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Personalien

Ein persönlicher Nachruf auf Jörg Schlaich

Es sei erlaubt, so kurz nach dem Tod meines großen akademischen Lehrers Jörg Schlaich in einigen persönlichen Worten und (An-)Sichten und nicht in einer vollständigen Aufzählung seiner Lebensdaten an ihn zu erinnern.

Schon als junger Doktorand saß ich viele Abende lang mit Jörg Schlaich vor der gerade an seinem Institut entstehenden Diasammlung. Ich hatte die Aufgabe, eine schier unübersehbare Menge unbeschrifteter Dias in eine geordnete Sammlung zu überführen, musste somit Inhalte, Absichten und Zuordnungen aller Motive irgendwie verstehen. Was beispielsweise bei Dias, welche die Bewehrungsführung in der Bodenplatte eines für mich nicht näher identifizierbaren Bauwerks darstellten, alles andere als einfach war. Natürlich war ich teilweise überfordert. Und so saßen wir dann, typischerweise abends, immer wieder und stundenlang in einem kleinen dunklen Raum am Leuchttisch und Jörg Schlaich half mir mit Erläuterungen und „Geschichtchen“ zu verstehen, welches Motiv welche Wichtigkeit hatte und welches Motiv zu welchem anderen gehörte und warum. Der dabei stattfindende, geradezu einzigartige Austausch zwischen einem fragenden Schüler und einem erklärenden Lehrer waren für mich und mein Verständnis der Person von Jörg Schlaich und seiner Arbeit, aber auch für mein eigenes zukünftiges Schaffen von ausschlaggebender Bedeutung. Und sie waren der Beginn eines langanhaltenden vertrauten Austauschs. Vielleicht bezog er sich auf diese frühen Stunden des „die-Köpfe-zusammenstecken“, wenn er mich noch viele Jahre später auch öffentlich seinen Schüler nannte.

Jörg Schlaich hat viele seiner Doktoranden in vergleichbarer Weise geprägt und gefördert. Viele von ihnen wurden später zu Professoren an namhaften Universitäten und Hochschulen.

Jörg Schlaich, der zu den herausragendsten Ingenieuren des 20. Jahrhunderts gehört, wurde 1934 in Stetten im Remstal nahe Stuttgart geboren. Parallel zur gymnasialen Ausbildung machte er eine Lehre als Schreiner, was ihm zeitlebens ein tiefes Verständnis für die Fragen des handwerklichen Schaffens gab. Auf das Studium und einen kurzen Aufenthalt in den USA folgte, nach der Promotion in Stuttgart und einer kurzen Tätigkeit in einem Bauunternehmen, der Eintritt in das Büro Leonhardt und Andrä. Jörg Schlaich übernahm dort schon bald die Leitung großer und schwieriger Projekte, beispielsweise der Planung mehrere Fernsehtürme und des Alster-Hallenbades in Hamburg. Dass Fritz Leonhardt ihn zum Leitenden Ingenieur für die Bauten der Olympiade in München 1972 ernannte, war eine weise und glückliche Entscheidung. Kaum jemand anderes hätte die mit diesem Bauwerk verbundene Komplexität, die enormen – auch wissenschaftlichen – Probleme besser auf die Ebene des tatsächlichen Verstehens übertragen und lösen können als Jörg Schlaich. Viele Innovationen und Weiterentwicklungen, beispielsweise die Wiedereinführung von Stahlguss in das Bauwesen, die Dacheindeckungen aus PMMA oder das Bauen mit Seilen als solchem gehen auf die Bauten in München zurück.

1974 übernahm Jörg Schlaich als Nachfolger von Fritz Leonhardt den berühmten, im Jahr 1916 von Emil Mörsch begründeten Lehrstuhl für Massivbau an der Universität Stuttgart. Emil Mörsch hatte bereits 1902 mit seiner Schrift „Der Eisenbetonbau, seine Anwendung und Theorie“ als erster die Grundlagen für das wissenschaftsbasierte Bauen mit Stahlbeton gelegt, wobei er das Problem des theoretisch kaum präzise beschreibbaren Tragverhaltens von Stahlbeton durch Fachwerkanalogien zu erfassen versuchte. Es ist das große Verdienst von Jörg Schlaich, dass er, zusammen mit dem vor kurzem verstorbenen Kurt Schäfer, die Methode der Fachwerkanalogien konsequent zu einer verallgemeinerten Methode der Stabwerksmodelle weiterentwickelte und  diese Approximationsmethode umfassend wissenschaftlich fundierte. Er schuf dadurch die Grundlagen für ein umfassendes Verstehen des Tragverhaltens, für die Berechnung und für die Bemessung von Stahl- und Spannbetontragwerken und damit den Eingang der Methode in das baupraktische Schaffen. Heute ist die umfassende Anwendung der in viele Normen und andere Regelwerke aufgenommenen Methode der Stabwerksmodelle weltweiter Standard.

Die Arbeiten an der Methode der Stabwerkmodelle stellen den Kern des wissenschaftlichen Arbeitens von Jörg Schlaich dar. Sie wurden durch vielfältige andere Forschungen ergänzt. Stellvertretend erwähnt werden sollen hier die Forschungen zu Seilen und Seilendverankerungen, zur plastischen Verformung dünner Metallbleche mit dem Ziel der Herstellung von Hohlspiegeln, dem Schwingungsverhalten schlanker Türme oder der Anwendung von faserverstärktem Beton zur Herstellung dünnwandiger Tragwerke.

Die Arbeit an Fußgängerbrücken, mit denen sich Jörg Schlaich vertieft seit etwa der Mitte der 1970er-Jahre auseinandersetzte, bewirkte eine Veränderung, auf alle Fälle auch eine Erweiterung seiner Interpretation des Ingenieurschaffens. Jörg Schlaich erkannte zunehmend mehr die Notwendigkeit einer holistischen Betrachtungsweise des Bauschaffens in toto, insbesondere aber des Planungsprozesses. Er betonte fortan immer mehr die Verantwortung der Ingenieure nicht nur für die Gewährleistung der technischen Qualitäten der Bauwerke, sondern auch für deren Gestaltung. Gerade bei den Fußgängerbrücken, die Tragwerk, gleichzeitig aber auch Stadt- und Landschaftsgestaltung sind und die zu den wenigen Bauwerken gehören, die von ihren Benutzern auch intensiv berührt werden (man denke nur an die sprichwörtlichen Handläufe!), wurde diese Notwendigkeit evident. In der Konsequenz dieser Erkenntnisse hat er zusammen mit mir ein Seminar mit dem Titel “Entwerfen für Bauingenieure“ eingeführt, viele seiner Lehrinhalte neu ausgerichtet. Die Ankündigung des Seminars „Entwerfen für Ingenieure“ führte bereits am Tag des Aushangs zu Protesten anderer Institute. Man sprach den Ingenieuren nicht nur die Befähigung, sondern auch die Berechtigung zum Entwerfen ab. Namhafte Professoren der Bauingenieurfakultät befürchteten eine unzulässige Aufweitung der Arbeitsweise von Bauingenieuren – weg vom wissenschaftsbasierten Analysieren, hin zu einem als künstlerische Beliebigkeit interpretierten Tun. Aus der Architekturfakultät verlautete die Befürchtung, die Ingenieure wollten das Primat des Entwerfens, das doch ausschließlich bei den Architekten liege, aufbrechen. Der hier sichtbar gewordene Konflikt blieb, aus heutiger Sicht kaum verständlich, über viele Jahre virulent.

Die Befähigung der Ingenieurstudenten zum Entwerfen, zum Gestalten und damit natürlich auch die Befähigung zur Übernahme der Verantwortung für die von Ingenieuren geplanten Bauwerke lag Jörg Schlaich fortan nicht nur am Herzen, nein, es wurde vielmehr zum Zentrum seines Denkens selbst. Konsequenterweise wollte er dann auch sein Institut umbenennen, von „Massivbau“ in „Entwerfen und Konstruieren“. Die Widerstände dagegen brachen erneut, jetzt aber unerwartet vielfach und massiv aus. In den Reihen der Bauingenieur- wie auch denen der Architekturprofessoren. Nur mit viel Hintergrundarbeit und (mehr oder weniger) mildem Druck ließ sich die Sache durchsetzen. Der nach drei Wochen intensiver Gespräche gefundene Kompromiss lässt sich am Namen ablesen: Der neue Name des Instituts lautete nicht „Entwerfen und Konstruieren“, sondern „Konstruktion und Entwurf“. Die durch die Verwendung von Verben ausgedrückte Ankündigung des aktiven Tuns wurde durch deren Substantivierung in ein betrachtendes Handeln abgeschwächt. Eine weitere, von mehreren Professorenkollegen beabsichtigte Verwässerung seiner ursprünglichen Absichten konnte Jörg Schlaich nur noch mit einer Rücktrittsdrohung im Fakultätsrat verhindern. Aus heutiger Sicht wird klar, dass er mit seiner Absicht, den Ingenieuren das „in-genium“ und ihre gesellschaftliche Verantwortung wiederzugeben, seiner Zeit, oder besser den akademischen Kollegen genauso wie denen in der Praxis zu sehr voraus war. Aber er hat sich durchgesetzt, und damit eine Türe geöffnet, von der die Lehre im Bauingenieurwesen an der Universität Stuttgart bis heute profitiert. Das Entwerfen für Ingenieure und die disziplinenübergreifende Betrachtungsweise, von ihm als „werkstoffübergreifende Lehre und Forschung“ benannt, wurden fortan zu einem wesentlichen Arbeitsinhalt des umbenannten Instituts, das er dann noch bis zum Jahr 2000 leitete.

Einige Jahre nach der Übernahme des Lehrstuhls von Fritz Leonhardt trennte sich Jörg Schlaich zusammen mit einer Gruppe von Mitarbeitern vom Büro Leonhardt und Andrä und gründete 1980 ein eigenes Büro mit Namen Schlaich und Partner, das später in Schlaich Bergermann und Partner umfirmierte.

Das Büro von Jörg Schlaich war bereits wenige Jahre nach seiner Gründung in der weltweiten Spitzengruppe der Ingenieurbüros für Tragwerksplanung zu finden. Neben vielen innovativen Hochbauten und bedeutenden Großbrücken und Stadiondächern waren es die Jörg Schlaich besonders am Herzen liegenden Fußgängerbrücken, die diesen Ruf begründeten und festigten. Jörg Schlaichs Fußgängerbrücken waren stets Kunstwerke für sich – eine perfekte Vereinigung von ästhetischem Ausdruck und tragwerksplanerischer Raffinesse.

Eine weitere Projektidee, die ihm sehr am Herzen lag, war das Aufwindkraftwerk. In der effizientesten Version bestehen solche Aufwindkraftwerke aus bis zu 1.000 m hohen röhrenartigen Türmen, in deren Sockelbereich sich jeweils ein großes Windrad befindet. Ein großes verglastes Vordach mit bis zu 10 km Durchmesser sollte dafür sorgen, dass sich die Luft unter dem Dach erhitzt, infolge des Temperaturgradienten innerhalb der Röhre zum Windrad und von dort, bewegt durch die Kaminwirkung, nach oben strömt. Von einem Testprojekt mit 200 m Höhe in Manzanares/Spanien abgesehen blieb Jörg Schlaich der große Durchbruch mit dieser Technologie versagt. Wesentlich erfolgreicher in seinem Bestreben nach einem Beitrag der Bauingenieure für die Energieversorgung insgesamt, aber auch seinem persönlichen Beitrag zur Energiewende war Jörg Schlaich bei der Planung von Solarkonzentratoren, anfangs in Form rotationssymmetrischer Spiegel, später in Form von Rinnenkollektoren.

Jörg Schlaich war einer der wenigen, die den Spagat zwischen Wissenschaft und baupraktischer Umsetzung stets in sich getragen, ihn aber auch gemeistert haben. Er versuchte immer wieder, die Grenzen des Könnens und des Wissens hinauszuschieben. Er war extrem zielorientiert, arbeitsam und durchsetzungsstark – Qualitäten, die Außenstehende nie so richtig wahrgenommen haben, vielleicht, weil er stets von einem angenehm bescheidenen Auftreten umgeben war. Ohne seine Durchsetzungsstärke, die jeder zu spüren bekam, der sich ihm in den Weg stellte, wären die vielen Veränderungen und Innovationen, die wesentlichen Beiträge, die Jörg Schlaich Zeit seines Lebens in das Bauschaffen eingebracht hat, nicht möglich gewesen.

Jörg Schlaich verstarb am 4.September 2021 in Berlin. Die weltweite Gemeinschaft der Bauingenieure verliert mit ihm einen ihrer bedeutendsten Vertreter. Seine vielen Schüler und Mitarbeiter verlieren den hochgeschätzten akademischen Lehrer, dem sie so viel zu verdanken haben.

Prof. Dr. Dr. E.h. Dr. h.c. Werner Sobek. Seit 1995 Nachfolger von Frei Otto, seit 2000 zusätzlich Nachfolger von Jörg Schlaich. Gründer des ILEK Institut für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren der Universität Stuttgart. Emeritierung 2021. Von 2008 bis 2014 auch Professor am Illinois Institute of Technology in Chicago als Nachfolger von Ludwig Mies van der Rohe. Gründer der Werner Sobek AG. Mitbegründer mehrerer gemeinnütziger Stiftungen und Vereine.  

Anmerkung der Redaktion: dieser Nachruf ist auch in den Novemberausgaben  Zeitschriften Bautechnik, Stahlbau, Beton- und Stahlbetonbau sowie Mauerwerk erschienen.

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Datum 16. Oktober 2021
Autor Werner Sobek
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