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Bauen digital

BIM könnte Hersteller und Planer näher zusammenbringen – ein wesentlicher Mehrwert

5 Fragen an Matthias Uhl, Die Werkbank GmbH

Matthias Uhl

Matthias Uhl (Die Werkbank)

Matthias Uhl ist Gründer und Geschäftsführer des BIM-Beratungsunternehmens Die Werkbank. Während des Architekturstudiums an der TU Wien Anfang der 90er Jahre fokussiert er sich auf IT- und CAD-Lösungen in den Bereichen Bauwesen und Architektur. Damals veröffentlicht er bereits innovative Erweiterungen und Ergänzungen für die zu dieser Zeit führenden CAD-Systeme.

 

 

 

  1. „Disruptiv“ ist eines der aktuellen Buzz-Words. Wie sähe für Sie ein wirklich disruptives Szenario in der Bauindustrie aus?

Noch haben Amazon, Google, Facebook und Co ihre Greifarme nicht ausgestreckt, doch es liegt auf der Hand, dass diese Tech-Giganten Unternehmen auf dem Schirm haben, die die Zukunft des Digitalen Bauens maßgebend mitgestalten. Facebook und Google entwickeln und bauen aktuell für ihre Mitarbeiter ganze Stadtteile selbst. Googles Start-up „Sidewalk Labs“ entwickelt beispielsweise Technologien, die städtische Infrastrukturen und deren Planung verbessern. Dazu analysiert das Unternehmen die Bewegungsdaten, die unsere Handys preisgeben. Sidewalk Labs weiß nicht nur, wann wir wo mit welcher Häufigkeit hingehen, sondern auch warum etc. In Toronto plant Sidewalk Labs mittlerweile ein ganzes Stadtviertel.

Warenlieferung per Drohne - einst Vision, nun Realität im Werden.

Warenlieferung per Drohne - einst Vision, nun Realität im Werden. (Adobe Stock, Foto profit_image)

Amazon ist Meister im Logistikfach und mit seinen Lagerstrukturen auch regional immer besser aufgestellt. Über zukünftige Pläne zum Beispiel im Bereich der Lieferung durch Drohnen wurde die Öffentlichkeit bereits hinreichend informiert. Da die regionale Verfügbarkeit von Produkten, speziell im Baustoffbereich, ein wesentlicher Erfolgsfaktor ist, kann man sich in Verbindung mit der Drohnentechnologie bereits ausmalen, wo es hingehen könnte. BIM als Zusatztechnologie im Bereich Beschaffung/Einkauf beziehungsweise auf Amazon Seite im Bereich Auftragseingang macht sehr viel Sinn. Eine solche Kombination könnte tatsächlich disruptiv werden.

  1. BIM-Downloadportal, BIM-Infrastruktur und die Produktdaten-Hoheit. Wo liegt hier für Sie der Hase im Pfeffer?

Der Pfeffer hier ist ein strukturelles Problem. Hersteller sehen sich aktuell mit der Entscheidung konfrontiert, auf welche Weise sie ihre Produkte und Baustoffe als BIM-Objekte bereitstellen sollen. Die Versuchung, sich im ersten Schritt für ein BIM-Downloadportal zu entscheiden ist relativ hoch, weil es eine schnelle, aber leider auch kurzsichtige Lösung ist.

Die Verantwortung für das Sammeln, Verwalten und Speichern der Daten muss auch bei BIM-Projekten geklärt werden.

Die Verantwortung für das Sammeln, Verwalten und Speichern der Daten muss auch bei BIM-Projekten geklärt werden. (Adobe Stock, Foto profit_image)

Der Hersteller tritt nicht nur die Verantwortung für die Güte seiner Daten ab, weil er sie einem Dritten überlässt, sondern legt die Hoheit und damit die Integrität seiner Daten in die Hände einer dritten Partei. Zu den Konsequenzen gehört auch, dass er sich erstens in ein starkes Abhängigkeitsverhältnis begibt und zweitens nur nicht validierbare Erkenntnisse über die Verwendung seiner BIM-Objekte sammeln kann, weil der Datenrückfluss zunächst nicht bei ihm landet, sondern beim BIM-Downloadportal. Dabei könnte gerade einer der wesentlichen Mehrwerte von BIM darin liegen, dass es Hersteller und Planer näher zusammenbringt. Im besten Fall passt die Industrie Baustoffe und -produkte den Bedürfnissen der Planer sowie den Erkenntnissen an, die genau durch dieses Zusammenrücken gewonnen werden.

Eine BIM-Infrastruktur stellt – wie die Begrifflichkeit schon vermuten lässt – einen Unterbau zur Verfügung, damit der Baustoffproduzent die BIM-Transformation inhouse lösen kann. Er gibt seine Produktdaten nicht aus der Hand, sondern verknüpft sein Master-Data-Management mit dieser BIM-Infrastruktur, in der er nun alles selbst steuern kann. Die BIM-Infrastruktur fungiert dabei wie eine Art Durchlauferhitzer zwischen PIM-System des Herstellers und Datenabnehmern wie Downloadportalen, BIM-Plugins, Planungsbüros etc. Der entscheidende Vorteil ist, dass die Produktdaten immer bei der Baustoffindustrie verbleiben und nur dort gepflegt werden müssen. Der Hersteller hat damit alle Vorteile, die er bei einem BIM-Downloadportal genießt, weil es eben diese Präsenz nicht ausschließt. Darüber hinaus bleibt er allerdings Herr seiner Daten und gewährleistet Planern und Architekten Datenqualität und -aktualität.

  1. Wie bewerten Sie die Chancen eines Unternehmens am Markt, das heute noch artig seine Excel-Sheets pflegt?

Alles steht und fällt mit der richtigen Entscheidung in Richtung digitale Zukunft – wo wir wieder auf die oben genannten BIM-Portale blicken. Entscheidet sich ein Unternehmen all seine Exceldaten einmalig zur Aufbereitung in BIM-Objekte an ein Downloadportal zu geben, kann es nur verlieren. Denn bis die BIM-Objekte zur Verfügung stehen, sind die Excelsheets bereits nicht mehr aktuell.

Wer den Start ins digitale Zeitalter verpasst hat, hat noch immer die Chance aufzuholen, wenn er die richtigen Entscheidungen trifft.

Wer den Start ins digitale Zeitalter verpasst hat, hat noch immer die Chance aufzuholen, wenn er die richtigen Entscheidungen trifft. (c) Adobe Stock, Foto alphaspirit)

Wenn es aber diesen Schritt als Chance begreift, um die Versäumnisse der vergangenen Jahre in Sachen Digitalisierung nachzuholen, ist es nicht zu spät, weil viele andere Unternehmen davon ausgehen, sie hätten bereits alles getan, was notwendig ist, um sich nachhaltig für die Zukunft zu rüsten – und mal früher, mal später aus diesem Traum erwachen.

Wenn ein Unternehmen aus sauber geführten Excel-Sheets ein grundlegendes Produktinformationsmanagement (PIM) aufsetzt und daran eine BIM-Infrastruktur anknüpft, ist es mit dieser einen Entscheidung einem Großteil der Konkurrenz bereits um Längen voraus.

  1. Ein Unternehmen ruft Sie mit der „Bitte um ein BIM“ an. Was raten Sie?

Ich frage, wie viele Produkte es in seinem Portfolio führt. Denn: Ob ein BIM-Objekt oder 1.000, spielt bei der Verwendung von BIM-Infrastrukturen keine so große Rolle mehr. Die Übersetzungsleistung für ein einzelnes BIM-Objekt ergibt in meinen Augen wenig Sinn. Warum die Arbeit für ein Produkt ausführen, wenn es mit unverhältnismäßig wenig Mehraufwand gelingt, das gesamte Produktportfolio in BIM-Objekte aufzubereiten und damit das Unternehmen nachhaltig für die Zukunft zu rüsten.

  1. Scheitert die BIM-konforme Aufbereitung des kompletten Produktportfolios eines Unternehmens nicht letztlich auch an dessen Man-Power, selbst wenn die Datenhoheit BIM-infrastrukturell im Hause bleibt?
Durch die Verknüpfung zwischen BIM-Infrastruktur und PIM des Herstellers, werden BIM-Objekte immer automatisch aktualisiert

Durch die Verknüpfung zwischen BIM-Infrastruktur und PIM des Herstellers, werden BIM-Objekte immer automatisch aktualisiert (Die Werkbank)

Nein, das ist bei BIM-Infrastrukturen keine Frage der Man-Power. Je nach Größe des Produktportfolios dauert die Onboarding-Phase bis zu sechs Monaten. Wenn die Grundlagen geschaffen sind, die weitestgehend von den Entwicklern der BIM-Infrastrukturen vollzogen werden, ist tatsächlich ein Großteil der Arbeit erbracht. Durch die Verknüpfung zwischen BIM-Infrastruktur und PIM des Herstellers, werden BIM-Objekte immer automatisch aktualisiert, sprich mit den Veränderungen im PIM abgeglichen. Dadurch entfällt ein Großteil der sonst unheimlich aufwändigen Datenpflege, die entsteht, wenn Produkte von BIM-Portalen einmalig übersetzt werden.

 

Herr Uhl, haben Sie vielen Dank für dieses Interview

Die Fragen stellte momentum-Redakteur Burkhard Talebitari

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Datum 30. April 2019
Autor Matthias Uhl, Burkhard Talebitari
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