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Bauen digital

Einladung zum Kaffee

Am 24.2. hatte Heiner Ortschmidt auf Andrés Damjanovs Aufsatz aus dem BIM-Heft 2019 „Digitalisierung der Bau-Industrie oder Industrialisierung des digitalen Bauens?“ mit einem ausführlichen Kommentar geantwortet. Autor Damjanov spricht daraufhin eine Einladung aus …

Einladung zum Kaffee

Übersehen war der erste Impuls. Ja, eigentlich hatte ich entschieden, auf diese Antwort zu meinem Artikel nicht einzugehen. Müsste ich doch einfach viel zu weit ausholen und aufklären, um Herrn Ortschmidt auf die Möglichkeit eines anderen, wenn nicht besseren Verständnisses meines Textes hinzuweisen. Deshalb hatte ich entschieden, ihn auf einen Kaffee einzuladen und in gelassenem Gedankenaustausch darüber nachzudenken, wo überall er in meinen Artikel eventuell seine professionellen Obsessionen (ich vermute, die eines C.D.E.-Vertrieblers) hineinprojiziert haben könnte. Doch da Heiner Ortschmidt ein Deckname ist, hinter dem jemand vorzieht, sich zu verstecken, kann ich dies leider nicht tun.
Ich versuche also hier einmal behutsam die brenzligen Punkte aufzudröseln, in purem Werner von Sinn-Stil.

These 1:

Ortschmidt meint in meinem Artikel C.D.E-feindliche Gedanken auszumachen. Nun, wenn man sich das Produkt Newforma (das ich seit 5 Jahren vertrete und an den Europäischen Markt anpasse) einmal anschaut, dann besteht es aus mehreren Funktionalitäten, aber u. a. auch einer abgespeckt Variante einer Austausch Plattform, also einem C.D.E. Zu konstatieren, ich hätte etwas gegen Plattformen, in denen sich Projektbeteiligte Informationen gegenseitig zuspielen, runterladen, übersenden, prüfen können, hieße schlichthin zu sagen, ich sei professionell schizophren. Es gibt auf dem Markt etliche C.D.E.s und diese verfolgen unterschiedliche Ansätze, von nicht-invasiver On Premise Syncronisierung bis hin zu sehr geschlossenen Ablage-Systemen. Ich denke (bei einem Kaffee) wären Ortschmidt und ich hier absolut einer Meinung. Wie denn sonst sollte heutzutage der Austausch von Digitalen Informationen funktionieren. Via E-Mail-Anhängen oder – noch bunter: gedruckter Dokumente???

These 2:

Ortschmidt erblickt mich als Teil der „inaktiven Personen“, die sich in ihren „Schmollwinkel zurückziehen“, anstatt aktiv an der Digitalisierung teilzunehmen. Hier schlage ich der Einfachheit halber vor, einen Blick auf mein linkedin-Profil zu werfen. Es reichte schon ein kurzer … Wer mich kennt weiß, dass ich eher ein sehr aktiver Digitalisierungsfan bin – und sich meine diesbezüglichen Aktivitäten in Beirägen für die wichtigsten Publikationen und Vorträgen nicht erschöpfen. Das freilich hindert mich nicht, immer professionell und kritisch zu bleiben, um auf den immer auch problematischen Konnex aus Digitalisierung und (Software)Industrie aufmerksam zu machen. Alle Industrien entwickeln (getrieben durch den Druck des Marktes) so etwas wie eine Eigendynamik, die zuweilen in Sackgassen führen kann.

These 3:

Ortschmidt pack mich in die Schublade der Oldschool aus Intransparenz und Dinosaurier der Bauindustrie (gottlob eine deutlich abnehmende Schar), die eine kooperative Arbeitsweise als Bedrohung ihres bisherigen Vorgehens betrachtet. Ich vermute stark, dass Ortschmidt und ich an diesem Punkt eine Menge zu lachen hätten – bei einem eventuellen Kaffee, den ich immer noch anbiete. Das ist einfach ein Missverständnis. Ich habe eine Kiste voller Anekdoten darüber, wie ich mich für Transparenz in der Industrie eingesetzt habe und bei denen ich öfters nur knapp ungeschoren davonkam. Aber wie gesagt, ich denke wir sind da eher komplett auf der gleichen Seite.

Ceci n'est pas une entreprise

Ceci n'est pas une entreprise (Bild: Andrés Damjanov)

Und so lautet meine Schlussfolgerung bis auf hoffentlich Weiteres, dass Ortschmidt entweder den Text nur ganz schnell diagonal überflogen hat oder, aus welchen Gründen immer, nicht bereit ist, sich auf seinen Gedankengang einzulassen. Hier schienen mir womöglich etwas mehr Über-den-Tellerrand-schauen ratsam, um die realen Treiber der Softwareindustrie mit Hilfe wirtschaftlicher und geopolitischer Überlegungen besser zu verstehen. Die Kollision der Systeme wird für mich erkennbar in den Dichotomien aus Shareholder Value driven und quarterly based gegenüber Client Value driven und sustainable. Sehr hilfreich war für mich hier „die Neue Corporate Governance“ von Fredmund Malik. Seine Thesen helfen vielleicht, zu verstehen, wovon ich rede, wenn ich von angelsächsisch angehauchten Korporationen rede, die Europäische Softwares aufkaufen. Ein paar Bücher von Günther Dück oder dessen www.omnisophie.com (16.6. „Steh anders auf als du fielst“) wären ggf. auch nicht verkehrt.
Dennoch erlauben Sie mir bitte ein Schlusswort, Herr Ortschmidt. Wovon ich absolut abrate, ist der trist-traurige Powerpoint-Vers: „Wie viele Kindergärten, Schulen und Krankenhäuser hätten mit dem Geld gebaut werden können …“ – liebe Brüder und Schwestern …
Das könnte in den höheren Etagen der Unternehmen leicht Heiterkeit auslösen. Denn zu glauben, dass die Abweichungen im Budget der öffentlichen Bauten eines Landes (inklusive Großprojekte) mit mehr Transparenz oder Effizienz in der Datenhaltung gelöst werden können, ist denn doch eitel und Haschen nach Wind, um es einmal biblisch auszudrücken. Das Spiel dahinter wird sich weiterspielen, solange das System nicht fähig ist, den Beteiligten unfaire/riskante Preise in der Ausschreibung abzunehmen. Kein Bauunternehmen dieser Welt wird unter Geldverlust bauen. Die Lösung müsste eher als in die technologische in rechtliche Richtung gehen, eventuell mit I.P.D. Verträgen etc.
Ich freue mich weiterhin auf einem Kaffee, und einen spannenden Nachmittag. Sie können mich gerne über LinkedIn oder Xing kontaktieren.

Andres Damjanov, Sales Director Central Eastern South Europe Newforma

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Datum 23. Juni 2020
Autor Andres Damjanov
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