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Kolumne Falk Jaeger

Falk Jaeger freut sich mit den Ingenieuren

Des einen Obsession, des anderen Passion

Es gibt Architekten, die wälzen sich nachts schlaflos im Bette und grübeln, mit welchen Sensationen sie bei ihrem nächsten Werk aufwarten könnten, damit die Bilder um die Welt gehen. Ein Bau aus dem eigenen Büro, der nicht vielfach publiziert, abgelichtet und gefilmt wird, ist nichts wert, vertane Liebesmüh´. Wer sich gebautes Spektakel vor Augen führen will, denkt ja vor allem an die dem Dekonstruktivismus entwachsenen großen Vier Coop Himmelb(l)au, Zaha Hadid, Daniel Libeskind und Frank O. Gehry. Nachgeborene wie Jürgen Meier H. surfen auf dieser Welle mit. Manche versuchen, die Altmeister in ihrem gestalterischen Furor noch zu übertreffen. Asymptote zum Beispiel, deren Werkverzeichnis mal wie ein Lehrbuch zur Pilzbestimmung, mal wie eine Beispielsammlung aus der Onkologie, mal wie eine Petrographen-Fibel aussieht, jedenfalls nicht nach Häuserkatalog. Inzwischen mischen auch viele hierzulande namenlose Gebäudedesigner des Vorderen und Hinteren Orients mit, die MIPIM ist voll davon. Aber auch besonnenere Baukünstler wie Rem Koolhaas, Ole Scheeren, Herzog & de Meuron oder Delugan Meissl sind nicht frei von Ambitionen, mit ihren Werken in der Reihe der weird buildings aufzuscheinen.
Die Art und Weise, wie Zaha Hadid Architektur gestaltete, muss man wohl obsessiv nennen. Immer ging es ihr darum, erstaunliche, nie gesehene Formen zu kreieren. Ihrem Büro oblag es dann, irgendwie die Funktionen in die vorgegebenen Hüllen zu praktizieren. Und die Ingenieure hatten in der Zusammenarbeit alle Hände voll zu tun, ihr die abenteuerlichsten Wünsche nach der Schwerkraft spottenden Gebilden auszureden. Und was dann letztlich wirklich sein muss, ist tragwerkstechnische Herausforderung genug, ist Ansporn und – macht Spaß, wird den Ingenieuren zur Passion.
Wenn die Architekten des Stuttgarter Porsche Museums Delugan Meissl wollen, dass der weiß strahlende Korpus zu schweben scheint, dass er 45 Meter auskragen soll (kein Mensch weiß warum, aber staunenswert ist es allemal), dann machen sich die Ingenieure Leonhardt, Andrä und Partner an die Arbeit. Und ertüfteln eine Konstruktion aus 6.500 Tonnen Stahl (so viel wie beim Eiffelturm), die das eben leistet. Koste es, was es wolle, ist man geneigt zu denken; über die Bausumme wird Stillschweigen bewahrt.

Isometrie Kinozentrum Busan/Südkorea

Isometrie Kinozentrum Busan/Südkorea (Bollinger + Grohmann)

Coop Himmelb(l)au hingegen haben es im südkoreanischen Busan auf die Spitze getrieben. Das fußballfeldgroße Dach ihres dortigen Kinozentrums kragt 85 Meter aus: Weltrekord, verkündet eine Bronzetafel stolz vor Ort. Auch hier hätte man mit einer Stütze locker 2.000 Tonnen Stahl und einige Millionen Dollar sparen können, doch dann wäre natürlich der eminent dynamische Effekt verloren. Aber die Frankfurter Ingenieure Bollinger Grohmann, die ihre Leidensfähigkeit auch mit Zaha Hadid mehrfach unter Beweis gestellt haben, brachten das Ding zum Fliegen.

Coop Himmelb(l)au / Duccio Malagamba

Coop Himmelb(l)au / Duccio Malagamba (Coop Himmelb(l)au / Duccio Malagamba)

Bollinger Grohmann sind gewissermaßen Hausingenieure von Coop Himmelb(l)au und haben zum Beispiel auch den monströsen Bauschwurbel in Lyon konstruiert, der sich Musée des Confluences nennt und stark an die BMW-Welt in München erinnert.
An derlei architektonischem Imponiergehabe hat man sich schon beim zweiten Blick satt gesehen. „Nichts ist so abgestanden wie was gestern überraschte“ (Emily Dickinson). Die Journaille stürzt sich rasch auf andere Sensatiönchen. Doch was bleibt, ist merkwürdigerweise die Anerkennung für die Ingenieurleistung. Rümpft man, in Fachkreisen zumindest, über die gebauten Albernheiten die Nase, spötteln die Kollegen über das Showgeschäft der Stararchitekten und grummeln die Stadtkämmerer und Rechnungshöfe wegen der Kostenexplosionen, so können die Tragwerksplaner und-konstrukteure fast immer Lorbeer ernten. Es geht ihnen so ähnlich wie den deutschen Autokonstrukteuren. Alle haben Hochachtung vor ihnen, aber jedermann hält die fabelhaften SUWs für Unsinn.

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Datum 9. Oktober 2018
Autor Falk Jaeger
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