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Interview

Die kommunale Wasserwirtschaft muss demokratisiert werden

Interview mit Dipl.-Ing. Erwin Nolde über das Thema Grauwasser und vieles, was damit zusammenhängt

Herr Nolde, Sie beschäftigen sich schon Ihr gesamtes Berufsleben lang mit Wasserrecycling und Wasserqualität. Welche Einflüsse von außen gab es da, welche innere Motivation?
1989 habe ich an der TU-Berlin als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachgebiet Hygiene angefangen und dort 10 Jahre in mehreren Forschungs- und Entwicklungsvorhaben u. a. an dezentralen Wasserkonzepten eng mit anderen Fachkollegen, aber auch mit den Fachplanern, dem Sanitärhandwerk, Studenten und Behörden zusammengearbeitet, was mich natürlich beeinflusst hat.

Das Thema damals war Wassersparen, oder?

Wasserversorgung mittels LKW zum Hotel

Wasserversorgung mittels LKW zum Hotel

Anfangs ging es ausschließlich darum. Wieso soll man eine Toilette mit dem Lebensmittel Trinkwasser spülen und bestes Regenwasser, aus dem Kollegen heute sogar Trinkwasser oder leckeres Bier herstellen, in die Kanalisation ableiten? Als Umwelt-Ingenieur wurde mir klar, dass es primär darum geht, Abwasser zu vermeiden, zu recyceln und nur, wenn beides nicht möglich ist, so aufzubereiten, dass es auch für Flora und Fauna unschädlich ist. Dieser Standpunkt findet allgemein breiten Zuspruch …

… aber die Realität sieht anders aus?

Absolut. Nach wie vor werden große Mengen an Nährstoffe in die Meere geleitet, Düngemittel, die wir über kurz oder lang dringend auf dem Festland zur Nahrungsmittelproduktion benötigen. Schon auf dem Weg ins Meer richten sie Schäden an und im Meer angekommen gibt es leider keine Rückfahrkarte.

Fisch, Salat und Gemüseproduktion in Aquaponik

Fisch, Salat und Gemüseproduktion in Aquaponik

Man klopft sich auf die Schulter und rühmt sich über die Reinigungsleistung moderner Kläranlagen. Aber die Artenvielfalt im aquatischen Bereich ist eindeutig gesunken. Viele Fischarten kommen im seenreichen Berlin nicht mehr vor und Fisch aus städtischen Gewässern wird nicht vermarktet. Verwunderlich ist das nicht. Schließlich gelangen jährlich mehrere hundert Tonnen schadstoffhaltiger Schlamm, dessen Ausbringung in der Landwirtschaft untersagt wurde, ganz legal aus Kläranlagen in Form von nicht abfiltrierten Trübstoffen über den Kläranlagenablauf in die Oberflächengewässer. Und nach fast jedem Starkregenereignis im Sommer sind tonnenweise Fischkadaver zu entsorgen. Bessere, meist dezentrale Lösungen sind oft deutlich preiswerter als konventionelle Systeme und bereits erprobt – es fehlt nur an der weiteren Umsetzung.

In Ihrem ersten Leben waren Sie Ingenieur für Elektro- und Nachrichtentechnik …

IoT

Internet of Things (IoT)

Für relativ kurze Zeit, ja und das kommt mir heute zu Gute. In unserem Ingenieurbüro, das ich seit 1999 betreibe, arbeiten wir auch am Internet of Things (IoT), allerdings nicht für Kühlschränke und Espressomaschinen, sondern für Grauwasserrecycling- und Wärmerückgewinnungsanlagen, durch die die Zuverlässigkeit gesteigert und die Betriebs- und Wartungskosten deutlich reduziert werden. Und um auf Ihre Frage nach der inneren Motivation zu kommen: die stellt sich von ganz alleine ein – wenn nämlich die Arbeit wirklich Spaß macht, man sich dabei nicht verrenken muss und ständig in Kontakt mit guten – zumeist jungen Leuten steht, die tatsächlich noch etwas verändern wollen.

Sie behaupten in einer Ihrer Publikationen, die getrennte Erfassung von Grauwasser sei ein Weg zu mehr Ressourceneffizienz in der Siedlungswasserwirtschaft. Wie darf man sich das vorstellen?

Skizze Grauwasserrecycling

Skizze Grauwasserrecycling

Im Kreislaufwirtschaftsgesetz ist eine klare Hierarchie festgelegt. Demnach genießt die Abfallvermeidung die höchste Priorität. Sie steht vor der Vorbereitung zur Wiederverwendung, dem Recycling und der sonstigen Verwertung von Siedlungsabfällen. Die niedrigste Priorität fällt der Abfallbeseitigung zu. Der Erfolg oder Misserfolg dieses Gesetzes hängt besonders davon ab, ob und wie gut die getrennte Erfassung der Wertstoffe gelingt. Die muss ja bereits im Haushalt beginnen. Im Bereich der Siedlungswasserwirtschaft wird der „Wertstoff“ häusliches Abwasser vielfach sogar noch mit dem Niederschlagswasser vermischt und in einer einzigen Abwasserleitung abtransportiert. Anschließend wird er dann zentral behandelt und beseitigt.

Ökologisch sinnvolles Recycling sieht anders aus …
Das ist unter diesen Umständen nicht mehr möglich. Außerdem ist ein solches Vorgehen auch noch energieintensiv. Die heutige Siedlungswasserwirtschaft ist der größte kommunale Stromverbraucher. Die Stadt Berlin mit ihren rund 3,5 Mio. Einwohnern benötigt für die Trinkwasserver- und Abwasserentsorgung so viel Elektroenergie, wie eine Stadt mit 280.000 Einwohnern an Haushaltsstrom. Häusliches Abwasser ist eine Ressource für Wasser, Energie und Nährstoffe. Die Stofftrennung im Gebäude kann zu deutlich mehr Umweltschutz und gleichzeitig niedrigeren Betriebskosten beitragen. Ein Beispiel ist das Grauwasserrecycling im mehrgeschossigen Wohnungsbau. Man kann ja das – im Jahresmittel bis zu 31 °C warme Grauwasser, das etwa 70 – 80 Volumenprozent ausmacht, bereits im Gebäude einer Wärmerückgewinnung unterziehen. Dadurch wird dem Grauwasser mit 1.754 Wh pro Person und Tag dezentral im Gebäude mehr Energie entzogen, als wenn das Gesamtabwasser erst weit entfernt und nach Abkühlung im Erdreich zentral nur noch um 1,5 Kelvin abgekühlt werden kann. Nochmals deutlich niedriger als die zentrale Wärmerückgewinnung ist das Energiepotenzial von 118 Wh pro Person und Tag, das sich als Biogas aus dem häuslichen Abwasser gewinnen lässt.

Sie sprachen gerade davon, dass häusliches Abwasser eine Ressource ist für Wasser, Energie und Nährstoffe. Den energetischen Aspekt haben wir jetzt verstanden. Aber welche Nährstoffe meinen Sie? Und wieviel Wasser wird wiederverwendet?

Recyclingpotenziale im häuslichen Abwasser

Recyclingpotenziale im häuslichen Abwasser

Beim kommunalen Abwasser werden leider Grau-, Schwarz- und oftmals leider auch noch Regenwasser vermischt. Dem gegenüber zeichnet sich Grauwasser dadurch aus, dass es vergleichsweise wenig Nährstoffe wie Stickstoff und Phosphor, oder Spurenstoffe aus Medikamenten, Schwermetalle und sonstige Problemstoffe aus Textilien enthält, also gut recycelbar ist. Wenn das Grauwasser neben Dusch- und Badewasser – wie bei dem durch das BMBF geförderte ROOF WATER-FARM Projekt im Block 6 in Berlin-Kreuzberg – auch die höher belasteten Abwässer aus Waschmaschinen und Küchen enthält, ist die organische Belastung vergleichsweise hoch: ca. 850 mg/l chemischer Sauerstoffbedarf. Das ist bei der Anlagendimensionierung zu beachten. Ziel der Grauwasseraufbereitung ist es nun, entsprechend der angestrebten Verwendungen, wie Toiletten spülen, Wäsche waschen, Bewässerung, Raumreinigung usw. ein Betriebswasser zu erzeugen, das

  1. hygienisch einwandfrei ist,
  2. dem Nutzer weder einen Komfortverlust noch Nutzungsauflagen abverlangt,
  3. unter Umweltgesichtspunkten den konventionellen Systemen überlegen ist, und
  4. Kostenvorteile für den Endnutzer erzeugt.
Grauwaseerrecyclinganlage für 250 Personen

Grauwasserrecyclinganlage für 250 Personen

Alle vier Anforderungen werden seit nunmehr zehn Jahren im Praxisbetrieb mit einem mehrstufigen Wirbelbett-System ohne Zusatz von Chemikalien sicher und vollständig erfüllt. Im ROOF WATER-FARM Projekt werden täglich rund 10 m³ Trinkwasser eingespart, weil von 250 Personen stattdessen hochwertiges Betriebswasser zur Toilettenspülung – und neuerdings auch zur Lebensmittelproduktion – erzeugt wird. Wichtig ist, dass die Grauwasseraufbereitung so dimensioniert ist, dass auch außergewöhnliche Belastungsstöße, wie Einträge durch Wandfarbe, Fette, Öle, Desinfektionsmittel, die Anlagenfunktion nicht beeinträchtigen und der Wartungsaufwand gering ist. Automatisch rückspülende Siebe, Sandfilter und eine internetfähige Steuerung tragen da maßgeblich zum Gesamterfolg bei.

 

Wie sieht es aus, wenn das Betriebswasser nur für die Toilettenspülung verwendet wird?

Abwasser ist eine Ressource

Abwasser ist eine Ressource

Das Trinkwassereinsparpotenzial für die Toilettenspülung beträgt ca. 30%. Bei weiterer Nutzung von Betriebswasser, wie z. B. beim Wäschewaschen werden es 50 % und mehr. Das Toilettenabwasser wiederum enthält viele Nährstoffe – es ist eine hervorragende Basis für die Flüssigdüngerherstellung.
Bei den Nährstoffen meine ich in erster Linie den Phosphor aber auch Stickstoff und Kalium – alles  wichtige Pflanzendünger. Die sind entweder schon knapp oder ihre konventionelle Herstellung braucht viel Energie, Kalium wird zudem bisher in keiner kommunalen Kläranlage zurückgehalten. All diese Stoffe sind wichtig für die Ernährung der Bevölkerung. In Fäkalien und Urin liegen sie extrem konzentriert vor. So lassen sie sich auch noch mit bis zu 30 Liter Spülwasser pro Person und Tag gut in den Kreislauf zurückführen. Werden Toilettenabwässer aber mit 90 l Grauwasser und dann noch mit Regenwasser verdünnt, kann man das Recycling vergessen. Im ROOF WATER-FARM Projekt wurde aus dem Toilettenspülwasser (Schwarzwasser) ein hygienisch einwandfreiem Flüssigdünger hergestellt, den wir „Goldwasser“ tauften.

Das eben erwähnte Roof Water-Farm Projekt, wie läuft das aus Sicht der Bewohner und des Anlagenbetreibers?
Kurz gefasst: Wir erreichen eine hohe Reinigungsleistung und Zufriedenheit bei den Nutzern! Ziel des Anlagenbetreibers ist es, die bereits relativ ehrgeizigen Qualitätsanforderungen an Betriebswasser sicher zu unterschreiten. Die Trübung unter einer Trübungseinheit (1 NTU) zu halten – das ist der Grenzwert für Trinkwasser – hat sich aus Sicht des Betreibers in mehrfacher Hinsicht bewährt. Zum einen gab es in den zehn Jahren keine einzige Beschwerde seitens der Mieter, die das hochwertige Betriebswasser kaum vom Trinkwasser unterscheiden können. Zum anderen waren keine Rohrspülungen erforderlich und der Betriebswasserspeicher musste nur selten ausgespritzt werden, was niedrige Betriebskosten zur Folge hat.

Können Sie die Untersuchungsergebnisse mal kurz aufführen?
Diverse Medikamente, wie Röntgenkontrastmittel, Blutdrucksenker, die im Zu- und Ablauf von kommunalen Kläranlagen in durchaus nennenswerten Konzentrationen auftreten, lagen bereits im Grauwasserzulauf unterhalb der Nachweisgrenze. Interessant auch: Viele andere Spurenstoffe wurden im klaren, nahezu partikel- und geruchsfreien, sowie hygienisch einwandfreien Betriebswasser in deutlich geringerer Konzentration nachgewiesen als in Berliner Oberflächengewässern. Das kommt der Lebensmittelqualität der ROOF WATER-FARM-Produkte natürlich zugute. Die Mehrstufigkeit der biologischen Reinigung ist vermutlich der entscheidende Grund dafür, dass einzelne Spurenstoffe, die sich in Großkläranlagen nicht oder nur sehr wenig reduzieren lassen, hier so deutlich vermindert werden. Dass beispielsweise der Süßstoff Acesulfam in einer Kläranlage um mehr als 90 Prozent reduziert wird, galt zuvor als äußerst unwahrscheinlich.

Sie haben da eine Online-Überwachung der Betriebswasserqualität …

Online Monitoring

Online Monitoring

… ja, unter anderen für die Parameter Sauerstoff, Temperatur und Trübung, die im Rahmen eines Forschungs- und Entwicklungsprojekts durchgeführt wurden. Die Online-Überwachung zeigte: über mehrere Monate hinweg wurden dauerhaft niedrige Trübungen – in der Regel deutlich unter 1 NTU – und hohe Sauerstoffkonzentrationen gemessen. Das dokumentiert natürlich auch die Prozessstabilität der Anlage.

Wie sieht es da mit Raumbedarf und Investitionskosten aus?
Beides moderat: die für den Anlagenbetrieb erforderliche Stellfläche beträgt rund 0,1 m² pro Person, was etwa der Größe eines DIN A4-Blatts entspricht. Für ein zweites Leitungsnetz einschließlich einer hochwertigen Grauwasseraufbereitung wurden für den mehrgeschossigen Wohnungsneubau Mehrkosten in Höhe von etwa 20 €/m2 Wohnfläche, bzw. Betriebswasserkosten in Höhe von rund 3 €/m3 ermittelt. Neben den niedrigen Trink- und Abwasserkosten werden durch das Grauwasserrecycling gegebenenfalls auch niedrigere Grundgebühren fällig. Das richtet sich in der Regel nach dem Nenndurchfluss des Trinkwasserzählers.

Und wie sieht’s beim Schwarzwasser aus?
Da sind wir noch nicht ganz so weit fortgeschritten. Problematisch war es anfangs, dass über Toiletten auch Dinge entsorgt werden, die dort nicht hingehören wie z. B. Essensreste, Textilien, Hygieneartikel und eben auch feuchte Toilettentücher, die überall große Probleme bereiten. Das Hauptproblem ist aber kein technisches. Solange die Recyclingprodukte nicht marktfähig sind, weil dafür rechtliche Rahmen fehlen und niemand sich wirklich um diesen Aspekt kümmert, bleiben all diese Schätze ungehoben und belasten weiterhin das Ökosystem.

Wie sehen Sie die Zukunft der Betriebswasserverwendung bzw. Grauwasser-Aufbereitung in Deutschland?

Arnimplatz

Passivhaus mit Grauwasserrecycling und Wärmerückgewinnung aus Grauwasser.

Wasser ist ein regionales Produkt, welches den Kunden in ausreichender Menge und guter Qualität 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr zur Verfügung stehen sollte. Das gilt natürlich auch für die Betriebswasserversorgung. Neben hochwertiger Technik ist für den zuverlässigen Anlagenbetrieb auch gut ausgebildetes Personal zwingend erforderlich. Ein zentraler Betrieb diverser dezentraler Grauwasserrecyclinganlagen könnte zu einem weiteren Betätigungsfeld fortschrittlicher Wasserver- und Abwasserentsorgungsunternehmen werden. Energiepositive Grauwasserrecyclinganlagen und solche, die auch die hoch belasteten Grauwasseranteile aufbereiten, werden seit mehreren Jahren erfolgreich und sicher betrieben. Bei Neubauten und Sanierungen sollte man deshalb stets prüfen, wie sich Grauwasserrecycling und Wärmerückgewinnung am besten integrieren lassen. Durch Wärmerückgewinnung wird etwa zehnmal so viel Wärme gewonnen, wie man zum Anlagenbetrieb für Grauwasserrecycling und Wärmerückgewinnung an elektrischer Energie benötigt.

Sie sehen Grauwasser als einen Baustein gegen den Klimawandel …
… und auch gegen hohe Betriebskosten. Das sollte konsequent genutzt werden. Dem ist bisher eher nicht so, und das liegt vor allem daran, dass Energie- und Wasserkosten für Vermieter so genannte durchlaufende Kosten darstellen. Sie werden also zu 100 Prozent auf die Mieter umgelegt. Solange aber die Kosten für Grauwasserrecycling und Wärmerückgewinnung aus Abwasser einseitig vom Immobilieneigentümer zu verbuchen sind, während die Betriebskosteneinsparungen einseitig dem Immobiliennutzer zugutekommen, bleibt der Umweltschutz vorerst noch auf der Strecke. Baugruppen, die auch selbst in ihren Wohnungen wohnen und nachgerechnet haben, sahen als erste, dass man mit der Wärmerückgewinnung mehr Wohnraum gewinnen kann (weniger Dämmung) als durch das zweite Leitungsnetz und Anlagenstellfläche geopfert werden muss. Sie haben auch erkannt, dass gerade das Grauwasserrecycling dazu geeignet ist, die Betriebskosten dauerhaft niedrig zu halten.
„Das ist die Zukunft der Stadt! (Es wissen nur noch nicht alle!)“ – so lautet ein Eintrag der in das Gästebuch der ROOF WATER-FARM. Nun ist der Gesetzgeber gefragt, über finanzielle Anreize oder Verordnungen in geeigneter Weise dafür zu sorgen, dass zukünftig messbare Fortschritte in den Bereichen Ressourceneffizienz und Klimaschutz erzielt werden.

Grauwasser, Schwarzwasser, Regenwasser – europaweit ein Thema?
Oh ja, ganz gewiss – nicht nur europaweit, wie beispielsweise in Spanien oder Portugal – es ist weltweit ein Thema. Aktuell kann man auf die leeren Trinkwasserreservoirs in Kapstadt blicken, was anderswo nicht ganz so krass auftritt und Fernwasserversorgungen – die in Deutschland den regionalen Mangel noch ausgleichen – sind nicht selten ein Problem, weil anderen Regionen dadurch das Wasser entzogen wird (siehe Vogelsberg)..

Wir haben vor ein paar Jahren gemeinsam mit einem bekannten Armaturenhersteller ein gutes Grauwasserrecyclingprojekt in Südafrika – nahe Port Elizabeth durchgeführt. Technisch ist das gut gelaufen. Aber ein Projekt ist letzten Endes nur dann erfolgreich, wenn es sich anschließend dupliziert. Dafür braucht man neben gut ausgebildetem Personal vor Ort etwas Ähnliches wie 1990 das 1.000 Dächer-Programm für Photovoltaik in Deutschland. Das zusammen ist innerhalb von 3 Jahren – das sind übliche Projektlaufzeiten – allein nicht zu stemmen. Man braucht mehr Zeit, einen guten Support aus anderen Disziplinen und vor allen Dingen den festen politischen Willen wirklich etwas verbessern zu wollen.

Und wie sieht es in anderen Regionen aus?

Hotel am Toten Meer

Hotel am Toten Meer

Auch in Nordafrika, Australien, den USA, im Nahen Osten und anderswo ist Grauwasser ein Thema – nur wird es dort meist mehr oder weniger schlecht aufbereitet und ausschließlich zur Rasenbewässerung verwendet. Oder die schlechte Aufbereitung wird für andere Verwendungszwecke mit viel Chlor kaschiert.

Erste Grauwasserrecyclinganlage in einem Hotel am Toten Meer (Jordanien).

Grauwasseranlage in Jordanien

In Jordanien war es bis vor ein paar Jahren verboten, aufbereitetes Grauwasser im Gebäude ein zweites Mal für die Toilettenspülung zu nutzen. Nach unserem Pilotprojekt in einem Hotel am Toten Meer wurde das geändert.
Bei einer Ausschreibung von einer großen kommunalen Wohnungsbaugesellschaft in den Niederlanden hingegen sind wir nicht zum Zuge gekommen, weil Berliner Wohnungsbaugesellschaften, die von uns in Berlin entwickelte Technik (noch) nicht einsetzen. In diesem Zusammenhang waren die überzeugende Darstellung, die guten Projektlangzeitergebnisse und Auszeichnungen wie Deutschland Land der Ideen 2009, der KlimaSchutzPartnerPreis 2011 oder der AQUA AWARD 2016 u. a. unwichtig – letztlich vielleicht sogar hinderlich. Was man woanders verkaufen will, muss auch über ausreichende Referenzen vor der eigenen Haustür verfügen …

Welche weltweit bedeutenden Entwicklungen laufen aktuell in Ihrem Metier?
Als Techniker ist man geneigt, technische Verfahren zur Nährstoffrückgewinnung aus Abwasser oder Trinkwassergewinnung aus Regenwasser oder belastetem Oberflächengewässern aufzulisten – aber ich glaube, dass die Technik allein nicht das Entscheidende ist. Kein Verfahren ist überall gleichermaßen gut geeignet. Es ist ja auch nicht die Frage, ob rein zentral oder rein dezentral – oft ist es eher die Kombination aus beidem. Und die optimale Kombination ist eine Ingenieursaufgabe, die überall höchst unterschiedlich aussehen kann.
Wichtiger erscheint mir aber der Transformationsprozess zu sein, das bereits Bekannte, Erprobte und Bewährte entgegen den Widerständen von Lobbyisten und Verwaltungen tatsächlich in die breitere Anwendung zu bringen.

Wie kann man einen solchen Prozess erfolgreich angehen?
Dafür müssen vorab Rahmenbedingungen geändert werden. Für Variantenvergleiche, die eine zukunftsfähige Wasserwirtschaft zum Ziel haben, ist eine umfassende Datenlage zwingend erforderlich, die den Kunden und innovativen Akteuren bisher noch vorenthalten wird, und Trinkwasser – das sogenannte Lebensmittel Nr. 1 – ist ein Gut mit dem man prima Geschäfte machen kann, insbesondere dann, wenn die Gewässerverschmutzung zunimmt.
In Berlin wird nach der erfolgreichen Rekommunalisierung der Wasserbetriebe 2013 der Ruf nach deren Demokratisierung laut. Wir haben da einen kommunalen Betrieb, der genau genommen ausschließlich seinen Bürgern gehört, der eine Monopolstellung ausübt und als kommunales Unternehmen hohe Gewinne erzielt. Die werden aber dem Landeshaushalt nicht zweckgebunden, sondern für andere Aufgaben einverleibt. Außerdem schottet dieser Betrieb mit seinen 4.300 Mitarbeitern sich derart von den Bürgern ab, dass er noch nicht einmal ein Organigramm veröffentlicht und auch keine Auskunft darüber erteilt, warum allein für einen einzigen Hausanschluss für im Durchschnitt 3,5 Personen mehr als 24.000 € aufzuwenden sind. Mit so einem Monopolisten, der sich wenig auskunftswillig gibt, gestaltet sich der Transformationsprozess zwar schwer, er ist aber auch nicht unmöglich.

Da fällt es den Lobbyisten leicht, pauschal zu behaupten, dass ein zweites Leitungsnetz nicht finanzierbar sei und Regenwassernutzung sich nicht rentieren würde.
Ja, leider ohne dabei die eigenen Kosten transparent darzustellen. Dabei liegen die Zusatzkosten für das zweite Leistungsnetz in der Größenordnung von ca. 500 € pro Wohneinheit und für die Aufbereitungstechnik nochmals bei ca. 500 € pro angeschlossene Person – weniger als ein kurzlebiges Smart-Phone kostet und auch weniger als für die zentrale Kanalisation aufzuwenden sind.
Gut hingegen sind internationale Prozesse, die darauf abzielen verbindliche Qualitätsanforderungen zu etablieren, wenn es beispielsweise um die Lebensmittelproduktion mit behandeltem Abwasser oder verbesserte Umweltstandards geht, die zeitnahe zu garantieren sind.
Mit der am 01.03.2018 neu eingeführten BAFA-Förderung* der Wärmerückgewinnung aus Grauwasser, die auch die Kosten des zweiten Leitungsnetzes berücksichtig, ist man immerhin auf dem richtigen Weg.

Herr Nolde, haben Sie vielen Dank für dieses Interview

Das Gute kann jetzt in Serie gehen

Das Gute kann jetzt in Serie gehen

*siehe momentum: „Das Gute kann jetzt in Serie gehen“

Die Fragen stellte Klaus w. König

Leserkommentare

  1. Joachim Zeisel | 28. April 2018

    Hallo Erwin,

    das war ein toller Artikel, meinen Glückwunsch.
    Ich denke aber, dass man mit den heutzutage zur Verfügung stehenden Reinigungstechniken wie der Membrantechnologie möglicherweise keine Trennung der Abwasserströme durchführen muß, wenn man nur das Wasserrecycling vor Augen hat. Und auch hier lässt sich über die Wärmepumpe die Energie zurückgewinnen mit einem höheren Ertrag vielleicht, da man das Energiepotential des wohnungstemperierten Spülkastenwasser mitnutzt, wie auch das der Küchenabwässer.
    Betrachtet man die Nährstoffrückgewinnung sieht das anders aus.
    Ich würde mir wünschen, dass ihr mit eurer Erfahrung einmal ein solches Projekt durchführen könnt.
    Bis dahin einen lieben Gruß
    Joachim Zeisel, Grauwasserbastler

  2. Prof. Dr.-Ing. Jutta Kerpen | 30. April 2018

    lieber Erwin,
    das ist eine super Überblick über dezentrale Behandlungen und die Hindernisse bei der Verbeitung, die meist nicht im technischen Bereich liegen.
    Ich werde den Artikel in meiner Lehrveranstaltung den Studierenden zur Einführung geben.
    viele Grüße
    Jutta

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Datum 27. April 2018
Autor Klaus W. König
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