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Kolumne Falk Jaeger

Falk Jaeger konstatiert: Auch Venedig hat seinen Flughafen BER

Lagunenzufahrt "Bocca di Lido"

Lagunenzufahrt "Bocca di Lido" (Foto: Consorzio Venezia Nuova (CC BY-SA 3.0))

Wer hat schon die Ruinen von Ereroyk aus dem 6. Jahrhundert in Armenien, den Franziskanerkonvent im spanischen Padua, die Seefestung von Tallinn oder den Flughafen Malmi von 1935 in Helsinki auf dem Schirm? Insgesamt sieben Objekte hat Europa Nostra kürzlich auf die Liste der gefährdetsten Denkmale Europas gesetzt. Ziel ist, die Aufmerksamkeit auf die Objekte zu lenken und öffentliche Wahrnehmung zu schaffen, die die Erhaltung befördert. Auch bei der Lagune von Venedig.

Venedig? Dass Venedig und seine Lagune ein Problemfall sind, einer von nationaler und epochaler Größe sogar, ist doch hinlänglich bekannt, da braucht es kein
Europa Nostra. Oder doch? Millionen fahren hin und erleben den lustvolle Schauer in der „sterbende Stadt“. Seit Jahrzehnten ist zu lesen, die Stadt sei am Versinken. Und seit Jahrzehnten wird am Hochwasserschutz gearbeitet. Vor allem an MO.S.E. (modulo sperimentale elettromeccanico), einem Sperrwerk, mit dem die Lagune an ihren drei Einfahrten gegen Sturmfluten abgeschottet werden soll. Ein Projekt nach Art des Flughafens BER, das mal mit 3,5, dann mit 5,5 Milliarden Euro kalkuliert war und 2010 fertiggestellt sein sollte. Doch die Dinge brauchen ihre Zeit. Auch das Versickern von bislang einer Milliarde Euro in korrupte Kanäle lässt sich nicht so schnell bewerkstelligen. Derzeit ist von 7 Milliarden Baukosten und einem Start 2018 bis 2020 die Rede.

Bewegung der Schleusentore

Bewegung der Schleusentore (Grafik: Consorzio Venezia Nuova (CC BY-SA 3.0))

Sicher vermag das Projekt zu beeindrucken. 26 Caissons wurden in einem Hafenbecken und im Dock des Arsenale betoniert, jedes 120.000 Tonnen schwer, 50 x 60 x 14 Meter groß. Die Caissons werden flächengleich im Meeresboden versenkt und dienen als „Zargen“ für jeweils drei stählerne Tore, die bei Flut leergeblasen werden, hochklappen und den Lagunenzugang innerhalb von 30 Minuten sperren. Eine große Herausforderung war, in Ruhestellung einen glatten Meeresgrund zu gewährleisten, damit der Wasseraustausch reibungslos funktioniert. Hochwasser soll in Venedig dann der Vergangenheit angehören.

Allerdings ist da ja noch das stete Absinken der auf Pfählen gebauten Stadt. Dazu denkt man über noch hypertrophere Projekte nach. Rings um Venedig soll in zwölf Bohrungen 750 Meter tief Meerwasser gepumpt werden, unter eine wasserdichte Lehmschicht. So soll der Lagunenboden unter der Stadt um 30 Zentimeter angehoben werden. Welch absurdes, unkalkulierbares Unterfangen! “Wenn einzelne Teile unterschiedlich stark angehoben würden, würde die Stadt in sich zusammenfallen”, wird der Präsident des New Venice Consortium und Projektleiter von MO.S.E Mazzacurati zitiert.

Das Problem von Venedig und der Lagune ist kein naturgegebenes, sondern das allgemein gesellschaftliche Phänomen immer mehr, immer größer, immer teurer. Würde man in der Lagune einfach das Rad zurückdrehen – weniger Wasserentnahme für Mestre und die Industrie aus dem Untergrund, weniger Ausbaggern der Fahrrinnen, weniger Großtanker, weniger Kreuzfahrtriesen mit Abertausenden von Passagieren, es wäre schon viel gewonnen.

Bei Anstieg des Meeresspiegels aufgrund der Erderwärmung werden die Sperrzeiten durch MO.S.E. ohnehin immer länger. Dann müssen die Ozeanriesen draußen bleiben und die Kreuzfahrttouristen (die ihr Geld sowieso nur für Speiseeis und Ramsch ausgeben) können nur noch per Vaporetti in die Stadt kommen. Und die sollen dann elektrisch fahren. Eine neue Fahrradbrücke und eine Straßenbahn von Mestre her sind geplant. Auch Eintrittsgelder für den Besuch der Serenissima, alles Maßnahmen, die den schrankenlosen Tages-Massentourismus bremsen und den „Qualitätstourismus“ einer bewussteren, zahlungskräftigeren Klientel fördern sollen.

Baustelle des MOSE-Projekts in der Lagune von Venedig

Baustelle des MOSE-Projekts in der Lagune von Venedig (Foto: Janericloebe)

Goldene, ökologisch korrekte Zeiten werden anbrechen – sofern es gelingt, den Augiasstall der politischen Verstrickungen, der mafiösen Strukturen und der allgegenwärtigen Korruption auszumisten. Grenzenloser Optimismus ist nicht angebracht. Jede Entwicklung, die Geld bringt, ist wahrscheinlicher. Das erste Edelkaufhaus am Canal Grande zum Beispiel, eingerichtet im historischen Gebäude Fondaco dei Tedeschi, völlig überflüssig und von verheerender Signalwirkung, wird trotz zahlreicher warnender Stimmen nicht zu verhindern sein. Daran wird auch Europa Nostra nicht viel ändern. Aber den Versuch ist es wert.

 

 

 

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Datum 31. März 2016
Autor Falk Jaeger
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