momentum magazin für Bauingenieure präsentiert von Ernst & Sohn
Bauen digital

„Es gibt in Zukunft keine Leistungsverzeichnisse mehr.“

Im Interview

Die BRZ Deutschland-Geschäftsführer Prof. Dr. Ralf-Peter Oepen (li) und Dipl.-Ing. (FH) Max Böhler im momentum-Interview. (BRZ)

7 Fragen an Max Böhler und Ralf-Peter Oepen (Geschäftsführer der BRZ Deutschland GmbH) aus Anlass des 50jährigen Jubiläums

  1. Zwei Geschäftsführer sind für BRZ Deutschland ein bewährtes Modell. Herr Böhler und Herr Oepen, können Sie uns etwas zu Ihren Zuständigkeitsbereichen und deren Zusammenhang mit der Kundenstruktur des BRZ verraten?

Böhler: Auf Basis unserer Größenordnung und Positionierung am Markt sehen wir uns mit zwei Geschäftsführern für die Zukunft gut aufgestellt. Für Kundenanforderungen aus unserem Dienstleistungs- bzw. Servicebereich zeichnet sich mein Kollege Ralf-Peter Oepen verantwortlich. Für Aufgaben in der Kundengewinnung und im Kundenmanagement trage ich die Verantwortung.

Oepen: Max Böhler kommt aus der Technik, dem Projektgeschäft und der Baupraxis – ich hingegen bin stärker betriebswirtschaftlich geprägt und komme aus der Beratung und Grundlagenarbeit. Und gerade in dieser Unterschiedlichkeit im Werdegang liegt eine optimale Ergänzung und der eigentliche Mehrwert für BRZ.

Es war von Anfang an unser Ziel, die BRZ Deutschland GmbH nach dem Kollegial-Prinzip zu führen. Unsere Aufgaben liegen schwerpunktmäßig in der Kundenberatung und Betreuung, sowie in der Gestaltung des umfassenden Serviceangebots von BRZ. Die Entwicklung der Lösungen liegt in der Verantwortung der BRZ Software und Service GmbH, die auch internationale Aufgaben übernimmt. Strategisch und operativ arbeiten wir eng mit Christian Jurasin (Software) und Waldemar Kühn (IT-Systems) zusammen. Somit hat BRZ in Deutschland nicht nur zwei, sondern sogar vier operative Geschäftsführer. In dieser Konstellation können wir unsere Kundennähe und Beratungsqualität weiter intensivieren.

 

1968: Die Brüder Wolfgang (li.) und Gernot Hannewald (re.), Inhaber und Geschäftsführer von Tauber Bau, gründen aus der EDV-Abteilung von Tauber Bau das erste Rechenzentrum für den Bau.

1968: Die Brüder Wolfgang (li.) und Gernot Hannewald (re.), Inhaber und Geschäftsführer von Tauber Bau, gründen aus der EDV-Abteilung von Tauber Bau das erste Rechenzentrum für den Bau. (BRZ)

2. BRZ hat als eines der ersten Softwarehäuser die Bedeutung der Dienstleistung erkannt. Heute begreifen Sie sich gar nicht mehr als reiner Software-Anbieter, sondern als Dienstleister in Sachen Prozessoptimierung. Was haben Ihre Kunden hier künftig zu erwarten?

Oepen: Unsere Entscheidung rührt daher, dass wir in unserer langjährigen Beratungspraxis klar festgestellt haben, dass eine erfolgreiche Projekt- und Unternehmenssteuerung nicht vom eingesetzten Instrument alleine abhängt. Auch unsere Kunden sehen das so: Sie möchten heute nicht nur eine Softwarelösung erwerben, sondern viel mehr eine effiziente und optimierte Organisation ihre Arbeitsprozesse umgesetzt bekommen. Unsere Software-, Service- und IT-Lösungsangebote werden damit eher „Mittel zum Zweck“, die sich optimal ergänzen. Um die Kundenziele zu identifizieren, diese umzusetzen und die Lösungen auch effizient einzuführen, bieten wir deshalb eine begleitende Organisations- und Prozessberatung an. In unserer Unternehmensstrategie drücken wir dies mit unserem Versprechen „Organisation und Bauinformatik“ aus. In der Verbindung von Beratung und Software sehen wir auch unseren wesentlichen Unterschied zum Wettbewerb.

Böhler: Unsere Kunden können in diesem Sinne von uns Kontinuität, aber auch Innovationskraft erwarten: Mit Blick auf die Zukunft wissen wir, dass unsere Kunden von uns erwarten auf dem Weg der Digitalisierung begleitet zu werden. Das bestärkt uns in unserem eingeschlagenen Weg und zeigt, dass der Beratungsbedarf weiterwachsen wird. Denn bei der Einführung von digitalisierten Lösungen geht es auch nie um das Werkzeug alleine, sondern vielmehr eben auch um die Prozessgestaltung und den Wissensaufbau und die Schulung der Mitarbeiter.

Darauf wollen wir intern auch nochmal feinjustieren: Im Zuge unseres diesjährigen 50-jährigen Jubiläums, dreht sich alles um die nachhaltige Positionierung der BRZ-Gruppe im digitalen Wandel. Schwerpunkte in den kommenden Jahren liegen in der Ausrichtung unserer Organisation auf die vom Markt geforderte Flexibilität und Agilität. Aber auch unser Beratungs- und Schulungsangebot wird in Zukunft weiterwachsen.

Datenerfassung in den 1970er-Jahren: Datentypistinnen übertragen die Lohn- und Gehaltsdaten der BRZ-Kunden im sogenannten „Lochsaal“ auf Lochkarten.

Datenerfassung in den 1970er-Jahren: Datentypistinnen übertragen die Lohn- und Gehaltsdaten der BRZ-Kunden im sogenannten „Lochsaal“ auf Lochkarten. (© BRZ)

  1. Können Sie unseren Lesern Ihre bei der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen zertifizierten Schulungsbausteine BIM-Server und Budget-Controlling erläutern?

Oepen: Wir haben für einen Kunden bei der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen (AKNW) Schulungen für BIM-Server (BIM-Pilotprojekt) und BudgetControlling als Fortbildungsveranstaltungen anerkennen lassen. Dadurch können die in der Architektenkammer NRW eingetragenen Mitglieder sich die Schulungsinhalte als Fortbildungsmaßnahme bei der Kammer anerkennen lassen. Mit jeder der beiden Schulungen haben die Teilnehmer bereits die benötigte Mindestanzahl an Unterrichtsstunden zum Nachweis der jährlichen Fortbildung erreicht. In der BIM-Server-Schulung werden die relevanten Kenntnisse zur Kostenermittlung auf Basis eines IFC-3D-Modells vermittelt. Durch Nutzung des BIM4You-Content (Stammdaten) können Kostenermittlungen zu verschiedenen Ausstattungsvarianten ohne Änderung des 3D-Modells generiert werden. In der Schulung Budget-Controlling wird der Prozess einer aktiven Kostensteuerung nach Freigabe der Vorgabebudgets bis zum Projektende vermittelt. Das Anlegen von Verträgen, Nachträgen sowie die Freigabe von Rechnungen optimieren diesen Prozess.

 

Heinz Rasche, vormals IT-Spezialist bei IBM, baute die EDV-Abteilung bei Tauber-Bau auf und prägte das Baurechenzentrum als Geschäftsführer bis zur Jahrtausendwende.

Heinz Rasche, vormals IT-Spezialist bei IBM, baute die EDV-Abteilung bei Tauber-Bau auf und prägte das Baurechenzentrum als Geschäftsführer bis zur Jahrtausendwende. (© BRZ)

  1. Welche Rolle räumen Sie BIM im Zuge der Digitalisierung des Bauwesens überhaupt ein?

Oepen: Im Grunde eine sehr hohe – dennoch sehen wir die Anlaufschwierigkeiten. Im Vergleich ist die Digitalisierung in der Bauwirtschaft weniger weit vorangeschritten als in anderen Branchen. Dies liegt in den vorhandenen Prozessstrukturen begründet. Denn bei der Digitalisierung muss man unterscheiden, ob es sich um Prozesse im Unternehmen oder um übergreifende Prozesse handelt. Während ein Bauunternehmen es im ersten Fall selbst in der Hand hat, Prozesse zu digitalisieren, ist es im zweiten Fall auf den Austausch mit vor- und nachgelagerten Prozesspartnern angewiesen. Hierbei sind noch Hürden zu überwinden – bei der Digitalisierung im Hinblick auf BIM hat dies aber viel mehr mit Kultur, denn mit der Methode als solcher zu tun.

Böhler: Die BIM-Methode ist der Garant dafür, das Bauen effizienter und wirtschaftlicher zu gestalten. Sicher gibt es noch die von meinem Kollegen Ralf-Peter Oepen beschriebenen Hindernisse, doch grundsätzlich wird sich die Methode BIM durchsetzen. Es wird inzwischen immer mehr auf sie zurückgegriffen, nicht zuletzt, da dies unter anderem auch im öffentlichen Bau gefordert und propagiert wird. Aber auch immer mehr privatwirtschaftlich agierende Unternehmen erkennen die Vorteile des Verfahrens.

 

Anwenderschulungen durch die BRZ-Akademie sind schon in den 1980er-Jahren als auch heutzutage ein wichtiger Baustein für den Unternehmenserfolg.

Anwenderschulungen durch die BRZ-Akademie sind schon in den 1980er-Jahren als auch heutzutage ein wichtiger Baustein für den Unternehmenserfolg. (© BRZ)

  1. Cloudcomputing und Datenschutz: Wo liegen für Sie die Knackpunkte?

Böhler: Zurzeit stehen viele internationale Cloudanbieter vor der Herausforderung die EU-DSGVO und daraus resultierende Anforderungen in der Cloudplattform abzubilden. Auch deutsche Cloudanbieter sind davon betroffen, jedoch nicht in dem Ausmaß, da das BDSG (Bundesdatenschutzgesetz) bereits sehr gut bei allen deutschen Anbietern etabliert ist.

Oepen: Deutsche bzw. europäische Unternehmen, die eine Cloud nutzen oder eine Cloudnutzung angehen wollen, müssen sich gezielt mit dem Thema Datenschutz (BDSG und EU-DSGVO) auseinandersetzen. Denn hier droht für manche eine Gefahr, wenn Unternehmen sich für einen „falschen“ Anbieter entscheiden. Die Unsicherheit diesbezüglich ist sichtlich groß und der Beratungsaspekt nimmt stetig zu.

 

Bereits wenige Jahre nach der Gründung wurde die Idee zum Lohn-Vollservice geboren, die Lohnabrechnung als Vollservice anzubieten. Kunden haben von nun an die Möglichkeit, das komplette Lohnbüro auszulagern. Ein Mann der ersten Stunde ist Thomas Barwitz (li), er leitet heutzutage den viel.

Bereits wenige Jahre nach der Gründung wurde die Idee zum Lohn-Vollservice geboren, die Lohnabrechnung als Vollservice anzubieten. Kunden haben von nun an die Möglichkeit, das komplette Lohnbüro auszulagern. (© BRZ)

  1. Wo sehen Sie den Unterschied im Umgang mit BIM und Digitalisierung zwischen Großbritannien und Deutschland?

Böhler: Da wir beim Bauen in Deutschland keine oder zumindest keine ausgeprägte Kultur des partnerschaftlichen Umgangs miteinander haben, hinken wir bei der Umsetzung der Methode BIM teilweise noch dem europäischen Ausland hinterher. BIM verlangt einen Kulturwandel zum Miteinander, da es sonst bei Insellösungen bleiben wird. Dies erfordert auch die Implementierung einer Digitalisierungsstrategie im Unternehmen, die zweifelsfrei Chefsache ist.

Im angelsächsischen Raum ist BIM heute schon gelebte Realität. Generell sind die Rahmenbedingungen dort so, dass die Akteure viel entscheidungsfreudiger sind, aktiv zu werden und mit der BIM-Methode zu arbeiten. Hier in Deutschland agieren Bauherr, Planer und Bauunternehmer im Grunde nicht selten relativ autark nebeneinander, ohne dass alle den Blick fürs fertige Gebäude haben. Dies muss sich ändern, sonst riskiert Deutschland bei diesem Thema abgehängt zu werden.

 

Mitte der 2000er-Jahre positioniert sich BRZ zum Spezialisten für Organisation und Bauinformatik. Um diesen Anspruch zu unterstreichen, werden auch Fachtagungen und Kongresse ins Leben gerufen. (Im Bild das BRZ-Mittelstandsforum 2016 in Berlin)

Mitte der 2000er-Jahre positioniert sich BRZ zum Spezialisten für Organisation und Bauinformatik. Um diesen Anspruch zu unterstreichen, werden auch Fachtagungen und Kongresse ins Leben gerufen. (Im Bild das BRZ-Mittelstandsforum 2016 in Berlin) (© BRZ)

  1. Zwei Fragen in einer: Brauchen wir eine neue Kultur des Vertragswesens und wird es Leistungsverzeichnisse immer geben müssen?

Oepen: Das sind in der Tat zwei Fragen. Eine neue Kultur des Miteinanders im Bauen ist aus meiner Sicht zwingend notwendig. Wir benötigen eine Kultur, die davon geprägt ist, ein gemeinsames Ziel zu verfolgen. Dies darf aber nicht als ökonomische Schwärmerei verstanden werden. Selbstverständlich möchte die eine Seite ein optimales Ergebnis zu möglichst geringen Kosten, die andere Seite mit möglichst geringem Aufwand einen möglichst hohen Ertrag erwirtschaften. Dies ist nun mal das Wesen der Marktwirtschaft. Ich glaube aber eben nicht, dass dieses Ziel erreicht werden, indem man sich mit Skepsis und Argwohn gegenübersteht, sondern partnerschaftlich zusammenarbeitet. Es wäre daher auch aus meiner Sicht vollkommen kontraproduktiv, wenn man die Methodik BIM nur so interpretiert, dass man den Planungsprozess dahingehend optimieren kann, dass Spekulationen auf der Bieterseite ausgeschlossen sind. Das Ziel wäre dann, den Angebotspreis noch mehr als alleiniges Wettbewerbskriterium zu manifestieren. Das widerspricht aus meiner Sicht vollkommen dem Geist der BIM-Methode, die auf ein partnerschaftliches Miteinander ausgerichtet ist.

Nun zum zweiten Teil Ihrer Frage: Ich habe die These „es gibt in der Zukunft keine Leistungsverzeichnisse mehr“ auf dem BRZ-Mittelstandforum im Herbst 2016 aufgestellt. Wie komme ich zu dieser These? Ganz einfach: Heute benötige ich Leistungsverzeichnisse um „dumme“ Pläne in einen baubeschreibenden Inhalt zu überführen. Ich muss aus dem Plan heraus übersetzen, dass eine Linie für eine Mauerwerkswand aus einem bestimmten Material in einer bestimmten Ausführung und einer bestimmten Menge steht. Genau dies passiert in einem Leistungsverzeichnis. Habe ich nun ein Modell, so sind diese Informationen mit dem Modell zu verbinden bzw. in diesem Modell vorhanden. Es stellt sich dann fast konsequenterweise die Frage, warum ich dann noch ein Leistungsverzeichnis benötige. Im Extremen reicht dann das Modell aus, da alle Informationen sich aus diesem ableiten.

 

Herr Böhler, Herr Oepen, haben Sie Dank für dieses InterviewÜbersicht

 Die Fragen stellte momentum-Redakteur Burkhard Talebitari

Schreibe einen Kommentar…

Im Netz teilen

Datum 21. September 2018
Autor Burkhard Talebitari
Schlagwörter , , ,
Teilen facebook | twitter | Google+

...