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Kolumne Reinhard Hübsch

ein nein, das gold wert ist – warum zwischen isar und zugspitze NOlympia das rennen machte

Olympiaschanze in Garmisch Partenkirchen (Foto: Pascal Pamme)

Sind Sie dafür, dass sich die Landeshauptstadt München zusammen mit der Marktgemeinde Garmisch-Partenkirchen und den Landkreisen Berchtesgadener Land und Traunstein um die Olympischen und Paralympischen Winterspiele 2022 bewirbt?“ lautete die frage, die eben den rund 1,07 millionen wahlberechtigten bürgerinnen und bürgern der bayrischen landeshauptstadt vorgelegt wurde. mehr als 52 prozent der urnengänger sagten „nein“, in garmisch-partenkirchen lehnten es knapp 52 prozent der wählerinnen und wähler ab, dass in ihrer kommune skiabfahrtsläufer, slopestyler, boarder- und ski-cross-athleten sowie snowboard-parallelslalom-sportler um gold, silber und bronze kämpfen. im landkreis berchtesgadener land votierten gar mehr als 54 und im landkreis traunstein sogar knapp 60 prozent für „NOlympia“.

noch am wahlabend sprachen die kommentatoren von einem „trend gegen olympia“ („frankfurter allgemeine zeitung“), der grünen-politiker ludwig hartmann sah das bürgerbegehren-votum gar als „deutliches Zeichen gegen die Profitgier des Internationalen Olympischen Komitees“ und folgerte, zuerst müsse sich nun das IOC ändern, dessen intransparenz und die machenschaften „von einer demokratischen gesellschaft nicht hingenommen werden können“. das sind recht eigenwillige interpretationen des wahlergebnisses, und wenn münchens oberbürgermeister christian ude (spd) äußerte, in der bevölkerung sei eine „zunehmend kritische einstellung gegenüber sportgroßereignissen“ zu beobachten, wobei „namen wie qatar und sotschi eine rolle spielen“, mag man sich verwundert die augen reiben.

denn die bevölkerung muss gar nicht nach qatar blicken (wo 2022 die fußball-weltmeisterschaft ausgetragen werden soll) oder nach sotschi (das 2014 die olympischen winterspiele ausrichtet), um architektonische großprojekte unter die lupe zu nehmen – wer in den letzten jahren die quälenden debatten um den großflughafen in berlin, um die elbphilharmonie in hamburg und um stuttgart 21 verfolgt hat, wer beobachten muss, wie sich bauarbeiten endlos hinziehen, wie kosten explodieren, die dann aus steuerabgaben (und damit aus den geldbeuteln der bürgerinnen und bürger) nachfinanziert werden, der kann verstehen, warum man sich in und um münchen gegen ein projekt stemmt, dessen kosten zuletzt auf rund 3,3 milliarden euro beziffert wurde. bürgerlicher argwohn erinnert sich daran, dass man 1995 die kosten für stuttgart 21 auf umgerechnet rund 2,46 milliarden schätzte, heute geht man von 6,8 milliarden euro aus, für den berliner airport taxierte man 2004 rund 1,7 milliarden euro, realisten schätzen, dass ende 2014 etwa 5,1 milliarden euro in den brandenburgischen sand gesetzt worden sein werden. und in bayern ist unvergessen, dass die hamburger einst rund 77 millionen euro für ihre elbphilharmonie veranschlagt haben – am ende wird der steuerzahler rund 800 millionen dafür berappen müssen.

nicht qatar und sotschi also werden im süden der republik den ausschlag gegeben haben, sondern hamburg, berlin und stuttgart. und den bayern zu unterstellen, sie hätten seit den letzten olympischen spielen in münchen 1972 eine aversion gegen sportliche großereignisse entwickelt, der sei daran erinnert, dass bayern münchen mittlerweile eine fußballerische weltmacht ist, die woche für woche zigtausende in ihre arena zieht, die herzog & de meuron am münchner stadtrand erbaut haben. 2006 bei der fußball-weltmeisterschaft fanden vier gruppenspiele an der isar statt, damals war ebenso wenig von vorbehalten gegen sportliche großveranstaltungen zu hören wie gegenwärtig, wo sich bayern darum bewirbt, austragungsort der fußball-europameisterschaft 2020 zu werden.

nein, es werden nicht sportpolitische überlegungen gewesen sein, die an isar und zugspitze, unweit des chiem- und am ufer des königssees vor allem die mieter und pächter von grundstücken aufbegehren ließen. die geplanten infrastrukturmaßnahmen bedeuteten ja nicht nur jahrelange bauarbeiten mit enormen einbußen an lebensqualität, die neuen sportstätten, zufahrtsstraßen und unterkünfte hätten zu gewaltigen preissprüngen auf dem immobilienmarkt geführt, und das in einer region, die ohnehin bereits spitzenpreise verlangt. wer in deutschland eine 60-qm-wohnung erwirbt, muss im bundesdurchschnitt etwa 1850 euro pro quadratmeter zahlen – in bayern sind es 2880 euro, in münchen gar mehr als 5220 euro. diese entwicklung, das ist beobachtern klar, würde sich verschärfen, wenn 2022 die sportler sowie die schnee- und eisbegeisterten touristen der welt in den süden deutschlands reisen würden. das war nämlich bereits nach den olympischen spielen 1972 zu beobachten, wie die süddeutsche zeitung 40 jahre später in einer kritischen reminiszenz rekaputilierte: „der entwicklungsschub, der durch die olympischen spiele beschleunigt wurde, hat auch seine kehrseite. münchen ist zum sehr teuren pflaster geworden. immer mehr menschen wollen nach münchen ziehen, die flächen für neue wohnungen werden knapp.“

beim bürgerbehren hat nicht der sport eine niederlage erlitten, sondern der überhitzte immobilienmarkt in einer vom tourismus ohnehin stark belasteten landschaft. das nein der wählerinnen und wähler ist mithin gold wert – nur nicht für grundbesitzer und makler.

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Datum 19. November 2013
Autor Reinhard Hübsch
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