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Einen Besuch wert

Einen Besuch wert: Puente de las Américas

“Panama”, sagte der kleine Bär, “ist unser Traumland, denn Panama riecht von oben bis unten nach Bananen […]”. [1] Wer kennt sie nicht – die berühmte Kindergeschichte “Oh, wie schön ist Panama”: Die Suche nach dem fernen Ort voller Bananen und Träume, an dem alles viel besser, größer und schöner sein soll. Und auch wenn der kleine Tiger und der kleine Bär nie in Panama ankommen, begeben wir uns heute auf eine Reise in das schmale Land voller Bananen und Träume, welches ein überaus wichtiges historisches Bauwerk, hinsichtlich seiner Lage sowie Geschichte, beherbergt.
Rund zwanzig Jahre vor Erscheinen des illustrierten Kinderbuches, wurde am 12. Oktober des Jahres 1959 der Bau der erstmals festen Straßenverbindung zwischen Nord-und Südamerika über den weltweit bekannten Panamakanal begonnen: Voller Stolz darf sich jene aus Stahl gefertigte Brücke als Teil der weltberühmten von Alaska bis Feuerland reichenden Panamericana, dem mit rund 30.000 km längsten Schnellstraßensystem der Welt, bezeichnen. Sie gilt bis zum heutigen Tage als ein essenzielles Wahrzeichen Panamas und stellt eine unabdingbare Überquerungsmöglichkeit dar, auf die andere Seite des Landes sowie weit darüber hinaus.

Puente de las Américas in Panama

Puente de las Américas in Panama (Foto: Sophia Müller)

Die Puente de las Américas, zu Deutsch die Brücke der Amerikas, ist neben der im Jahre 2004 fertiggestellten Puente Centenario und der 2019 erbauten Puente Atlantico die Älteste der bis heute drei meist genutzten über den Kanal spannenden Brücken. Sie befindet sich in der Ortschaft Balboa und verbindet die im Osten gelegene Hauptstadt, Panama-Stadt, mit dem westlichen Teil des Landes.
Über eine aus Panama-Stadt führende Schnellstraße werden die Fahrzeuge, größtenteils Kraftfahrzeuge, in Richtung der vierspurigen Autobahnbrücke geleitet: Rund 600 m vor dem Kanalufer führt die Straße auf eine lange Zufahrtsrampe, welche sich anfangs etwa 20 m über dem Meeresspiegel befindet. Diese schlängelt sich entlang eines Hanges zur Puente de las Américas hinauf. Oben angelangt und einmal die Brücke überquert, führt dort, am gegenüberliegenden Ende, ebenfalls eine Rampe hinunter, welche in etwa 30 m über Kanalhöhe in eine weitere Schnellstraße nach Arraiján übergeht und die Fahrzeuge in den Westen des Landes leitet.

Der Ursprung der Brücke der Amerikas, einstmals auch unter dem Namen Thatcher Ferry Bridge bekannt, führt zurück ins frühe 20. Jahrhundert: Dort diente als erstes Transportmittel zwischen den Ufern Panamas noch ein Fährenbetrieb mit der sogenannten Thatcher Ferry. Diese Fähre wurde zwar nach Maurice H. Thatcher, dem von 1910 bis 1913 ehemaligen Leiter der Zivilverwaltung der Kanalzone, benannt, aber ist selbst namensgebend für die erste offizielle, wenn auch nicht sonderlich gerne von der Bevölkerung Panamas genutzte, Bezeichnung der heutigen Puente de las Américas.
Bereits im Jahre 1909, wohlgemerkt fast fünf Jahre vor der Eröffnung des Panamakanales, gab es erste Überlegungen bezüglich der Notwendigkeit einer Brücke oder gar eines Tunnels um eine schnellere und einfachere Querungsmöglichkeit über das Wasser zu schaffen. Rund 30 Jahre später wurde in den nahegelegenen Miraflores-Schleusen eine Drehbrücke fertiggestellt, die allerdings nicht die angedachten Planungen ersetzen, sondern vielmehr dem damaligen Fährenbetrieb als eine temporäre Entlastung dienen sollte. Heute ist die Drehbrücke aufgrund der umliegenden Straßenverbindungen allerdings kaum noch in Nutzung.
Nach dem Zweiten Weltkrieg verpflichteten sich die USA gegenüber Panama im Zusammenhang mit einem Abkommen über militärische Anlagen zu dem Bau einer Brücke oder eines Tunnels über den berühmten Panamakanal. Das Vorhaben fand jedoch lange Zeit keine Umsetzung: Erst neun Jahre später fiel die Entscheidung, die Errichtung einer Brücke der eines Tunnels vorzuziehen. Ab diesem Zeitpunkt ging es vergleichsweise schnell weiter: 1955 wurde der geplante Brückenbau der USA in Panama von José Antonio Remón Cantera als 27. Präsident des Landes Panamas und Dwight D. Eisenhower als 34. Präsident der Vereinigten Staaten im sogenannten Remón-Eisenhower-Vertrag festgehalten. Bereits drei Jahre später war auch die Entscheidung gefallen, dass das amerikanische Ingenieurbüro Sverdrup & Parcel, welches vor allem für seine Brücken und andere anspruchsvolle Tragwerke bekannt war, die Planung der berühmten Puente de las Américas übernehmen sollte.
Am 23. Dezember 1958 erfolgte der erste Spatenstich im Rahmen einer Zeremonie, an der der 30. Präsident Panamas, Ernesto de la Guardia Navarro, und der Gouverneur der Panamakanalzone, Wiliam E. Potter, teilnahmen. Die eigentlichen Bauarbeiten begannen jedoch im darauffolgenden Jahr, rund 50 Jahre nach den ersten Überlegungen einer Querung über den Kanal.
Mit den Stahlbauarbeiten wurde die amerikanische Firma John F. Beasley Construction Co. beauftragt. Sie ließ den Stahl über den Atlantischen Ozean aus Westdeutschland liefern. Am 16. Mai 1962 erfolgte durch die Montage eines 21 m langen Stahlträgers der Bogenschluss für die Brücke. Am 2. Oktober verkündete die Nationalversammlung Panamas, dass das baldig fertiggestellte Bauwerk den Namen Puente de las Américas tragen, und die einstige Bezeichnung der Thatcher Ferry Bridge nicht mehr länger in Gebrauch sein sollte. Bereits zehn Tage später konnte das Ereignis gefeiert werden, auf welches alle so lange gewartet hatten: Am 12. Oktober 1962, auf den Tag genau drei Jahre nach dem eigentlichen Baubeginn, wurde die Eröffnung der Puente de las Américas zelebriert, bei welcher kein anderer als der inzwischen 92-jährige Maurice H. Thatcher die große Ehre hatte, das Band zur Feier des Tages durchzuschneiden.

Detail mittlerer Bogen mit Stahlseilen

Detail mittlerer Bogen mit Stahlseilen (Foto: Sophia Müller)

Die aus einer grauen Stahlfachwerkkonstruktion bestehende Auslegerbrücke, ebenfalls unter ihrem amerikanischen Namen bekannte Bridge of the Americas, passt sich aufgrund ihrer Form und Architektur an ihre Umgebung an: Ihre zu beiden Seiten 42 m langen Gerberträger nehmen das relativ flach gelegene Umland Panamas auf, wohingegen der sich mittig befindene große, gewölbte Stahlbogen wie einer der zahlreichen Hügel in der umliegenden Landschaft hervorragt – dadurch strahlt das Bauwerk eine geradezu schwebende Leichtigkeit aus, welche durch die unauffällig erscheinenden, zur Festigkeit dienenden Stahlseile unterstützt wird, die von der unteren Seite des Bogens bis zur Fahrbahn gespannt sind.

Mit einer Gesamtlänge von etwa 1655 m und circa 117 m an ihrem höchsten Punkt, letzteres gemessen über dem mittleren Meeresspiegel, galt sie jahrelang als eine der längsten sowie höchsten Brücken der Welt. Sie weist eine Breite von rund 15 m sowie eine lichte Höhe von 61 bis 106 m auf. Darüberhinaus misst sie für ihre größte Stützweite beachtliche 344 m.

Die mittige Hauptöffnung und die beiden angrenzenden Vorlandbrücken

Die mittige Hauptöffnung und die beiden angrenzenden Vorlandbrücken (Foto: Sophia Müller)

Detail Stahlkonstruktion auf Betonstütze

Detail Stahlkonstruktion auf Betonstütze (Foto: Sophia Müller)

Für die drei Brückenabschnitte, die zweimal bestehende Vorlandbrücke und die mittige Hauptöffnung, lassen sich mehrere Arten feststellen. Die beiden noch an Land stehenden Bauwerksteile, die sogenannten Vorlandbrücken, sind als Warren-Träger-Fachwerkbrücken, einer waagrechten Fachwerkkonstruktion, mit obenliegender Fahrbahn ausgeführt. Bei dem über den Kanal führenden Abschnitt, bezeichnet als Hauptöffnung, Fluss-oder Strombrücke, handelt es sich um eine Fachwerkbogenbrücke mit aufgehängter, unten liegender Fahrbahn. Die Hauptöffnung der Puente de las Américas ist nach dem Prinzp des Langerschern Balkens, nach welchem sich die Druckkraft eines Bogens und die Zugkraft eines Balkens ausgleicht, konstruiert: Somit werden die nach außen verlaufenden Druckkräfte des großen, gewölbten mittleren Bogens durch die beiden schweren, waagrechten und als Zugband wirkenden Gerberträger aus Stahl neutralisiert, die unter der aufgehängten Fahrbahn auf den als Lastabtrag dienenden Betonpfeilerpaaren hoch über dem Wasser aufgelagert sind. Diese Bogenkonstruktion endet auf beiden Seiten dort, wo die gewölbten Stahlträger des Brückenbogens auf die Fahrbahn sowie die horizontal verlaufenden Zugbalken, die Gerberträger, treffen.
Alle hellgrauen Betonstützenpaare sind auf zwei schmalen, künstlich erschaffenen Kanalinseln angeordent. Diese verlaufen jeweils von dem in der Mitte liegenden Pfeilerpaar, welche auf beiden Seiten den unteren Stahlbogen der großen Bogenkonstruktion auffängt, bis hin zum Festland. Somit haben die Inseln gleich zwei nennenswerte Merkmale: Zum einen sind die Pfeilerpaare vor Zusammenstößen mit Schiffen geschützt, und zum anderen ermöglichen sie den Schiffen einzig eine Durchfahrt unter dem großen Bogen der Fachwerkbrücke, zwischen den beiden mittigen Stützenpaaren.
Selbst wenn die Hauptfunktion der Brücke das Tragen und Leiten von Kraftfahrzeugen ist, führt ein schmaler Gehweg, der jedoch äußerst selten von Fußgängern sowie Radfahrern genutzt wird, über die von dichten Verkehr geprägte Brücke: Heutzutage lässt sich vor allem Wartungspersonal auf dem schmalen Weg zwischen dem äußeren, nach innen gekrümmten Geländer und der Leitplanke der dicht besiedelten Fahrspuren beobachten. Die rund 61 m über dem Wasser liegende Fahrbahn, welche aus einem Stahlverbund besteht und eine Überbaubreite von rund 10.5 m aufweist, mündet an beiden Enden des Bauwerks in die Zufahrtsrampen, die auf der westlichen Seite aus vier Stahlfachwerkbrücken und auf der östlichen Seite sogar aus sieben solcher Brücken bestehen und die Fahrzeige über eine jeweilige Schnellstraße weiter ins Land leiten.

Da die Bridge of the Americas zur ihrer Bauzeit in der damaligen Panamakanalzone lag, einem von 1903 bis 1979 von den USA beanspruchten Hoheitsgebiet, und somit zu jener Zeit nicht Teil des Staatsgebietes von Panama war, wurden die gesamten Kosten des Brückenbaus von rund 20 Millionen US Dollar von den Vereinigten Staaten getragen.

Puente de las Américas in Panama

Puente de las Américas in Panama (Foto: Sophia Müller)

Die über den berühmten Panamakanal führende Puente de las Américas ist keineswegs nur ein Kunstwerk der Architektur und des Ingenieurbaus, sondern steht bis zum heutigen Tage als Symbol der Zusammenführung eines Landes sowie gar zweier Kontinente, und gilt somit als eine der wichtigsten Brücken der Welt. Wenn der kleiner Tiger und der kleiner Bär sich das nächste Mal auf die weite Reise begeben, haben sie vielleicht Glück und finden den fernen Ort voller Bananen und Träume: Sie werden erstaunt sein über die für die Geschichte überaus bedeutsame Brücke, die das schmale Land beherbergt.

[1] Zitat aus “Oh, wie schön ist Panama”

Quellenangabe:

[1] https://ia802609.us.archive.org/11/items/panamacanalrevie133pana/panamacanalrevie133pana.pdf, letzter Zugriff 24.02.2020 um 13.00 Uhr

[2] https://blog.structuralia.com/el-puente-de-las-americas, letzter Zugriff 24.02.2020 um 13.00 Uhr

Leserkommentare

  1. Annika | 28. Februar 2020

    Super Artikel! Macht Lust auf Reisen :)

  2. Helen | 2. März 2020

    Sehr interessanter und detaillierter literarischer Ausflug in die konstruktive Welt Mittelamerikas!

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Datum 28. Februar 2020
Autor Sophia Müller
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