momentum magazin für Bauingenieure präsentiert von Ernst & Sohn
Wettbewerbe

Erster Bundespreis UMWELT & BAUEN

Immer mehr Bauherren, Architektinnen und Architekten planen nachhaltige Bauten und Quartiere von hoher architektonischer Qualität oder engagieren sich für eine Sanierung auf hohem architektonischem Niveau. Alle Akteure sind dabei auf der Suche nach guten Beispielen. Diese sollen zeigen, dass nachhaltiges Bauen über den Lebenszyklus betrachtet viele Vorteile bietet, auch im Hinblick auf die Kosten.

Der Bundespreis UMWELT & BAUEN soll gelungene Projekte in unterschied­lichen Kategorien auszeichnen und für alle Interessierten online zugänglich ­machen.

Die Jury hat aus den zahlreichen Einsendungen vier Preisträger für den Bundespreis ausgewählt und sieben weiteren Projekten Anerkennungen ausgesprochen:

Prof. Dipl.-Ing. Thomas Auer, Lehrstuhl für Gebäudetechnologie und klimagerechtes Bauen an der TU München
Prof. Dr.-Ing. Annette Hafner, Lehrstuhl für Ressourceneffizientes Bauen an der Ruhr-Universität Bochum
Dr. Robert Kaltenbrunner, Leiter der ­Abteilung II „Bau- und Wohnungs­wesen“ am Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung
Dr. Franziska Kersten, Vizepräsidentin Umweltbundesamt
Johannes Kreißig, Geschäftsführender Vorstand DGNB e.V./Geschäftsführer DGNB GmbH
Cosima Lindemann, Vorsitzende im Vorstand des NABU Rheinland-Pfalz
Florian Pronold, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit
Prof. Dipl.-Ing. Christa Reicher, Lehrstuhl und Institut für Städtebau und Entwerfen an der RWTH Aachen
Dr. Burkhard Schulze-Darup, Stellv. Vorsitzende der Kommission Nachhaltiges Bauen (KNB) am Umweltbundesamt
Dr. Melanie Weber-Moritz, Bundesdirektorin des Deutschen Mieterbundes e.V.

Wettbewerbskategorie Wohngebäude

Preisträger
ARGE MUDLAFF & OTTE/Studio Witt/MoRe Architekten, Stadthäuser StadtFinken Hamburg

Auf einem 145 m langen Baufeld wurden 22 Stadthäuser mit 44 Wohneinheiten im Passivhausstandard realisiert. Das umgesetzte Energiekonzept ermöglicht sogar die Einhaltung der Plus-Energie­hausstandards und führt so zu einem negativen Primärenergiebedarf. Ermöglicht wird dies durch die Ausbildung der Gebäudehülle im Passivhausstandard, dem Einsatz von Erdsonden zur Wärme- und Kälteerzeugung, ein Biogas-BHKW, der Wärmerückgewinnung aus dem Abwasser und einer Photovoltaikanlage, die 80 % des Strombedarfs deckt. Das Projekt wurde durch eine Baugruppe realisiert und umfasst Gemeinschaftseinrichtungen wie Gärten, Gemeinschaftsraum mit Gästebett und E-Lastenfahrräder, die von allen genutzt werden können. Die Baustoffauswahl erfolgte mit der Ziel­setzung, gesundheitsschädliche Inhaltsstoffe zu vermeiden. Zur Qualitäts­sicherung wurden u.a. auch Raumluftmessungen durchgeführt.

2

 

Preisträger
HOWOGE, Quartier Sewanstraße, Berlin

Das Projekt der HOWOGE ist ein vorbildliches Beispiel für innovativen und zukunftsorientierten Geschosswohnungsbau in der Stadt. Die beiden 8-geschossigen Punkthäuser bieten aufgrund der Mietpreisgestaltung für breite Schichten der Bevölkerung einen bezahlbaren Wohnraum durch sozialverträgliche ­Mieten. Ermöglicht wird dies auch durch ein innovatives Energiekonzept:

  • Photovoltaikanlage mit Batterie­speicher, die 70 % des im Quartier ­benötigten Stromes deckt und den Mietern den Bezug von günstigem Mieterstrom ermöglicht;
  • der realisierte KfW 40Plus Effizienzhaus-Standard führt dazu, dass der ­benötigte Primärenergiebedarf nur noch 60 % des nach EnEV zulässigen Bedarfs beträgt;
  • dezentrale Wohnungslüftung mit Wärmerückgewinnung.

Bei der Wahl der Baustoffe und Materialien standen die Langlebigkeit, ein geringer Instandhaltungs- und Pflegeaufwand und die Schadstoffminimierung im Vordergrund. Eine Wiederholung des Planungskonzeptes ist geplant und führt so zukünftig zu einer weiteren Kosten­reduzierung.

3

 

Wettbewerbskategorie Nichtwohngebäude

Preisträger
Liebel/Architekten, Klassentrakt ­Schubart-Gymnasium, Aalen

Das unter Denkmalschutz stehende Schulgebäude des Schubart-Gymnasiums in Aalen wurde durch einen Fach­klas­sen­trakt erweitert. Realisiert wurde der 2-geschossige Erweiterungsbau als Holz-Beton-Hybridkonstruktion, die teilweise in der Erde versenkt wurde, um den Blick auf das Bestandsgebäude beizubehalten. Entstanden ist so eine Null-Energieschule, deren Photovoltaikanlage 100 % des Strombedarfs deckt. Ermöglicht wurde dies auch durch eine optimierte Tageslichtnutzung der Klassenräume, die mit Hilfe von Oberlichtern den Einsatz der künstlichen Beleuchtung, und damit auch den Strombedarf, minimiert. Ein Erdkanal erwärmt bzw. kühlt die Zuluft und führt in Kombina­tion mit einer Schublüftung zu einer Energieeinsparung von ca. 80 % gegenüber einer konventionellen Lüftung. Die „Nutzer“ (Lehrer und Schüler) wurden von Beginn eingebunden und sollen zukünftig über eine derzeit entwickelte App, die energetischen Zusammenhänge und den Einfluss des Nutzerverhaltens didaktisch erläutert bekommen.

4

 

Anerkennung
IBUS Architektengesellschaft, Neubau der Stadtwerke Neustadt (Holstein), Neustadt

Beim Neubau der Verwaltungs- und Betriebsgebäude in Neustadt (Holstein) wurde ein umfassendes Nachhaltigkeitskonzept umgesetzt. Dessen Schwerpunkte liegen auf einem optimierten Energiebedarf mit der Nutzung regenerativer Energien (Photovoltaikanlage, Erdwärmesonden mit einer Sole-Wasser-Wärmepumpe und ein Mini-BHK) und auf einem innovativen und zukunftweisenden Gebäude und Materialkonzept. Das unterkellerte 2-geschossige Gebäude besteht aus tragenden Massivholzwänden und -stützen. Die Geschossdecken bestehen im Bereich der Büroräume aus einer Holz-Beton-Verbunddecke und im Kernbereich aus Massivholz. Durch die Anwendung einer planungsbegleitenden Ökobilanzierung aller eingesetzten Baustoffe und Konstruktionen, konnte die sog. Graue Energie optimiert und eine hohe Ressourceneffizienz erreicht werden. Dies führte zu der großflächigen Verwendung von Holz und Holzwerkstoffen und der Wiederverwendung von Bauelementen und Baustoffen:

  • die Bürotrennwände stammen aus ­einem abgebrochenen Gebäude,
  • die Fassadenbekleidung stammt aus wiederverwendeten Eichenholz­deckenbalken,
  • der Teppichboden besteht aus Kunststoffrecyclingfasern,
  • die Sanitärräume wurden mit gebrauchten Fliesen ausgestattet,
  • Nutzung von Seegras als Akustikdämmmaterial für Absorberflächen.

5

 

Anerkennung
Tragraum Ingenieure, Umweltstation der Stadt Würzburg, Würzburg

Für den klima- und ressourcenschonenden Neubau der Umweltstation Würzburg wurden bereits im Architekturwettbewerb die Grundlagen gelegt, damit ein Modellprojekt für nachhaltiges Bauen als Anschauungsobjekt entstehen konnte. Das 2-geschossige runde Gebäude dient als Bildungs- und Beratungsstelle der Stadt Würzburg zu den Themen Umwelt, Klima und Nachhaltigkeit. Innovative Technologien, wie ein Eisspeicher, der im Sommer zur Kühlung und im Winter zur Heizung eingesetzt werden kann, und eine Photovoltaikanlage auf dem Dach, ermöglichen die Realisierung eines Nullenergiehaus-Konzeptes. Die ­Betrachtung des gesamten Lebenszyklus des Gebäudes erfolgt durch eine Öko­bilanzierung des Energieverbrauches und der eingesetzten Baustoffe. Verbundwerkstoffe, die sich nur schwer trennen lassen, wurden vermieden und erstmalig konnte der Einsatz von Recyclingbeton in einem öffentlichen Gebäude in Bayern realisiert werden.

6

 

Wettbewerbskategorie Quartiere

Preisträger
Deimel/Oelschläger Architekten, ­Quartier WIR, Berlin

Das Quartier WIR in Berlin zeichnet sich nicht nur durch die hohe Energie­effizienz (KfW 40 Standard) und die Verwendung von Holz als nachwachsender Rohstoff für die Baukonstruktion aus, sondern auch durch den gemeinschaft­lichen Planungsprozess, der zu unterschiedlichen Wohnkonzepten und zur Integration unterschiedlicher sozialer Gemeinschaften führte. Gemeinschaftsflächen und Gemeinschaftseinrichtungen wie Bewohnerwerkstatt, Schwimmbad, Quartiersplatz und Kita, ermöglichen eine lebendige und vielfältige Nachbarschaft. Hierzu gehören auch eine Demenz-Wohngemeinschaft sowie Träger für Jugendarbeit und Flüchtlingsgruppen. Die fünf Mehrfamilienhäuser wurden mit einer Holzskelettbauweise und die Fassade in Holztafelbauweise realisiert. So entstanden flexible Grundrisse, die eine gute Umnutzungsmöglichkeit bieten.

7

 

Anerkennung
Landeshauptstadt München, ­Ökologische Mustersiedlung Prinz-­Eugen-Park, München

Als Teil der Bebauung im Prinz-Eugen-Park in München, realisierte die Landeshauptstadt München eine ökologische Mustersiedlung in Holzbauweise mit 566 Wohnungen in 8 Projekten. Bereits bei der Vergabe der Grundstücke führten Kriterien zu Vorgaben für Mobilitäts­konzepte, Wohnflächenverbrauch, Regenwassernutzung oder Gemeinschaftsflächen. Die geforderte Holzbauweise führte zu unterschiedlichen Vorgaben für den Anteil der zu verwendenden nachwachsenden Rohstoffe. Mit wissenschaftlicher Begleitung wurden Kenngrößen entwickelt, die den Einsatz nachwachsender Rohstoffe bewerten und die Grundlage für ein finanzielles Zuschussprogramm der Stadt bilden. Die so entstandenen Gebäude zeigen beispielhaft, welche innovativen Lösungen in Holzbauweise für unterschiedliche Wohn- und Gebäudekonzepte heute möglich sind. Das entstandene Quartier ist nicht nur beispielgebend für einen konse­quenten Einsatz nachwachsender Rohstoffe, sondern auch für eine heute ge­forderte Quartiersvernetzung mit einem Quartiersmanagement zur Beteiligung der Nutzer bei der Nachbarschaftsentwicklung.

8

 

Anerkennung
Nassauische Heimstätte, Quartier an der Melibocusstraße, Frankfurt/Main

Das aus den 50er Jahren stammende Quartier der Nassauischen Heimstätte in Frankfurt/Main ist ein typischer Vertreter für zahlreiche andere noch zu sanierende Quartiere in Deutschland aus dieser Zeit. Das Sanierungsprojekt dient als Vorbild und zeigt, welche Maßnahmen heute im Rahmen einer nachhaltigen ­Sanierung und Nachverdichtung umgesetzt werden können. Die Bestands­mieter profitieren von im Zuge der ­Sanierung umgesetzter Maßnahmen: von einem Urban-Gardening- Projekt in den neu vernetzten Freiflächen, vom neu ­integrierten Car-Sharing-Angebot oder die auf ältere Mieter abgestimmten haushaltsnahen Dienstleistungen. Die Neubauten wurden im Passivhausstandard geplant. Die dabei in einem der Gebäude neu errichtete Heizzentrale mit Holz­pelletkessel versorgt zukünftig auch ­Bestandsgebäude mit Wärme. Die auf den Dächern errichtete Photovolatikanlage ermöglicht den Mietern den Bezug von vergünstigtem Mieterstrom.

9

 

Sonderpreis Nachhaltigkeit und Innovation

Anerkennung
kadawittfeldarchitektur, „Kreislaufhaus“ Verwaltungsgebäude RAG Stiftung, ­Essen

Das bereits 2017 fertiggestellte Verwaltungsgebäude der RAG-Stiftung und RAG AG auf dem Gelände der Zeche Zollverein in Essen, repräsentiert mit den realisierten Zielsetzungen alle ­Aspekte eines zukunftsfähigen nach­haltigen Gebäudes. Es zeigt, wie die ­Ziele des nachhaltiges Bauens in allen Bereichen der Planung, Bauausführung und Gebäudebetrieb berücksichtigt ­werden können. Bereits die Wahl der Baustoffe und -materialien berücksichtigt nicht nur alle Aspekte der Umweltwirkung bei Herstellung, Verarbeitung und Rückbau, sondern auch die Auswirkungen auf die Innenraumluft und die Behaglichkeit der Nutzer. Das Projekt ist auch Teil eines Forschungsprojektes, mit dem die zukünftige Nutzung des Ge­bäudes als Rohstofflager untersucht wird. Materialkataster dokumentieren den Einsatzort, Mengen und Qualität der verwendeten Baustoffe. Die Energieerzeugung vor Ort erfolgt durch 18 Geothermiesonden und eine Photovoltaikpergola auf dem Dach. Das Gebäude bildet auf dem Standort der ehemaligen Kokerei, durch seine begrünte Dachlandschaft Flächen für Aufenthalt und Erholung. Das über die Dachflächen aufgefangene Regenwasser wird in Zisternen gesammelt und zur Bewässerung und für die WC-Spülungen genutzt. Flora und Fauna sichern die Biodiversität am Standort und bilden kleine Biosphären.

10

 

Anerkennung
cityförster, Recyclinghaus, Hannover

Wie schon heute recyclinggerecht geplant und gebaut werden kann, zeigt der experimentelle Neubau eines Wohnhauses in Hannover. Das Recyclinghaus nutzt die Möglichkeiten, die der Bau­herrin, einem Bau- und Wohnungsunternehmen, zur Verfügung stehen: Verwendung gebrauchter Bauteile und der Einsatz von Recyclingbaustoffen. Ziel dieser Maßnahmen ist es durch eine kreislauf­orientierte und ressourcenschonende Planung die Ressourcenverwendung zu optimieren und dadurch die in Anspruch genommene graue Energie zu minimieren. Das Potential des vorhandenen ­Gebäudebestandes wird hierbei als Rohstofflager gesehen und aufgezeigt, mit welchen Strategien in der Planung und Bauausführung dieses genutzt werden kann. Das Projekt zeigt äußerst anschaulich, wie gebrauchte Bauelemente, z. B. Aluminiumfenster, Eternitplatten, Profilbaugläser, Wellblech, Fliesen, Waschbecken, in einem gestalterisch hervorragenden Gebäude zum Einsatz kommen können.

11

 

Anerkennung
Hofgut Erler, Sanierung Sonnenscheune Plottendorf

Wie mit einer hohen energetischen Zielsetzung, historische und denkmalgeschützte Bauwerke saniert werden können, zeigt äußerst eindrücklich das Projekt der „Sonnenscheune“. Das sich in Familienbesitz befindliche Objekt wurde im Passivhausstandard (entspricht KfW 40 Plus) saniert. Es erfüllt dabei die Anforderungen des Denkmalschutzes durch die Verwendung nicht nur lokaler, sondern auch nachwachsender Rohstoffe. Auch traditionelle Bauweisen konnten bei der Sanierung eingesetzt werden. Das Haus-in-Haus-Konzept ermöglichte die Realisierung des Passivhausstandards. Der noch benötigte Energiebedarf erfolgt zu 100 % erneuerbar. Die benötigte Wärme wird vor Ort über Solarthermie und über einen mit Stückholz betriebenen Naturzug-Holzvergaser gedeckt. Die Photovoltaikanlage erzeugt ca. 60 % des Strombedarfs. Das ökologische Konzept forderte neben dem minimierten Energieverbrauch, auch den Einsatz nachwachsender Rohstoffe und die Verwendung schadstoffarmer Baustoffe. Der Ausbau erfolgte daher in Form von Holz, Holzwerkstoffen, Holzfaserdämmstoffen Lehmbauplatten und Lehmputz und ­mineralischen Anstrichen.

12

 

Weitere Informationen: www.umweltbundesamt.de

 

 

 

 

 

Schreibe einen Kommentar…

Datum 6. Januar 2021
Autor Bauphysik 6/2020 aktuell
Schlagwörter , , , , ,
Teilen facebook | twitter | Google+