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Kolumne Falk Jaeger

Kunst ist halt schweineteuer

Es riecht nach einem Skandal, aber es offenbart eine fatale Grundhaltung in unserer Gesellschaft: Wer die Macht hat, setzt hemmungslos Standards, die dann die Allgemeinheit erfüllen bzw. finanzieren muss. Die Kanzlerin hatte keine Lust, in ihrem Airbus A 340 die Verteidigungsministerin mit nach USA fliegen zu lassen. Es gebe “gewisse Gepflogenheiten” für die Reisen der Kanzlerin, begründete Kanzleramtsminister Helge Braun die Angelegenheit sibyllinisch. Jedenfalls musste der Steuerzahler einen Parallelflug mit dem Truppentransporter A310 der Luftwaffe bezahlen, in dem es sich 11 Personen bequem machen konnten. 360.000 Euro! Der Treppenwitz: Die Kanzlerin flog zum Klimagipfel (!) und pustete mit ihrer Absage an AKK mal eben 540 t CO2 zusätzlich und völlig unnötig in die Atmosphäre.

Aber die Verteidigungsministerin kennt diese Anspruchshaltung von den graubefrackten Spektabilitäten ihrem eigenen Haus. Was Generäle für Spielzeug haben wollen, muss angeschafft werden, schließlich geht es um nationale Sicherheit. Und es kostet Unsummen, die niemand hinterfragt und in Relation zu anderen gesellschaftlichen Ausgaben setzt (die Zahl der Kindergärten, sie wissen schon). Jeder Eurofighter hat uns schon unglaubliche 180 Mio gekostet, doch die Kosten für den Tornado-Nachfolger „bemannte Luftkampfsystemplattform“ werden uns die Sinne vernebeln. Wer stutzt die maßlosen Ansprüche der Militärs? Denn dass die Zukunft im Cyberkrieg und im unbemannten und viel billigeren Raketen- und Dohnenkampf liegt, wie kürzlich der so simple wie effektive Angriff auf die saudischen Ölanlagen drastisch vor Augen führte, haben die offenbar noch nicht mitgekriegt. Die Aufklärer im Bendlerblock schauen wohl keine Tagesschau
Beispiele im Bauwesen? Auch hier eine wahre Anspruchs-Rallye. Jedes noch so absurde Gefährdungsszenario, das sich Unfall- und Brandschützer ausdenken, wird durch neue Vorschriften ausgeschlossen. Und niemand darf nach Sinn oder Verhältnismäßigkeit fragen. Noch das geringste Verantwortungsrisiko wird den Bauherrn aufgeladen, die teure Vermeidungsmaßnahmen zu bezahlen haben.
Ungezügelt Ansprüche stellen aber auch öffentliche Bauherren, die ja mit Steuergeldern hantieren. Die Frage ist nicht, wieviel Geld man beispielsweise für ein Museum zur Verfügung hat, um das Bauvorhaben daran auszurichten. Sondern es wird ein Maximalprogramm aufgestellt, ein Wettbewerb veranstaltet und – ups – festgestellt, wieviel so etwas kosten wird. Oder auch nicht. Man baut darauf los, ändert die Pläne nach Belieben, und präsentiert dem Steuerzahler ständig höhere Rechnungen.

Schönes Beispiel, natürlich aus Berlin: Für das Museum des 20. Jahrhunderts am Kemperplatz waren vor fünf Jahren 200 Millionen Euro eingestellt. Der Grundstein ist noch nicht gelegt, da steht die Fieberkurve schon bei 450 Millionen. Und ich gehe jede Wette ein, dass 2026, sollte Herzog & de Meurons bespöttelte „Kunstscheune“ dann tatsächlich planmäßig eröffnen, die halbe Milliarde fällig sein wird.
Darf´s nicht eine Nummer kleiner sein? Musste es dieser schon im Vorhinein erkennbar das Budget sprengende Entwurf sein? Muss es diese Dimension sein? Muss man so tief in die Erde buddeln, in den berüchtigten Berliner Baugrund (man erinnert sich an die im Sumpf versenkten Millionen auf der Museumsinsel)?

Kunst sei heute „so schweineteuer, dass man sie mit ungeheurem Aufwand zeigen muss“, räumt Stararchitekt Jacques Herzog treuherzig ein. Warum eigentlich? Bieten bescheidenere Museen landauf landab der modernen Kunst keine angemessene Bleibe? Man müsse “der Weltklassesammlung der Neuen Nationalgalerie den angemessenen Raum geben,“ untermauert die Kulturstaatsministerin ihre Anspruchshaltung. Diese Art von „Angemessenheit“ fordern auch die Berliner Museumsleute, deren Kompetenz niemand wirklich in Zweifel ziehen mag. Und so läuft das Projekt nach bekanntem Muster in die Kostenfalle und die Schuld liegt wieder einmal bei den Bauleuten. Wer rückt hier mal die Maßstäbe zurecht? Wie viele Kunstfreunde könnte man mit der halben Milliarde zum Kurztrip für einen Museumsbesuch nach London oder Paris fliegen? Ach ja, dazu wäre es schön, wenn der Flughafen BER endlich mal ans Netz ginge…

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Datum 1. Oktober 2019
Autor Falk Jaeger
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