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Rezension

Erzählen einer Katastrophe

Nathaniel Rich, Losing Earth, Rowohlt BERLIN, Hardcover 240 S., 22,- €

Nathaniel Rich, Losing Earth, Rowohlt BERLIN, Hardcover 240 S., 22,- € (Rowohlt)

Die spannendste langweilige Lektüre. Spannend: Weil es alles Fassbare übersteigt, zu lesen, wie in Sachen Klimakatastrophe seit 40 Jahren permanent redundante Muster aus dem Erstellen wissenschaftlicher Studien zum seit runden 150 Jahren bekannten Treibhauseffekt und der Vereitlung der aus ihnen zu ziehenden Konsequenzen stattfinden. Langweilig: Weil der Autor mit dem Vorsatz, das wissenschaftliche wie politische Elend dieser 40 Jahre – und die aus ihm resultierende Katastrophe – zu erzählen, nicht umhinkann, sich in diesen Redundanzen ausführlich zu ergehen. So viel vorab und für jene, die trotz der unüberwindlichen Ermüdungserscheinungen in Sachen Klimadebatte noch weiter zu lesen geneigt sind – eventuell, weil sie in einer maßgeblich CO2-Emissionen verursachenden Branche arbeiten.

Fehlt nur noch der Hinweis, dass diese Rezension in bewusster Unkenntnis all der vielen bisherigen aufgeschrieben wurde. Dies so, um den Kopf vorurteilsfrei zu halten, für ein Buch, dessen Verdienst eventuell so hoch zu schätzen ist, wie seine Quintessenz im Epilog problematisch ist. Doch davon zum Beschluss dieser Zeilen.

Der Impact von Losing Earth auf Nordamerikas Gesellschaft war spätestens evident, als die New York Times im Sommer letzten Jahres die Spalten ihres gesamten Magazins für das Buch hergab. Schlagartig wurde dessen Lesern klar, wie vor 40 Jahren ein Zeitpunkt verpasst wurde, zu dem in der Folge des Kampfes gegen FCKW die Zeichen für eine Eindämmung der Klimaerwärmung durch CO2-Reduktion günstiger denn je vorher und nachher standen. Nathaniel Rich zitiert hier die New York Times, die die 1. Weltklimakonferenz in Toronto (27. – 30.6. 1988) als „Woodstock des Klimawandels“ bezeichnete. Im Montrealer-Protokoll vom 16.9.1987 wurde die Reduktion der FCKW-Emissionen um 50 % zum Schutz der Ozonschicht vereinbart. Nun standen die Wissenschaftler und Umweltaktivisten „nur noch“ vor der Frage, wie eine passende Zielvorgabe für die CO2-Reduktion aussehen könnte. Das Ende der 1980er-Jahre als diesbezüglich ehrgeizig empfundene Ziel lautete 20 % bis zum Jahr 2000. Wie ehrgeizig immer, reichte es einigen europäischen Staaten nicht. Der Deutschen Bundestag berief eine Enquete-Kommission zum Klimawandel ein, die die Zielvereinbarung von Toronto als unzureichend erachtete und eine CO2-Reduktion von 30 % empfahl. Der schwedische Reichstag kündete gar eine nationale Initiative an, die die CO2-Emissionen auf dem Stand von 1988 halten sollte. Dass all dies nie über den Ankündigungscharakter hinaus kam, muss heute nicht mehr gesondert betont werden.

Das Schmerzhafte der Lektüre von Richs Losing Earth besteht aber eben darin, dass seine Erzählung minutiös nachzeichnet, wie alle Konferenz-Beschlüsse zuvor und später nach demselben Muster aus für industrielle Ziele instrumentalisierter Wissenschaft und Politik konterkariert oder schlicht vereitelt wurden. Wer das Buch zur Hand nimmt, dürfte aber spätestens hier über den Begriff „Erzählung“ stolpern.

Rich bekennt in einem Interview, sein Entschluss zu diesem Buch sei aus der Frustration über die begrenzte Art, in der über den Klimawandel geschrieben und diskutiert werde, entstanden. Die politischen, die technologischen, ökonomischen und industriellen Aspekte des Klimawandels (ein Wort, das er nebenbei als Euphemismus zu entlarven weiß) seien von Journalisten wie von Wissenschaftlern ausführlich und kompetent beschrieben worden. Doch die menschliche Geschichte und die Frage, wie ein fühlendes Wesen mit dem Wissen umgehe, dass die menschliche Zukunft weit weniger einladend als die Gegenwart sei, könne nur erzählend bewältigt werden.

Zu den nicht geringsten Einsichten dieser an Einsichten reichen Lektüre zählt aber, dass die schier ermüdende bis quälende Wiederholung ein und desselben Musters der Beschlussfassung und -vereitlung sich dem Erzählen entzieht. Sie tut das noch da, wo der Autor denjeweils Beschlussfassenden und den Beschluss Verhindernden (die nicht selten ein und dieselbe Person sind) sauber bis akribisch recherchierte Namen und teils auch empathisch motivierte Charakterzüge verleiht. Der Autor aber, der aus derlei schier enervierender Redundanz eine tatsächliche Erzählung generierte, kann Rich schon deshalb nicht sein, weil ein solcher Autor wahrscheinlich erst geboren werden müsste. Erzählen der Katastrophe wird so zur Katastrophe des Erzählens. Doch möge man dies schon allein wegen der Tragweite des Themas nicht zu den Schwächen des Buches zählen. Auf solche stößt man erst im „Glasbodenboote“ betitelten Epilog.

Den Titel erhält dieser von dem Szenario, dass bei 1 °C Erderwärmung Touristen von Glasbodenbooten aus 50 m tief durch tropisches Wasser auf die versunkenen Türme von Miami schauen können. Vehement sperrt sich der Autor der Auffassung, nach den von ihm beschriebenen 40 Jahren Stagnation in der Klimadebatte ständen wir da, wo wir 1988/89 standen. Heute sei vielmehr die Frage von auch „nur“ 0,1 °C Erderwärmung längst die der Existenz ganzer Landstriche und Länder. Und en passant erwähnt er u. a. die aufschlussreiche Tatsache, dass ein amerikanischer Obdachloser heute doppelt so viel Energie verbraucht wie ein einzelner Erdbewohner im Durchschnitt. Er spricht auch von dem unvermeidlichen Blut an den Händen von uns Mitgliedern sogenannter zivilisierter, westlicher Gesellschaften und setzt als effektivste Waffe dagegen die Scham. Die Handlanger der Industrie mögen, schreibt er, gegen Scham immun sein, aber bei den Menschen, die zur Wahl gehen, könne der Appell an ihr Anstandsgefühl durchaus etwas bewirken. Schließlich seien sie immer noch Menschen.

Dass dies nach dem Durchgang durch den über 200seitigen Text günstigstenfalls ängstlichem Pfeifen im Dunklen gleichkommt, dürfte so müßiger Hinweis sein, wie die Bekundung des Autors, besonders Amerikaner dächten nicht gern an Verlust und Tod. Dass die Menschen „nur ausweichend“ dächten, soll bereits vor runden 200 Jahren der geheime Rat aus Weimar einmal gegenüber seinem Sekretär Riemer geäußert haben. Aber auch das griffe angesichts der mit massiv unzureichend beschriebenen wirtschaftlichen Interessen, die alle Klimarettung zerstören, deutlich zu kurz. Hier „menschelt“ es bloß und jenseits aller zynischen Implikationen dieses unschönen Wortes. Es unterläuft dem Autor hier aber nicht nur die hohle Ehrenrettung alles Menschlichen.

Vielmehr macht er sich noch bei aller Entlarvung der Instrumentalisierung von Wissenschaft eines wissenschaftsideologischen Glaubens schuldig, in dessen Namen er die hehre Vernunft anruft, die ihm so zum bloßen „gesunden Menschenverstand“ zusammenschnurrt. Der Philosoph Markus Gabriel dürfte zuletzt darauf hingewiesen haben, dass es viel zu kurz greife, „wenn wir unsere Vorstellung vom Fortschritt allein der natur- und technowissenschaftlichen Dynamik anpassen.“ Auf diese Weise bleibe nämlich all dasjenige auf der Strecke, was die anderen Wissenschaften erforschen, wozu u. a. die Einsicht gehöre, dass das wissenschaftliche Weltbild eine Form des modernen Aberglaubens sei, die bisher nicht gehörig durchschaut worden sei. Gabriel verweist zur Illustration dieser nicht ganz neuen These auf die „Ausmaße religiösen Aberwitzes, die etwa in der Technikhörigkeit des Silicon Valley mit seinen transhumanistischen Visionen zum Ausdruck komme. Er nimmt dabei aber die Philosophie unter Hinweis auf ihr vermittlerisches Versagen strengstens in die Pflicht und zeigt, wie das derzeitige Vakuum zwischen Wissenschaftsgläubigkeit und Wissenschaftsskepsis so raumgreifend wie paralysierend anwächst. (Süddeutsche Zeitung, 25.10.2019, S.11)

Und so scheitert der Epilog von Losing Earth an mangelnder philosophischer Einsicht letztlich sogar noch zu Ungunsten einer Menschlichkeit, die er beschwört. Diese aber gipfelt nicht im „gesunden Menschenverstand“, sondern in der Entlarvung dessen, was Philosophen der Frankfurter Schule einst den guten alten „universellen Verblendungszusammenhang“ nannten. Der Versuch ihn zu überwinden, bestünde hier darin, zu zeigen, wie noch die Philosophie der natur- und technowissenschaftlichen Ideologie erliegt, wo sie nicht in der Lage ist, ihrer Vermittlerfunktion zwischen Messbarkeit und Unmessbarem nachzukommen. So gesehen gälte hier nicht etwa das notorische „It’s the economy, stupid“, auch nicht das bislang weniger totzitierte „It’s the ecology, stupid“ aber in leichter Variation: „the philosophy is stupid“.

 

Anm.: Den Hinweis auf den erwähnten Artikel Markus Gabriels verdankt der Autor Stefan Nepita.

 

 

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