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Kolumne Falk Jaeger

Falk Jaeger: Städtebau aus der Dampfnudelpfanne

Während gute, schöne und/oder spektakuläre Gebäude immer Konjunktur haben, rückt in jüngster Zeit der Städtebau ins Blickfeld auch einer breiten Öffentlichkeit. Das von Christoph Mäckler und Wolfgang Sonne initiierte Deutsche Institut für Stadtbaukunst hat es sogar geschafft, sein Manifest „Die Düsseldorfer Erklärung zum Städtebaurecht“ im Wortlaut im Feuilleton der FAZ zu platzieren. Offenbar wird der Zustand des öffentlichen Raums mehr und mehr als Desaster empfunden.
Architekten kämpfen an mehreren Fronten gleichzeitig. Gegen die Investoren, die immer dort den Rotstift ansetzen, wo es im Detail um (Material-, Raum-)Qualität geht und die natürlich auch an nicht in Euro und Cent bezifferbarem Freiraum keinerlei Interesse haben. Gegen Baubehörden, die Auflagen jedweder Art aus Selbstschutz mit Maximalforderungen durchsetzen, wenn es etwa um schwer fassbare Lärmbelastung geht. Gegen das System unserer Bauproduktion allgemein, das privater Profitmaximierung alle Weg ebnet, es aber im öffentlichen Bereich nicht schafft, diese Einzelinteressen mit dem Ziel einer funktionierenden Stadt irgendwie gesellschaftsverträglich zu arrangieren und zu moderieren.
Letzteres hat auch Mäckler und seine Mitstreiter auf die Palme gebracht. Eigentlich wissen alle, wie eine lebendige, urbane Stadt funktioniert. Seit Jahren setzt er sich für einen bestimmten, an der „mitteleuropäischen Stadt“ orientierten Bau- und Quartierstypus ein. Doch die Baugesetze mit ihren überholten Leitbildern der Funktionentrennung und rigorosen Dichtebegrenzung sind nicht danach. Deshalb organisierte er die Erklärung mit der Forderung nach Gesetzesänderungen, die 40 große Städte, die Bundesarchitektenkammer und die Bundesstiftung Baukultur mit tragen. Im Kern geht es darum, die Baunutzungsverordnung mit ihren Dichteobergrenzen sowie die TA-Lärm zu novellieren (lockern).
Merkwürdigerweise gibt es nun Widerworte aus unvermuteter Ecke, von Leuten, die es noch besser wissen (müssen): Die Vereinigung SRL, der renommierte Berufsverband der Stadt-, Regional- und Landesplaner.
„Hallo, eigentlich ist das ja unser Metier!, meinen sie und sehen sich zu einer „Stellungnahme“ veranlasst. „Vieles ist bereits erledigt“, schreibt die SRL. Sie zeigt sich mit der „erfolgreichen Planungskultur“ in Deutschland und der schrittweise erfolgten Anpassung von Planungsrecht und BauNVO zufrieden und warnt vor erweiterter Zulässigkeiten für Gewerbe und Verzicht auf Dichte-Obergrenzen, weil das die „Gefahr ungesteuerter städtebaulicher Fehlentwicklungen“ berge. In der SRL-Stellungnahme ist viel von Rechtssicherheit, Interessenausgleich etc. die Rede und von „komplexen Lösungen“, die gefragt seien. Man redet halblau beschwichtigend an den dringlichen Anliegen der 40 Städte vorbei. „Einzelne Änderungsbedarfe“ (schönes Wort) solle man „konstruktiv diskutieren“. Ja was tun die Verfasser der Düsseldorfer Erklärung denn? Die verdruckste „Stellungnahme“ der SRL bringt uns nicht weiter.

Zaha Hadid Architects, Masterplan Istanbul Kartal Urban Gegeneration.

Zaha Hadid Architects, Masterplan Istanbul Kartal Urban Gegeneration. (www.zaha-hadid.com)

Unterdes erreichen uns aus London viel radikalere Ideen. Patrik Schumacher, Nachlassverwalter im Büro der verstorbenen Zaha Hadid und Verfasser der nach eigenen Worten umfangreichsten Architekturtheorie aller Zeiten, war unlängst im Baden-Badener Museum Frieder Burda eingeladen und konnte in dem seriösen Kulturinstitut – eigenartig – seine gewohnt krawalligen liberalistischen Thesen verkünden
Die Stadt sein ein „Müllhaufen“, wo jeder mit seinem Grundstück mache, was er will. Absurd aber sein Rezept: „Selbstauslese der Disziplin“, eine „ausgewählte Gruppe von Architekten“, die für einzelne Bauvorhaben zur Verfügung stehen, und einen „kollektiven Prozess der Selbstregulierung“ der Grundeigentümer. Alles freiwillig, ohne Regelungen und Vorschriften, versteht sich, aber sehrt elitär. Keine Planung, keine Regelungen, der Markt soll´s richten. Sein Glaube an das Gute im Menschen ist blauäugiger als jener der Fundamentalsozialisten.
Noch absurder seine städtebaulichen Entwürfe, die genau das Gegenteil wären. Windschiefe, „parametrisch“ vom Computer erzeugte „weiche“ Straßenraster, darauf wie Dampfnudeln aufgequollene Bauquartiere. Kein Investor ist bereit, diese obstruktiven Sandkastenförmchenspielereien ohne jeden Ortsbezug in konkrete Stadtarchitektur umzusetzen. Mit seinem Masterplan für Istanbul-Kartal ist Schumacher krachend gescheitert.
Von den Überfliegern des Stararchitekten-Jetsets waren Lösungen für das mühsame Geschäft der Stadtquartiersentwicklung noch nie zu erwarten.

Leserkommentare

  1. Heribert Leutner | 18. Juni 2019

    Lieber Herr Jaeger, bitte ersparen Sie der Fachwelt solche realitätsfernen Kolumnen. Oder kennzeichnen Sie diese als Satire.

    Wenn man Ihre Ausführungen ernst nimmt, müssten private Investoren enteignet werden, die Baubehörden gehörten abgeschafft und die Bauproduktion müsste verstaatlicht werden. Ferner müssten Berufsverbände wegen Dummheit und Architekturtheoretiker wegen Renitenz ihre Tätigkeit einstellen. Erfolgreiche Architekten wären mit Berufsverboten zu belegen.

    Lieber Herr Jaeger, die Welt ist nicht so schlecht, wie Sie sie zeichnen.

    • fv | 24. Juni 2019

      Lieber Herr Leutner,
      leider keine realitätsferne Kolumne und leider keine Satire. Im ersten Teil geht es um Klagen, die ich fast täglich aus dem Mund von Architekten höre. Im zweiten berichte ich über die Initiative des Instituts für Stadtbaukunst.
      Im dritten mokiere ich mich über die abstruse Denke des Patrik Schumacher und ich würde mich sehr wundern, wenn Sie nach dessen genauerem Studium nicht mit mir einer Meinung wären.
      Zu den Folgerungen, „wenn man Ihre Ausführungen ernst nimmt“, kann ich eigentlich nicht kommen. Wenn man an jemandem Kritik äußert, heißt das doch nicht gleich, dass man ihn enteignen, abschaffen, der Dummheit bezichtigen oder mundtot machen will. Mir kommt das so vor, als ob man jemandem Diebesgut in die Taschen schmuggelt und dann ruft: Halte den Dieb!
      Die Welt ist erheblich verbesserungsfähig, darum geht es mir.
      Beste Grüße
      Falk Jaeger

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Datum 12. Juni 2019
Autor Falk Jaeger
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