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Kolumne Falk Jaeger

Falk Jaeger staunt über die Materialschlacht bei den Stadien in Russland

Deutsche Qualitätsarbeit bringt zu wenig Rubel

Gehen wir mal davon aus, dass Gianni Infantino für Architektur keine Ader hat. Oder dass ihm andere Interessen ein Quäntchen wichtiger sind. Jedenfalls war der FIFA-Großmogul voll des Lobs über die Fußballstadien der WM in Russland. (Im Unterschied zu Trump lässt Putin andere loben). Doch was er da pries, gehört sicher nicht zu den Weltspitzleistungen des Stadionbaus. Jedenfalls verglichen mit den Stadien der WM 2010 in Südafrika, der EM 2012 in Polen/Ukraine oder der WM 2014 in Brasilien, die an architektonischer Präsenz und Eleganz sowie an konstruktiver Raffinesse Maßstäbe gesetzt haben. Vielfach beteiligt: deutsche Architekten wie gmp, Schulitz und RKW, deutsche Tragwerksplaner wie sbp, Sobek, Bollinger+Grohmann, Vogel.

Natürlich hat man sich deshalb in deutschen Büros Chancen ausgerechnet, mit der gewonnenen Expertise auch in Russland für die WM 2018 tätig werden zu können. Anfangs schien es sogar so, doch das ist nur bei einem Projekt wirklich gelungen: Das Stadion des FK Krasnodar entstand weitgehend nach Plänen des Architekturbüros gmp von Gerkan, Marg und Partner – und wurde dann doch nicht Spielort der WM.
Für drei weitere Arenen waren bei gmp Pläne geordert worden, Samara, Nischni Nowgorod und Wolgograd. Doch wer gmp kennt und wer vor Ort war, bei den Fußballübertragungen einen Eindruck von den Stadien erhaschen konnte oder sich anderweitig informierte, ist enttäuscht. Die gebaute Wirklichkeit hat mit der Eleganz von Stadien wie jene in Durban oder Manaus nicht viel zu tun.

Wie das kommt? Ein Wettbewerbsgewinn oder ein Vorauftrag ist in Russland nicht viel wert. Wenn es um die Ausführung, ums große Geld geht, werden andere Strukturen wirksam. Da wird mit harten Bandagen gekämpft, da geht es nicht ohne persönliche Drohungen ab – ein für deutsche Büros, gelinde gesagt, ungewohntes Geschäftsklima, dem man sich dann doch lieber entzieht, wenn einem die persönliche Unversehrtheit am Herzen liegt.
Die deutschen Architekten und Ingenieure wurden jedenfalls mehr oder weniger sanft ausgebootet. Millieukundige örtliche Planer und Konsortien traten auf den Plan, übernahmen von den Entwürfen, was ihnen brauchbar erschien, etwa die ausgeklügelte Geometrie der Stadionschüsseln oder gewisse Elemente der Tragstrukturen.
Man kann nicht davon ausgehen, dass die örtlichen Planer auf der Höhe deutscher Ingenieurbüros zu konstruieren in der Lage wären. Zumal die Konstruktionsplanung in der Regel den ausführenden Firmen überlassen wird, und die bauen eben routiniert, wie sie immer bauten.
Und da es an der „Gewaltenteilung“ fehlt, ist ein fataler Effekt nicht zu vermeiden. Je mehr Stahl und Beton verbaut wird, desto besser das Geschäft (und desto höher die Korruptionsmargen). Dass dabei eine delikate Seilnetzkonstruktion von schlaich bergermann und partner, die auf Minimierung des Stahlverbrauchs ausgelegt wurde, eher unwillkommen ist, erscheint logisch.

So kommt es bei den Dachkonstruktionen zu den gesehenen Stahlorgien, und zu den horrenden Baukosten, zur teuersten WM der Geschichte. Allein die Zenit-Arena in St. Petersburg, gebaut von einem Putin nahestehenden Oligarchen, kostete über eine Milliarde Euro, 14.000 pro Sitzplatz (2014 in Brasilien, auch nicht gerade ein Land mit korrektem Geschäftsgebaren, war ein Platz für 5.000 Euro zu haben). Hinreißend schön ist die Zenit-Arena nicht geworden und die Materialverschwendung kann jeder Laie erahnen, der sich im Stadion umschaut.
Was schon niemanden mehr wundert, ist der Umstand, dass die geforderten Stadien mit Minimum 42.000 Plätzen nach der WM bei Zuschauerschnitten von 12.000 Fans nicht mehr gebraucht werden, wie jene in Südafrika, wie die meisten in Brasilien. Das freilich ist der maßlosen FIFA anzulasten. Die Oligarchen hat´s gefreut, die Kosten tragen die Städte.

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Datum 1. August 2018
Autor Falk Jaeger
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