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Kolumne Falk Jaeger

Der Mensch ist nicht großraumbürokompatibel

Apple Park in Cupertino, Kalifornien, USA

Apple Park in Cupertino, Kalifornien, USA (Bilder © 2018 CNES / Airbus,DigitalGlobe,U.S. Geological Survey,USDA Farm Service Agency,Kartendaten © 2018 Google)

Es ging weltweit durch die Presse: Der Stararchitekt Lord Foster hat für Apple im Kalifornischen Cupertino einen „amazing new campus“ gebaut, ach was, ein „Raumschiff“, wie man es noch nie gesehen hat. Es handelt sich um eine minimalistische Großform, die wie das Pentagon auch aus dem All zu erkennen ist (siehe Google Earth 37.335 122.009); ein ringförmiges Gebilde (manche sagen spöttisch „Doghnut“), wie es sich Wernher von Braun 1952 als rotierende Orbitalstation erdacht hat.

Die finite Form ist übrigens merkwürdig fern der Geschäftsidee des Konzerns, denn der ist ultraflexibel, volatil, zeitgeistig. Fosters Ring dagegen ist perfekt, fertig, eternel, kann nicht bei Bedarf erweitert (oder verkleinert) werden.

Fünf Milliarden soll der schicke Arbeitsplatz für 13.000 Mitarbeiter gekostet haben. Sechs Kilometer gekurvte Glasfassaden hat der schwäbische Fassadenspezialist Seele geliefert. Transparenz innen und außen ist das Prinzip, vor allem auch bei Innenwänden und Türen.
Und nun das. Es ging ebenfalls weltweit durch die Presse: Die Leute rennen ständig gegen die Glaswände. Viele haben sich schon blutige Nasen geholt oder noch ernsthafter verletzt. Man sagt, die Apple-Mitarbeiter wären unablässig gesenkten Hauptes auf ihre Handys starrend unterwegs und würden deshalb die Glastüren nicht wahrnehmen. Da hilft nur eine hauseigene App, die den aktuellen Öffnungszustand aller Türen im Haus kennt und die Nerds auf ihrem Weg zum Casino vor Hindernissen warnt. Dürfte doch kein Problem sein.

Die Unfallgefahr ist jedoch nicht der einzige Grund, weshalb sich die Mitarbeiter scharenweise beklagten und sich gegen die Versetzung in den Neubau wehrten. Es sind die altbekannten Vorbehalte gegen das Großraumbüro, das hier im tendenziell entgrenzten Raum noch potenziert zu erleben ist. Der Mensch ist offenbar nicht noch immer nicht großraumbürokompatibel, das wollte Lord Foster nicht wahrhaben. Soviel Transparenz, Beobachtung, Kontrolle ist den Apple-Mitarbeitern denn doch zu viel.
Merkwürdig auch dies, denn wer in einer solchen Firma arbeitet, der sollte eines bestimmt nicht haben: Sorge oder Angst vor dem gläsernen, algorithmengesteuerten Menschen und dem totalüberwachten Dasein. Denn er treibt diese Entwicklung ja mit voran.
Die Angelegenheit zeigt also, dass der Mensch nach wie vor seine Lebensumwelt mithilfe seiner fünf Sinne erfasst und beurteilt. Er will nicht beobachtet werden. Er hat aber noch nicht das Bewusstsein und die Sinne für die virtuelle Welt und deren totale Überwachung und Bedrohungen erworben.

Das wäre erst nach einer entsprechenden evolutionären Entwicklung des Menschen zu erwarten, die wohl einige hunderttausend Jahre dauern dürfte. Ähnlich dem Hausbau selbst, der ja dem menschlichen Nestbauinstinkt folgt; beim Glaspalast versagen jedoch die Instinkte. Oder ähnlich dem Umgang mit dem Automobil. Bis wir unseren schweren SUV nicht mehr als feste Burg empfinden und den gegnerischen BMW als Bedrohung, bis wir die Autobahnfahrt nicht mehr als Wettrennen erleben, sondern als gemeinsame Wegstrecke gleichgesinnter, der Empathie werter Individuen, wird es ebenso Jahrhunderttausende dauern. Freilich ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es SUVs so lange gar nicht geben wird und wir das vernünftige Autofahren wohl nie lernen werden.

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Datum 9. Mai 2018
Autor Prof. Falk Jaeger
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