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Kolumne Falk Jaeger

Falk Jaeger sucht nach der deutschen Ingenieurskunst beim Wohnungsbau

Stahl oder Holz? Oder Lehm?

Wenn es darum geht, ein Auto zur Intelligenzbestie aufzupimpen, wenn Mangos per Lasertechnik ein Bio-Label auf die Pelle gebrannt bekommen sollen, wenn Spezialventile, die in den USA fürs Fracking unverzichtbar sind oder wenn High-Tech-Reisekoffer, die ihrem Besitzer hinterherlaufen, gefragt werden, haben deutsche Ingenieure und Firmen die Nase vorn und liefern in alle Welt. Diese Innovationskraft stellen heimische Firmen auch beim Ingenieur- und Industriebau unter Beweis. Weitgespannt leichte Flächentragwerke und Brücken, aber auch die mächtigsten Tunnelbohrmaschinen der Welt kann man Made in Germany ordern.
Nur beim Wohnungsbau geht ohne den Eisenbieger und den Mann mit der Putzkelle nach wie vor gar nichts.
Woran mag es liegen, dass es an Innovationskraft in einem der wichtigsten Wirtschaftsbereiche fehlt? Ein gesellschaftliches Phänomen? Für die Gen-Schere interessieren sich einschlägig tätige Wissenschaftler und Spezialfirmen. Für Laser die Pioniere der Zukunftstechniken. Bauen ist hingegen (auch) Laiensache. Es liegt in der Natur des Menschen, sich ein Nest zu bauen, deshalb versteht jeder etwas davon – oder glaubt es zumindest.

Zusammenspiel von Baustelle, Methode und Technologie

Zusammenspiel von Baustelle, Methode und Technologie (vrame)

Und so ist das Bauwesen Tummelplatz von unbedarften Firmen, Handwerkern und Kleinunternehmern bis hin zum Schwarzarbeiter osteuropäischer Provenienz, die nicht weder bereit noch in der Lage sind, avancierte Bautechniken einzusetzen. Aber es wird ihnen auch nicht abgefordert. Für die Durchsetzung besserer Baumethoden und -materialien auf breiter Front ist aber eine entsprechende Infrastruktur unumgänglich, sind eingespielte Produktionsketten vom Normungswesen über Forschung, Entwicklung und Anbieter bis zum Einsatz auf der Baustelle nötig.

Nicht dass es zu wenig Forschung gäbe. Was allgemein im Bauwesen, aber auch speziell im Wohnungsbau erdacht, testhalber realisiert und publiziert wird, ist erstaunlich und überzeugend. Ob es um die in mancher Hinsicht unbestreitbaren Vorzüge von Lehm oder Strohballen als Konstruktionsmaterial geht. Ob um das zu 100 Prozent recycelbare Stahlhaus mit Plusenergiebilanz von Werner Sobek oder das Infraleichtbetonhaus von Mike Schlaich. Ob um Leichtbausysteme aus Stahl oder Holz. Die Vorzüge gegenüber dem konventionellen Beton- oder Gasbetonmauerwerksbau mit den fatalen Styropor-Wärmedämmverbundfassaden liegen auf der Hand, vor allem in ökologischer Hinsicht, werden aber ignoriert.

Der Leichtbau mit Stahlprofilen zum Beispiel, prädestiniert für das Bauen im Bestand, für Aufstockungen vor allem, ist als vorfabrizierter, präziser, schneller und letztendlich einfach recycelbarer Trockenbau unschlagbar. Er könnte auch im Neubau seine Vorzüge zeigen, den Raumgewinn durch schlanke Bauteile zum Beispiel, und läge, bei entsprechender Verbreitung kostenmäßig im Durchschnitt. Aber es gibt zu wenige Anbieter und kaum einschlägig versierte Baufirmen. Wer sich über Stahl im Wohnungsbau informieren will, wird mehrheitlich auf Beispiele im Ausland, vor allem in der Schweiz und in Frankreich stoßen.
Einzig der Holzbau hat hierzulande Tritt gefasst und gewinnt an Verbreitung, wenngleich er noch keineswegs als normale Alternative gesehen wird. Wenn etwa kurzfristig Flüchtlingsunterkünfte zu errichten sind, ein geradezu idealer Anwendungsfall für den modularen Holzbau, für den inzwischen zahlreiche Bausysteme angeboten werden, verlassen sich die meisten Bauämter auf routinierte Abläufe und ordern standardisierte, aber konventionelle Systeme oder gar Containerbauten. Das Maß an Ignoranz und Kurzsichtigkeit ist entmutigend. Für zehn bis allenfalls 20 Prozent mehr Aufwand bekäme man qualitätvolle, auch noch mittelfristig taugliche, wenn nötig translozierbare und umnutzbare Bauten. Stattdessen müssen wir in zehn Jahren die heruntergewirtschafteten Unterkünfte als Sondermüll entsorgen.

Aber es besteht Hoffnung. Die Meldungen, dass weltweit der für den Betonbau geeignete Sand knapp wird, häufen sich. Oder hilft uns das in Deutschland auch nicht aufs Pferd? Denn der Sand, aus dem ganz Norddeutschland besteht, scheint fürs Bauen bestens geeignet zu sein. Wir werden ihn in Zukunft lukrativ gegen Seltene Erden aus China tauschen können, für unsere Elektroautos, aber das Bauen, fürchte ich, wird sich so schnell nicht ändern.

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Datum 3. September 2018
Autor Falk Jaeger
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