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Entlang des schwarzen Fadens

Das DAM zeigt die Arbeit der Ingenieure Bollinger + Grohmann

Baustelle der EZB in Frankfurt

Baustelle der EZB in Frankfurt (Foto: Enrico Santifaller)

Schon im Landeanflug auf Frankfurt ist sie zu sehen, die spektakuläre Großbaustelle der Bollinger + Grohmann Ingenieure. Gerade im jetzigen Skelettstadium ahnt auch der Laie, dass der Doppelturm der Europäischen Zentralbank die Tragwerksplaner wohl etwas mehr gefordert hat, als ein 08/15-Hochhaus. Der Turm der Währungshüter spielt denn auch eine Hauptrolle in der großen monographischen Ausstellung, die das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt den Ingenieuren anlässlich des 30-jährigen Bürojubiläums derzeit ausrichtet.

Von Star-Architekten ist allenthalben die Rede. Wenn es auch Star-Ingenieure gäbe, so würden die beiden Frankfurter zu jener Handvoll herausragender Rechenkünstler in Deutschland gehören. Zu jenen, die die Realisierung auch der spektakulärsten Architekturen, die sich jene Stararchitekten einfallen lassen, technisch-konstruktiv ermöglichen. Doch sie sind es nicht gewohnt, im Rampenlicht zu stehen. Ihre Arbeit geschieht weitgehend im Hintergrund und ist weder publicityträchtig noch dem Laien so ohne Weiteres vermittelbar. Die Ausstellung, sie ist in 30 Jahren DAM erst die zweite Ingenieurschau, ist denn auch ein didaktisches Experiment.

Architekten werden ganz leicht die linke Augenbraue heben, angesichts des Titels „Hinter den Kulissen“. Doch es geht wohl nicht darum, konkrete Baustruktur hinter Fassadenarchitektur zu enthüllen, sondern um die Arbeitsweise der Ingenieure, die sich für die Öffentlichkeit im Verborgenen abspielt. Nicht fertige Bauwerke, sondern der Prozess, der dorthin führt, soll gezeigt werden. Die Kuratoren Oliver Elser und Anke Wünschmann kamen deshalb auf die Idee, ein Baustellenambiente in die aseptisch weiße Sphäre des Oswald Mathias Ungers-Baus einzubringen. Stellwände und aufgedoppelte Böden aus gelben Schaltafeln, wie sie im Betonbau gebraucht werden, dienen als Träger für die Informationen. An der umlaufenden Wand werden entlang eines schwarzen Fadens exemplarisch drei Bauwerke in ihrem Entstehungsprozess gezeigt, von der ersten Entwurfs- und Konstruktionsskizze bis zum fertigen Bauwerk  bzw. dessen Rendering, denn ein Projekt ist noch im Bau, besagte Europäische Zentralbank (Architekten: Coop Himmelb(l)au, Wien). Außerdem werden das Sheikh Zayed Desert Learning Center im Zoo von Al Ain, Vereinigte Arabische Emirate (Architekt: Talik Chalabi, Wien), sowie das großartige Rolex Learning Center der EPFL Lausanne (Architekten: SANAA, Tokio) detailliert erklärt.

Sheikh Zayed Desert Learning Center, Al Ain, Abu Dhabi

Sheikh Zayed Desert Learning Center, Al Ain, Abu Dhabi (Foto: Antje Hanebeck)

In der Raummitte hängen 180 Fahnen, bedruckt jeweils mit einem Projekt von B+G – nur ein kleiner Teil der in dreiJahrzehnte realisierten Bauten. „Wie, das ist auch von Bollinger + Grohmann?“ denkt der Besucher, wenn er dort Peter Cooks Kunsthaus Graz, Hans Holleins Österreichische Botschaft, SANAAs Designschule Essen, Hadids Hungerburgbahn Innsbruck, NOX´s Son-O-House in Breugel oder Gehrys Marta in Herford und manch anderes bekanntes Projekt entdeckt.

Ein kleiner Themenraum ist „Entwicklungen“ gewidmet und spricht einzelne Aspekte an, Blob, Wolke, Bubble etc. und zeigt die Beispiele dazu aus dem Werk von B+G. Ein anderer Themenraum „Skelette“ befasst sich mit sieben Projekten mit bemerkenswerten Tragwerken. Einige Details, Knotenpunkte, sind im Original präsent (solche Bauteile 1:1 hätte der Besucher gerne mehr gesehen). Für manch einen Besucher – der eilige wird sich nicht darin vertiefen können – sind die Bildschirme interessant, an denen demonstriert wird, wie parametrisches Entwerfen von Tragwerken funktioniert, die wichtigste Methode heutiger Tragwerksentwicklung. Auf dem Monitor erscheint beispielsweise das Vektormodell eines Viergutträgers der EM- Arena in Danzig. Mit Hilfe einiger Drehregler kann der Besucher nun Parameter ändern, Winkel, Höhe, Auskragung etc., und beobachten, wie sich dadurch das gesamte Tragwerk verändert. Dass der Rechner dabei offenbar Einiges abzuarbeiten hat, merkt man an der Verzögerung des Vorgangs.

Dieses didaktische Element lässt sich sicher noch verbessern (mit einigem Aufwand allerdings), wie überhaupt das Anliegen, die Arbeit und Methoden der Ingenieure zu veranschaulichen, kein einfaches Unterfangen ist. Doch das didaktische Experiment ist geglückt, zumal ein umfangreiches begleitendes Führungs- und Vortragsprogramm geboten ist. Die Ausstellung zeigt, dass es möglich ist, Ingenieurarbeit einem breiteren Publikum nahe zu bringen und wird hoffentlich andere Büros animieren, es Bollinger + Grohmann gleichzutun.

Die Ausstellung

Bollinger + Grohmann. Hinter den Kulissen.

bis 1. September im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt am Main, Schaumainkai 43.

Zur Ausstellung ist die Monografie DETAIL engineering 3 „Bollinger + Grohmann“ erschienen, 144 Seiten, 49 Euro. ISBN 978-3-920034-87-4.

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Datum 17. Juni 2013
Autor Falk Jaeger
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