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Bauen digital

„Es lässt sich jeder Zeitpunkt in der Vergangenheit reproduzieren“

Ein Interview mit Lutz Bettels, Vice President, Regional Executive Bentley Systems, über IFC, Support, V8i-Updates, den Digital Twin, BI- und KI-Tools, Deep Learning sowie über Data als New Infrastructure

Lutz Bettels, Vice President, Regional Executive, ist seit 1989 in der CAD- und Engineering IT-Branche tätig. Derzeit ist er für Bentley in Zentraleuropa verantwortlich. Im Verlauf seiner Karriere arbeitete Lutz Bettels in verschiedenen überwiegend technischen Funktionen als Support-Ingenieur, Consultant, Produktmanager, Marketingleiter und Leiter Professional Services bei Intergraph, Bentley und Nemetschek. Im Jahr 2002 wechselte er in das Vertriebsmanagement – zunächst bei Nemetschek, anschließend bei Solidworks und nun wieder bei Bentley.

Lutz Bettels, Vice President, Regional Executive, ist seit 1989 in der CAD- und Engineering IT-Branche tätig. Derzeit ist er für Bentley in Zentraleuropa verantwortlich. Im Verlauf seiner Karriere arbeitete Lutz Bettels in verschiedenen überwiegend technischen Funktionen als Support-Ingenieur, Consultant, Produktmanager, Marketingleiter und Leiter Professional Services bei Intergraph, Bentley und Nemetschek. Im Jahr 2002 wechselte er in das Vertriebsmanagement – zunächst bei Nemetschek, anschließend bei Solidworks und nun wieder bei Bentley. (Bentley Systems)

Spricht man mit Anwendern von MicroStation, schwärmen sie oft von der schlanken Datenaufbereitung des Systems, stellen aber immer wieder auch die Frage, warum das System keinen direkten IFC-Im- und Export erlaube. Was können Sie unseren Lesern dazu sagen?

Es stimmt, dass wir mit MicroStation keinen IFC-Export machen können. Aus dem einfachen Grund, weil man mit MicroStation Grafik erstellt und keine Bauteile. Die erstellte Grafik (mit ihren Attributen) kann letztendlich nicht in eine Bauteilstruktur exportiert werden. Möglich ist allerdings, IFC-Dateien in MicroStation zu referenzieren. D. h., dass die Dateien in den Hintergrund gelegt und auch abgefragt werden können. Auf deren Basis können anschließend mit MicroStation eigene Konstruktionen erstellt werden. Falls man IFC als Austauschformat nutzen möchte, kann man dies über den OpenBuildings Designer tun – eine Hochbau-BIM-Applikation, die IFC-Daten exportieren kann. IFC ist momentan nur für den Hochbau definiert. Für Straßen, Schienen und zum Teil auch Brücken ist das Datenformat noch nicht zertifiziert. Man spricht also meist über Hochbaudaten, wenn es sich um IFC-Datenaustausch handelt. In der neuesten Version kann der OpenBuildings Designer übrigens auch IFC 4, deren Zertifizierung erst in der Umsetzung ist.

In der Wahrnehmung Außenstehender sieht es so aus, als habe sich Bentley aus dem europäischen Support zurückgezogen. Wie konnte dieser Eindruck entstehen und wie strukturiert das Unternehmen seinen Support neu?

Diese Aussage ist grundsätzlich nicht richtig, weil wir nach wie vor Support-Zentren sowohl in Dublin als auch teilweise noch in Holland haben. Wir haben weiterhin auch Support-Personal, beispielsweise hier in Deutschland in Hirschberg und in Kiel. Richtig ist aber, dass wir unseren Support umstrukturiert haben. Wir haben bestimmte Support-Level und Kompetenzen in andere Länder, etwa nach Indien, ausgelagert. Doch grundsätzlich haben wir nach wie vor einen First-Level-Support in deutscher Sprache. Weitere Support-Levels wurden nach Produkten in verschiedenen Ländern konsolidiert. Vor dem Hintergrund hat es bei uns in der Organisation sicherlich Verschiebungen gegeben.

Warum bietet Bentley keine Updates für die V8i an, die seit 2004 die aktuelle Version ist?

Eigentlich haben wir ein kontinuierliches Update gemacht. Es stimmt schon, dass die V8i im Jahre 2004 herauskam. Doch werden den Usern kleinere Patches ohne großes Release zur Verfügung gestellt. Größere Updates erfolgten in den letzten Jahren als sogenannte Select-Series-Updates. Der große Sprung wird nur dann gemacht, wenn es fundamentale Änderungen gibt, wie beispielsweise vor drei Jahren mit der MicroStation CONNECT Edition, wobei alle Produkte mittlerweile die Erweiterung CONNECT Edition tragen. Das war ein sehr großer Schritt, weil in diesem Zusammenhang intern u. a. auf 64 Bit umgestellt wurde und noch ein paar andere wesentliche Veränderungen gemacht wurden. Die V8i wurde durch die CONNECT Edition abgelöst. Heute ist man eigentlich ganz weg von statischen Releases. Wie z. B. beim i-Phone wird bei einem Versionswechsel über die installierte App über Nacht automatisch aktualisiert oder der Anwender wird gefragt, ob er ein Update haben möchte. Alternativ bekommt er angezeigt, dass es eine neuere Version gibt und er wird gefragt, ob er diese installieren möchte. So verfahren wir auch mit MicroStation. Dadurch, dass sich die Produkte serverseitig registrieren bzw. registriert werden müssen, können wir eine Auto-Update-Funktion machen, so dass sich immer wieder größere Fehler beheben lassen. Wenn der Kunde dies eingestellt hat, können wir im Hintergrund automatisch die aktuellste Version einspielen. Das ist man ja von Cloud-Lösungen her gewohnt. Bei denen muss man sich auch nicht mehr um die Version kümmern. Man verwendet eine Cloud-Lösung und der Cloud-Provider oder der Managed-Services-Provider im Hintergrund kümmert sich automatisch darum, dass man die neueste und beste Version verwenden kann. So machen wir das auch. Zudem ist dies eine Besonderheit, die nicht unbedingt jeder im Markt hat.

Infraero ist Vorreiter beim Einsatz von digitalen Zwillingen zur Steigerung der Sicherheit und Effizienz der brasilianischen Flughäfen

Infraero ist Vorreiter beim Einsatz von digitalen Zwillingen zur Steigerung der Sicherheit und Effizienz der brasilianischen Flughäfen (Mit freundicher Genehmigung: Infraero, Empresa Brasilerira de Infraestrutura Aeroportuária)

Der „digitale Zwilling“ ist inzwischen ein fast etablierter Begriff, doch scheint es, als könne man vieles darunter verstehen. Wie definiert Bentley ihn?

Der digitale Zwilling ist im Prinzip die Fortschreibung eines BIM-Modelles über den gesamten Lebenszyklus eines Assets, egal ob es ein Gebäude ist, eine Straße oder ein Tunnel.

iTwin Services ist ein Produkt bzw. ein Cloud-Service, um genau zu sein, mit dem man einen digitalen Zwilling technisch realisieren kann. Der Begriff des digitalen Zwillings ist im Rahmen von BIM und als nächster Schritt, d. h. als Erweiterung von BIM, im Rahmen des Digitalisierungsthemas entstanden und salonfähig geworden. Um diesen digitalen Zwilling als digitales Abbild eines realen Objektes, das zu jedem Zeitpunkt auch den aktuellen Stand widerspiegelt, realisieren zu können, braucht man entsprechende Technologien und Produkte. iTwin ist unser Cloud-Service, unser Produkt, um technisch oder technologisch einen digitalen Zwilling zu realisieren.

Der digitale Zwilling ist – kurz beschrieben – die konsequente und permanente Fortschreibung eines BIM-Modelles. Ein BIM-Modell ist mittlerweile bekannt. Man erstellt ein 3D-Modell nicht nur mit ansprechender Grafik, sondern mit entsprechenden Bauteilen. Die Bauteile haben bestimmte Informationen und diese Informationen helfen, Entscheidungen im Bauprojekt zu treffen. Idealerweise helfen sie später auch dabei, dieses BIM-Modell für den Gebäudebetrieb zu übergeben, um dort das digitale Modell auch weiterhin nutzen zu können. D. h., man fängt im Prinzip bei der Planung mit einem BIM-Modell an. Dort wird ein digitales Modell erstellt, an dem man simuliert, welche Performance dieses Gebäude im Sinne von Energieverbräuchen hat. Es berechnet auch die Statik, Wartungskosten, Baukosten. Ferner kann man auch den Bauzeitenplan simulieren – also all diese Dinge, die man mit einem BIM-Modell im Prinzip machen kann. Das BIM-Modell ist sozusagen, wenn es permanent gepflegt wird, der digitale Zwilling für die Planungs- und Ausführungsphase. Es wird dann zu einem echten digitalen Zwilling, wenn es die Bauphase überlebt. Dieses Modell wird in der Bauphase fortgeschrieben und am Ende der Bauphase aktualisiert. An dieses Modell werden Informationen angehängt für Wartung und Betrieb, für die Facility Manager, für die Instandhalter und für die Planungsabteilungen. Letztere müssen weiter Investmentplanung machen. Sie möchten die Bauqualitäten für die Rechtsabteilungen beurteilen. Die haben vielleicht über die nächsten zehn Jahre Mängelanzeigen, die sie beantworten müssen. Und dann können sie nachvollziehen, wer wann was am Gebäude gemacht hat. Dies kann im Prinzip vielfältig eingesetzt werden.

Das, was dieses Digitale-Zwilling-Thema neu oder einfacher macht, ist ja eigentlich, dass man Technologien und Services hat, die es erlauben, die Synchronisierung der verschiedenen Datentöpfe zu automatisieren. Bisher war es so, dass, wenn man ein solches Modell hat, man einen Export über IFC durchführt. Dann importiert man die relevanten Daten wieder von Hand zum Beispiel in ein Facility-Management-, in ein CRM-, in ein ERP-System oder dergleichen. Dort findet eigentlich keine permanente Synchronisierung statt. Der digitale Zwilling bzw. die iTwin-Services machen es möglich, den digitalen Zwilling automatisiert fortzuschreiben und den Datenaustausch zwischen den jeweiligen Datensilos zu automatisieren. Durch die iTwin-Services steht ja ein Cloudservice zur Verfügung, in dem sämtliche Daten konsolidiert und aggregiert werden, so dass man eine zentrale Stelle hat, wo man nachschauen kann und von wo aus Suche und Analyse gestartet werden können. Dort lassen sich auch Auswertungen über den digitalen Zwilling durchführen. Durch die permanente Fortschreibung des digitalen Zwillings steht eine Historie von Ereignissen zur Verfügung. Es lässt sich also im Prinzip jeder Zeitpunkt in der Vergangenheit reproduzieren, um etwa zu zeigen, was vor acht Wochen war. Es können Fehler entdeckt werden und man kann sehen, was sich in den acht Wochen alles verändert hat. Es können aber nicht nur Fehler besser gefunden und Analysen effizienter durchgeführt werden. Aufgrund von „Data Lakes“, sogenannten „Datentöpfen“ können auch neueste Auswertungsmethoden verwendet werden, wie Deep Learning oder KI, um diese Daten nutzbar zu machen. Bei diesem Prozess entstehen sehr viele Daten, wie auch bei anderen Cloud-/IoT-Anwendungen. Diese müssen auf eine vernünftige Art und Weise auswertbar gemacht werden. Da bietet Bentley Systems BI- und KI-Tools an und nutzt auch u. a. Deep Learning, um diese Masse an Daten auswerten zu können.

Voyants Solutions industrialisiert BIM-Workflows zur Entwicklung einer ikonischen Station für indische Eisenbahnen

Voyants Solutions industrialisiert BIM-Workflows zur Entwicklung einer ikonischen Station für Indian Railways (Mit freundlicher Genehmigung: Voyants Solutions)

Stichwort Model-Checker – was hat Bentley da anzubieten?

Grundsätzlich unterstützen wir beispielsweise über den buildingSmart und den BCF-Standard Standardwerkzeuge. Wir haben allerdings auch unsere eigene Lösung. Zum einen haben wir ein Datenmanagement- und Kollaborationswerkzeug, das ProjectWise heißt. Heute sagt man Common Data Environment (CDE) dazu. Dort werden alle Daten hineingepackt. Damit hat man Tools zur Verfügung, mit denen Daten angesehen werden können, Clash-Detection gemacht werden kann, Mängellisten erstellt, verwaltet und verteilt werden können. Zudem lässt sich der Mängelstatus visualisieren und einsehen. Dies kann mit dem ProjectWise Navigator umgesetzt werden, dem Produkt, das sich in ProjectWise in diesem Common Data Environment die Daten herausholt.

Damit machen wir im Prinzip das Gleiche wie andere Checking Tools. Der Vorteil ist, dass es sehr eng in das CDE integriert ist. Die Verteilung der Mängel an alle Projektbeteiligten kann sehr komfortabel umgesetzt werden. Dies kann man nachverfolgen und nachhalten. Im Gegensatz zur Nutzung von externen Tools, die zwar sehr gut hinsichtlich der Prüfung sind, aber nicht so eng in den Gesamtprozess integriert sind, ist hier der Vorteil, dass es wesentlich stärker in den Gesamtprozess integriert abläuft. Des Weiteren beschränken wir uns nicht nur auf Standards wie IFC, sondern können alle von uns unterstützten Datenformate in diesen Prozess einbinden. Bentley Systems ist sehr stark in Großprojekten oder größeren Projekten. Sagen wir, es wird ein Flughafen geplant. Oder man ist im Bahnbereich unterwegs, wo Bentley, zumindest außerhalb Deutschlands, sehr stark ist. Es werden also größere Bahnstrecken und Bahnhöfe geplant mit digitalen Geländemodellen, Gleisdaten, Gebäuden, Geodaten, als auch geotechnischen Daten, geotechnischen Analysen usw. Da hat man Daten, die über IFC heute nur zum Teil oder überhaupt nicht bedient werden. Hat man also ein Projekt zu koordinieren, muss man ein Werkzeug haben, mit dem sämtliche Daten aggregiert werden können. Hier liegt Bentleys Stärke, da wir in allen Infrastrukturbereichen, im Hochbau, Tiefbau, Brückenbau, Gleisbau, Straßenbau tätig und in der Lage sind, alle diese verschiedenen Daten speziell auch in Großprojekten zu verwalten, zu visualisieren und zu analysieren.

Data is – üblicherweise – „the new oil“ – Bei Bentley heißt es: “Data is the new infrastructure“. Nur weil man MicroStation mit Infrastrukturbau verbindet, oder was könnte noch hinter dieser auf den ersten Blick einfachen Aussage stecken?

Ja, was dieser Satz im Prinzip aussagen soll, ist natürlich, dass auch im Infrastrukturbereich das Thema Daten eine immer wichtigere Rolle spielt. Da wir, so wie ich Bentley kenne, schon ganz gerne bei unserem Leisten bleiben, bezieht sich dieser Satz durchaus auf die Infrastruktur. Infrastrukturbereich und Bau, das ist, was wir seit über 30 Jahren machen.

Herr Bettels, haben Sie Dank für dieses Interview

Die Fragen stellte momentum-Redakteur Burkhard Talebitari

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Datum 22. November 2019
Autor Lutz Bettels / Burkhard Talebitari
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