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Kolumne Falk Jaeger

Erst planen, dann bauen, ist nicht die Regel

FAR frohn&rojas

Bild 1 (FAR frohn&rojas)

In Berlin hat Marc Frohn von FAR frohn&rojas ein bemerkenswertes Wohnhaus gebaut. Ein „Wohnregal“, wie sie derzeit von manchen zornigen Architekten entwickelt werden, die dem nervigen Kostendruck ausweichen wollen, der sich durch die immer komplexeren, immer diversifizierteren konventionellen Baumethoden scheinbar unentrinnbar aufgetürmt hat. Er ging noch weiter als die Kollegen und schaute sich im Industriebau um, ob dort nicht ein brauchbares konstruktives System zu finden sei.
Das hatten schon andere getan. Otto Steidle in München zum Beispiel, der 1968-72 bei seinem legendären Projekt in der Gentner Straße ein Industriebau-Betonskelettsystem als Superstruktur benutzte, vor allem um darin Nutzräume baukastenartig je nach Bedarf und veränderbar unterzubringen. Die Ästhetik war ok., doch wie bei vielen ähnlichen Projekten war mit der Bauphysik nicht zu spaßen, machten Wärmedämmung, Abdichtung, Dachdeckung und teurer Bauunterhalt Probleme.

Bild 2

Bild 2 (FAR frohn&rojas)

Marc Frohn besuchte ehemalige DDR-Plattenbauproduktionen, die heute das Knowhow weiterentwickeln. Dort stehen Schaltische bereit, die vorgespannte Pi-Platten herstellen können. Die Breite ließ sich durch eingestellte Schalbretter einfach auf das gewünschte Maß einschränken. Er orderte ein Skelett und ließ sich für 100.000 Euro den sechsgeschossigen Rohbau nach Hallenbaulogik an eine Moabiter Straßenecke stapeln. Die giebelseitige Achse bleibt kalt, für Loggien, Treppe und Aufzug. Die restliche Konstruktion verschwindet hinter einer ebenfalls standardisierten Ganzglasfassade Die stützenfreien Grundrisse der zehn Wohnungen sind in Trockenbau individuell aufteilbar. Es ging um Detailvermeidung, intelligente, aber simple Anschlüsse und um unkonventionellen Einsatz billiger Industriebauteile.

Bild 3

Bild 3 (FAR frohn&rojas)

Immer wieder stößt man auf Projekte, bei denen es gelang, mithilfe von industriellen Bauweisen Kosten und Zeit zu sparen. Insbesondere beim dafür prädestinierten Holzbau tut sich viel. Führend auf dem Gebiet des Holzsystembaus und des Modulbaus sind Firmen aus Vorarlberg aus der Kaufmann-Dynastie. Kaufmann Systembau errichtet Hallen und Hotels, Wohnheime und Schulen. Kaufmann Zimmerei und Tischlerei, spezialisiert auf Raummodule, baut Hotels und Büro- und Wohnbauten mit bis zu sechs Geschossen, aber beispielsweise auch ein temporäres Wohnheim für Azubis und Flüchtlinge in Zürich. Die Ziele, nachhaltiger, kostengünstiger und schneller zu bauen, werden offenbar erreicht. Architekturpreise, Innovations- und Umweltpreise sind fast schon abonniert. Warum aber setzen sich diese Bauweise nicht auf breiter Front durch?
Generell ist höherer Planungsaufwand vonnöten. Marc Frohn musste quasi die Leistungsphase 5 und die Fertigteilstatik bereitstellen, bevor die Ausschreibung möglich war. Auch im Holzsystembau müssen viele Entscheidungen im Vorfeld fallen. Das Prinzip „erst planen, dann bauen“, wird im Bauwesen allzu oft missachtet.

Bild 4

Bild 4 (FAR frohn&rojas)

Holzbau ist (noch immer) zwei bis fünf Prozent teurer, führt Tom Kaden, Professor für Holzbau an der TU Graz, aus. Auf der Habenseite stehen kürzere Bauzeit und weniger Konstruktionsfläche (ergibt bei 30 Wohnungen eine Wohnung zusätzlich).
Und: Es gibt keine Großserien, nur unendlich viele Systeme, weil jeder Architekt und Produzent das Rad neu erfindet. Der Holzbau verharrt meist im Denken des individuellen Architekten- und Ingenieurentwurfs.
Und, weil es deshalb keine großen Player gibt, fehlt es auch an einer starken Lobby, die in der Baugesetzgebung Neuerungen durchsetzen könnte. Die Anpassung der Normen und Vorschriften an die neuen Bautechniken und die Vereinheitlichung der Landesbauordnungen gehen ihren zähen politbürokratischen Gang.
Leider übersieht die Politik den Umstand, dass ein geförderter und innovativer Systembau ein Exportschlager wäre. Dass avancierte Ingenieurleistung und Perfektion im Produktionsprozess – ureigene deutsche Tugenden – auch auf diesem Gebiet Exportchancen eröffnen würden. Österreich ist da schon weit vorausgeeilt.

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Datum 21. Januar 2020
Autor Falk Jaeger
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