstigeren Imperativs, als all die der Slogans in vier hochalpinen Tagen. S. 289 wird dann eventuell etwas zu symbolträchtig: ein leerer Bilderrahmen mit einem Nichts an TGA-Bestandteilen im Hintergrund, es mag auch ein Spiegel im Rahmen gewesen sein. Da wird der Band für einmal allegorisch und wir sehen ihm das ob seiner phänomenologisch-fotografischen Glanzleistung gern nach. Die letzte Fotoseite (290) aber bleibt dem Verfasser unenträtselt. Ist es das Absurde der Aufnahme, das dem immer wiederholbaren und zu wiederholenden Lesestoff dieser traumwandlerisch sicher daneben und damit ins Zentrum der Oberfläche sehenden Fotos, das den Ausklang der teils sehr schrägen Farbtöne gebiert? Bauzäune um schlanke Obelisken in verschiedenen Zartfarben, oder in die Erde gerammte WEA-Rotorblätter – auf jeden Fall ein äußerst isoliertes Szenario.

 

|24|

Man kommt, ob man will oder nicht, ins Googeln ob all der abgebildeten Logos von nur teils notorisch bekannten Weltkonzernen; und man lernt allerlei an Unternehmen kennen, die die datengetriebene Visage der Weltwirtschaft bestimmen. Dass data nicht “the new oil”, aber “oil” eventuell the “old data” ist, wird dem Betrachter en passant klar. Daten fließen flüssiger als Öl und sie versiegen niemals, auch daran gemahnt die seltsame Kombination aus offenem Kanal für munter plätscherndes, vermutliches Abwasser und dem digitalen Auflegen der Disco-Queen, (248/249) falls man soweit denken möchte. Gesichte und Gesichter des Plattform-Kapitalismus.

 

Bild 5: Bauen auf dem Mars antizipiert

Bild 5: Bauen auf dem Mars antizipiert (Lars Müller Publishers)

|25|

Mit einem seiner Hauptwerke, der „Lesbarkeit der Welt“ hat einer der großen Philosophen des 20. Jhs., Hans Blumenberg, seine Theorie der Unbegrifflichkeit ausgebaut.

Zwischen den Büchern und der Wirklichkeit sei, so Blumenberg, eine alte Feindschaft gesetzt. Das Geschriebene habe sich an die Stelle der Wirklichkeit geschoben. „Die geschriebene und schließlich gedruckte Tradition“ sei „immer wieder zur Schwächung von Authentizität der Erfahrung geworden“ und: es gebe „etwas wie die Arroganz der Bücher“, die uns nahelegte, „hier müsse alles stehen und es sei sinnlos, in der Spanne des ohnehin allzu kurzen Lebens noch einmal hinzusehen und wahrzunehmen, was einmal zur Kenntnis genommen und gebracht worden war.“

Gibt „Davos is a Verb“ von Jules Spinatsch hier die tiefere Bedeutung seines kryptischen Titels preis? Gilt es „noch einmal hinzusehen“, ehe der Plattform-Kapitalismus die plattesten Formen des Wahrnehmens noch unterminiert? Feiert hier das analoge Foto im nichtschriftlichen Buch am Ende seiner Ära alles unbegriffliche Denken als Verb und damit letztlich eventuell sein Überleben im Premium-Dasein?

Das nichtschriftliche Buch zeigt schließlich reichlich Schrift, neonartig, als PR-Sprech und Banalbotschaften – als gebe es nichts mehr zu lesen, außer Brands, Slogans und Plattitüden.

Wird hier so das „arrogante Medium“ Buch fotografisch mit sich selbst versöhnt? Lesen in Bildern, zu denen hier Schrift verkommt – Bilder lesend noch einmal hinschauen? Jean-Luc Godard dachte einst darüber nach, wie eine Gesellschaft aussähe, die sich durch Bilder, nicht Schrift organisiert … Das Buch zu, und alle Fragen offen; wenn da nicht dieses Verlangen wäre, es gleich wieder von vorn – ja: zu lesen, als dann ganz anderes Buch.

Schreibe einen Kommentar…

Datum 12. Mai 2021
Autor Burkhard Talebitari
Schlagwörter , , , , , , , , , ,
Teilen facebook | twitter | Google+