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Kolumne Reinhard Hübsch

die neuen helden in film und literatur: architekten und bauingenieure

Howard Roark (Gary Cooper) in "The Fountainhead" (1949)

Howard Roark (Gary Cooper) in "The Fountainhead" (1949)

welche berufe werden am häufigsten in filmen dargestellt, welchen professionellen tätigkeiten gehen die hauptfiguren der literatur nach? in dieser kleinen soziologie der künste dürften televisionäre kommissare, detektive und rechtsanwälte vermutlich in den spitzenrängen anzutreffen sein; cineasten stoßen allenthalben auf jene, die das berufsleben bereits hinter sich haben, wenn man sich an die zahllosen senioren-filme erinnert, die seit doris dörries „hanami“ und leander haußmanns komödie „dinosaurier“ die silverager auf „wolke 9“ (andreas dresen) schweben. die literatur der letzten jahre auf einen beruflichen nenner zu bringen, will dagegen als ein hoffnungsloses unterfangen erscheinen, weil hier nahezu alles, was von a wie advokat bis z wie zahnarzt sein geld verdient, repräsentiert wird. aber eine gruppe hat sich auf den leinwänden, in den fernsehprogrammen und den bücherseiten in den vergangenen jahren kräftig nach vorn gearbeitet: architekten und bauingenieure mit ihrer arbeit.

Buchcover „Der Amerikanische Architekt“ von Amy Waldman

Buchcover „Der Amerikanische Architekt“ von Amy Waldman (Foto: dasgrauesofa.wordpress.com)

während ein architekt wie howard roark im roman „fountainhead“ von ayn rand 1943 noch eine literarische rarität darstellte (übrigens ebenso wie in der verfilmung von king vidor 1949), ist die gegenwartsliteratur geradezu zur dauer-bau-stelle geworden. das wohl prominenteste beispiel bildet amy waldmans „der amerikanische architekt“, der in diesem jahr in deutscher übersetzung erschien, mittlerweile die 6. auflage erlebt hat und der die auseinandersetzungen um den fiktiven baukünstler mohammed khan erzählt, der mit seinem entwurf den wettbewerb um die gedenkstätte für 9/11 in new york gewonnen hat – von der „new york times“ („bravourös und fesselnd“) bis zur faz („scharfzüngig erzählt amy waldman vom schlingernden selbstfindungsprozess eines zersplitterten landes“) einhellig gelobt, wird die prosa vom publikum derart geliebt, dass ulrich noethen sie bereits in einer hörbuchfassung vorgelegt hat.

Buchcover "Angst" von Dirk Kurbjuweit

Buchcover "Angst" von Dirk Kurbjuweit (Foto: Rowohlt Verlag)

in dem ebenfalls hochgelobten roman „angst“ von dirk kurbjuweit ist es der architekt randolph tiefenthaler, der sich und seine familie durch einen mitbewohner seines hauses so bedrängt sieht, dass er – aber die pointe dieses romans, der auf einem wahren ereignis beruht, soll hier nicht verraten werden, nur so viel: die prosa um liebe und tod, vater und sohn, um eine zerrüttete ehe und ihr wiederaufleben, um delikate architekturen und küchen in und um berlin ist eine wunderbare alternative zur hoai- und enev-lektüre!

auch in der novelle „die ewigkeit des augenblicks“ steht ein architekt im mittelpunkt: michael denninghoff heißt er in hartmut langes band „das haus in der dorotheenstraße“, nach dem tod seiner frau hat er verzweifelt das metier gewechselt und schlägt sich nun als taxifahrer durchs berliner umland, immer auf der suche nach der vergangenheit, die so abrupt ein ende fand – eine teils wehmütige, teils gespenstische prosa, der man viele leser wünscht, weil sie weit über ein einzelschicksel hinausgehend philosophische fragen provoziert.

Buchcover "Torstraße 1" von Sybil Volks

Buchcover "Torstraße 1" von Sybil Volks (Foto: dtv Verlag)

nicht immer stehen die bauleute so im mittelpunkt wie bei waldman und lange – in sybil volks‘ überraschungserfolg „torstraße 1“ ist es immerhin begleiten wir den zimmermann wilhelm durch das haus im berliner bezirk prenzlauer berg, das einst als kaufhaus jonass von georg bauer und siegfried friedländer entworfen wurde, das später die reichsjugendführung der nsdap für sich requirierte, das nach dem ende des 2. weltkriegs dem zk der sed, später dem politbüro als sitz diente, bis das institut für marxismus-leninismus hier einzog; heute logieren hinter der denkmalgeschützten fassade prominente gäste des hotels „soho house“ – ein architekturroman, der berliner, ja deutsche geschichte erzählt.

ähnlich kenntnisreich, wenngleich beiläufiger, flaniert der leser übrigens mit kommissar gereon rath durch das berlin der 20er und 30er jahre, durch das haus vaterland sowie über den alexanderplatz bis in das von hermann blankenstein errichtete polizeipräsidium hinein; en passent erfahren wir von der baugeschichte der stadt, und das derart spannend, dass die romane von volker kutscher wie „der nasse fisch“ oder „die akte vaterland“ zu bestellern avancierten, die in jedes architektur- und bauingenieurs-büro gehören.

Buchcover "Das Duell des Herrn Silberstein" von Horst Bosetzky

Buchcover "Das Duell des Herrn Silberstein" von Horst Bosetzky (Foto: dtv Verlag)

und dass autoren gern zu architekturhistorikern werden, ließ sich bereits beim krimi-autor horst bosetzky beobachten, der in „das duell des herrn silberstein“ den bau der neuen synagoge an der oranieburger straße in berlin ausleuchtete – mit einer erfundenen mordsgeschichte. apropos geschichte: wie stefan heym kurz vor seinem tod noch in seinem roman „die architekten“ den bau der stalin-allee in ost-berlin kritisch als „heuchelei in stein“ reflektiert, in der figur des chefplaners arnold sundstrom die realen vorbilder hermann henselmann, kurt liebknecht und edmund collein reflektiert, ist unvergesslich.

während volks, kutscher und bosetzky belletristisch in die vergangenheit abdriften, prescht philipp kerr in „game over“ in die zukunft. den architekten ray richardson und seinen chefingenieur david arnon lässt kerr in los angeles einen high-tech-skyscraper realisieren, der es in sich hat. der selbstlernende software-gigant mutiert unerwartet zur mordsmaschine, die in 36 stunden elf menschen tötet. norman foster, richard rogers und david chipperfield hat kerr als ratgeber hinzugezogen, und so wundert es nicht, dass in dem knapp 500 seiten umfassenden thriller nicht nur frank lloyd wright und le corbusier zitiert werden. und trotz des brutalen sujets schreibt kerr streckenweise so poetisch, dass man das lob des großen salman rushdie für die kerr’sche prosa ohne weiteres teilt.

Buchcover "Meine Frau will einen Garten" von Gerhard Matzig

Buchcover "Meine Frau will einen Garten" von Gerhard Matzig (Foto: Goldmann)

und gelobt wurde kürzlich auch ein kritiker für seinen ausflug in die (autobiografisch getönten) romanwelten: gerhard matzig („süddeutsche zeitung“) erzählt in „meine frau will einen garten“ derart witzig wie kenntnisreich von seinem hausbau, von den auseinandersetzungen mit der (fiktiven) architektin liu sung-grau macht (eine domina der baukultur, die irgendwie eine entfernte verwandte von tadao ando sein muss), dass der verband der deutschen architekten- und ingenieursvereine (DAI) gar nicht anders konnte als ihn mit dem DAI-literaturpreis 2013 auszuzeichnen.

wer nicht nur auf-, sondern auch abbauen muss, der greift am besten zu annika scheffel und ihrem überzeugenden roman „bevor alles verschwindet“ – hier wird ein ganzes dorf unter der anleitung von experten abgerissen, damit das areal anschließend für eine talsperre geflutet werden kann. was diese zerstörung von heimat für die bauleute, mehr noch aber die bewohner bedeutet, das fasst annika scheffel so anrührend in worte, dass die lektüre mehr und mehr zur leserischen trauerarbeit wird, die zunehmend an das verschwinden der landschaft südlich von leipzig erinnert – da, wo heute die schwimmende kirche „vineta“ an die gemeinde magdeborn erinnert.

 

Leserkommentare

  1. Wilhelm Veenhuis | 9. Januar 2014

    Danke für die tollen Buchvorstellungen

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Datum 8. Januar 2014
Autor Reinhard Hübsch
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