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Vermischtes

„Double Take“ von Jojakim Cortis und Adrian Sonderegger

Nur ein Foto. Immer ein Foto. Immer nur Fotos. Die Frage, was ein Foto in digitalen Zeiten ist – oder vielmehr: sei, ist unter den brennenden Fragen unserer Tage sicher die geringste nicht. Und auch für den Bau ist sie von hoher Relevanz. Jojakim Cortis und Adrian Sonderegger gehen in „Double Take – Eine wahre Geschichte der Fotografie“ aber einen entscheidenden Schritt weiter, indem sie der Frage nachgehen, was ein Foto sein könnte. Sie entwickeln fotografischen Möglichkeitssinn.

Das ist vertrackter, als es zunächst klingen, und vor allem erscheinen mag, wenn man das Buch blätternd zur Hand nimmt. Schon das Cover verstört ungemein. Nur ein Foto, aber aha! – Robert Capas weltberühmtes, Anfang September 1936 an der Cordoba Front im spanischen Bürgerkrieg aufgenommenes Foto „Death of a Loyalist Militiaman“. Die zu den berühmtesten Kriegsfotos überhaupt zählende Aufnahme steht zugleich ein für die Zweifel an ihrer Echtheit, die seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts aufkamen, als klar wurde, wie die beiden Künstler im das Foto begleitenden Kurztext vermerken, dass inszenierte Fotos im Spanischen Bürgerkrieg keine Seltenheit waren, da Fotojournalisten nur beschränkten Zugang zu den Schlachtfeldern hatten. Aber dass auch mit der Reproduktion des Fotos auf dem Cover etwas nicht stimmt, wird selbst dem flüchtigen Betrachter augenfällig, weil er sich mit einem „Making of“ konfrontiert sieht. Einem „Making of“ von was aber?

Mit dieser Frage gewinnt die Brisanz und vor allem Relevanz des Werkes von Cortis und Sonderegger Kontur. Ihre Technik beschreibt den Weg von der Auswahl eines berühmten Fotos nach bestimmten, für den folgenden Produktionsprozess entscheidenden Kriterien, über den Miniatur-Nachbau des von dem Foto Abgebildeten im Studio zum Foto des Nachgebauten und der dafür erforderlichen Materialien – es wird also, gut Brechtisch, episch theatralisch, oder wenn man will frei nach dem Kino des späteren Godards, der Produktionsprozess in das Kunstwerk aufgenommen. Damit aber beschreiben die beiden Foto-Künstler den Weg vom Zweidimensionalen des bekannten bis berühmten Fotos über das Dreidimensionale von dessen modellhaftem Nachbau im Studio zum davon aufgenommenen Foto als wiederum zweidimensionalem Endprodukt samt Hinweisen auf dessen Produktion.

Die Vielzahl der Reflexionen, Spekulationen und unverhofften Einsichten, die diese Vorgehensweise auslöst zu beschreiben, sprengte den Rahmen dieser Rezension. Dennoch springt sogleich ins Auge, was an dieser Konzeption Kommentar zur Frage der Echtheit und Wahrheit von Fotos ist, bar jedweden erhobenen Zeigefingers, was den besonderen Charme des Bandes ausmacht.

Mit der Auswahl berühmter Fotos als Vorlage für den Nachbau seines Abgebildeten gehen die Künstler natürlich auch der Frage nach, was eine Ikone in der Fotografie heute noch sein könne, da der Begriff etwa auf irgendwelche Glitzermodels in Anschlag gebracht wird, die gemäß Andy Warhols notorischen „15 minutes of fame“ bloß momenthaft zu permanent austauschbaren Ikonen stilisiert werden.

Die beiden Künstler, wie auch Florian Ebner und Christian Caujolle in ihren das Buch einleitenden, instruktiven Texten gehen dieser Frage nach. Aber ach, möchte sie doch als minimal untergeordnet erscheinen – Zeiten digitaler Bildbearbeitung sind Zeiten entfesselter Ikonomanie, von welcher der Philosoph Günther Anders schon vor runden 70 Jahren kündete. Ihm gemäß klicken wir uns heute als Bilderjunkies durch die bunte Abbildungswelt und wähnen hinter jedem digitalen Konstrukt das definitive Bild als nächstes und so ad infinitum (wobei Anders, wohlgemerkt in vordigitalen Zeiten schrieb …). Caujolle betitelt sein Vorwort: „Jede Fotografie ist eine Konstruktion“. Das klingt nur prima vista naseweis. Jojakim Cortis und Andrian Sonderegger führen uns – denkbar undidaktisch (mit einem rein ästhetischen Ansatz, wie sie im das Buch beschließenden Interview sagen), vor, dass durch diesen Gemeinplatz nicht etwa das Konstruktive heutiger Digitalfotografie relativiert wird, sondern dass Wahrhaftigkeit nie Thema der Fotografie war und wir eben deshalb längst in ein neues Zeitalter des Bildes aufgebrochen sind. Kann es da überraschen, dass zwei Fotografie-Künstler sich an der Schwelle zu diesem Zeitalter – wieder und mit beachtlichem kunsthandwerklichen Aufwand – eher als Maler denn als Fotografen begreifen?

Double-Take_cover

Jojakim Cortis, Adrian Sonderegger, Double Take – Eine wahre Geschichte der Fotografie, Lars Müller Publishers, Zürich 2018, 128 S. 87 Abb. sw/farbig, 270 x 240 mm, geb. Hardcover, 30,- €, ISBN 978-3-03778-564-5

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Datum 4. Dezember 2018
Autor momentum Redaktion
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