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Gespräch

„Es ist vielmehr die ganze Person gefordert“

Die  Bharathi-Polarforschungsstation in der Antarktis besteht aus ISO-Containern und ist umhüllt mit einer wärmedämmenden Fassade. Im Gebäude befinden sich Wohnbereiche für bis zu 47 Personen, Büros, Sanitärräume, eine Küche mit Speisesaal, eine Bibliothek, ein Fitnessraum, ein Kino und – wahrscheinlich bizarr inmitten eisiger Landschaft  – eine Lounge. Labore, Lagerräume und Werkstätten dürfen in einer Forschungsstation nicht fehlen.

Doch wie baut man überhaupt unter den klimatischen und logistischen Randbedingungen der Antarktis? Starke Windangriffe mit Geschwindigkeiten von bis zu ca. 350 km/h, Schneeansammlungen, lange Wege bei schmerzlich eisigen Temperaturen,  sind nur ein Teil der Widrigkeiten, mit denen vor Ort zu kämpfen war.

momentum-Redakteur Dr. Burkhard Talebitari-Tewes im Gespräch mit Dipl.-Ing. Andreas Nitschke, Prokurist, Fachbereich Ingenieur- und Wasserbau, IMS-Ingenieurgesellschaft mbH, Hamburg

Die Bharathi Polarforschungsstation (Foto: NCAOR / IMS Ingenieurgesellschaft mbH)

momentum:

Herr Nitschke, wie lange kann man überhaupt in der Antarktis bauen?

Nitschke:

Die Hauptbauzeit umfasst vier Monate, die Zeit von Ende November bis Ende März. Aber wirklich bauen kann man eigentlich nur von Dezember bis Februar. Deshalb ist es notwendig, einen hohen Vorfertigungsgrad zu erreichen und vor Ort eher zu montieren als zu bauen. Außerdem muss man die Errichtung der Station auf mehrere Saisons verteilen, und in der Winterzeit muss dann alles sturmfest sein.

momentum:

Gewiss wird man nicht einfach so „losbauen“ können. Was sind da die Besonderheiten?

Nitschke:

Vor dem Bauen kommt das Planen und davor die Grundlagenermittlung. Aber das ist schon schwer, vor Ort waren nur einmal Wissenschaftler, die ein paar Steine gesammelt und Vögel beobachtet haben. Verlässliche Vermessung, Baugrund oder Wetterdaten – Fehlanzeige. Also erst mal ins Internet schauen, was die Nachbarstationen denn so an Daten anzubieten haben, und dann Annahmen treffen. Dass Sie die Temperaturen, das – bei den so gut wie immer unter 0 °C liegenden Werten – veränderte Materialverhalten und die geologischen wie geographischen Bedingungen zu beachten haben, ist selbstverständlich. Besonderen Einfluss auf die Gebäudeform hat z.B. der permanente Wind. Die gewählten Konstruktionen müssen dann trotzdem flexibel sein.
Vor Ort muss zuerst mal die Infrastruktur geschaffen werden, damit Sie überhaupt anfangen können zu bauen und alles Material an die Baustelle schaffen können. In der ersten Saison wurden Straßen und Pipelines für Treibstoff, Wasser und Abwasser gebaut, ein Helikopterlandeplatz planiert und befestigt, ein Tanklager aufgestellt und die Gründungspfähle und Fundamente für das spätere Gebäude hergestellt. Das eigentliche Gebäude wurde ein Jahr später errichtet.

momentum:

Wie haben Sie das Material überhaupt dorthin geschafft?

Nitschke:

Transport der Bauteile per Helikopter

Transport der Bauteile per Helikopter (Foto: IMS Ingenieurgesellschaft mbH)

Wir haben ja weitestgehend mit vorgefertigten Raumcontainern, Fassaden- und Stahlbauteilen gearbeitet. Die technischen Anlagen wurden betriebsfertig in den Raumcontainern in Deutschland montiert. Der Transport in die Antarktis erfolgte mit einem vom indischen Bauherrn gecharterten russischen Schiff. Dann haben wir viel mit einer südkoreanischen Firma gearbeitet, deren Piloten die Bauteile per Helikopter vom Schiff zur Baustelle transportiert haben.

momentum:

Das hört sich alles recht einfach an …

Nitschke:
War es aber durchaus nicht. Zum Beispiel konnte ja das Schiff nur bis zu 100 m ans Ufer heran fahren, bei dem mutigen Kapitän des russischen Schiffes auch schon mal bis 50 m. Dann mussten die Bauteile für den Weitertransport aufs Eis gebracht werden. Die Bauteile, die zu schwer zum Fliegen waren, mussten mit Trailern und Pistenbullys über das Eis gezogen werden. Da hat man natürlich schon vorher Testbohrungen vorgenommen, alles berechnet und dann den Transport für sehr schwere Teile zur Sicherheit in der Nacht bei möglichst niedrigen Temperaturen durchgeführt. Aber zuweilen gab es auch die Situation, da hat man sich unter Kollegen in die Augen geschaut und gesagt: Es geht heute nicht und wir warten noch mal eine Nacht – eine reine Bauchentscheidung dann, die natürlich bei der kurzen möglichen Bauzeit sofort Zeitverlust mit sich brachte …

momentum:

Sie haben auch Kran und Bagger übers Eis befördert?

Nitschke:

Ja, der Kran hatte 40 t, die wir übers Eis an die Baustelle gebracht haben. Auch einen schweren Bagger, den wir – u.a. mit einem Meißel ausgestattet – für die Felsbearbeitung brauchten. Wenn Sie so eine Maschine im Eis verloren hätten, hätten Sie direkt nach Hause fahren können …

momentum:

Zum Bau selber – eine reine Stahlkonstruktion auf Stützen und Pfählen, warum das?

Nitschke:

Ganz einfach: Die Aufständerung ist notwendig, damit der ständige Wind den Schnee unter dem Gebäude durchwehen kann. Bei einer ebenerdigen Bauweise würde er Ihnen alle Türen unweigerlich zuschneien. Auch für die ja ganz anders zu rechnende Aerodynamik des Gebäudes ist die aufgeständerte Bauweise wichtig.

momentum:

Und wie haben Sie die Fundamente für die Pfähle im ewig gefrorenen Boden realisiert?

Nitschke:
Wir wussten im Vorhinein nicht, wie tragfähig der Fels ist, wie tief die Verwitterung und der Permafrost reichen. Damit wir das Gebäude sicher aufstellen können, haben wir uns für Pfähle entschieden, die so tief in den Boden gebohrt wurden bis sie festen Grund hatten. Vor Ort haben wir die Löcher gebohrt, die Pfähle eingesetzt und dann mit Beton vergossen, wobei der Beton einfach nur geheizt werden musste. Ansonsten gab es da keine Komplikationen. Zugversuche haben gezeigt, dass die Pfähle bombenfest saßen.

momentum:

Auf so einer Baustelle arbeiten Sie ja mit Menschen unterschiedlichster Nationalität …

Nitschke:
… ja, wir hatten Deutsche, das ausführende Bauunternehmen war zufällig auch deutsch, dann natürlich Inder, Norweger, Russen, Südkoreaner und Osteuropäer auf der Baustelle selbst.

Das internationale Team auf der Baustelle

Das internationale Team auf der Baustelle (Foto: IMS Ingenieurgesellschaft mbH)

Das ergibt schon ein gewisses Potenzial für Missverständnisse, aber auch für Völkerverständigung, besonders bei gemeinsamen Feiern zu Weihnachten und Silvester…

momentum:

Da war also geballte Kompetenz in der Vermittlungsarbeit gefragt. Wie hoch würden Sie den Anteil aller Vermittlungsarbeit an Ihrer gesamten Arbeit veranschlagen?

Nitschke:

Locker 70 Prozent. Sie können auch nicht davon ausgehen, dass alle Beteiligten englisch sprechen, müssen also nicht selten mit Händen und Füßen erklären. Aber natürlich ist es grade das, was auch Spaß an der Arbeit bereitet. Es ist vielmehr die ganze Person gefordert, als das bei „normalen“ Projekten der Fall ist, natürlich auch, was die Vermittlung zwischen den unterschiedlichen Arbeitsmentalitäten betrifft. Wenn Sie die nicht in gewissem Sinne relativ betrachten, sind Konflikte vorprogrammiert.

momentum:

In so einer Situation, einer Umgebung, in der es praktisch nichts gibt, ist man doch sicherlich auch ganz anders aufeinander angewiesen. Das schweißt gewiss zusammen. Andererseits „hockt“ man sich ja vermutlich auch ziemlich „auf der Pelle“ …

Nitschke:

Damit müssen Sie umgehen lernen – auch damit, dass sie vier Monate praktisch kein Privatleben haben, keine Familie, keine Freunde … und sieben Tage die Woche zehn Stunden Arbeit. Wenn es da nicht immer einzelne Menschen gäbe, mit denen man sich dann doch wieder besonders gut versteht – auch unabhängig von der Sprache – wäre das noch sehr viel härter …

momentum:

Dennoch hilft man sich ja unter den einzelnen Stationen gewiss auch …

Nitschke:

Ganz klar, da gibt es eine ausgesprochen große Hilfsbereitschaft. Wenn wir z.B. mal medizinische Versorgung benötigten, konnten wir mit dem Helikopter in die ca. 10 km entfernte russische Station, wo sie ein Hospital haben. Da bekommen Sie auch keine Rechnung hinterher. Oder die Chinesen hatten ein Problem mit der Treibstofflagerung. Weil bei denen das Eis schon zu dünn war, um den Treibstoff darauf zu transportieren, konnten sie ihn bei den Indern zwischenlagern. Das sind Selbstverständlichkeiten und es herrscht eigentlich eine große Herzlichkeit.

momentum:

Von dem notorischen Krieg um Rohstoffe also keine Spur?

Nitschke:

Da unten vor Ort auf keinen Fall! Der wird anderswo ausgetragen …

momentum:

Würden Sie sagen, dass die von Ihnen in diesem Projekt gesammelten Erfahrungen anderswo überhaupt anwendbar sind?

Lounge in der Polarstation (Foto: IMS Ingenieurgesellschaft mbH)

Nitschke: 

Absolut! Das Spezielle an den in der Antarktis gesammelten Erfahrungen ist die Kombination – im menschlichen, wie im technischen Bereich. Und da lernen Sie natürlich Dinge, die Ihnen anderswo nützlich sein können.

momentum:

Im menschlichen Bereich ist das natürlich leicht vorstellbar, aber im technischen?

Nitschke:

Nehmen Sie als Beispiel nur die Sicherheitstechnik, den Feuerschutz, die Verlässlichkeit der Anlage insgesamt. Wir haben einzelne Bereiche dreifach abgesichert, mit zwei Ersatzaggregaten, etwa in der Stromversorgung. Oder denken Sie an den Brandfall. Da ist dann keine Feuerwehr zum Löschen da und da können Sie das Gebäude auch nicht verlassen, um sich zu schützen. Da ist einfach nichts, was Sie schützen könnte! Brandschutz ist also ein Thema, bei dem Sie Sicherheitsstandards realisieren und auf Qualitäten setzen müssen, von denen Sie anderswo kaum träumen können …

momentum:

Sagen wir es wäre November 2013 – ein neues Antarktis-Projekt … Würden Sie gern wieder gehen?

Nitschke:

Ein klares Jain. Ich habe sehr viel Wertvolles gelernt und es hat Spaß gemacht. Aber das Neue ist für mich so natürlich nicht mehr da und natürlich sind die extremen Arbeitsbedingungen kräftezehrend. Ich glaube, ich würde jetzt lieber anderswo weitere Erfahrungen sammeln …

PS.: Ich bin schon im November 2012 wieder gegangen, einfach aus dem Grund heraus, dass niemand anderes besser geeignet war und ich mich der Verpflichtung, das Projekt zu Ende zu bringen, nicht entziehen konnte. Aber das war das letzte Mal! …. (wahrscheinlich)

 

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Datum 29. Mai 2013
Autor bt
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