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Kolumne Falk Jaeger

Falk Jaeger hat kein Mitleid mit dem Stararchitekten Calatrava

Warum verleugnet Santiago Calatrava sein zweites Ich?

Elegant ist er schon, der Ponte della Constituzione, die vierte Brücke über den Canal Grande in Venedig. Vielleicht zu elegant für das historische Venedig, aber das ist eine andere Geschichte. Der berühmte spanisch-schweizer Architekt Santiago Calatrava hat den Brückenschlag zwischen Piazzale Roma und Bahnhof Santa Lucia 1999 entworfen und bis 2008 realisiert. Wie so viele Brücken und spektakuläre Bauwerke weltweit. Calatrava ist auch ETH-diplomierter Bauingenieur und wurde sogar in diesem Fach promoviert, mit einer Arbeit über „faltbare Fachwerke“, wie Wikipedia weiß.

Trotzdem ist Calatrava für die meisten Bauingenieure ein rotes Tuch. Denn er liebt das Spektakel. So sehr, dass er auf die ehernen Prinzipien der Tragwerksplaner pfeift. Seine biomorphen Konstruktionen, elegant und dynamistisch zweifellos und meist wunderschön anzuschauen und deshalb populär, machen das Tragen und Lasten zum dramatischen Schauspiel. Doch der Fachmann sieht auf einen Blick: So wie es scheint, tragen die Konstrukte nicht. Zumindest sind es keine minimierten, wirtschaftlichen Tragwerke, sondern technisch höchst aufwändige Schaustücke. Calatrava scheint seine Ingenieurkenntnisse nicht dazu zu benutzen, Bauwerke smarter, leichter, preiswerter, nachhaltiger zu machen, sondern so spektakulär wie möglich.
Und manchmal sind sie offenbar bautechnisch so heikel, dass Schäden auftreten oder es gar zum Versagen der Konstruktion kommt. Öfters ist von Streitigkeiten mit seinen Bauherren wegen Baumängeln berichtet worden. Im Juni 2013 war er vom Landgericht Orviedo zu einer Schadenersatzzahlung in Höhe von 2,96 Millionen Euro verurteilt worden. Es ging um Baumängel am 2011 eingeweihten Kongresspalast der Stadt. Unter anderem war damals „wegen Konzeptionsfehlern“ ein Dach teilweise eingestürzt. Ein Architekt, dem während der Bauphase ein Dach einstürzt, kann vielleicht noch auf das Versagen der Fachingenieure verweisen, ein Ingenieur kann eigentlich einpacken. Der Schaden war für den erfolgsverwöhnten Stararchitekten richtig teuer, denn ihm wurden bei 10,24 Millionen Gesamtentschädigung noch 7,28 Millionen Honorarforderungen gegengerechnet.

Ponte della Costituzione, Namensnennung: Mister No

Ponte della Costituzione, Namensnennung: Mister No (https://www.panoramio.com/photo/132444369)

Zum Glück für ihn ist der Fall nicht in größerem Maß publik geworden. Das ist bei seinem jüngsten Fall ganz anders. Ein Imagedesaster sondergleichen, denn die Meldung fand, gemessen an ihrer eigentlichen Bedeutung, enorme Verbreitung, auch in der Publikumspresse. Denn es geht um Venedig, es geht um besagte Brücke über den Canal Grande. Der Corte dei Conti in Venedig verurteilte Calatrava zu einer Geldstrafe von 78.000 Euro. Er habe bei der Planung des Bauwerks grob fahrlässig Fehler gemacht. Weshalb die Brücke am Ende statt 7 Millionen 11,6 Millionen Euro gekostet habe. Und nun erfordere sie jährlich 167.000 Euro Unterhalt, plus Reparaturen. Schon 2011 hatten sich Mängel an den Widerlagern gezeigt, die wohl dem Schub des flachen stählernen Bogens mit immerhin 82 Metern Spannweite nicht standhielten. Auch habe der Architekt für die Treppenstufen das falsche Material gewählt, Glastafeln, die bei Feuchtigkeit zu glitschig seien und die nicht wie veranschlagt nach 20 Jahren, sondern schon nach wenigen Jahren verschlissen waren.

Lernfähig scheint Calatrava nicht zu sein, denn schon in Bilbao hatte Calatrava 1997eine Fußgängerbrücke gebaut, die kurz vor dem Guggenheim Museum eröffnet worden war. Auch dort mussten Glasplatten der Gehfläche frühzeitig ausgewechselt werden und auch dort sind die Gläser rutschig und wurden nach verschiedenen missglückten Versuchen mit nicht gerade attraktiven rutschfesten Gummimatten entschärft (zu sehen auf Google Street View 43,2664 -2,9278).
In Venedig war ihm auch angelastet worden, dass er die Brücke ohne den versprochenen Rollstuhllift gebaut hat. Aber warum hat man den nicht behindertengerechten Bau überhaupt genehmigt? (wobei die Frage in den Sinn kommt, wie viele der 435 anderen Brücken der Serenissima wohl behindertengerecht sind?).
Die Verbindung vom Bahnhof zur Piazzale Roma ist jedenfalls so wichtig, dass man 2013 für 1,8 Millionen Euro eine an der Seite der Brücke an unterseitigen Schienen fahrende Glaskabine nachgerüstet hat. Technisch so miserabel und für die Nutzer unkomfortabel allerdings, dass die wenig benutzte und oft defekte Installation inzwischen wieder außen Betrieb genommen wurde und demnächst abgebaut wird. Man glaubte, das Problem ohne den Architekten lösen zu können/sollen und hat auch nur Murks produziert.

Dass dem selbstverliebten Stararchitekten in Venedig zum wiederholten Mal die Eleganz und die Extravaganz seines Entwurfs wichtiger war als die Funktion, dass er sein zweites Ich als Ingenieur verleugnet und ihm eine solide Konstruktion und eine nachhaltig taugliche, wirtschaftliche Ausführung kein Anliegen sind, darf jetzt gerichtsfest behauptet werden.
Calatrava tut seiner Zunft keine Ehre und bestätigt die Vorurteile, international agierende Designer-Stararchitekten seien nur daran interessiert, weltweit ihre ikonische „signature architecture“ abzuliefern. Da sind in Schadensfällen schonmal höhere Entschädigungssummen angebracht.

Leserkommentare

  1. Karl-Eugen Kurrer | 2. September 2019

    Mehr Schein als Sein:

    Wie Falk Jaeger habe auch ich kein Mitleid mit Calatrava. In seiner 1996 fertiggestellten Kronprinzenbrücke in Berlin führt er die Kräfte mit einem hohen technischen Aufwand (ohne Not) spazieren. Das ist nichts Besonderes, sondern trifft für zahlreiche Bauwerke zu, die mit dem schönen Schein nicht nur kokettieren, sondern ihn für die stupiden Bedürfnisse der Kapitalverwertung gesellschaftlich funktionalisieren.

    So arbeitete ich Anfang der 1980er Jahre in einem Ingenieurbüro, das mit der Planung der Tragwerke des Stuttgarter Schwabenzentrums beauftragt war. Eine der geplanten Fassadenstützen führte geradewegs in den Sumpf des Nesenbachs, wo sie deshalb nicht gegründet werden konnte. Was tat man? Der Architekt bestand auf dem “Fassadenrhythmus” und so schwebte diese unglückliche Stütze haarscharf über dem Boden – die Kräfte mußten deshalb über aufwändige und wandartige Spannbetonträger von der überflüssigen Stütze weggenommen werden.

    Es geht also nicht nur um Calatrava und einen Schwabenstreich am Schwabenzentrum, sondern um die Kritik am schönen Schein in der Baukunst bzw. Architektur überhaupt.
    Hier könnte die “Kritik der Warenästhetik” (1971; erw. Aufl. 2009) des Philosophen Wolfgang Fritz Haug weiterhelfen. Wie jede Ware, so hat auch ein Bauwerk einen Tauschwert und einen Gebrauchswert. So könnte man das Schwabenzentrum, die Kronprinzenbrücke etc. als “warenförmige Bauwerke” bezeichnen.
    Bei der Kritik der Warenästhetik kommt es auf die Analyse des Doppelcharakters einer Ware an – Haug schreibt: “Das Ästhetische der Ware im weitesten Sinne: sinnliche Erscheinung und Sinn ihres Gebrauchswerts, löst sich hier von der Sache ab. Schein wird für den Vollzug des Kaufaktes so wichtig – und faktisch wichtiger – als Sein. Was nur etwas ist, aber nicht nach ‘Sein’ aussieht, wird nicht gekauft. Was etwas zu sein scheint, wird wohl gekauft. Mit dem System von Verkauf und Kauf tritt auch der ästhetische Schein, das Gebrauchswertversprechen der Ware als eigenständige Verkaufsfunktion auf den Plan” (Haug, 2009, S. 29f.).
    Oder vereinfacht: Mehr Schein (Tauschwertseite) als Sein Gebrauchswertseite) – dies spielt auch für Bauwerke nicht nur seit Calatrava eine tragende Rolle. Man denke nur an die Bahnhofsbauten im letzten Drittel des 19. Jhdts. mit ihrer Schauseite, die der Architekt gestaltete und der sich dahinter verbergenden Bahnhofshalle mit ihren von Ingenieuren entworfenen, berechneten und konstruierten eisernen Tragwerken. Hier ist der Doppelcharakter der warenförmigen Bauwerke sichtbar.
    Dieser Doppelcharakter verweist im Übrigen auch auf das nicht immer harmonische Verhältnis zwischen Architekten und Bauingenieuren. Als Architekt und Bauingenieur versucht sich Calatrava am Spagat zwischen Tauschwert- und Gebrauchswertseite seiner warenförmigen Bauwerke überhöht und funktionalisiert aber sein “ästhetisches Gebrauchswertversprechen” im Interesse des Tauschwertstandpunktes. Letzterer tritt zumeist in Gestalt des Investors bzw. des “Projektentwicklers” auf, der etwas verkaufen (und sei es die Stadt für die Tourismusindustrie) möchte und in letzter Instanz versucht, die Stadt zu seiner Beute zu machen, sie also mehr und mehr zu privatisieren (= das italienische „privare“ bedeutet u.a. „berauben“). Calatravas Brücke über den Canal Grande in Venedig ist ein Beispiel, die nur im Kontext mit der Zurichtung Venedigs für die ökonomischen Interessen begriffen werden kann.

    Wolfgang Fritz Haug: Kritik der Warenästhetik. Überarbeitete Neuausgabe. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2009.

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Datum 31. August 2019
Autor Falk Jaeger
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