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Kolumne Falk Jaeger

Falk Jaeger staunt, was mit viel Geld alles machbar ist

Endlich schneller durch Norwegens Fjordlandschaft

Was tut man, wenn zu viel Geld da ist? Man türmt Hochhausstädte in die Wüste wo keiner wirklich leben will und bewässert die notwendigen Golfplätze mit entsalztem Meerwasser. Oder man gründet altruistisch Stiftungen zur Erforschung von Klima, Krankheiten und Welternährungsprorammen. Was Sinn oder Unsinn betrifft irgendwo dazwischen: Man baut Infrastruktur, ohne sich um Kosten und Ressourcenverbrauch groß Gedanken zu machen.

An Schwimmkörpern hängende Tunnelröhren für den Sulafjord

An Schwimmkörpern hängende Tunnelröhren für den Sulafjord (Statens vegvesen)

Letztes ist gerade in Norwegen am Laufen. Nicht nur, dass sich die Nordländer für (wohl recht knapp gerechnete) 115 Millionen Euro einen 1,7 km langen, 37 m hohen Tunnel für Seeschiffe leisten, der in Westnorwegen den Hurtigruten das Meiden eines vor allem im Winterhalbjahr schwierigen Küstengewässers ermöglicht. Sie haben offenbar so viele Ölmilliarden angehäuft, dass sie sich nun in der Lage sehen, den Südwesten des Landes mit großartigen Berglandschaften und faszinierenden Fjorden aufs Bequemste zu erschließen.
Eine Autobahn soll in die unzivilisierte, von Gletschern geformte Natur implantiert werden, immer quer zu den Fjordtälern. Die E39 schlängelt sich bislang von Kristiansand an der Südspitze Norwegens entlang der zerklüfteten Nordseeküste über Stavanger, Bergen und Ålesund bis hinauf nach Trondheim in Mittelnorwegen und verbindet Städte mit insgesamt 800.000 Einwohnern miteinander. Die 1.100 Kilometer lange Fahrt inklusive acht entschleunigenden Fährpassagen dauert gegenwärtig 21 Stunden. In Zukunft wird man sie in 12-13 Stunden absolvieren können. Für die rund acht Stunden Zeitersparnis sind vorerst 42 Milliarden Euro veranschlagt. Macht 53.000 Euro pro Einwohner.

Schwimmbrücke über den Bjørnafjord

Schwimmbrücke über den Bjørnafjord (Statens vegvesen)

Wer freilich ins Schwärmen geraten wird, sind die Freunde des Ingenieurwesens. Nicht nur, dass dutzende von Talbrücken und Tunneln gebaut werden müssen, das gibt´s anderswo auch. Doch wie man die Fjorde zu überwinden gedenkt, das macht Staunen. Am Boknafjord ist ein 26,7 km langer Doppelröhrentunnel in 392 m Tiefe im Bau, der tiefste und längste Unterseetunnel der Welt. Manche mag die Vorstellung beängstigen, doch ob an den Tunnelenden psychologische Notfallstationen für Klaustrophobieanfälle geplant sind, ist nicht bekannt.
Der 600 m tiefe Bjørnafjord bekommt eine 5 km lange Brücke, deren 48 Pfeiler auf Schwimmkörpern balancieren. Der Sulafjord wird von einer Zweifeld-Hängebrücke überspannt, deren Mittelpylon 400 m tief im Wasser steht. Oder von zwei im Wasser vertäuten, tauchenden Tunnelröhren, da hat man sich noch nicht entschieden.

Größte Hängebrücke der Welt geplant am Sognefjord

Größte Hängebrücke der Welt geplant am Sognefjord (Statens vegvesen)

Sogne, der „König der Fjorde“, ist 3,7 km breit und 1,3 km tief und wird von vielen kolossalen Kreuzfahrtschiffen befahren. 450 m hoch wären die Pylone der längsten und höchsten Hängebrücke der Welt über den Fjord. Alternativ denkt man auch hier über an 15 Pontons hängende tauchende Tunnelröhren nach oder an eine Hybridlösung, also teils Pontonbrücke, teils unter der Fahrrinne schwimmende Tunnel.
2035 soll das Projekt „E39 fährenfrei“ abgeschlossen sein. Von wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften, von Wirtschafts- und Exportförderung und von Regionalentwicklung ist in den vollmundigen Verlautbarungen des Verkehrs- und Kommunikationsministeriums und der norwegischen Straßenbehörde die Rede. Und selbstverständlich werden erneuerbare Energien genutzt, Sonne, Strömung, Wellen und Wind. Wir können also beruhigt sein.
Ob Wind- und Meeresrauschen oder Verkehrsrauschen ist ja einerlei. Und die eleganten Straßenbogen und die kühnen Brücken adeln doch geradezu eine Landschaft wie jene in Westnorwegen. Wie das kühne Menschenwerk mit der rauen Natur in den Dialog tritt, wird bestimmt als faszinierende Kulturleistung zu erleben sein, war doch das Wanderrevier dort bislang immer etwas eintönig. Hummer und Muscheln, Lachse und Wale werden sich, nachdem sie jahrelang dem unterhaltsamen Spektakel der Baustellen zuschauen durften, der Neugestaltung ihrer Unterwasserwelt mit eindrucksvollen Fundamenten, Pfeilern und hunderten von Ankerkabeln erfreuen und ganz neue Strömungen und Geräuschkulissen kennen lernen. Eine typische Win-win-Situation also. Geldregen bringt eben doch Segen.

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Datum 1. Februar 2019
Autor Falk Jaeger
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