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„Es ist unverständlich, dass sich für das Medium Gas nur so wenige Fürsprecher finden“

7 Fragen an Prof. Dipl.-Ing. Thomas Wegener Vorstandsmitglied des Instituts für Rohrleitungsbau an der Fachhochschule Oldenburg e.V. (kurz iro), Geschäftsführer der iro GmbH Oldenburg und Vizepräsident der Jade Hochschule.

Im Zusammenhang mit den Oldenburger Rohrleitungstagen hört man oft das Wort vom „aus allen Nähten platzen“ – warum schreckt Sie das nicht?

Prof. Dipl.-Ing. Thomas Wegener

Prof. Dipl.-Ing. Thomas Wegener (Foto: Jade Hochschule)

Vielleicht deswegen, weil ich mich ein Stück weit daran gewöhnt habe, dass an diesen zwei Tagen unsere Hochschule bis auf den letzten Sitzplatz und den letzten Quadratmeter genutzt wird. Es strömen die Menschen aus der gesamten Bundesrepublik und auch aus dem angrenzenden Ausland nach Oldenburg, die irgendwie mit Rohrleitungen zu tun haben. Und dies ganz unabhängig davon, ob sie in der Wasserversorgung oder der Gaswirtschaft tätig sind, ob sie im Bereich der Entwässerung oder anderer Produktleitungen unterwegs sind. Nein, das „aus den Nähten platzen“ schreckt mich nicht, ganz im Gegenteil, es ist sehr befriedigend, wenn sich räumliche Enge und menschliche Nähe einstellen, weil es für mich der Beweis dafür ist, dass das Angebot, welches das iro-Team in Form von Vorträgen und Events sowie die vielen Aussteller unterbreiten, von den Besuchern goutiert wird.

Sanierung mittels GFK-Schlauchliner: Lichtquelle 8 x 400 W in einem Liner DN 300

Sanierung mittels GFK-Schlauchliner: Lichtquelle 8 x 400 W in einem Liner DN 300 (Foto: BKP Berolina Polyester)

Es ist quasi die alljährlich stattfindende Abstimmung über unser Oldenburger Rohrleitungsforum mit den Füßen. Und obwohl „aus den Nähten platzen“ eigentlich mit Drängelei – also durchaus negativen Assoziationen – verbunden werden kann, kann man dann auch Positives damit verbinden, wie z. B. die Feststellung, dass hier offensichtlich eine Fortbildungsveranstaltung mit begleitender Fachausstellung stattfindet, die im Vergleich zu anderen Messen und Ausstellungen funktioniert. Und wenn man sich fragt, wie dieser Erfolg zu erklären ist, so mag die Antwort darin zu suchen sein, dass hier mit einem kleinen Team im Rahmen eines gemeinnützigen Vereins, mit der Unterstützung zahlreicher Vertreter der Branche, und mit der Nähe zur Hochschule und den vielen Studentinnen und Studenten in einer einmaligen Atmosphäre, gleich zu Beginn eines jeden Jahres, an nur zwei Tagen eine Plattform geschaffen wurde, die in erster Linie der Kommunikation dient. Das Oldenburger Rohrleitungsforum ist eine Kultveranstaltung und mit einigem Stolz darf ich sagen, dass ich schon oft Aussagen gehört habe wie „viele Veranstaltungen sind ‚kann‘, Oldenburg ist ‚muss‘.“

Gerne will ich auch gestehen, dass ein Forum mit leeren Fluren und Hörsälen mit Sicherheit mein letztes sein würde. Wenn keiner kommt, machen wir etwas falsch. Also kann ich mit den platzenden Nähten gut leben.

Wie schätzen Sie die aktuelle Entwicklung des Themas BIM und Digitalisierung des Tiefbaus ein, und wie die künftige Bedeutung desselben?

Berstlining: Die alte Rohrleitung wird aufgebrochen und verdrängt, gleichzeitig wird ein neues Rohr gleicher oder größerer Nennweite eingezogen

Berstlining: Die alte Rohrleitung wird aufgebrochen und verdrängt, gleichzeitig wird ein neues Rohr gleicher oder größerer Nennweite eingezogen (Sanierungstechnik Dommel )

Die Digitalisierung des Bauwesens und damit auch des Tiefbaus schreitet unaufhaltsam voran. In der über viele Jahrzehnte etwas angestaubten Ingenieursdisziplin Bauingenieurwesen bietet der nahezu unbegrenzte Umgang mit riesigen Datenmengen endlich die Chance, gegenüber anderen Disziplinen aufzuholen. Die Tatsache, dass wir es im Bauwesen immer mit (individuellen) Projekten zu tun haben, die eine Serienfertigung unmöglich machen, verhinderte Produktionsprozesse wie wir sie im Maschinenbau oder der Elektrotechnik seit langem kennen. Mit dem Thema BIM wird es möglich sein, endlich ganzheitlich und systemintegriert zu denken, zu planen, zu bauen, zu betreiben. Das Objekt wird praktisch zweimal gebaut, zunächst virtuell, dann real. Das hilft, die fast schon üblichen Störungen im Bauablauf weitestgehend zu vermeiden. Man kann z. B. rechtzeitig Schnittstellenprobleme erkennen, man ist bereits in der Planungsphase in der Lage Durchdringungen zu konstruieren, etwaige Platzprobleme, wie sie bei Leitungsführungen immer wieder auftreten, zu vermeiden oder zumindest zu identifizieren.

Notwendige Planänderungen, Korrekturen sind immer dann relativ günstig, wenn sie frühzeitig durchgeführt werden. Unter dem Strich kann BIM somit zur Senkung der Baukosten beitragen. Zurzeit ist BIM im Ingenieurhochbau und in der oberirdischen Infrastruktur wie etwa im Schienenwegebau an der Spitze der Entwicklung, jedoch wird der Tiefbau und damit der unterirdische Rohrleitungsbau folgen. BIM macht letztlich nur als einheitliches System Sinn.

Stichwort „Rohr und Rohrumgebung“: Warum erfährt es weniger Beachtung und warum betrachten Sie das Medium nur peripher?

Eine Rohrleitung, ein Rohrnetz dient dem Transport von Medien. Abwässer, Trinkwasser, Gas oder andere Stoffe sollen von A nach B transportiert werden. Das geschieht oft unter der Erde, oft in Rohren, weil einerseits der rohrgebundene Transport ein sicherer Transport ist, andererseits der rohrgebundene Transport im Vergleich zu anderen Möglichkeiten (Schiff, Schiene, Straße) ein sehr kostengünstiger Transport ist. Dieses Rohrnetz ist Mittel zum Zweck.

Mit dem Funke-Sanierungsstutzen lassen sich Ausbrüche von 200 bis 310 mm professionell sanieren

Mit dem Funke-Sanierungsstutzen lassen sich Ausbrüche von 200 bis 310 mm professionell sanieren (Funke Kunststoffe)

Der Ingenieur in der Wasserversorgung denkt daran, dem Kunden Wasser jederzeit in der benötigten Menge und Qualität zu liefern, das Wasser steht im Mittelpunkt seines Denkens. Analog dazu die Ingenieurin im Gasversorgungsunternehmen, die sich um Lieferung von Gas kümmert. Das Medium erfährt die Aufmerksamkeit, die ihm zukommt, das Rohr ist das notwenige Instrument zur Erfüllung der Aufgaben.

Dabei verschlingt der Bau einer Rohrleitung mitunter enorme Summen, das Netz ist eine Investition, die es verdient, näher betrachtet, gepflegt zu werden. Und da sich viele, viele (zu recht!!) um das wesentliche, um das Medium kümmern, kümmert sich mein Institut, das iro, gerne um die Peripherie, um das Rohr. Im Institut für Rohrleitungsbau rückt das Rohr in den Mittelpunkt.

Wie stehen Sie zu der Aussage großer Energieversorger, 2035 spiele Erdgas für sie keine Rolle mehr?

E-Power-Pipe-Premiere: neue Technologie für Erdkabelverlegung in Borken

E-Power-Pipe-Premiere: neue Technologie für Erdkabelverlegung in Borken (Herrenknecht)

Unternehmensentscheidungen kann ich nicht beurteilen, am Ende muss jeder Unternehmer selbst wissen, was er tut. Allerdings ist eine Aussage über ein Kerngeschäft eines Unternehmens, die die nächsten zwei Jahrzehnte überspannt, durchaus folgewirksam. Wenn – wie in diesem konkreten Fall – solche Aussagen getroffen werden, wird die Tendenz, die da heißt „weg vom Erdgas“, in fataler Weise befördert. Fakt ist, dass die Bundesrepublik ein ausgezeichnetes Erdgasnetz hat. Dieses engmaschige Transportnetz mit großen und auch mittelgroßen Durchmessern, hinterlegt mit Verteilnetzen, verbindet und überspannt sowohl Ballungsgebiete als auch dünner besiedelte Regionen.

Abwasseraufbereitungs-Projekt: Einsatz einer leistungsstarken HÜRNER Stumpfschweißmaschine WeldControl 1600 – professionelles Stumpfschweißen von Kunststoffrohren der Größe 800–1.600 mm

Abwasseraufbereitungs-Projekt: Einsatz einer leistungsstarken HÜRNER Stumpfschweißmaschine WeldControl 1600 – professionelles Stumpfschweißen von Kunststoffrohren der Größe 800–1.600 mm (HÜRNER Schweißtechnik )

Es ist in einem ausgezeichneten Zustand und kann noch viele Jahrzehnte sicher betrieben werden. Diese Leitungsinfrastruktur ist ein wertvolles Gut, ein Vermögen, das es zu nutzen gilt. So ist es unverständlich, dass sich für das Medium Gas nur so wenige Fürsprecher finden. Es wäre nicht nachzuvollziehen, wenn man auf die Nutzung dieser Vermögenswerte leichtfertig verzichten würde, zumal Erdgas als kompressibles Speichermedium hervorragend zur Elektrizitätswirtschaft kompatibel ist. Verstehen könnte ich allenfalls den sukzessiven Ausstieg aus dem fossilen Erdgas, um dann mit „grünem“ Methan oder anderen Energiegasen die Leitungsinfrastruktur weiter zu nutzen. Offen gesagt – ich verstehe nicht den in meinen Augen leichtfertigen Verzicht auf Gas.

Stattdessen setzen wir recht einseitig und alternativlos auf die Stromwirtschaft, ohne die diversen Vorzüge der Kopplung beider Sektoren zum Vorteil zu nutzen. Versorgungssicherheit sieht in meinen Augen anders aus, als sich allein und ausschließlich auf Strom zu verlassen. Leider hat die Gaswirtschaft im Vergleich zur Stromwirtschaft bei weitem nicht den politischen Einfluss, den sie haben müsste.

Welche wesentlichen Entscheidungen wünschen Sie sich von Seiten der Politik für die kommenden Jahre?

Arbeiten an der Fernwärmeleitung Eurogate Hamburg

Arbeiten an der Fernwärmeleitung Eurogate Hamburg (STRABAG )

Vielleicht allgemein gesprochen: Ich wünschte mir Entscheidungen, die für eine möglichst lange Zeitspanne Richtungen vorgeben, die also unternehmerische Entscheidungen wie z. B. Investitionen ermöglichen, die auch für die Bevölkerung verlässlich sind UND (und jetzt sind wir wirklich bei „wünsch Dir was“) die rückblickend betrachtet sich als weise herausstellen werden.

Aber vielleicht etwas konkreter an einem Beispiel, wenn ich das bereits oben Gesagte einmal mehr aufgreifen darf. Nehmen wir einmal an, eine gerade neu gebildete Bundesregierung würde heute beschließen, bis zum Jahr 2025 komplett auf Erdgas zu verzichten. Das würde bedeuten, dass auch bei sofortigem Stopp irgendwelcher Gasnetzausbau- und -erneuerungsmaßnahmen durch die Energieversorgungsunternehmen und bei sofortigem Umschalten auf den minimal notwendigen Netzunterhaltungsbetrieb im Jahr 2025 immer noch ein enormes Anlagevermögen, dann völlig wertlos weil ungenutzt, im Boden verbleibt. Ein vergleichbares Szenario ist der Ausstieg aus der Nutzung der Kernenergie – die bis 2023 noch laufenden Meiler waren ja eigentlich für eine längere Nutzungsdauer vorgesehen. Selbst wenn der Steuerzahler etwaige Ausfälle der EVUs ausgleicht und somit den Versorgungsunternehmen kein Nachteil entsteht, ergibt sich – gesamtwirtschaftlich gesehen – ein Desaster.

Sehen sie im Thema Baustoffe für den Rohrleitungsbau derzeit ein größeres Innovationspotential?

Fernwärmenetzumschluss BHKW Hamburg Stapelfeld

Fernwärmenetzumschluss BHKW Hamburg Stapelfeld (STRABAG)

Bei den Rohrleitungswerkstoffen tut sich immer einmal wieder etwas. Allerdings scheint die Zeit der Quantensprünge auch im innovativsten Segment, dem der Kunststoffe, zurzeit vorbei zu sein. Das soll aber nicht heißen, dass die eine oder andere Optimierung uninteressant ist, auch wenn es nur eine relativ kleine Verbesserung ist. Es bleibt sicher spannend, auch in den kleinen Dingen. Interessant ist auf jeden Fall zu beobachten, dass sich bewährte Rohrwerkstoffe wie Beton, Steinzeug und Guss trotz des enormen Drucks seitens der Kunststoffe und deren beachtlichem anteiligen Zugewinn unter den Rohrleitungswerkstoffen, in den letzten Jahrzehnten durchaus nicht nur in speziellen Nischen und besonderen Segmenten gehalten haben, sondern durchaus nach wie vor eine wichtige Rolle spielen.

Ließe sich bei der immensen Bedeutung des Themas Sanierung im Rohrleitungsbau eine Gefahr erkennen, die darin bestände, dass es andere wichtige Themen unterdrückt?

Eine 1.500 m lange Stahl-in-Stahl-Fernwärmeleitung AD 600 mm wird mitten im Zentrum von Rotterdam von 22 Kränen auf 14 m Höhe gezogen

Eine 1.500 m lange Stahl-in-Stahl-Fernwärmeleitung AD 600 mm wird mitten im Zentrum von Rotterdam von 22 Kränen auf 14 m Höhe gezogen (Visser & Smit Hanab)

Sie spielen darauf an, dass in diesem Februar das 32. Oldenburger Rohrleitungsforum unter dem Tagungsmotto der innovativen Bau- und Sanierungsverfahren steht. Das bedeutet allerdings nur, dass 2018 in erster Linie der einzigartigen Entwicklung der Sanierungsverfahren in den letzten Jahrzehnten eine Plattform gegeben werden soll. Und es bedeutet in jedem Fall nicht, dass andere Themen nicht diskutiert werden, schon gar nicht werden Themen unterdrückt. Man wird in Oldenburg sehen, dass es wie in jedem Jahr eine große Vielfalt an Themen, wie z. B. eben auch die Fortsetzung der Diskussion aus dem letzten Forum, die Diskussion um die Digitalisierung in der Rohrleitungswelt, geben wird.

Im Gegenteil, es ist sogar unsere Absicht, thematisch möglichst breit zu stehen. In den über 30 Vortragsveranstaltungen mit über 100 Referenten und Moderatoren versuchen wir, die Welt des Rohrleitungsbaus abzubilden.

Vielseitig: Das Compact Pipe-Verfahren eignet sich sowohl für die Sanierung von Wasser- und Gasleitungen als auch von Industrie- und Kanalrohrleitungen aus Stahl, Guss, Keramik und Beton

Vielseitig: Das Compact Pipe-Verfahren eignet sich sowohl für die Sanierung von Wasser- und Gasleitungen als auch von Industrie- und Kanalrohrleitungen aus Stahl, Guss, Keramik und Beton (DIRINGER&SCHEIDEL ROHRSANIERUNG)

Das gelingt uns allerdings bei weitem nicht, dazu ist die unterirdische Infrastruktur zu komplex und deshalb ist es gut, dass es auch ein 33. und 34. Oldenburger Rohrleitungsforum geben wird, damit die Sachgebiete, die in diesem Jahr vielleicht etwas zu kurz gekommen sind oder vielleicht sogar gänzlich unbeachtet blieben, dann zur Sprache kommen können. Und wie gesagt: Die innovativen Sanierungsverfahren stehen 2018 nur im Mittelpunkt, gleich daneben tauchen andere Themen auf – wie in jedem Jahr.

 

Herr Wegener, haben Sie vielen Dank für dieses Interview

Die Fragen stellte momentum-Redakteur Burkhard Talebitari.

Weitere Informationen zum Oldenburger Rohrleitungsforum finden Sie unter www.iro-online.de

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Datum 10. Januar 2018
Autor Burkhard Talebitari
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