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Kolumne Falk Jaeger

Eleganz und Gewürge

Prof. Dr. Falk Jaeger

Prof. Dr. Falk Jaeger (Foto: Geyr)

Die Internationale Vereinigung für Sport- und Freizeiteinrichtungen (IAKS) hat am 27. Oktober im Congress-Centum Nord der Koelnmesse einen All Time Award an das Olympiastadion Berlin verliehen, teilt das Architekturbüro gmp mit. Als einen von acht gleichrangigen Preisen, wäre der Korrektheit halber noch hinzufügen. „Allzeitpreis“, das klingt großartig, und man gönnt es den Architekten von gmp und den mit ihnen eng verbundenen Ingenieuren von schlaich bergermann & partner, die sich nicht nur mit diesem Bau wahrlich um den Stadionbau verdient gemacht haben.

Doch was ist das eigentlich für ein wohlklingender Preis, den der Verband anlässlich seines 50-jährigen Bestehens vergab? „Der IAKS gehören rund 1.000 Mitglieder in 110 Ländern weltweit an, die sich auf alle fünf Kontinente verteilen“, lesen wir auf der Website der IAKS. Es handelt sich um Planungsbüros, einschlägig tätige Unternehmen, kommunale Ämter, Verbände und wissenschaftliche Hochschulen und Einrichtungen für Sport und Sportstättenbau.

Ausgezeichnet wurden neben dem Berliner Stadion erstaunlicherweise die zwanzig Jahre alte Sportschule Oberhaching wegen ihrer Vielseitigkeit und ihrer Erfolgsgeschichte, die Holmenkollen Skisprungschanze wegen ihrer sporthistorischen Bedeutung und die Richmond Olympiahalle Vancouver als nachhaltiger Holzbau und Beispiel für optimale Nachnutzung eines Großereignisbauwerks. Arata Isozakis (ziemlich hässliche) Olympiasporthalle in Barcelona wird für ihre Vielseitigkeit gerühmt, die olympische Arena in Nagano für ihre großartige Erscheinung. Das National Aquatics Center in Peking für seine technische Innovation und sein außergewöhnliches Design.

 

Dachuntersicht mit Leitungen im Nationalstadion

Dachuntersicht mit Leitungen im Nationalstadion (Foto: Falk Jaeger)

Und das chinesische Nationalstadion nebenan? Das „Vogelnest“? Mit Recht wird die ikonische Wirkung hervorgehoben. Aber dann: „perfekte Verbindung aus Eleganz, Einfachheit und Funktionalität“ und „eines der besten Beispiele für die Integration von Funktionalität und Design“.

So urteilt, wer das Gebäude nur von Photoshop-Hochglanzfotos kennt, von weitem aufgenommen, im goldenen Abendlicht, von innen erleuchtet – ein großartiger Anblick in der Tat.

Doch wie kann man ein Bauwerk rühmen, bei dem das Budget keine Rolle spielte (Fachleute vermuten Kosten nahe einer Milliarden Dollar)? Bei dem 42.000 oder 50.000 Tonnen (die Angaben schwanken) Stahl verbraten wurde, der anderen Konstrukteuren für mindestens fünf Stadien gereicht hätte?

 

Tragwerk im chinesischen Nationalstadion Peking

Tragwerk im chinesischen Nationalstadion Peking (Foto: Falk Jaeger)

Wer offenen Auges das Gebäude durchstreift, fühlt sich von den gewaltigen, zum Teil nicht einmal tragenden Trägern bedrängt, sieht aber auch all die ungelösten Probleme und das durchgehend mediokre Design. Wo Treppen vor die Wand laufen oder Fluchtwege mit kniehohen Stolperfallen aufwarten. Und wo einem der Blick in die unverkleidete Dachuntersicht den Magen umdreht. Ein solches Gewürge an Leitungsführung gibt es nicht mal im Flughafen Berlin Brandenburg.

Und wie steht es mit der bei den anderen Preisträgern gelobten Nachnutzung und der Nachhaltigkeit? Das sündhaft teure Stadion wird fleißig besichtigt, aber kaum genutzt. Immerhin haben die Chinesen beim Segwayfahren auf der Tartanbahn ihren Spaß…

 

Segwayfahrer im Nationalstadion Peking

Segwayfahrer im Nationalstadion Peking (Foto: Falk Jaeger)

Nein, eine „perfekte Verbindung aus Eleganz, Einfachheit und Funktionalität“ sieht anders aus. Leider entwertet diese Wahl den gesamten Preis, denn bei den anderen Objekten werden die Juroren kaum genauer hingeschaut haben.

 

 

 

 

 

 

 

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Datum 4. November 2015
Autor Falk Jaeger
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