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Kolumne Falk Jaeger, Vermischtes

Falk Jaeger über eine alte Frage der Ingenieurethik

Konstruktion und/oder Expression?

Morpheus Exterior Shot

Morpheus Exterior Shot (Melco Resorts)

 

 

 

 

 

 

Will er die Gesetzmäßigkeiten von Phänomenen erkennen, etwa eine Kurvenfunktion, ein thermodynamisches oder ein mechanisches Prinzip, nähert sich der Naturwissenschaftler dem Problem gedanklich gern von den Extrempositionen her, das schafft einen klareren Blick.
Das hilft manchmal auch bei architektonischen Aspekten, kam mir kürzlich in den Sinn, als ich das erstaunliche Morpheus Hotel in Macau in Augenschein nahm. Mitte 2018 eröffnet, gehört es zu den posthum realisierten Bauten der im März 2016 verstorbenen Zaha Hadid. Die Tragwerksplanung stammt aus dem Londoner Büro Happold Engineering.

Morpheus Hotel

Morpheus Hotel (Falk Jaeger)

Unter Ingenieuren, insbesondere Tragwerksplanern, gibt es vier Charaktere. Die einen machen sich um das Aussehen einer Konstruktion keine Gedanken oder haben für formale Wirkungen kein besonderes Gespür. Sie sind mit der erstbesten Standardlösung zufrieden und empfinden Genugtuung, wenn diese Lösung schnell und kostengünstig zu realisieren ist.
Ambitioniertere Kollegen versuchen, optimale Lösungen zu finden, die Material und Energie sparen. Sie stehen an der Spitze des technischen Fortschritts und sind davon beseelt, ihren Fortschrittglauben missionarisch unter Architekten, Bauherren und Genehmigungsbehörden zu tragen, um ihre Ideen realisieren zu können.
Wieder andere (die oft auch Charakterzüge der vorgenannten Gruppe tragen), entwickeln gestalterische Ambitionen, suchen nach der plausiblen, aber auch schönen Form der Tragwerke. Sie arbeiten oft mit gleichermaßen ambitionierten Architekten als Brüder im Geiste zusammen. So entstehen zum Beispiel die schönsten Fußballstadien.
Ein Sonderfall scheint mir Santiago Calatrava zu sein, der sowohl gelernter Architekt, als auch Ingenieur ist. Er entwickelt hinreißend schöne Tragwerke, die so aussehen als ob. Offenkundig als Stammgast in Naturkundemuseen orientiert er sich an aller Art von Tierskeletten, die dem Normalbürger vom freitäglichen Fisch- oder sonntäglichen Bratenteller oder als Wal- und Saurierskelette vertraut sind. So vertraut, dass er sie beim ersten Blick als Brücken- und Hallentragwerke völlig logisch findet – wenngleich jeder Baufachmann bei seinem ersten Blick erkennt, dass Lasten und Momente zuweilen ordentlich spazieren geführt werden.

Tragwerk

Tragwerk (Falk Jaeger)

Die vierte große Gruppe sind Ingenieure, die den Ehrgeiz entwickeln, auch noch die verrückteste Architektenidee zu verwirklichen. Ein Automuseum soll 45 Meter auskragen? Einen Sinn ergibt das nicht, aber machen wir, kein Problem (oder dann doch, wie die Realisierung erwies). Ein dekonstruktivistisches Tragwerk wie ein gebautes Eisenbahnunglück? Kein Problem, wenngleich kein Stab in optimaler Richtung geführt, kein Knoten optimiert, kein rationalistisches Tragsystem möglich ist. Jede architektonische Idee wird realisiert, und sei sie noch so skurril und noch soweit ab vom „form follows construction“. Ist das nun die höchste Kunst der Tragwerkskonstruktion oder die maximale Selbstverleugnung des Ingenieurs?
Derlei Gedanken gingen mir in Macau durch den Kopf. Auf ein vorgegebenes rechteckiges Fundament stellten die Architekten ein 40-gschossiges Luxushotel neben eines der ortsüblichen Spielcasinos. Eigentlich sind es zwei spiegelgleiche Türme, die durch eine Gitterstruktur umfangen sind. In der Zwischenzone gibt es auf mehreren Geschossen Verbindungsbrücken, bis hinauf zum Dachgarten mit Pool. Dazwischen öffnen sich blasenförmige Löcher im Bauwerk, insgesamt eine wie beabsichtigt spektakuläre Form mit Alleinstellungsmerkmal und hohem Wiedererkennungswert.

Morpheus Exterior Shot

Morpheus Exterior Shot (Melco Resorts)

Die Form ist keine Fassadenbaukunst, wie etwa bei der Galerie MyZeil in Frankfurt, sondern sie wird durch das Primärtragwerk gebildet, das das Bauwerk als Exoskelett komplett umfängt. Dabei löst sich das geometrische und somit zumindest rational erscheinende Stabwerk in der mittleren Gebäudezone auf, scheint ins Fließen zu kommen und formt sich um zu den runden Formen der Blasenöffnungen. In diesem Bereich ist die Form des Tragwerks rein formal determiniert. Einige der Stäbe werden wohl statisch nicht notwendig sein, ganz wie einige der Riesenträger beim „Birdsnest“, dem Olympiastadion in Peking.

Innenraum

Innenraum (Falk Jaeger)

Der Reiz des Bauwerks besteht darin, dass sich konstruktive Formen nahtlos und unmerklich in Dekor verwandeln, zu sehen vor allem im Inneren, wo die fließenden Gitterstrukturen Höhlen formen oder sich in Vorhangstrukturen und Raumteiler auflösen und in den kristallin geformten Möbeln ihr Pendant finden. Hier verschmelzen die Arbeiten des Ingenieurs, des Architekten und des Produktdesigners – sicher nicht im Sinne der reinen Lehre der Ingenieurwissenschaft.

Morpheus Lobby Shot

Morpheus Lobby Shot (Melco Resorts)

Leserkommentare

  1. Karl-Eugen Kurrer | 14. Januar 2019

    Obwohl für die Ethik entscheidend, steht die Frage nach dem verantwortlichen Handeln der Ingenieurinnen und Ingenieure noch immer neben der Hauptachse des herrschenden Diskurses über das Bauen. Insofern ist es gut, wenn diese Frage im vorliegenden Beitrag am Beispiel der Arbeit der Tragwerksplaner reflektiert und am Morpheus Hotel in Ansätzen konkretisiert wird.
    Die Ingenieurarbeit zeichnet sich dadurch aus, dass der Zusammenhang zwischen Wissen, Produkten und dem Markt (als vorherrschende gesellschaftliche Instanz) durch die Tätigkeitsformen Gestalten, Verantworten und Erkennen vermittelt wird. So verbreiten sich Produkte – also Software, Computer, Wohnhäuser, Tragsysteme von Hotels etc. – über das (erfolgreiche) Verantworten vor der Gesellschaft. Aber hier müßte doch weitergefragt werden: Wofür bauen wir denn eigentlich?

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Datum 9. Januar 2019
Autor Falk Jaeger
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